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Innenwelten – Aggressivität

23 Jul

Sophie:

Ich kann mich an kaum einen Moment erinnern, in dem ich gegenüber anderen Menschen aggressiv geworden bin. Wenn man mich massiv und über lange Zeit in eine Ecke treibt, kann ich mir vorstellen, dass auch ich aggressiv werde. Aber de facto vorgekommen ist das noch nicht. Im Gegenteil: Manchmal würde ich mir ein leichtes Maß an Aggressivität wünschen. Stattdessen fährt in Situationen, in denen es zu Konflikten, die gegebenenfalls Aggressivität hervorrufen könnten, alles in mir runter. In diesen Fällen wirke ich auf mein Umfeld kalt, rein verstandgesteuert, sachlich. So sachlich, dass es weh tut. Das konnten bislang nur wenige Menschen erleben – ich meine, es sind drei. Diese drei haben mir zurückgemeldet, dass diese Rationalität Angst mache. Dass sie eher mit jemandem umgehen könnten, der schreit, um sich schlägt, sie anbrüllt oder sogar Gewalt androht – aber nicht mit dieser vermeintlichen Kälte. Aggressionen gegen Menschen nach außen tragen kann ich nicht. Sie bleibt innen, richtet sich eher gegen mich als gegen andere.

Platon:

Ich kenne von mir selbst kaum aggressives Verhalten. Ganz im Gegenteil. Ich mag es grundsätzlich nicht besonders, im Mittelpunkt zu stehen oder die Aufmerksamkeit der Anderen über Gebühr auf mich zu ziehen. Und das wäre ja zwangsläufig der Fall, wenn ich aggressiv werden würde. Ich habe auch nur ganz selten aggressive Gefühle. Und in den meisten Fällen, in denen ich derartiges Verhalten bei anderen sehe, finde ich es unangemessen und auch völlig sinnlos. Und es gibt nicht wenige Menschen, die ähnlich wie ich denken.
Manche Experten behaupten, dass in Deutschland Kleinkindern ein verklemmter und gestörter Umgang mit Aggressionen beigebracht würde. In Kindergarten und Grundschulen gäbe es fast nur Frauen als Bezugspersonen. Und Frauen würden aggressives Verhalten grundsätzlich eher ablehnen, anstatt einen angemessenen Umgang mit den eigenen aggressiven Gefühlen zu erlernen. Aggressivität sei ein Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und gehöre zum Menschsein dazu.

Sophie:

Anders sieht es mit elektrischen Geräten aus. An schlechten Tagen verlasse ich mich lieber auf ein Gerät als auf einen Menschen. Ein Gerät folgt seiner Programmierung, es ist – in aller Regel – verlässlicher. Aber nicht immer. Wenn der Touchscreen meines Handys nicht funktioniert – und das mehrere Minuten lang – dann treibt mich das am falschen Tag zur Weißglut. Wenn mein Handy immer und immer wieder klingelt, bringt mich der Ton der Vibration bald zum Ausflippen. Und wenn der Drucker des Philosophen ein Eigenleben führt, des Zählens nicht mächtig ist und sich von Seite zu Seite überlegt, ob er den angeschlossenen Computer jetzt noch erkennen möchte oder nicht, er piepst und meckert, ihm das Papier nicht passt oder der Toner, ich also wegen eines Geräts sorgfältig geplante Zeit verliere – dann bekomme ich doch latente Mordgedanken. Nicht in Bezug auf den Philosophen, sondern in Bezug auf das Gerät. Ich möchte es mit einer Axt zertrümmern, anzünden und anschließend in der Nordsee versenken. Dann fällt mir ein, welche Belastung das für das Meer wäre und ich lasse es. Im günstigsten Fall kaufe ich ein neues Gerät. Mein Handy segelte allerdings auch schon mal durch die Luft. Oder landet mit einer wüsten Beschimpfung in einer Schublade, die anschließend mit lautem Knall geschlossen wurde. Meist darf es nach einer Stunde und einem Neustart wieder heraus. Ab und zu denke ich, dass es ziemlich lächerlich ist, sich von fehlerhafter Software so zur Weißglut treiben zu lassen. Dann bin ich aber wieder froh, dass es nur elektrische Geräte sind, die meine Aggression zu spüren bekommen. Und kein Mensch.

