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Das Seminar – Teil II

04 Okt

Sophie

Der Philosoph kommt zurück und sogar ich kann seine Zerknirschung sehen. Er hat sich in der Zeit geirrt. Das Seminar beginnt erst um neun Uhr. Für einen Moment überlege ich, ob es angemessen wäre, die Augen zu verdrehen – dann bin ich mir aber doch nicht sicher, ob dieser mimische Ausdruck wirklich das wiedergibt, was ich denke: dass das irgendwie so typisch für den Philosophen ist. Ich entschließe mich gegen verdrehende Augen, und entscheide mich zu einem vorsichtigen Lachen. Und hoffe, dass deutlich wird, dass ich versuche, die Verspätung mit Humor zu nehmen – auch wenn ich sie nicht witzig finde – und niemand da ein „Auslachen“ hineininterpretiert. Der Zeitplan schiebt sich nach hinten. Das ist doof. Aber hatte ich in einem meiner Worst Case-Szenarien bereits eingeplant – wenn auch eher unter dem Gesichtspunkt, dass Teilnehmer vielleicht so viele Fragen haben, dass wir mit dem Zeitplan nicht durchkommen. Dann eben so… es scheint sich auszuzahlen, dass ich Programmpunkte mit dem Philosophen zwischenzeitlich immer mit der geistigen Fußnote „Wenn Platon nicht irgendwas vergessen oder durcheinander geworfen hat“ versehe.

Platon

Das Seminar beginnt erst um 9 Uhr. Ich überlege kurz, warum ich von einer anderen Zeit ausgegangen war. Und was wohl schief gelaufen ist. Andererseits spielt das jetzt keine Rolle. Besser so als andersherum. Nun haben wir etwas mehr Zeit. Dafür bringt das wiederrum unsere Zeitplanung für den Tag etwas durcheinander. Ich schaue Sophie an, und muss unwillkürlich etwas grinsen. Auch sie muss etwas lachen, wohl aber eher aus Frust. Sie wundert es natürlich nicht, dass mir die Zeitangaben etwas durcheinandergekommen sind. Wir versuchen es mit Humor zu nehmen, wobei ich mir denke, dass es Sophie trotzdem erheblich stört und zusätzlich Kraft kostet. Dennoch lachen wir und beschließen, daraus einen weiteren Blogbeitrag zu machen.

Nun kommen auch die ersten Teilnehmerinnen. Nur Frauen, wie fast immer bei diesem Thema. Fast nur. Ein Gymnasiallehrer ist auch dabei. Das große U füllt sich schnell. Ich bemerke, wie die Teilnehmer aus ihren Blickwinkeln mehr oder weniger direkt Sophie mustern. Ich verteile derweil Dokumente, führe kleine Gespräche zur Begrüßung, bin mal hier und mal da. Sophie sitzt vor dem PC, bereitet die Technik vor, und wartet, dass es endlich beginnt. Ich nehme mir vor, pünktlich zu beginnen. Obwohl noch einige Plätze frei sind.

Sophie

Der Saal füllt sich nun schnell. Ich vergrabe mich hinterm PC, gebe mir alle Mühe, beschäftigt zu wirken. Nicht, dass ich angesprochen werde, das geht jetzt gerade gar nicht. Der Philosoph hat da keine Probleme, hier ein paar Worte, da ein kurzer Satz. Ich beobachte ihn heimlich über den Rand meines Monitors mit einem gewissen Neid. Das sieht so einfach aus. So leicht.

Punkt neun Uhr beginnt er mit – ich kann es nicht anders nennen – seiner Performance. Nicht einfach nur Faktenvermitteln, nein. Er geht in den Dialog, spricht hier den einen, dort den anderen an. Fragen, Gegenfragen, eine kleine Geschichte aus der Praxis, Lachen. Ich glaube, das war keine gute Idee, dass ich mitgekommen bin.

Ich scanne das Publikum. Auf der linken Seite schlägt mein Warn-Radar an. Eine Lehrerin von der Sorte, der ich in meiner Schulzeit aus dem Weg gegangen wäre. Eine, die alles weiß – vor allem besser – und einem dieses Pseudo-Besser-Wissen mit leiser, sanfter Stimme und einem Lächeln um die Ohren schlägt. Eine von denen, die auf die Art anderen Menschen auch ganz leise und zuckerfreundlich irgendwelche Fiesheiten um die Ohren schlägt. Meine Oma nannte solche Menschen „katzenfreundlich“ – wobei Katzen tolle Tiere sind, warum sie das so nannte, ist mir nicht ganz klar. Innerlich wappne ich mich: Vielleicht bin ich aus Erfahrung mit dem einen oder anderen Vorurteil belastet, aber ich bereite mich lieber auf ein Problem vor als unvorbereitet hineinzulaufen. Die Dame könnte zu einem Problem werden und dann wäre ein Konflikt vorprogrammiert. Das wäre ungünstig.

Der Philosoph performt derweil weiter. Wirklich beneidenswert.

Platon

Es wird ruhiger, die  Aufmerksamkeit richtet sich nun geschlossen auf uns. Sophie und ich sitzen gemeinsam nebeneinander an einen Tisch. Die Leinwand  im Rücken, das offene U unmittelbar vor uns. Ich beginne zu sprechen, stehe auf, gehe im U auf und ab, um den Teilnehmern näher zu sein, schon gleich von Beginn an.

Wir hatten vereinbart,  dass ich beginne. Dass ich auch Sophie vorstelle. Dass ich den ersten Themenblock „Teilleistungsstörungen“ mache. Alles weitere haben wir offen gelassen. Allerdings habe ich auch geplant, das zweite Thema „Autismus“ mit einigen Aussagen und Berichten von Sophie als Fallbeispiel zu eröffnen. Die Teilnehmer wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Sophie auch gleichzeitig die Co-Referentin ist. Und für die Überleitung habe ich mir dann eine Überraschung für die Lehrer einfallen lassen…

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3 Kommentare

Verfasst von - 4. Oktober 2014 in Neue Wege

 

3 Antworten zu “Das Seminar – Teil II

  1. Ismael Kluever

    4. Oktober 2014 at 10:12

    Hallo Platon,

    du schreibst:
    „Nun kommen auch die ersten Teilnehmerinnen. Nur Frauen, wie fast immer bei diesem Thema. Fast nur.“

    Woran liegt das? Gibt es dazu eine psychologische Erklärung?

     
  2. dualesseinzwei

    4. Oktober 2014 at 15:32

    Hallo Ismael,

    in Kita und Kiga sowie Grundschulen arbeiten fast ausschließlich Frauen. Daher ist bei dieser Zielgruppe das Geschlechterverhältnis allein dadurch erklärbar. In den weiterführenden Schulen sieht es anders aus. Hier ist das Geschlechterverhältnis im Kollegium ausgeglichen. Ich vermute, dass psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen als Thema für eine Fortbildung eher ein „weibliches Thema“ sind bzw. der Handlungsbedarf von Frauen als höher eingschätzt wird. Und ich denke auch, dass das generelle Interesse an psychischen Aspekten bei Schülern bei Frauen tendenziell größer ist. Vielleicht gibt es aber auch noch andere Erklärungen …

    Liebe Grüße

    Platon

     
  3. KaMo

    4. Oktober 2014 at 17:22

    ich bin gespannt, wie das weitergeht *s* – seeehr gespannt

     

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