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Neue Wege – Teil I

13 Sep

Platon

Ich habe Sophie gefragt, ob sie mir bei der Überarbeitung meiner Seminarunterlagen helfen kann. Ich bin mit meinen aktuellen Unterlagen nicht zufrieden. Zu unstrukturiert, zu wenig Hintergrundinformationen. Etwas zusätzliche Recherche ist wohl dringend nötig. Und eine neue Formatierung. Ich verabrede mit Sophie ein Treffen, bei dem wir das neue Design und die neuen Inhalte besprechen. Gleichzeitig frage ich sie, ob sie mir beim Ausdruck eines Mailings helfen möchte.

Sie kommt pünktlich. Wir besprechen die Änderungen sehr zügig und zielführend. Ich bin froh, dass meine Unterlagen endlich komplett überarbeitet und professionellen Anforderungen genügen werden. Mir fehlte dazu bislang die Zeit. Und wohl auch die Genauigkeit. Die Zusammenarbeit klappt gut. Ich bin sehr zuversichtlich, dass dieses Seminarprojekt eventuell sogar  zu zweit intensiviert werden könnte.

Sophie

Ich hänge in der Luft. Der berufliche Stress hat mich komplett vereinnahmt, die Kündigung und das ganze Drumherum an die Grenzen meiner Belastbarkeit gebracht. Ich grüble zu viel. Als der Philosoph fragt, ob ich seie Unterlagen einmal durchsehen und strukturieren könnte, greife ich zu. Ich habe etwas zu tun in einem scheinbar luftleeren Raum, etwas, was mich vom Nachdenken wegholt. Anfangs habe ich Bedenken, denn von den ursprünglichen Seminarunterlagen bleibt nicht mehr viel übrig. Ich sortiere um, packe neue Inhalte dazu, lösche überflüssiges, bringe Einheitlichkeit ins Chaos, sorge für ein durchgehendes Design und habe gleichzeitig Sorgen, dass der Philosoph wütend wird, weil fast nichts mehr von den ursprünglichen Unterlagen übrig bleiben könnte.

Aber er nimmt die Änderungen positiv auf, scheint sie sogar wertzuschätzen. Das ist neu. Ich merke, wie ich mich „einfahre“ auf das Thema, im Geiste immer mehr an Literatur zusammentrage und ergänze, wie sich plötzlich wieder mein Wissensdurst aus der Studienzeit meldet. Ich sehe neue Inhalte, die ich absorbieren, erfassen, abspeichern kann. Und zum ersten Mal habe ich den Eindruck, dass hier so etwas wie eine „Teamarbeit“ entsteht. Obwohl ich lieber alleine arbeite.

Platon

Ich bitte Sophie, die Unterlagen auszudrucken. Ich muss allerdings noch zu einem anderen Termin, sage ihr aber, in einer Stunde wieder da zu sein. Ich breche eilig auf, ohne nochmal kontrolliert zu haben, ob noch genug Toner im Drucker ist. Ich gehe vermutlich eher unterbewusst davon aus, dass Sophie noch gute zwei Stunden mit dem Drucken beschäftigt ist. Mindestens. Ich habe daher keine Eile.

Sophie

Wir sprechen ab, die Unterlagen einmal auszudrucken – mit Papier lässt sich besser arbeiten. Da bald ein Seminar ansteht, hatten wir bereits geplant, mehrere Exemplare auszudrucken, so sieht man einmal auch das fertige Ergebnis und ich kann überprüfen, ob alles passt. Trotz unserer vorigen Planung hat der Philosoph einen Termin verschusselt und muss noch mal „kurz“ weg. In einer Stunde sei er wieder da. Ich schaue auf die Uhr. 18:32 Uhr.

Um 18:58 Uhr beginnt eine Lampe am Drucker hektisch zu blinken. Ein Blick auf das Display verrät mir, dass der Druckertoner leer ist. Das ist ärgerlich, so komme ich in Zeitverzug. Ich habe berechnet, dass der Drucker für alle Exemplare inklusive Zeitpuffer wegen Papierwechsel 90 Minuten drucken wird. Einen Tonerwechsel hatte ich nicht eingeplant. Ich weiß nicht mal, ob es hier einen gibt. Ich schreibe dem Philosophen eine SMS und hoffe, dass er mir schnell mitteilt, wo ich weiteren Toner finde. Dann kann ich den Zeitausfall so minimal wie möglich halten.

