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Alleinflug

22 Okt

Sophie

„Kannst du das nicht machen?“ Die Frage erwischt mich vollkommen unvorbereitet. Ich stehe in einem der Büros einer großen Bildungsinstitution und wollte eigentlich nur etwas abgeben. Direkt neben mir findet ein Gespräch statt, über die Integrationsassistenten, die Schüler im Unterricht begleiten sollen. Diese werden hier ausgebildet und bislang lief der fünfstündige Ausbildungsblock über Autismus über das Autismus-Therapie-Zentrum. Und die wollen nicht mehr, glaubt zumindest die Dame im Büro. Ich weise darauf hin, dass die ATZs komplett überlaufen seien und den Mitarbeitern wohl schlicht die Zeit für externe Schulungen fehle. Das sei doch kein Ding, da mal ein paar Sachen zu Autismus zu erzählen, moniert die Dame. Ich möchte sie aufklären, dass es mit „ein paar Sachen“ nicht getan ist und erläutere ihr ausführlich, welche Dimensionen die Thematik hat. Irgendwann fällt sie mir ins Wort: „Kannst du das nicht machen?“ Ich bin völlig überrumpelt. „Das hier wäre der Dozentenvertrag und du scheinst ja Ahnung zu haben. Dann machen wir den Block auf 20 Stunden, nicht auf fünf. Toll, freut mich. Willkommen im Team.“ – Okay. SO war das definitiv nicht beabsichtigt. Ganz und gar nicht. Mit dem Dozentenvertrag in der Hand verlasse ich die Bildungseinrichtung. In zwei Wochen ist die erste Unterrichtseinheit.

Platon

Sophie berichtet beiläufig, dass sie nun die I-Helfer schulen wird. Ich schaue sie etwas ratsuchend und ungläubig an. „Sie schulen die Unterrichtsbegleiter für die Schulen des Landkreises zum Thema Autismus?“ frage ich hoch erstaunt. Sie bestätigt kurz und knapp: „Ja“. Ich frage jetzt nach: „Sie alleine? In welchem Rahmen? Wie sind Sie daran gekommen?“. Ich bin gespannt auf die Antworten:  „Ja, ich alleine, das werden etwa 20 Teilnehmer sein, das Seminar ist an vier Tagen für jeweils fünf Stunden geplant. Ich wurde von der Sekretärin in der Einrichtung darauf angesprochen.“ Ich bin platt und beeindruckt. Und skeptisch. Sehr skeptisch.

Sophie

Der Philosoph ist skeptisch. Ich erzählte ihm von dem Vertrag, unschlüssig darüber, ob das eine gute Sache ist oder in einer Katastrophe endet. Ich werde den Eindruck nicht los, dass der Philosoph mit Letzterem rechnet. Er bietet mir an, meine Unterlagen durchzugehen. Ich habe keine. Druckse und winde mich ein wenig, denn das Seminar ist in zwei Tagen. Eine Präsentation habe ich im Kopf, aber noch nicht vorbereitet. Ich weiß zudem nicht, welchen Stand die Teilnehmer in der Ausbildung mitbringen. Angeblich kommen diese von der Agentur für Arbeit, müssten diese Umschulung machen, um die Leistungen nicht gekürzt zu bekommen. „Ganz niedriges Niveau“, hieß es in der Bildungseinrichtung. Ich kann damit nichts anfangen. Wissen hat für mich kein Niveau. Entweder es ist da oder es ist nicht da.

Der Philosoph befürchtet, dass Krawallmacher dabei sein werden. Die den Kurs sprengen wollen, schon aus Prinzip. Zumal die Teilnehmer alle wohl wesentlich älter als ich sein werden. Ich frage mich, was wohl passieren wird, wenn ich – die teils für 16 gehalten wird – da auftauche und denen irgendwas erzählen möchte, von dem ich selbst nicht sicher bin, ob ich da wirklich eine „Fachkraft“ in eigentlichen Sinne bin. Und ich habe das Gefühl, dass der Philosoph sich mit seiner wirklichen Einschätzung der Situation noch sehr zurückhält. Aber zurück kann ich auch nicht mehr. Die erste Ausbildungseinheit steht ja kurz bevor…

Platon

Ich habe mit Sophie ja schon ein Seminar in Co-Moderation durchgeführt. Sie kann das prinzipiell. Aber ganz alleine? Das traue ich ihr nicht zu. Zumindest nicht voll und ganz. Fachlich schon. Natürlich. Aber organisatorisch? Und wenn es schwierige Teilnehmer gibt? Ich bin sehr sehr skeptisch. Ich überlege, ob ich es ihr sagen soll. Oder ob ich ihr Hilfe anbieten soll. Ich entscheide mich für Letzteres. Ich biete meine Unterstützung an, sogar, dass ich zu Beginn mit dabei sein könnte. Sie lehnt ab. Das wäre wohl nicht erforderlich. Und ich denke, dass sie Recht hat, denn es macht nur Sinn, wenn sie allein diese Aufgabe bewältigt. Wenn ich dabei wäre, dann wäre es nicht mehr ihr Seminar. Sie soll es versuchen. Und ich bin ganz ehrlich: Ich gebe ihr eine fifty-fifty-Chance, dass es ihr gelingt. Wenn es klappt, ist es für Sophie ein Meilenstein. Wenn nicht, dann lediglich ein gescheiterter Versuch, der nicht weiter ins Gewicht fallen sollte. So bewerte ich die ganze Sache..

