RSS

Innenwelten – Freude

12 Jul

Sophie:

„Nun freu dich doch mal!“ Geburtstage und Weihnachten sind gern genommene Anlässe, bei denen sich Menschen gegenseitig Geschenke machen und neben einem „Danke“ auch eine klar erkennbare Emotion sehen wollen. Meine Erfahrung zeigt: Ein „Das ist schön“ reicht nicht aus. Was genau ausreicht, erschließt sich mir aber nicht. Und oft wird dann hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand getuschelt: „Die hat das auch nur aus Höflichkeit angenommen, der gefällt das gar nicht. Sonst hätte die sich gefreut.“

Nun ist „Freude“ einer dieser Begriffe, die ich nicht einordnen kann. Es gibt Dinge, die mag ich. Die mag ich sogar sehr. Und es gibt Dinge, die mag ich nicht. Beides sage ich auch so. Und es gibt Dinge, die mache ich gerne. Andere wiederum nicht. Auch das sage ich. Aber „mögen“ und „gerne machen“ reicht wohl nicht aus.

Platon:

Freude ist für mich nicht nur ein wichtiger Begriff, sondern auch eine wichtige Empfindung. Eine wichtige Emotion. Eine wichtige Körperreaktion. Ich denke manchmal, dass ich mich im Leben von Freude zu Freude hangele. Die Dinge suche, die mir Freude bereiten. Ich gehe joggen, segeln, züchte Fische, renoviere ein Boot, mein Haus. Ernte Früchte im Garten, sitze vorm Teich und lese Bücher. Plane Reisen mit meinen Kindern, und gehe mit ihnen schwimmen. All das macht mir Freude.

Die Freude spüre ich körperlich, tief und unverrückbar. Deutlich. Ein Feuerwerk der Hormone, der Körperempfindungen. Freude fühlt sich an wie ein Verengen der Gefäße, ein Verdichten des Körpers. Ein Hüpfen des Kreislaufs, ein Kribbeln vom Hals zum Bauch, ein Spüren des Körpers, ein Fokussieren auf Interesse, ein Galoppieren der Nerven. Ein Wahrnehmen des Selbstseins. Wuseln im Gehirn. Oder so ähnlich.

Sophie:

Manchmal erlebe ich Menschen, die vor Freude völlig ausflippen. Die schreien, im Kreis rennen, zwanzig Menschen um den Hals fallen. Ich suche dann meist schon das Weite, denn diese Art der Reaktion ist mir suspekt. Manchmal, wenn etwas ansteht, was ich wirklich sehr gerne mache, dann werde ich ungeduldig. Laufe durch die Wohnung, schaue ständig auf die Uhr, doch die Zeit will nicht vergehen. Ich beschäftige mich damit, schaue mir Videos an, suche Hintergrundinfos und hoffe darauf, dass es endlich, endlich soweit ist. Und wenn die Zeit dann gekommen ist, mache ich die Sachen. Und finde es schade, wenn sie vorbei sind.

Manchmal passiert das auch bei kleinen Dingen: Ein Stoff, der sich lustig anfühlt, ein Stein, der schön aussieht, ein Vogel, der durch die Luft fliegt. Ich fasse die Sachen dann immer wieder an, fahre mit den Fingern die Konturen entlang, schaue dem Vogel nach, bis ich ihn nicht mehr sehen kann und suche den nächsten. Das sind Momente, in denen ich nicht zu denken brauche, alles andere unwichtig und zur Nebensache wird. Das, was andere unter „Freude“ verstehen, scheint das nicht zu sein. Und „Gernen“ gibt es eigentlich nicht. Vielleicht bin ich ja einfach auch ein freudloser Mensch?

 

Platon:

Ich habe auch Freude am Kochen, und vor allem am Essen. Ich trinke auch gerne Wein, oder Bier im Garten. Dann freue ich mich. Oder ich sitze einfach auf dem Boot, und trinke ein Bier. Und puhle Krabben. Ich sehe das Zaunkönig-Pärchen im Garten. Den brennenden Kamin. Gute Gespräche. Freunde. Freude pur. Am meistens freue ich mich auf meine Kinder, auf die gemeinsam verbrachte Zeit. Und auf die gemeinsaame Zeit mit Menschen, die mir sehr wichtig sind.  Ich freue mich, dass ich mich freuen kann. Und dass ich auch das Gegenteil von Freude empfinden kann. Freude ist für mich wichtig, rettet mich durch das Leben. Freude ist für mich das wichtigste Wort. Und die wichtigste Emotion.

