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21. Nachricht von Sophie an Platon

23 Aug

Sophie

Hallo Platon,

die letzten Wochen waren anstrengend. Zu anstrengend. Ich bin unschlüssig und weiß nicht so recht, wie es weitergehen kann. Die Situation auf der Arbeit ist für mich nicht mehr tragbar. Die vielen Lichter, die vielen Menschen, das ständige Telefonklingeln, immer lächeln und freundlich sein und Smalltalk betreiben, die mangelnde Qualität der Arbeit und auch das fehlende Engagement meiner Kollegen – ich habe den Eindruck, dass auf mehreren Ebenen nichts funktioniert. Vielleicht könnte ich mit dem Gewusel noch umgehen, wenn ich wüsste, dass ich in Ruhe arbeiten kann und die Dinge richtig mache, die ich gelernt habe. Vielleicht könnte ich das Telefon akzeptieren, wenn ich wüsste, dass eine geschlossene Tür nicht als Affront gesehen wird. Vielleicht könnte ich die Außentermine wahrnehmen, wenn sie sachlich orientiert wären – aber wie oft geht es dabei um viel mehr als die reine Sache? Vielleicht könnte ich die mangelnde Tiefe der Arbeit akzeptieren, wenn ich wüsste, dass das, was gemacht wird, richtig gemacht wird. Aber es geht nicht darum, dass es richtig gemacht wird, sondern darum, dass einfach „etwas“ gemacht wird. Manchmal gemessen an Faktoren, die nicht nachvollziehbar, die nicht verstehbar sind, die teilweise sogar jeder Grundlage dessen widersprechen, als was ich eigentlich arbeite. Der quantitative, vor allem aber der qualitative Anspruch tendiert Richtung Null. Und das frustriert ungemein. Dazu kommen Dinge, die hier passieren, und die ungerecht sind. Teils sogar sehr ungerecht. Aber wenn ich etwas sage, dann droht man mit Abmahnung oder Kündigung, teils sogar offen. Selbst, dass ich stets pünktlich zur Arbeit erscheine, wurde kritisiert. Weil alle anderen Kollegen unpünktlich kommen, soll ich dies auch machen, damit sie nicht „schlecht“ dastehen. Ich verstehe es nicht.

In den letzten Tagen hatte ich viele Termine außerhalb. In Schulen, in der Innenstadt, bei lauter Musik und viel zu vielen Menschen. Das ermüdet ungemein. Und dann sitze ich über Stunden an meinem Arbeitsplatz, habe nichts mehr zu tun, weil ich „zu schnell“ gearbeitet habe, darf mir aber nichts anmerken lassen, dass ich nichts zu tun habe. Und selbst das Nichts-Tun ermüdet mich zwischenzeitlich. In der Nacht kann ich nicht schlafen, am Morgen möchte ich am liebsten nicht aus dem Haus. Ich beginne Montags und hoffe auf Freitag, verlasse Freitags das Büro und verbringe mein Wochenende in der Angst vor dem Montag. Es sei denn, es steht eine Wochenendschicht an, dann brauche ich mich vor Montag nicht zu fürchten, sondern vor Samstag.

Dazu kommt noch das soziale Possenspiel, das ich langsam, aber sicher, nicht mehr ertrage. Schon morgens der „nette Plausch“ mit der Sekretärin, dann das erste Büro und wieder drei auswendig gelernte Sätzchen. Alles, nur damit die „Stimmung“ stimmt – und das auch nur oberflächlich. Am schlimmsten ist es im großen Durchgangsbüro, das nur nachmittags besetzt ist. Eine der Frauen dort ist sehr freundlich zu allen Kollegen, verlassen diese aber den Raum, geht das Gehetze los. Sie sind sehr laut, selbst bei geschlossener Tür kann ich sie hören. Und ich verstehe es nicht. Wenn mich an jemandem etwas stört, dann spreche ich es an. Und zwar bei der betreffenden Person, nicht bei den Kollegen, die sich wiederum in Anwesenheit der betreffenden Person in Schweigen retten. Teils gehen diese Lästereien, diese Intrigen, dieses Gehetze bis ins Büro des Chefs. Ich gehe dem aus dem Weg, will mich daran nicht beteiligen. Und möchte auch gar nicht wissen, wie oft ich selbst Ziel dieser Hetzerei bin, sobald ich das Büro verlasse.

