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Das Seminar – Teil IV

11 Okt

Sophie

Im Geiste habe ich mich bereits von meinem Konzept verabschiedet. Ich habe keine Chance, das irgendwie durchzuziehen, zu schnell, zu durcheinander, zu spezifisch sind die Fragen. Gab es vorher eine aufmerksame Gruppe, die vor allem zuhörte und Zwischenfragen stellte, so habe ich nun einen Pulk Menschen vor mir, der es gar nicht erwartet kann, die nächste und nächste und nächste Frage zu stellen. Nur eine ist ruhig – die Lehrerin zu meiner Linken. Seit ich mit meinem Part angefangen habe, kam von ihr nichts mehr. Keine Wortmeldung, kein Ratschlag, keine süffisanten Hinweise. Sie schweigt. Die Pädagogen fangen an, eigene Beispiele aus dem Unterricht einzubringen von Verhaltensweisen von Schülern, die sie nicht nachvollziehen können. Eine Pauschalantwort habe ich natürlich nicht, auch wenn einige das erwarten. Das mache ich auch immer wieder deutlich. Ich kann ohne Hintergründe nur vermuten, in welche Richtung welches als problematisch wahrgenommenes Verhalten geht. Aber es scheint, dass meine Vermutungen schon in ganz andere Denkrichtungen gehen als das, was die Lehrkräfte sich als Erklärung zurecht gelegt haben. Wo sie bislang Provokationen durch den Schüler sahen, würde ich im Bereich akustischer oder taktiler Überempfindlichkeit nachforschen. Wo sie blindwütige, nicht vorhersehbare Aggression wittern, würde ich eher einen Overload vermuten. Wo sie Zwänge sehen, sehe ich beruhigende, wiederkehrende Muster ohne Angst-Zwangs-Dynamik. Und wo sie Gespräche mit Eltern, Therapeuten, Sozialpädagogen suchen wollen, bitte ich sie, doch einfach mal als erstes mit den betreffenden Schülern zu sprechen.

Platon

Ich war schon bei sehr vielen Seminaren in verantwortlicher Funktion dabei. Ich kann sehr schnell erkennen, ob die Teilnehmer im „Bann“ des Dozenten stehen und letztlich mit vielen positiven Eindrücken und Seminarbewertungen nach Hause gehen. Sophie scheint dies gerade zu gelingen. Die Teilnehmmerinnen stellen immer mehr Fragen. Sophies Antworten sind richtig gut, teilweise faszinierend für die Anwesenden. Wir entwickeln zusehends eine recht lockere Doppelmoderation, wechseln uns ab. Beim Thema Autismus ist Sophie diejenige, die die Richtung angibt. Ich ergänze gelegentlich.

Sophie nimmt nicht an der Mittagspause teil. Ich gehe mit dem ganzen Tross in ein nahe gelegenes Restaurant. Schon auf dem Weg dorthin werde ich von einigen Teilnehmerinnen auf Sophie angesprochen. Wie toll sie das  machen würde. Wie mutig sie sei. Welch eine großartige Erfahrung dieses Seminar sei, da alles direkt aus erster Hand vermittelt wird, so klar, so unglaublich, aber auch so witzig und locker. Auch der Übergang von mir wird angesprochen, meine überraschende Überleitung zu Sophie als anwesendes „Fallbeispiel“. Einige sagen ehrlicherweise, dass sie Sophie bis dahin als komisch und abweisend wahrgenommen hätten. Eine sagt, sie dachte erst, Sophie hätte die ganze Nacht zuvor durchgefeiert, weil sie so „abgewirtschaftet“ gewirkt hätte.

Sophie

Zur Mittagspause verschwindet die Gruppe in ein Restaurant. Ich bleibe im Raum, um einige Minuten meine Ruhe zu haben. Ich merke, wie sich die Anstrengung wie ein bleierner Ring um meinen Kopf legt. Zum einen rede ich selten so viel am Stück. Zum anderen ist die Gruppe groß und ich habe Schwierigkeiten, mich auf meine Inhalte zu konzentrieren, wenn ich gleichzeitig noch erkennen muss, ob das im Plenum gerade eine Wortmeldung oder doch nur ein Armstrecken ist. Hier zeigt sich wohl der Vorteil, dass ich nicht alleine bin und ich mich auf die Reaktionsschnelligkeit des Philosophen verlassen kann. Dazu kommt, dass in meinem Hinterkopf immer noch die Gefahr einer „Krawallschachtel“ präsent ist – es gibt immer Menschen, die ein Seminar nur besuchen, um es zu stören, um Terror zu machen, um die Veranstaltung zu sprengen. Mit einer Gruppe wie dieser kann ich gut umgehen, es läuft alles glatt. Aber es ist gut, dass ich das nicht alleine mache.

Ich höre die Gruppe im Treppenhaus, sie kommen zurück. Laut schnatternd wie eine Gruppe Gänse schieben sie sich in den Raum. Ich verkrümel mich wieder hinter meinen PC, möchte nicht angesprochen werden. Nicht so.

Der zweite Teil des Seminars startet, bis in den Nachmittag hinein, diesmal ist wieder der Philosoph federführend. ADHS, Störungen des Sozialverhaltens und Schulverweigerung. Die Teilnehmer müssen anschließend noch ein Feedback geben, anonym und schriftlich. Ich kann nicht einschätzen, ob das Seminar durchschnittlich gelaufen ist oder nicht. Ich weiß noch nicht, wo die Fallstricke liegen und hoffe, dass ich handfeste Vorschläge zur Verbesserung bekomme. Damit alles beim nächsten Mal perfekt ist. Falls es ein nächstes Mal gibt…

Platon

Das Seminar ist ein Erfolg. Die Teilnehmerinnen geben sehr gute Bewertungen ab. In der Nachbesprechung merke ich, dass es Sophie schwer fällt, ihre eigene Leistung zu bewerten. Ich sage ihr, dass es ein Erfolg war. Und sie fragt nach sachlichen Erklärungen dafür. Ich merke aber auch, dasss es Sophie Spaß gemacht hat. Zumindest vermute ich das.

Sie ist aber auch sehr erschöpft am Ende  des Tages. Da Sophie aber nach weiteren Terminen fragt und schon gleich Verbesserungsvorschläge macht, weiss ich auch, dass es Sophie wohl gerne zukünftig die gemeinsame Seminararbeit ausbauen würde. Ich auch.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 11. Oktober 2014 in Neue Wege

 

Eine Antwort zu “Das Seminar – Teil IV

  1. Ismael Kluever

    11. Oktober 2014 at 10:49

    „Ich auch.“

    …warum nur bleibe ich bei deinen letzen beiden Worten, lieber Platon, hängen?

    Sie haben in ihrer Schlichtheit etwas unglaublich Schönes…

     

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