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Innenwelten – Angst

26 Jul

Sophie:

Angstgesteuert. Das ist ein Begriff, den ich gerne mal für einige meiner Reaktionen verwende. Auch wenn ich mir nicht sicher bin,  ob das, was ich als „Angst“ bezeichnen würde, wirklich auch landläufig als Angst bezeichnet wird. Denn es sind ausschließlich die Kleinigkeiten, die mir Angst machen. Die aber dafür nachhaltig. Und quasi ständig, als begleitender Zustand des Alltags. Neue, unbekannte Situationen versetzen mich förmlich in einen panischen Zustand. Ein Überrollen von Außenreizen triggert förmlich die Angst. Die Gedanken werden sprunghaft, rasen nur so dahin – bis zu dem Punkt, an dem nichts mehr geht. Und alles erstarrt, „einfriert“.

Eindeutig angstbesetzt sind soziale Situationen. Dabei habe ich keine Angst vor den Menschen selbst, ich habe kein Problem damit, mich vor eine Gruppe zu stellen und etwas zu erzählen. Erst recht nicht, wenn ich mich auf meinem Fachgebiet bewege, dann habe ich auch keine Bedenken, mitten hinein in die Konfrontation und Diskussion zu gehen. Die Angst taucht erst auf, wenn ich MIT diesen Menschen kommunizieren muss, wenn es mir nicht gelingt, das zu sagen, was ich sagen will, wenn ich nicht verstanden werde. Und je mehr Angst ins Spiel kommt, desto mehr Schwierigkeiten werden sichtbar. Ich hinterfrage jeden meiner Sätze, ob er richtig verstanden wird, ob mein Gesprächspartner etwas an meinem Gesicht oder meiner Körperhaltung als unangemessen empfinden könnte, ob das, was er oder sie sagt, auch von mir richtig verstanden wird, ob Missverständnisse vielleicht gar nicht angesprochen, sondern gleich fehlinterpretiert werden – eine entspannte Gesprächssituation sieht wohl anders aus.

Platon:

Es fällt mir schwer, über meine eigene, persönliche Wahrnehmung von Angst zu schreiben. Es scheint, als fehlte mir eine zusammenhängende und schlüssige Datenbasis. Natürlich hatte und habe ich Ängste, aber ich bin unsicher, ob es meistens nicht doch eher Sorgen oder Befürchtungen waren bzw. sind. Hatte ich schon Todesängste? Ich kann mich gerade nicht erinnern.

Als Kind hatte ich Angst vor Dunkelheit, alleine ins Bett zu gehen, in der Schule zu versagen. Als Jugendlicher, von bestimmten Krankheiten heimgesucht zu werden. Sozial im Mittelpunkt zu stehen. Aber das hatte wohl eher schon fast phobische Züge. Und jetzt? Die wohl größte Angst, die ich mir vorstellen kann, betrifft das Wohl der eigenen Kinder. Es würde mir die Brust zuschnüren, dass ich nicht mehr atmen könnte, mich lähmen, mich unberechenbar machen, wenn hier Gefahr drohen würde.

Sophie:

Das Fiese an dieser Alltags-Angst ist, dass sie gerade dann auftaucht, wenn es formal keinen Grund gibt. Wenn alles gut läuft, in geordneten, strukturierten Bahnen, sich die Dinge wie von selbst erledigen und ich langsam ein Gefühl von Sicherheit bekomme. Genau dann meldet sich die Angst zu Wort in Form der Erwartung, dass das ja nur eine Phase und alles bald vorbei ist. Ich eines Morgens aufwachen werde und alles nur geträumt ist. Und ich in Wahrheit auf eine große Katastrophe zusteuere, die ich einfach noch nicht erkennen kann, die sich aber in den Kleinigkeiten bereits ankündigt. Und dann beginnt der sich nährende Kreislauf, denn jede Kleinigkeit, die nun nicht ganz optimal läuft, ist für mich dann schon ein Indiz, mich in dieser Angst zu bestätigen.

Das Seltsame ist, dass diese Angst immer gekoppelt ist an andere Menschen. Ich habe keine Angst davor, einen schweren Unfall zu haben oder zu erkranken. Aber ich habe Angst davor, dass die Unberechenbarkeit anderer Menschen in meinen Alltag einbricht und meine mühsam aufgebauten Strukturen mit einem Schlag zerstört. Und ich dann dastehe, ohne Orientierung, ohne Sicherheit. Und je wohler ich mich in meinen Strukturen fühle, desto größer wird diese Angst.

