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Das Seminar – Teil I

01 Okt

Sophie

Es ist sechs Uhr. Ich stehe auf, gehe wie jeden Morgen an die Haustür und öffne sie. Im Halbdunkel huscht die Katze herein, wartet auf ihr Frühstück. Ich bin nervös, aber der stetig gleich ablaufende Morgen gibt dem Tag einen guten Start. Bereits vor einigen Wochen hatte ich eines der Seminare des Philosophen besucht, um zu überprüfen, ob die Bearbeitung seiner Unterlagen in der Praxis Bestand hat. Zeit habe ich ja jetzt, ohne feste Arbeit. Kurz nach meiner Kündigung haben wir die regelmäßigen Treffen in der Praxis beendet. Sind aber trotzdem in Kontakt geblieben. Er fragte mich, ob ich ihn bei seinen Seminaren unterstützen könnte und ich war bereit, mich erst einmal durch das Chaos seiner Unterlagen zu wühlen. Unstrukturiert, veraltet, teils ohne erkennbare wissenschaftliche Bezüge – das habe ich geändert. Ich hatte auch die Präsentation angepasst, damit alles aus einem Guss ist und sich das Chaos der Unterlagen nicht in der Präsentation fortsetzt. Als er fragte, ob ich einen Teil des Seminars selbst halten könnte, dachte ich erst, er wolle mich ärgern. Nach dem Desaster auf der Re Publica, nach dem Theater im Beruf soll ausgerechnet ich mich vor Lehrer und Erzieher stellen und denen etwas erzählen? Der Philosoph scheint zu einem Scherzkeks zu mutieren.

Sicher, ich habe keine Probleme, den Leuten etwas über ein Thema zu erzählen, in dem ich mich auskenne. Bei den künftigen Integrationsassistenten konnte ich das bereits machen, den Auftrag hatte ich durch Zufall bekommen. Aber da sind die Ansprüche ja ganz andere als bei Lehrern und Erziehern. Warum sollte ein Pädagoge mit jahrelanger Berufserfahrung ausgerechnet meine Ausführungen ernst nehmen?

Kurz vor sieben. Aus dem Fenster sehe ich den Wagen des Philosophen vorfahren. Pünktlich. Er meinte das wirklich ernst mit dem Seminar.

Platon

Heute machen wir unser erstes gemeinsames Seminar. Teilnehmer sind Lehrer und Erzieher. Ich hatte Sophie vorgeschlagen, zum Thema Autismus als Zweitreferentin dabei zu sein. Das Seminar geht nur einen Tag, Sophie ist für vormittags eingeplant. Nur wenige Stunden. Überschaubar. Ich habe bei dem regionalen Anbieter auch ein gutes Honorar für sie ausgehandelt. Ich betrachte es heute als Probe. Wenn es gut läuft, können wir regelmäßig weitere Seminare anbieten. Der Bedarf scheint aktuell sehr hoch zu sein. Ich bin sehr optimistisch. Ich bin sogar überzeugt, dass die Teilnehmer begeistert sein werden.

Wir betreten jetzt den Seminarraum. Er ist sehr groß, ein historischer Saal. Eine tolle Räumlichkeit. Und Platz genug für die 28 Teilnehmer. Wir richten als erstes die Technik ein. Der uns zur Verfügung gestellte Techniker und Ansprechpartner erweist sich schnell als störend für Sophie. Sein riesiger Schlüsselbund klimpert unaufhörlich, er spricht andauernd und sehr laut. Er kommt uns beiden immer wieder körperlich sehr nahe. Doch die Technik im Raum ist sehr gut, wir sind bald fertig mit den Vorbereitungen.

Sophie

Als wir den Seminarraum betreten, bin ich entsetzt: Ein riesiges U aus Tischen steht vor mir, das werden mindestens 25 Teilnehmer. Bei dem Seminar, wo ich nur die Unterlagen überprüfte, waren es nicht einmal zehn. Und da war ich schon überrascht, dass Lehrer, die tagtäglich vor Klassen stehen, sich so unmöglich und laut verhalten können: Da wurde miteinander geflüstert, zwei schauten ständig auf ihre Handys, schrieben SMS, wühlten in den Taschen. Mit den paar Lehrern war die Geräuschkulisse schon immens, wie soll das erst bei einer so großen Gruppe werden? Ich gehe den Raum ab, schaue mir jeden Platz an, probiere verschiedene Perspektiven. Als der Techniker ankommt und Beamer und PC (Finger weg! Das ist meiner!) einrichten will, beginnt ein obskures Spiel. An meinen PC darf nur ich, das richte ich ein. Er findet das scheinbar spannend, bleibt immer wieder direkt hinter oder neben mir stehen. Für mich ist das Grund genug, auf Wanderschaft durch den Raum zu gehen. Meist beginnt er dann auch, in einer anderen Ecke des Raumes etwas zu suchen, mit einem irrsinnig laut klapperndem Schlüsselbund. Wenn er den weitesten Punkt vom PC erreicht hat, kann ich wieder zurück. Bis er mir wieder mit einem gebrüllten „Klappt’s?“ auf die Pelle rückt und ich erneut das Weite suche. Irgendwann wird es mir zu doof und ich wähle die Taktik, die mir in der Schule bereits geholfen hat: Ich verziehe mich aufs Klo, bis ich den Klapper-Schlüsselbund-Brüllmann nicht mehr hören kann.

Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es 8:23 Uhr ist. Um 8:30 Uhr geht es los. Und kein Mensch ist da. Beim Philosophen meine ich leichte Anzeichen von Unruhe zu erkennen. Normalerweise müssten schon einige Leute da sein. Manche kommen zu spät, viele genau pünktlich, einige aber in der Regel eine Viertelstunde zu früh. Aber hier: gähnende Leere. Der Philosoph fragt mich, ob er sich im Datum vertan haben könnte. Könnte er. Zuzutrauen wäre es ihm. Aber ich weise auch darauf hin, dass der Veranstalter den Raum nicht vorbereitet hätte, wenn das Seminar nicht stattfinden würde. Ich werde noch nervöser als ich sowieso schon bin: Jetzt bin ich bis hierher gekommen, mit vielen Zweifeln und einem Desaster im Kopf – und nun scheint es, als wären noch ganz andere Sachen schief gelaufen…

Platon

Nun warten wir auf die Teilnehmer. Ich werde unruhig. Es ist 8.20 Uhr, und noch immer ist niemand da. Das ist sehr ungewöhnlich. Um 8.30 Uhr soll es losgehen. Ich überlege, ob ich vielleicht dass Datum verwechselt habe. Oder ob dem Anbieter bei der Seminarausschreibung ein Fehler unterlaufen ist. Ich teile Sophie meine Bedenken mit. Auch sie scheint nun verunsichert. Ich ärgere mich. Gerade unser erstes Seminar. Und jetzt solch eine Panne. Es wird nun 8.30 Uhr. Immer noch niemand da. Da scheint etwas völlig schief gelaufen zu sein. Da kommt unser Ansprechpartner. Ihn werde ich nun befragen …

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11 Kommentare

Verfasst von - 1. Oktober 2014 in Neue Wege

 

11 Antworten zu “Das Seminar – Teil I

  1. Ismael Kluever

    2. Oktober 2014 at 7:29

    Liebe Sophie,

    du schreibst:
    „Bereits vor einigen Wochen hatte ich eines der Seminare des Philosophen besucht, um zu überprüfen, ob die Bearbeitung seiner Unterlagen in der Praxis Bestand hat. […] Er fragte mich, ob ich ihn bei seinen Seminaren unterstützen könnte und ich war bereit, mich erst einmal durch das Chaos seiner Unterlagen zu wühlen. Unstrukturiert, veraltet, teils ohne erkennbare wissenschaftliche Bezüge – das habe ich geändert.“

    Du scheinst dich also auszukennen. Ich würde gerne wissen, ob du irgendwie „vom Fach“ bist, also eine Ausbildung in Richtung Psychologie/Pädagogik/Sozialrbeit/Coaching hast oder in irgendeiner Weise schon mal in diesem Bereich gearbeitet hast. Oder bist du Autodidaktin und „Seiteneinsteigerin“? Ich glaube, darüber hast du noch gar nichts geschrieben, oder habe ich da was übersehen?

     
    • dualessein

      3. Oktober 2014 at 12:15

      Hallo,
      ich habe ein Studium abgeschlossen und parallel eine Ausbildung gemacht, allerdings in einem ganz anderen Bereich. Ursprünglich ging es bei der Bearbeitung der Seminarunterlagen „nur“ darum, die zu strukturieren, mit den Inhalten hätte ich gar nichts zu tun gehabt. Ich habe ja gelernt, wissenschaftlich zu arbeiten und konnte entsprechend die Basis für die Unterlagen gestalten. Aber es war zudem ein Thema, das mich interessierte und so habe ich versucht, neue Themenbereiche einzubringen und den aktuellen Forschungsstand mit einzubeziehen. Das dann kombiniert mit einer sehr guten Merkfähigkeit… Das führte in einigen Bereichen dann dazu, dass sich plötzlich die Rollen vertauschten.

       
  2. Ismael Kluever

    2. Oktober 2014 at 7:41

    Lieber Platon,

    du schreibst:
    „Der uns zur Verfügung gestellte Techniker und Ansprechpartner erweist sich schnell als störend für Sophie. Sein riesiger Schlüsselbund klimpert unaufhörlich, er spricht andauernd und sehr laut. Er kommt uns beiden immer wieder körperlich sehr nahe.“

    Das sind Wahrnehmungen, die auch Sophie gleich beschreiben wird. Meine Frage an dich: Ist das dein ureigenes Empfinden? Oder bist du durch den Kontakt mit Sophie schon so weit für ihre Wahrnehmung sensibilisiert, dass du das schon automatisch als Störfaktor registrierst? Oder hat sie dir gesagt, dass der Typ nervt?