Advertisements
 
6 Kommentare

Verfasst von - 12. Juli 2014 in Innenwelten

 

6 Antworten zu “Innenwelten – Freude

  1. steinerer

    12. Juli 2014 at 9:16

    Bin auf Sophies Seite.

     
  2. Ismael Kluever

    12. Juli 2014 at 10:26

    Regenbogenfarben!
    Heute morgen sah ich sie an einer Zimmertür. Die Sonne schien, ihr Licht brach sich in der Kante irgendeines schräggestellten Fensters und das Spektrum fiel auf die Tür im dunkeln Flur.
    Das passiert häufiger mal, aber ich freu mich immer wieder darüber!

    Ich freue mich über so vieles. Die scheinbar kleinen Endeckungen, wie das eben geschilderte. Große Naturschauspiele, die mich ganz tief in meinem Inneren berühren! Meeresbrandung am Steilufer, Nebel im Bergwald. Ich schaue gern Gewitterwolken zu, „verpasse“ eigentlich nie einen Regenbogen.
    Ich freue mich darüber, wie mein Sprössling seinen Lebensweg geht, Kontakte knüpft, von Erfolgen in der Ausbildung erzählt.
    Ich freue mich über klares Wasser aus der Leitung und über den zarten Dampf über der Teetasse. Über Geschenke, wo ich dem Schenkenden anmerke, dass er mein Wesen, meine Leidenschaften erkannt hat.
    Ja, ich kann mich sogar freuen, wenn mir jemand sein schreckliches Leben erzählt. Freude natürlich nicht an dem Leid, aber am Vertrauen, dass er mir schenkt.

    Manchmal sieht man es mir an, wenn ich mich freue.
    Manchmal sage ich es.
    Manchmal freue ich mich nach innen.
    Und manchmal rührt mich Freude zu Tränen.

     
  3. unicorn1963

    12. Juli 2014 at 10:38

    Freude ist für mich ein innerliches warmes Gefühl, manchmal teile ich dieses, aber oft behalte ich sie bei mir, bei mir weil so bald ich sie erklären, zeigen, benennen soll ist es nicht mehr das gleiche, weil sie anscheinend von Anderen gewertet wird.

