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Neue Wege – Teil II

17 Sep

Sophie

19:36 Uhr. Ein Auto fährt vorbei. Falsche Farbe. Nicht das des Philosophen. Die Alarm-Taste des Druckers blinkt mich böse an. Ich schaue auf mein Handy.

19:38 Uhr. Die Zeit geht nicht herum. Er hat gesagt, eine Stunde. Die ist seit sechs Minuten vorbei. Ich stehe mitten im Raum, das Handy in der Hand, die Straße im Blick. Nur ein bisschen Verspätung. Manchmal verspäten sich Menschen etwas, hier oben passiert das schnell. Ein Traktor auf der Straße und schon geht nichts mehr.

19:45 Uhr. Nichts. Keine SMS. Kein Philosoph. 17 Wagen sind seither vorbeigefahren.

19:57 Uhr. Nichts. 41 Wagen.

Platon

Beim Termin komme ich ins Gespräch, bin abgelenkt, und bemerke irgendwann, dass mein Handy noch im Auto ist. Irgendwann fällt mir auf, dass bereits zwei Stunden vergangen sind, seitdem ich mein Büro und Sophie verlassen habe. Ich verabschiede mich schnell und  fahre zurück. Ich versäume es, auf mein Handy  zu schauen. Es würde aber wohl jetzt ohnehin keinen Unterschied mehr machen. Ich überlege noch kurz, ob Sophie wohl mit dem Drucken fertig ist.

Sophie

20:04 Uhr. Nichts. Schon 32 Minuten zu spät. Viel zu spät. Drucken kann ich nicht mehr, selbst, wenn er jetzt käme. Dann kann ich morgen nicht weiterarbeiten. Ich sehe den Planungsturm zusammenfallen, mit einem Krachen. 48 Wagen.

20:12 Uhr. Nichts. Keine SMS, kein Philosoph. Ich bin vollkommen unfähig, irgendetwas Vernünftiges zu tun. Stehe da, warte und hoffe, nicht loszuheulen. Die ganze Planung ist hinüber. Nichts geht mehr. 66 Wagen.

20:24 Uhr. Wagen 89 ist der des Philosophen. Ich höre die Schritte auf der Treppe. 52 Minuten zu spät. Auf keine der beiden SMS kam eine Reaktion. Mit leisem Quietschen öffnet sich die Tür. Er ist zu spät. Viel zu spät. Der Drucker geht nicht. Die Planung für morgen hinüber. Aufgelöst in Luft und Chaos. Nichts geht mehr.

Platon

Als ich die Bürotür öffne und Sophie unbeweglich mit ihrem Handy in der Hand mitten im Raum stehen sehe, wird mir schnell klar, dass da etwas schiefgelaufen sein muss. Dass ich vermutlich mehrer Fehler gleichzeitig gemacht habe. Und dass gerade ich das ja eigentlich viel besser hätte wissen müssen. Sie wirkt trotz der Starre sehr aufgewühlt und nervös. Sie sagt, dass sie mir zwei SMS geschickt habe, schon vor über einer Stunde, und dass der Toner schon viel früher ausgegangen sei. Und ich keinen Ersatztoner bereitgestellt hätte. Und dass sie die ganze Zeit hier auf mich gewartet hätte. Und ich mich nicht gemeldet hätte.

Ich frage, ob sie die ganze Zeit hier so mitten im Raum mit dem Handy stand. Sie sagt ja. Und mir wird bewusst, dass nun eine schwierige Situation entstanden ist. Aufgrund meiner Versäumnisse. Ich hätte Toner nachbestellen müssen. Denn nun kann sie auch nicht am kommenden Tag die Unterlagen fertig machen. Es ist also auch noch der Ablauf des kommenden Tages von dieser heutigen Panne betroffen. Und ich hätte mich melden müssen, Bescheid geben, dass ich später komme.

Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich so chaotisch bin, so zerstreut. Dass ich einfach nicht nachgedacht habe. Dass ich Sophie in diese Situation gebracht habe, völlig unnötig. Und ich habe die Ahnung, dass Sophie da noch einige Zeit braucht, um das zu verarbeiten. Kein guter Start, denke ich. Überhaupt kein guter Start. Ich Trottel.

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2 Kommentare

Verfasst von - 17. September 2014 in Neue Wege

 

2 Antworten zu “Neue Wege – Teil II

  1. Forscher

    17. September 2014 at 11:25

    Ich wünsche mir, viele Menschen wären so selbstkritisch mit ihrem Verhalten anderen Menschen gegenüber, allgemein, speziell neurodivers denkenden Menschen (ich sag jetzt nicht Aspies, weil es auch Nichtaspies gibt, die sehr in Routinen denken und die feste Pläne brauchen, um zu funktionieren).

     
  2. KaMo

    17. September 2014 at 19:55

    Ich kann Sophie sehr gut verstehen. Auch mich ärgert es, wenn ich warten muß, weil irgendjemand seine Planung nicht einhält. Allerdings hätte ich weder Autos gezählt, noch hätte ich gewartet. Wenn auf meine SMS keine Antwort käme, wäre ich gegangen. Der Philosoph hätte, als Therapeut, einfach wissen müssen, daß sich Sophie auf seine Aussagen verläßt und hätte sie nicht in ein solches „Chaos“ stürzen dürfen. Wenn man schon „verpeilt“ ist (und man das weiß), muß man sich in solchen „Fällen“ (mit Handy ist ja sowas möglich) eben z.B. den Wecker stellen, daß man eben nicht zu spät kommt.

     

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