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Innenwelten – Aufmerksamkeit

19 Jul

Sophie:

Meine alltägliche Aufmerksamkeit wird von den kleinen Dingen angezogen. Das im Morgentau glitzernde Spinennnetz im Gebüsch, der ungleichmäßig gepflasterte Stein im Fußweg, der Riss im Schuh des Philosophen oder der falsche Knopf an seinem Hemd – die kleinen Dinge erwecken unweigerlich meine Aufmerksamkeit und ziehen sie schon fast magisch an. Ebenfalls sofort aufmerksam werde ich auf Veränderungen in meinem Umfeld, ohne dass ich dies steuern kann. Ein neues Schild an einer Hauswand, ein anders stehender Stuhl, manchmal nur eine verstellte Wasserflasche auf dem Schreibtisch rücken sofort in meinen Aufmerksamkeitsfokus.

Platon:

Manchmal zieht gar nichts meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich habe den Eindruck, dass ich dann alle Dinge nur etwas oder gerade eben noch, aber nicht bewußt oder fokussiert wahrnehme. Alle Dinge um mich herum dämmern so vor sich hin. Irgendwie sind sie da, aber weit weg von meiner Aufmerksamkeit. Sobald sich aber plötzlich etwas gravierend ändert, eine für mich interessante Veränderung eintritt, eine vielleicht gefährliche Situation, ein auffälliger Mensch, ein altes Auto, ein Vogel im Flug oder bei der Landung, mir bekannte Menschen, die plötzlich auftauchen. Dann bin ich aufmerksam, zumindest für einen Moment. Genauso schnell kann meine Aufmerksamkeit aber auch wieder „abreißen“. Ähnlich wie bei der Konzentration, kann ich Aufmerksamkeit nur bedingt lange aufrechterhalten.

Sophie:

Es gibt auch Aufmerksamkeitsfresser. Dinge, die ich schön oder faszinierend finde, die sich aber, sollte ich mich konzentrieren müssen, nicht in meiner Nähe befinden dürfen. Glitzernde und sich drehende Gegenstände gehören dazu. Wie Reifen vorbeifahrender Autos. Einmal fuhr ich hinter einem Kleintransporter, der auf der Laderampe einen Besen in einer Stellage hatte. Der Besen drehte sich permanent im Fahrtwind und ich merkte, wie ich erhebliche Mühe hatte, mich auf das Fahren zu konzentrieren. Auch Deckenventilatoren in Räumen sind mir ein Graus, weil sie jede sowieso schwierige Kommunikation noch erschweren – auch hier wird mein Blick magisch angezogen und es fühlt sich fast wie eine Art Trance an.

Gleiches gilt für Muster, die nicht sinnvoll fortgesetzt werden. Eine nicht sauber verklebte gemusterte Tapete kann mich dann unter Umständen wahnsinnig machen. Weil sie jedes Mal in meinen Fokus rückt, wenn ich daran vorbeigehe. Und alles in mir „Fehler!“ schreit. Immerhin: Das wäre ein Fall, wo ich sogar beim Renovieren helfen würde.

Platon:

Ich kann oft nicht sagen, was andere Menschen an Kleidung getragen haben, selbst wenn sie erst wenige Minuten zuvor den Raum verlassen haben. Mir fehlt der Blick für das Detail. Daher kann ich mich wohl auch schlecht an Begebenheiten aus der Vergangenheit erinnern. Gespräche mit ehemaligen Schulkameraden verdeutlichen mir immer wieder, dass ich anscheinend fast alles aus den vergangenen Schultagen vergessen habe, die anderen sich aber noch an Geschichten bis in das kleinste Detail erinnern können, in die ich auch verwickelt war. Dann kommen immer die überraschten Fragen: „Daran kannst du dich nicht mehr erinnern? Das gibt es doch nicht!“

Auch bei anderen Dingen bin ich vermutlich zu unaufmerksam. Zum Beispiel bei privaten Gesprächen. Insgesamt scheint meine Steuerung der Aufmerksamkeit sehr situationsabhängig zu sein. Flexibel, manchmal etwas unmotiviert, manchmal aber auch bewußt gesteuert. Dennoch denke ich: Gut, dass ich kein Pilot geworden bin.

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Verfasst von - 19. Juli 2014 in Innenwelten

 

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