     
    • dualessein

      3. Oktober 2014 at 12:11

      Ich antworte einmal stellvertretend: alles zusammen. Wie aus anderen Beiträgen (zum Beispiel betreffend des Büros) deutlich wird, hat sich durch die Zusammenarbeit die Wahrnehmung Platons sensibilisiert. Übrigens auch ein Effekt, den Eltern autistischer Kinder beschreiben, sobald sie wissen, dass ihr Kind überempfindlich auf Geräusche reagiert. Dazu war das „Auf der Flucht sein“ wohl auch nicht zu übersehen. Und ein Kommentar zum Schlüsselbund ließ sich auch nicht verkneifen.

       
      • Ismael Kluever

        4. Oktober 2014 at 2:47

        Danke! 🙂
        …aber eigentlich hätte doch gern Platon selbst dazu gelesen. 😉

         
      • dualessein

        4. Oktober 2014 at 7:17

        Der meldet sich sicher auch noch. Sobald er wieder da ist. Wollte nur nicht, dass jemand zu lange auf Antwort wartet…

         
    • dualesseinzwei

      4. Oktober 2014 at 12:43

      Hallo Ismael,

      bisher war ich eher unsensibel für Lärm. Mittlerweile reagiere ich aber auch schon bewusster auf plötzlich einsetzende Lärmquellen und störende Hintergrundgeräusche. Auch die Lärmsituation bei mir in der Praxis bewerte ich nun deutlich differenzierter. Der Kontakt mit Sophie hat also meine Wahrnehmung der Umgebung – übrigens nicht nur in Bezug auf akustische, sondern auch auf visuelle, olfaktorische und taktile Reize – sensibilisiert. Und das nicht nur, wenn Sophie ebenfalls anwesend ist.

      Liebe Grüße

      Platon

       
      • Ismael Kluever

        4. Oktober 2014 at 23:44

        Danke, Platon!

        Mir geht es übrigens ähnlich! Und das, obwohl ich gar keinen (bewussten) direkten Umgang mit Autisten habe! Ich habe ja nur ein paar von ihnen über das Internet kennengelernt und lese ihre Blogs, so wie diesen hier.

        Trotzdem: zivilisatorischen Lärm, den ich früher schon als störend wahrgenommen habe, beispielsweise das Gerassel von Einkaufswagen im Supermarkt und das Piepsen an den Kassen, empfinde ich nun schon manchmal als Schmerz. Und gestern ist mir überraschend aufgefallen, dass ich beim Hantieren mit Küchengeschirr überflüssiges Geklapper vermeide. Obwohl doch außer mir selbst weit und breit weder ein Autist noch eine andere Person in der Nähe war. So etwas geschieht mir immer öfter.

        Sonderbar, oder?

         
  3. NT

    2. Oktober 2014 at 20:45

    Wo im „U“ hast du dich denn dann hingesetzt? Das ist auch immer mein größtes Problem…

     
    • dualessein

      3. Oktober 2014 at 12:09

      Um die Frage kam ich zum Glück herum. Das „U“ war für die Teilnehmer, die Referenten sitzen vorne am offenen Ende.

       
      • Kiwigirl

        3. Oktober 2014 at 18:35

        Erstmal danke für eure Einsicht eurer gemeinsamen Beziehung und Arbeit ! Außerdem möchte ich noch ein Lob an Sofie aussprechen, ich finde es bewundernswert das du dich überhaupt traust an einem Vortrag mitzuarbeiten und auch das du eine klare Struktur in die Vorträge und arbeiten des Philosophen bringen kannst, beides ist mir persönlich kaum bis gar nicht möglich. Zum oben genannten Thema der Sensilibisierung des Philosophen, habe ich persönlich auch Erfahrungen gesammelt und beobachten können allerdings anders herum. Also als Autistin beispielsweise meinen Eltern gegenüber, zu betreuenden Kindern und Jugendlichen oder meinem Partner gegenüber, vor allem in Situationen die für besagte Personen konfliktreich waren oder stressreich. @ Sofie fällt es dir leicht, Texte zusammen zu fassen oder für z.B. Präsentationen oder Hausarbeiten einen strukturierten Ablauf zu formulieren und fehlt dir bei Vorträgen manchmal auch die Stimme, also das du durchaus gut vorbereitet bist und die Thematik beherrschst, jedoch auf einmal nicht sprechen oder handeln kannst. Schönen Feiertag noch Kiwi

         

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