Platon:

Doch letztlich kann ich wohl von ganz ganz großem Glück reden, von wirklicher Angst bisher verschont worden zu sein. Ich kann nur schwer beurteilen, woran das liegt. An der Zeit, in der ich lebe? An dem Land, in dem ich wohne? An der Familie, in der ich aufgewachsen bin? Es ist auf jeden Fall Glück, mehr wohl nicht. Großes Glück. Bis jetzt.

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7 Kommentare

Verfasst von - 26. Juli 2014 in Innenwelten

 

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7 Antworten zu “Innenwelten – Angst

  1. Ismael Kluever

    26. Juli 2014 at 10:01

    Liebe Sophie,
    meine Frage an dich wäre jetzt: Was müsste von Seiten deiner Mitmenschen geschehen, um dir (und anderen, denen es ähnlich geht) die Angst in sozialen Situationen zu nehmen?

     
  2. KaMo

    26. Juli 2014 at 10:03

    Es ist schon erstaunlich, daß Sophie’s Angst auf sie selber bezogen ist nicht zum Beispiel darauf, daß in ihrer Familie etwas Schlimmes passiert, Platon sich aber um andere Menschen, hier die Familie, ängstigt. Ich weiß auch nicht, ob man dabei von „Angst“ sprechen kann – daß ist eher die Sorge zu versagen oder die Sorge um nahestehende Personen.

     
    • Ismael Kluever

      2. August 2014 at 12:18

      Hallo KaMo:
      Aber gerade, wenn innerhalb der Familie oder sonstwo etwas Schlimmes passiert (ist), egal ob offen oder unterschwellig, kann das angstauslösend sein. Aber das meinst du nicht, oder? Bei Sophie spielt sicher der Autismus bzw. dessen Begleiterscheinungen eine entscheidende Rolle: Wenn etwas außerhalb der überschaubaren und planbaren Lebensumstände passiert, dann schlägt das ja direkt auf sie selbst zurück (Beispiel: Berlinfahrt). Und das kann dann Vermeidungsverhalten zur Folge haben. Denke ich mir so.

       
  3. amicus

    26. Juli 2014 at 20:40

    Liebe Sophie, lieber Platon,

    nach Monaten der Abstinenz melde ich mich nun auch noch einmal zu Wort, denn das Thema „Angst“ hat mich in den vergangenen Stunden doch ziemlich beschäftigt.

    Zunächst verstehe ich die Angst als etwas positives. Sie ist eines der arachischsten Gefühle unserer menschlichen Natur und bewahrte uns wohl zunächst davor vom Säbelzahn -Tiger oder anderem fiesen Getier überrascht zu werden (einschließlich des keuleschwingenden Nachbarn in der Höhle nebenan). 🙂
    Ich finde gerade auch den BEGRIFF der Angst sehr interessant, der noch einmal ganz klar vom Begriff der „Sorge“ abzugrenzen ist, so meine ich zumindest. „Angst“ ist schon etwas, was einem „Angst“ machen kann und Sorge davon doch eher abgeschwächt zu betrachten ist. – Ich meine das nicht wertend. – ( Oft ist doch die Angst vor der Angst das viel größerer Problem.)
    Hin und wieder ist auch nicht ganz klar, ob es sich um eine objektunbestimmte Angst (lat. anger) oder eine objektbezogene Furcht (lat. timor) handelt. Für dies Psychotherapie ist dies aber entscheidend. (Phobien, Angststörungen, etc.)

    Ein konkretes Beispiel von mir: Ich kenne dieses Gefühl der Angst auch nur zu gut: Angst vor der Zukunft, Angst was der nächste Tag bringt, Angst vor Neuem ( schon fast eine Neophobie), manchmal Angst mich anderen zu öffnen, (unglaublich aber wahr) weil ich „Angst“ habe mich angreifbar zu machen.
    Hin und wieder auch Angst vor anderen Menschen und besonderen Situationen. Ich bin dann nicht wie gelähmt oder eingefroren, sondern bei mir funktioniert der archaische Fluchtreflex noch ganz gut. Was teilweise – vor Jahren – sogar in einer absolut unlustigen, sogenannten, „Dissoziative Fugue“ endete. Das Grundproblem war die „Angst“.