Ich biete ihr noch Unterstützung bei den Seminarunterlagen an. Sophie lehnt ab. Ich bin jetzt sehr gespannt…

 

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5 Kommentare

Verfasst von - 22. Oktober 2014 in Neue Wege

 

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5 Antworten zu “Alleinflug

  1. Ismael Kluever

    22. Oktober 2014 at 9:31

    Es wird mal wieder spannend! 🙂

    Zwischendurch brauche ich aber mal ein allgemeines update: In welchem Rahmen kommuniziert ihr beiden jetzt eigentlich? Früher wars klar: Mails, Therapiesitzungen, Spaziergänge usw. Aber inzwischen scheint ihr ein Team geworden zu sein. Und da bin ich nicht mehr ganz auf dem Laufenden. Wie sieht das Miteinander bzw. die Teamarbeit praktisch aus?

     
  2. dualesseinzwei

    24. Oktober 2014 at 11:32

    Hallo Ismael,

    wir machen keine Therapiesitzungen mehr. Den therapeutischen Rahmen gibt es nicht mehr. Statt dessen erhält Sophie nun eine etwas andere Unterstützung.

    Wir kommunizieren weiterhin über Emails und chatten. Aber natürlich gibt es auch persönliche Treffen. Es ist tasächlich so etwas wie Teamarbeit, zu mal wir ja auch als Team Seminar konzipieren und durchführen.
    Aus meiner Sicht funktioniert die Teamarbeit sehr gut. Autismus ist für mich – wenn überhaupt – nur selten dabei ein Aspekt. Allerdings ist Sophie auch mit anderen Projekten von anderen Institution sehr eingebunden. Ich natürlich auch. Daher ist eine genaue Koordination und zeitliche Absprache nötig. Gelegentlich wird es daher dann knapp bei einigen Dingen, wie zum Beispiel den Blogbeiträgen.

    Insgesamt ist die Zusammenarbeit aber sehr stressfrei und entspannt.

     
    • Ismael Kluever

      24. Oktober 2014 at 12:38

      Freut mich!
      Eine schöne Entwicklung. 🙂

      Du schreibst: „Autismus ist für mich – wenn überhaupt – nur selten dabei ein Aspekt.“
      Dass heißt, dass nach einer Kennenlernphase irgendwann ein Stück weit Normalität eintritt?
      Oder kann es sein, dass, wenn man sich so intensiv mit der Wahrnehmungs- und Kommunikationscharkteristik seines Gegenübers auseinandergesetzt hat, das Miteinander bzw. der Austausch sogar intensiver oder effektiver wird?

      Unter uns Neurotypischen denkt man ja normalerweise nicht viel über Kommunikation nach, man setzt einfach vieles als selbstverständlich voraus. Und nimmt dann Reibungspunkte und Defizite gar nicht bewusst war, einfach weil man nicht so sorgfältig miteinander umgeht. Was meint ihr dazu?

       
      • dualessein

        29. Oktober 2014 at 9:52

        Ich spekuliere einfach mal ins Blaue, Platon darf mich gerne korrigieren: Der Effekt ist wohl beschreibbar wie bei Personen, die beispielsweise stottern. Hat man viel mit einer Person, die stottert, zu tun, wird das Stottern als solches gar nicht mehr richtig wahrgenommen. Manchmal dringt es noch ins Bewusstsein, aber im Großen und Ganzen stellt sich eine „Ist halt so“-Haltung ein. Es ist, denke ich, ein gegenseitiges Einspielen. Irgendwann sind die häufigsten Reaktionsmuster des jeweils anderen auf beiden Seiten bekannt und damit ein Stück weit vorhersehbar und geläufig. Es entstehen zwar immer noch Irritationen, diese sind aber als solche dann nachvollzieh- und benennbar. Ob das mit „Normalität“ gleichzusetzen ist, weiß ich gar nicht. Zumal du gar nicht definierst, was du unter „Normalität“ verstehst. Und auch nicht klar ist, ob dein, mein oder des Philosophens Normalitätsbegriff mit deinem identisch ist.

         
  3. Ismael Kluever

    29. Oktober 2014 at 10:25

    Danke, Sophie! 🙂

    Du fragst, was ich hier unter „Normalität“ verstehe. Ich meine eine Routine, die aber nicht mit einer negativen Konnotation im Sinne von Oberflächlichkeit zu verstehen ist.
    Ich setzte voraus – und habe es bei euch ja auch beobachtet – dass ihr zu Anfang sehr aufmerksam dem gegenüber wart, was beim Anderen anders ist bzw. wie der Andere überhaupt ist.

    Nun, so hast du meine erste Frage beantwortet, ist eine gewisse Selbstverständlichkeit im gegenseitigen Umgang eingetreten. Einfach, weil ihr euch offensichtlich schon recht gut kennt. Genau das meinte ich mit „Normalität“. Also auf den Umgang zwischen euch beiden bezogen, nicht im Sinne eines neurotypischen Main-Stream-Verhaltens, sofern es so etwas überhaupt gibt.

    Welche Rolle der Aspekt spielt, den ich in meiner zweiten Frage ansprach, interessiert mich allerdings immer noch. 🙂

     

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