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Das Seminar – Teil III

08 Okt

Platon

Der Anfang des Seminars läuft zunächst reibungslos. Der Einstieg ist also geglückt. Doch zunehmend kristallisieren sich Teilnehmerinnen heraus, die mit  ihrer Fragestellung eher irritieren als vertiefen. Ich bemühe mich, auch diese Fragen und Beiträge angemessen zu beantworten und zu integrieren. Ich merke aber auch gleichzeitig,  wie Sophie etwas unruhig wird. Ich gebe ihr für sie deutlich erkennbar Raum, sich nun ebenfalls  aktiv am Seminar zu beteiligen.

Sie spricht ruhig und eher leise und in druckreifer Ausformulierungg. Ich bemerke, wie die Teilnehmerinnen sie nun erneut mustern, ihr aber auch offenbar sehr gespannt zuhören. Es wird sogar im Seminarraum deutlich ruhiger, wenn sie spricht. Von nun an entwickeln wir – ohne es verabredet zu haben – einen Mix aus Gestik und Pausen beim Sprechen, um uns gegenseitig mögliche Gesprächsübernahmen zu ermöglichen. Es funktioniert erstaunlich gut. Sophie bringt sich mehr und mehr ein, bevor ihr eigentliches Thema auf der Tagesordnung ist. Sie wird von den Teilnehmerinnen als Dozentin respektiert, das bemerke ich.

Sophie

Es dauert nur eine halbe Stunde, dass zeigt sich das heterogene Bild der Gruppe sehr deutlich. Während ein Teil der Teilnehmer intelligente und interessierte Nachfragen stellt, gibt es eine weitere Fraktion, die der „Ich stelle Fragen, damit ich auch mal was gesagt habe“. Teilweise fragen sie bereits genannte Inhalte, teils vollkommen banale Dinge. Der Philosoph bleibt gelassen. Die Lehrerin zu meiner Linken, bei der bereits früh mein Radar angeschlagen hat, bestätigt mit ihren Wortmeldungen zunehmend meinen Eindruck. Ja, mit der hätte ich in meiner Schulzeit ganz ernste Probleme bekommen. Der Philosoph bleibt gelassen.

Mir fällt auf, dass er einige der Fragen nicht beantwortet, auch wenn es so wirkt. Den Teilnehmern scheint das nicht aufzufallen. In einer kurzen Pause wage ich es irgendwann und grätsche ihm in den Satz. Klinke mich ein, korrigiere den Part, stelle richtig, beantworte die gestellte Frage. Unsicher, ob das nachher nicht als Bumerang zurückkommt. Die meisten Leute nehmen Korrekturen sehr persönlich. Zumindest direkt bekomme ich keine Reaktion.

Platon

Ich beginne den Themenblock Autismus mit einigen ganz typischen Beispielen aus dem Alltag von Sophie. Kurz nach dem Einstieg kommen zunehmend Fragen von den Teilnehmerinnen:  „Wie geht das denn jeden Tag?“, „Sind das Zwangshandlungen?“ und beispielsweise „Fühlt man sich dann nicht einsam?“, um nur einige zu nennen. Nachdem diese und mehr Fragen gestellt sind, leite ich ohne Umwege direkt um zu Sophie. Ich sage den Teilnehmerinnen, dass wir die Frau aus dem Beispiel-Fall doch selbst fragen können, sie sei ja schließlich auch hier im Raum und meine Co-Referentin. Ich merke, wie ein Raunen und Staunen durch die Reihen geht. Wie Sophie plötzlich erneut und wieder ganz anders in Augenschein genommen wird. Sophie fängt an, die Fragen zu beantworten, und spätestens ab jetzt kleben die Augen und Ohren der Teilnehmerinnen an Sophies Lippen…

Sophie

Im Gegensatz zu den Teilleistungsstörungen wie Dyskalkulie oder Legasthenie beginnt der Block Autismus mit vielen Fragen. Der Philosoph gestaltet die Überleitung witzig und ich stelle fest, dass ein Großteil der Teilnehmer scheinbar nicht in der Lage ist, zu kombinieren. Faszinierend. Nachdem bereits einige Fragen unbeantwortet im Raum stehen, bekomme ich den Ball zugespielt – mit einem einfachen „Fragen wir sie doch einfach selbst“ habe ich die Möglichkeit bekommen, auf die Fragen zu antworten und meinen Block vorzustellen. Gleichzeitig merke ich, dass meine Konzeptabfolge so nicht mehr funktionieren wird. Wenn ich die Fragen beantworte, muss ich vorgreifen, einige Aspekte vorweg nehmen. Das geht nur, weil ich mich auf dem Gebiet auskenne, weil ich weiß, wovon ich rede. Im Gegensatz zum Philosophen spare ich mir die sportliche Einlage und bleibe an meinem Platz.

Ich kann nicht einschätzen, inwiefern das Plenum mich ernst nimmt. Aber eine Sache fällt mir fast sofort auf: Obwohl fast 30 Menschen im Raum anwesend sind, ist es zwischenzeitlich sehr still geworden. Kein Rumrutschen, kein Handyvibrieren, kein Flüstern und Tuscheln. Sehr angenehm.

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Verfasst von - 8. Oktober 2014 in Neue Wege

 

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