19:02 Uhr. Noch keine Antwort auf meine SMS.

19:07 Uhr. Keine Antwort auf meine SMS. Ich werde nervös. Ich kann nicht weiter drucken. Stehe tatenlos in dem Büro und warte.

19:11 Uhr. Immer noch keine Antwort. Eine Alternative wäre noch, dass ich warte, bis der Philosoph in 21 Minuten wieder da ist. Trotzdem wäre dann Zeit verloren gegangen.

19:16 Uhr. Nichts. Mein Handy schweigt. Ich starre das Gerät an und warte, dass ich Informationen bekomme. Ich brauche neuen Toner. Ohne Toner kann ich nicht zu Ende drucken. Dann werden die Unterlagen heute nicht mehr fertig. Dann kann ich sie morgen nicht korrigieren. Und dann sind sie zum Seminar entweder nicht fertig oder fehlerhaft. Immer wieder schaue ich in den SMS, ob etwas Neues gekommen ist – obwohl ich weiß, dass dem nicht so ist, sonst hätte das Telefon ja vibriert.

19:23 Uhr. Einen Moment überlege ich, eine zweite SMS zu schicken. Dann kommt mir, dass das sicher unsinnig wäre, denn in neun Minuten ist der Philosoph wieder da. Immer noch stehe ich in der Mitte des Raumes. Ich werde ihn darauf hinweisen, dass er sein Handy lauter stellen soll. Dann hört er es, wenn es klingelt.

19:33 Uhr. Keine Nachricht. Und kein Philosoph. Ich schaue aus dem Fenster, kann sein Auto nirgends erkennen. Ich schreibe eine zweite SMS, frage, wo der Toner ist und teile ihm mit, dass er sich verspätet. Schaue aus dem Fenster. Kein Auto. Er ist zu spät.

19:35 Uhr. Keine Nachricht. Kein Philosoph. Kein Auto. Kein Toner. Kein Drucker. Keine Unterlagen. Kein Fahrplan. Keine Planung. Chaos. Panik.

 

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6 Kommentare

Verfasst von - 13. September 2014 in Neue Wege

 

6 Antworten zu “Neue Wege – Teil I

  1. Andromeda

    13. September 2014 at 11:46

    ich finde den aktuellen eintrag super gut geschrieben, sehr plastisch und absolut überzeugend!

     
  2. Oldaspie

    13. September 2014 at 13:20

    Tonerkassette rausnehmen, sanft aber beharrlich ein paarmal schütteln, wieder reintun 🙂 .

     
    • dualessein

      13. September 2014 at 13:22

      Nette Idee. Aber der Drucker hat eine persönliche Abneigung gegen Sophie. Das funktioniert nicht. Wirklich nicht.

       
  3. Kiwigirl

    14. September 2014 at 17:42

    Hallo ihr beiden, ich kann mich nur anschließen mir gefällt der Schreibstil auch gut. Die grundsituation ist mir aber unklar. Wovon lebt Sophie, von welcher Zukunftsperspektiven kann Sophie ausgehen, wer sind ihre professionellen Helfer, befindet ihr euch immer noch in einer Dienstleistung und wird Sophie für ihre Tätigkeiten dann bezahlt? Geht es um ein gemeinsames Seminar? Ich wäre maximal gestresst und deprimiert in der unsicheren Situation schon irgendwie beim lesen. Und eine Frage habe ich noch ist die Geschichte und die Personen Fiktion oder gibt es euch alle wirklich 🙂 lg ich möchte euch aber nicht zu nahe treten , bin hierbei jedoch nicht immer die Kennerin 🙂

     
    • dualessein

      16. September 2014 at 7:06

      Hallo Kiwigirl,

      ja, wir sind echt. Uns gibt es auch live und in Farbe. Und die Situationen sind so auch real, allerdings mit einer gewissen künstlerischen Freiheit und Verfremdung versehen, wo es notwendig ist. Daher gibt es über Arbeitgeber u. Ä. auch keine konkreten Aussagen hier, nicht, dass sich nachher jemand erkennt.
      Die Zukunftsperspektive war in der Tat eine sehr zentrale Frage, der wir uns hier auch noch widmen wollen. Und dann klärt sich sicher auch, wer die professionellen Helfer sind.

       
  4. Kiwigirl

    16. September 2014 at 8:00

    Danke für die Antwort 😉

     

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