Platon:

Ich kenne aggressive Kinder. Die meisten von Ihnen sind traumatisiert oder bindungsgestört. Oder diese Kinder haben völlig erziehungsunfähige Eltern, die nicht einmal in der Lage sind, ihren Kindern ansatzweise Liebe und Wertschätzung zu geben. Oder auch nur ein ganz wenig Halt und Orientierung.
Am allerwenigsten aggressiv sind jene Kinder, denen man es am meisten unterstellt: AD(H)S-Kindern und Kindern mit einer Autismusdiagnose. Man übersieht leider viel zu oft, das die ständigen negativen Erfahrungen dieser Kinder auch bei ihnen manchmal das Fass zum Überlaufen bringen.

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3 Kommentare

Verfasst von - 23. Juli 2014 in Alltägliches, Innenwelten

 

3 Antworten zu “Innenwelten – Aggressivität

  1. Amy

    23. Juli 2014 at 10:14

    Die durch Technik hervor gerufene Aggression kenne ich auch! Bisher ist noch nichts wirklich kaputt gegangen, aber so ganz erschließt sich mir nun auch nicht, warum ich immer wieder mein Laptop anbrülle. Hilft ja eh nicht… ist aber manchmal ungemein entspannend.

     
  2. Forscher

    24. Juli 2014 at 11:31

    Ich habe durch Technik hervorgerufene Aggression leider nicht immer unter Kontrolle. Hab schon diverse Sachen zerstört, weil sie nicht gleich funktioniert haben oder ich die Anleitung nicht verstanden habe. Ich würde auch gerne wissen, woher das kommt, und wie man sich in diesen Situationen “entschärfen” kann, damit es nicht zum emotionellen Ausbruch kommt.

     
  3. kiwigirl

    7. August 2014 at 20:52

    ich habe auf bezug auf technik vermutlich nicht die geeignete geduld, mich nervt es einfach, ich würde aber nicht so weit gehen, dass ich mich wirklich davon aus der ruhe bringen lassen würde.
    ich bin insgesamt sowieso sehr schwer aus der ruhe zu bringen.
    ich arbeite hauptsächlich mit schwer erziehbaren jungen, die häufig auch aggressiv sind bzw. als solche eingestuft werden.
    allerdings bin ich auch der meinung, dass verschiedene emotionen in unserer gesellschaft von vorn herein negativ belegt sind.
    was die erziehung und die pädagogische entwicklung von kindern und jugendlichen angeht, so bin ich auch der meinung, dass der männliche part, all zu oft fehlt. hier geht es für mich jedoch nicht hauptsächlich um die aggressivität, sondern das sich wieder finden im gegenüber, nämlich im erzieher, zudem ist mir aufgefallen, dass ein gemischtes team von männlichen und weiblichen kollegen, meist am harmonischsten ist, zusammenhalt und gelassenheit im team, zeigt sich auch in den zu betreuenden.
    aggression ist meiner meinung nach, dann gefährlich, wenn sie unkontrolliert ist, ein gewisses maß an aggression ist meiner meinung nach aber wichtig, um nicht ausgenutzt oder nicht ernst genommen zu werden.
    hiermit meine ich, zum beispiel deutlich zu machen, wo die eigenen grenzen sind, welche vorstellungen man hat, was man bereit ist zu geben oder zu tun.
    meine ehemalige therapeutin hat es einmal sehr schön erklärt, die eigenen grenzen lassen sich an einem garten erklären, in dem man blumenbeete, kleine wege, wiesen oder anderes erbaut hat, man kann andere einladen, sich diesen garten anzusehen und sich die schönheit zu teilen, aber es ist nicht schön, wenn die sorgfältig angelegten blumen zertrampelt, abgepflückt oder durch anderes ersetzt werden, ebenso wenig wie wenn die wege verlassen werde und das dahinterliegende land zerstört wird.
    in diesem beispiel erkenne ich aggression vom besucher, ich muss diese nicht unkontrolliert annehmen, wie einen wutball, den ich nicht haben will, sondern kann diese ablenken und die situation für mich angenehm zu gestalten, hierfür ist meines erachtens ein gewisses maß an aggressivität von nöten, um meine grenzen klar abzustecken.

     

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