    Ich habe in den Jahren gelernt die Angst zu beherrschen und mich nicht von ihr beherrschen zu lassen, denn ganz abstellen kann man Angst ebenso wenig wie Trauer und Freude. (Das ist auch gut so.)
    Die Psychoneuroimmunologie, bestätigt aber auch ganz klar den Zusammenhang zwischen Angst und körperlichen Symptomen ( Man denke nur an das Kind mit Schul-Angst und „unklaren Bauchscherzen“) eine Tatsache die mir Sorge bereitet, – dies ist aber grundsätzlich so, wenn ich an den Zusammenhang zwischen Psyche und Soma denke.-
    Abschließend sei der Präsident des VFP Dr. Werner Weishaupt zitiert: „(…) Wenn ich negativ denke, wenn ich Zukunftsängste kultiviere, dann wird es schwer sein, mich gleichzeitig körperlich noch wohl zu fühlen. Angst und Entspannung schließen sich gegenseitig mehr oder weniger aus. Und insofern kommt es schon darauf an, was ich denke, denn dementsprechend werde ich mich fühlen – und mich ggf. auch wohlfühlen in meinem Körper. (…)“

    Ich wünsche dir Sophie ein gutes Repertoire an Hilfsmitteln zu Angstbewältigung und dir Platon auch weiterhin eine möglichst angstfreie Zeit.

    Euer
    AMICUS

    P.S.: Ismael, das würde mich auch interessieren.

     
  4. desweges

    27. Juli 2014 at 9:13

    Ich kenne diese Angst auch. Die Angst die Kontrolle zu verlieren. Auch ich habe nicht Angst vor Erkrankung oder so. Auch ich habe Angst. Sei es, das die anderen mich nicht verstehen, das ich ausgegrenzt werde,… LG desweges

     
  5. Pingback: unicorn1963
  6. kiwigirl

    7. August 2014 at 21:13

    ich kenne diese ängste auch. besonders in für mich wichtigen situationen, versagt mir die stimme, versagt überhaupt mein kompletter handlungsapparat, ich bin wie erstarrt, aber das schlimme ist, ich weiß genau, was ich tun müsste oder sollte, aber ich kann es nicht ausführen, ich beobachte wie andere entsetzt und irritiert über mich sprechen, als sei ich nicht anwesend, ich merke, dass andere annehmen ich wäre entweder absolut verrückt oder minderbemittelt, es ist mir extrem unangenehm und ich muss mich zwingen in der situation zu bleiben und nicht dem drang nachzugehen die flucht zu ergreifen, weil ich weiß, dass würde alles nur noch unangenehmer machen.
    auch kenne ich die angst in unvorbereiteten situationen, wie z.b. in öffentlichen verkehrsmitteln, von zwar bekannten, aber nicht nahestehenden menschen angesprochen zu werden, ich habe geradezu panische angst davor, in einen smalltalk verwickelt zu werden und nicht gehen zu können. ich möchte dieser art von gespräch nicht nachkommen, aber weiß auch nicht wie ich dies verhindern kann.
    andere andersartigkeiten würde ich sehr wohl gerne erlernen, aber hierdrinnen sehe ich einfach keine notwendigkeit.
    ich kenne diese angst auch in unangenehmem schweigen, in der ich den druck verspüre, irgendwas sagen zu müssen, ich aber nicht weiß was und ich mich extremst beobachtet fühle.
    oder auch in größeren gruppen, in denen das verhalten, der menschen, plötzlich so verändert erscheint, wie zum beispiel beim feiern, die menschen verhalten sich völlig anders, als normalerweise und ich weiß nicht wie ich mich anders verhalten kann, ohne das gefühl zu haben, ich belüge mich selbst. zudem ist mein wohl größtes problem das filtern von reizen, ich habe in diesem punkt das größte defizit, in bezug auf andere schwierigkeiten. ich kann gesprächen kaum folgen, bei so viel außenlärm und habe deswegen angst, desinteressiert zu wirken, was ich normalerweise nicht bin.
    und auch bei auftritten, vorträgen oder dergleichen, fühle ich mich wie gelähmt.
    mir persönlich hilft es sehr, wenn ich weiß, dass jemand da ist, der bleibt, egal wie blöde die situation auch ausgehen mag und wenn ich klare anweisungen bekomme, wenn mir zum beispiel klare fragen gestellt werden.

     

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