Ich merke, dass mir zunehmend die Energie abhanden kommt. Wären die Einzelfaktoren an sich vielleicht kein großes Drama oder zumindest irgendwie zu managen, so macht die Summe einen Zustand, den ich immer mehr als unerträglich definieren würde. Und ich möchte nur noch weg. Weg aus meinem Haus, weg aus meinem Büro, weg von allem – irgendwo dorthin, wo es ruhig und still ist. Wo kein Mensch ist, nichts passiert.

Ich fange an, Fehler zu machen. Und das Schlimme ist, dass es mir zwischenzeitlich egal ist. Mir fehlt das Lernen, der Input, die Zeit, die Aufgaben richtig und perfekt zu machen. Vielleicht kann ich all das nicht? Vielleicht ist es nur eine Station mehr in der Chronologie des Scheiterns? Auch wenn ich noch nie in einer derart kurzen Zeit eine Perspektive an die Wand gefahren habe…

Bislang habe ich mich nicht getraut, darüber nachzudenken, denn ich bin hier alleine, ohne Sicherheiten, in einem schlechtbezahlten Job in einer Region mit wenig Aussicht auf eine andere Anstellung. Und ich wäre an einer fast schon banalen Aufgabe gescheitert. Aber ich befürchte, dass ich mich komplett aufreibe. Dass ich die zwei Jahre, die mein Vertrag läuft, nicht überstehen werde. Dass ich nicht einmal die nächsten zwei Monate überstehen werde. Und dass ich in diesem Büro nicht wirklich erwünscht bin, nicht „dazugehöre“, das merke ich auch so. Ich sollte das Ganze beenden, bevor es andere machen. Ich denke, es wäre vielleicht nicht klug, aber richtig, diese Stelle zu kündigen. Auch wenn ich keine Ahnung habe, ob und wie es danach weitergehen kann, ich hätte ja nach den paar Monaten nicht mal Anspruch auf Arbeitslosengeld… Klingt nach dem direkten Weg in Hartz IV. Ich habe es verbockt.

Liebe Grüße

Sophie“

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2 Kommentare

Verfasst von - 23. August 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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2 Antworten zu “21. Nachricht von Sophie an Platon

  1. Diana Helbich

    26. August 2014 at 15:04

    Es kommt mir so vor, als würde ich über meine Arbeit lesen.

    Ich bin Asperger-Autistin und sitze leider auch mit 6 weiteren Kollegen in einem Büro, d. h. dummes Gerede, Lärm, Telefon zu viel Gerüche usw.. Ich bin deshalb seit 2 Jahren bei einer Heilpraktikerin und diversen Ärzten in Behandlung um die Folgen des Dauerstress einigermaßen in den Griff zu bekommen.

    Leider sitze auch ich meistens ab Mittags nur rum, da mein Tempo bei der Arbeit wesentlich höher ist als bei meinen Kollegen/ Kolleginnen und das ist sehr deprimierend und trägt auch nicht zur Entspannung bei.

    Meinen Chef hatte ich schon darüber informiert, dass ich bedingt durch die Tatsache schnell zu arbeiten eigentlich so ab zwei gehen könnte, leider wurde dies abgelehnt mit dem Hinweis man bräuchte mich, fragt sich nur für was (uneffektives rumsitzen)?

    Ich glaube nicht dass Du es verbockt hast (ich hoffe es ist o.k. wenn ich Dich duze), es gibt leider immer Schwierigkeiten bei der Arbeit, meine Arbeitskollegen wissen über mich zum Teil Bescheid, was aber so nichts geändert hat. Versuche wenn es geht das Büro so oft zu verlassen wie möglich ,gehe ins Archiv, oder was sonst noch für Möglichkeiten da sind, dies hilft etwas um abzuschalten

     

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