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Startschwierigkeiten

18 Okt

Sophie

Auf meinem Schreibtisch liegt ein Stapel Papier, den ich bereits einige Tage konsequent zu ignorieren versuche. Leider geht das auf Dauer nicht.Die berufliche Situation ist immer noch unklar und nach einigen teils halbherzigen, teils panischen Bewerbungen in ganz Deutschland kristallisiert sich für mich zunehemnd ein Gedanke heraus: Ich möchte im Moment eigentlich nicht schon wieder weg. Nicht erneut alles in Kisten packen, eine Wohnung suchen und quer durch die Republik fahren. Ich möchte ankommen. Hier. Und jetzt. Ich glaube nicht, dass der Wunsch zu früh kommt.

Beruflich heißt das aber bei der Region vor allem eines: Entweder schaffe ich es alleine oder gar nicht. Auf meinem Schreibtisch stapelt sich das, was ich wissen und ausfüllen muss. Businessplan zur Beantragung eines Gründungszuschuss. Antrag auf Arbeitslosengeld für einen Tag (um dann Anrecht auf einen Gründungszuschuss zu haben). Finanzierungs- und Rentabilitätsvorschau. Fragebogen des Finanzamtes zu meiner selbstständigen Tätigkeit. Und ein viel zu großes Fragezeichen, ob ich nicht komplett den Verstand verloren habe, indem ich glaube, dass ich hier am Rande Deutschlands eine Auftragslage finde, die mir ein Überleben ermöglicht. Von meinem Können ganz abgesehen. Aber eine andere Möglichkeit sehe ich gerade nicht. Ich wollte immer selbstständig sein, irgendwann, in zehn, fünfzehn Jahren. Nun muss ich es werden. Früher, als ich dachte. Viel früher.

Platon

Sophie möchte sich selbstständig machen. Selbst bestimmen, was sie wann mit wem macht. Ihren eigenen Rhythmus finden. Ihren Weg, ihre Nische finden. Ich finde das gut. Vermutlich ist es eine der wenigen machbaren Optionen. Eine Alternative zu einer sozialversicherungspflichtigen Anstellung gibt es zurzeit wohl nicht. Und ich meine auch bei Sophie einen gewissen Ehrgeiz und eine Jetzt-erst-Recht-Haltung zu beobachten. Neben der ganzen Skepsis, den Versagensängsten, dem hartnäckigen Glauben an der eigenen Unfähigkeit. Ich bin da etwas gelassener. Sie hat bereits Auftraggeber. Und mit etwas Geduld und Vertrauen in Übergangslösungen hat sie sogar Anspruch auf einen Gründungszuschuss von der Agentur für Arbeit.

Doch das setzt alles viel Bürokratie voraus. Es müssen Telefonate geführt werden. Gespräche in der Agentur für Arbeit, bei anderen Institutionen. Sie wird von mehreren Personen beraten, hier gilt es dann nicht die Übersicht zu verlieren. Etliche Formulare und Anträge müssen ausgefüllt werden. Fristen dürfen nicht verstreichen. Konzepte der Tragfähigkeit müssen entwickelt werden. Und und und.

Sophie

Immer wieder schaue ich auf die Fristen der nicht ausgefüllten Unterlagen. Müsste in der Agentur anrufen, einen Termin vereinbaren. Über einen Mann, Herrn Stein, der junge Journalisten bei dem Weg in die Selbstständigkeit unterstützt, bekam ich eine lange To-Do-Liste. Was ich bis wann bei wem wie beantragt haben muss. Bögen für die Krankenversicherung hier. Tabellarischer Finanzplan dort. Widerspruch einlegen hier. Herr Stein hat schon fast 1000 Menschen begleitet. Trotzdem verliert er bei mir manchmal die Geduld. Ich schicke ihm die falschen Bögen, die Zahlen im Plan stimmen nicht, ich verstehe teils seine Aufforderungen nicht und sitze mit einem großen Fragezeichen vor seinen Mails. Wenn ich nicht mal in der Lage bin, so etwas zu verstehen, sollte ich mich dann nicht doch lieber für Hartz IV entscheiden? Oder für eine Frühverentung, wie es mir der Berater der Agentur für Arbeit nahegelegt hat?

Irgendwann stehe ich am Rande der Verzweiflung mit einem ganzen Stapel an Papieren beim Philosophen vor der Tür. Ich kapiere es einfach nicht. Die Fragen sind so unlogisch, so ungenau, so… bescheuert. Der Drang, den ganzen Papierkram im Ofen zu verbrennen, ist groß. Ich sehe es schon kommen. Das klappt nie. Das kann einfach nicht funktionieren!

Platon

Sophie schwankt zwischenzeitlich zwischen Galgenhumor, totaler Depression und akuten Fluchtgedanken. Alles droht ihr zu viel zu werden. Doch ich bin guten Mutes, versuche Sophie einerseits die Lästigkeit dieser Prozedur schönzureden, andererseits sehe ich die Dinge tatsächlich weniger dramatisch, sogar insgesamt sehr erfolgversprechend.

Es soll ihre Entscheidung sein. Und so lässt sich Sophie schließlich auf den ganzen Prozess ein. Ich bemerke, dass es für sie sehr schwer ist, fast unerträglich. Diese Ungewissheit, diese nicht bis zuletzt planbare Situation. Die existenziellen Sorgen. Die Angst vorm endgültigen Scheitern, vor der Bankrotterklärung zum selbstbestimmten Leben. Andererseits sieht sie eine Perspektive, ein Ziel, eine vielleicht letzte Möglichkeit, endlich anzukommen. Und sie ist nicht alleine auf diesem Weg.

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2 Kommentare

Verfasst von - 18. Oktober 2014 in Neue Wege

 

2 Antworten zu “Startschwierigkeiten

  1. Ismael Kluever

    18. Oktober 2014 at 10:56

    Lieber Platon,
    was ist deine Rolle in dieser Situation?
    Kannst du Sophie helfen?
    Wenn ja, wie? Mit praktischen „Übesetzungen“ der Formulare?

    Und wie macht man einer Autistin Mut, die vor einem Berg von Formularen, Plänen und Überlegungen über sich selbst steht?

     
  2. dualesseinzwei

    24. Oktober 2014 at 11:17

    Hallo Ismael,

    ich biete Sophie nun eine Art kollegialer Unterstützung an. Meine Hilfe besteht darin, ihr Dinge zu erklären, die ihr Unklar sind. In einigen Fällen habe ich auch selbst zum Telefon gegriffen und Behörden angerufen.

    Ich denke, dass der Anfangserfolg der Seminare und der Ausblick auf weitere interessante Projekte Sophie Mut genug gemacht haben. Ein besonderes Motivationprogramm habe ich nicht gestartet. Ich hätte auch nicht gewusst, wie ich das hätte machen sollen.

     

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