     
  4. Kakerlake

    14. Juli 2014 at 23:43

    Freude… Geschenke….
    Das finde ich ein ganz schwieriges Thema.
    Ob ich „Freude“ empfinde kann ich nicht sagen. Es ist sehr schwer für mich meine Gefühle einzuordnen und zu benennen. Und ob das, was ICH als „Freude“ bezeichne auch das ist, was andere Menschen empfinden weiß ich schlichtweg nicht. Meine Freude äußert sich nicht im rumrennen, quietschen, Leuten um den Hals fallen. Bei mir findet das INNEN statt. Es ist ein warmes, weiches Gefühl, mein Körper entspannt sich dabei und ich glaube in diesem Moment vom Leben beschenkt worden zu sein. Und zwar in der RICHTIGEN Weise beschenkt worden zu sein. Ich fühle mich dann bereichert. Diese Bereicherung teile ich nur mit Menschen, denen ich vertraue. Von denen ich weiß, dass sie mich wertschätzen.
    Denn mir geht es wie Unicorn1963, wenn ich es erst erklären soll, ist es nicht mehr dasselbe. Ich behalte es für mich…und freue mich dann in ungestörten Momenten darüber. Ich glaube sogar dann ein Lächeln im Gesicht zu haben. Jedenfalls fühlt es sich so an.
    Ob dem wirklich so ist, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, denn häufig wird mein Gesichtsausdruck fehlinterpretiert.
    Freude empfinde ich über ähnliche Dinge oder Begebenheiten wie Ismael Kluever. Die Sonne auf meiner Haut, ein Regenbogen, das Singen der Amseln in der Morgen- und Abenddämmerung, der Anblick eines Vogels, der Nebel im Herbst und der erdige Duft des Waldbodens, das Erwachen der Pflanzen im Frühling, die Gegenwart eines scheuen Tieres, das Geräusch wehender Fahnen, das schwappende Wasser am Schiffsrumpf, der Geschmack von süßem Milchkaffee, die Ruhe einer Schneelandschaft, der Anblick von Polarlichtern, oder einer Sonnenfinsternis, das Gefühl der (für mich perfekten) Außentemperatur von 23°C, das gleichmäßige schlagen des eigenen Herzens zu spüren, und das Gefühl im absoluten Gleichgewicht zu laufen…. Oder wenn ich etwas neu Erlerntes richtig anwende, mir etwas zum ersten Mal gelingt.
    Über all das freue ich mich. Glaube ich zumindest. Vielleicht ist es auch Dankbarkeit, die ich in solchen Augenblicken empfinde.
    Vor drei Jahren erklärte mir mein Therapeut, Dankbarkeit sei ein Gefühl. Ich war völlig überrascht…das hatte ich nicht gewusst.
    Was nicht heißt, dass ich es vielleicht nie empfunden habe.
    Ich konnte es nur nicht benennen. Und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob es nun Freude oder Dankbarkeit ist, die ich empfinde.
    Geschenke…ein ganz heikles Thema. Damit ist für mich auch die „Angemessenheit“ verbunden…die ich bis heute nicht hin kriege.
    Grundsätzlich ist es sehr schwer mir etwas zu schenken, denn ich habe sehr genaue Vorstellungen davon, was ich brauche. Und was ich nicht brauche(n kann), möchte ich nicht haben.
    Aber das dürfte einigen nicht unbekannt sein. Da bekommt man immer wieder Geschenke, mit denen man nichts anzufangen weiß…z.B. Deko Gegenstände….
    Aber die bekomme ich zum Glück nur noch ganz selten. Wenn ich mir etwas wünsche, dann habe ich mich damit bereits auseinander gesetzt, mir Informationen geholt und das für mich passende ausgesucht. Wenn ich dann etwas „ähnliches“ bekomme, ist das sehr schwierig für mich. Ich gebe es dann in der Regel zurück.
    Aber selbst wenn ich genau das bekomme, was ich haben wollte, so darf es keine Überraschung für mich sein. Denn mit Überraschungen, selbst positiver Art, kann ich einfach nicht umgehen. Mir ist es am liebsten, wenn man mich vorher fragt, bevor man mir etwas schenkt…und es mir dann zu schickt. Dann kann ich nämlich meine „Freude“ schriftlich formulieren. Was mir weit besser gelingt, als sie zu zeigen.
    Geschenke und Angemessenheit.
    Wenn ich jemanden etwas schenke, dann habe ich mich vorher genau erkundigt, was derjenige benötigt und sich wünscht. Mir ist es aber immer wieder passiert, dass die Leute mein Geschenk dann aber trotzdem nicht haben wollen, weil es „unangemessen“ ist.
    Ich habe das immer noch nicht verstanden und dachte immer, wenn sich jemand etwas wünscht, dann möchte er es auch bekommen. Doch scheint das nicht so ohne weiteres zu zutreffen.
    Es gibt auch Geschenke, die sich Menschen gegenseitig zukommen lassen…für eine Hilfeleistung, die ein anderer ihnen erwiesen hat.
    Offenbar funktioniert es nicht, wenn man sich gegenseitig hilft. Nein, es müssen wohl immer Gaben mit im Spiel sein.
    Seit Jahren helfe ich anderen Leuten im Pferdestall bei der Versorgung ihrer Pferde, falls sie selbst verhindert sind. Ich halte das für selbstverständlich, helfe gern und erwarte im Gegenzug ebenfalls Hilfe bei der Versorgung meines eigenen Pferdes, falls ich mal verhindert sein sollte. So weit so gut. Nun bekomme ich von den Menschen dafür immer wieder kleine Geschenke, in Form von Nussschokolade (die ich nicht mag und umgehend zurückgebe), oder selbst gebrannten Alkohol (den ich ebenfalls zurück gebe), oder Schnapspralinen (die ich zurück….), oder, oder, oder….
    Als ich schließlich Hilfe bei meinem eigenen Pferd brauchte, wurde es für mich zunehmend schwieriger Jemanden zu finden, der das für mich tat…bis mir schließlich Niemand mehr helfen wollte. Ich kam zu dem Schluss, dass es wohl an diesen Geschenken liegen müss, die ich anderen nie gegeben hatte…
    Schließlich erklärte sich doch noch eine Frau bereit, mich für einen Tag zu vertreten….und ich stellte ihr dafür drei Pfirsiche in den Schrank (denn ich hatte sie immer wieder Pfirsiche essen sehen).
    (Und nebenbei war ich unglaublich stolz auf mich, diesen Lernschritt gemacht zu haben).
    Als wir uns das nächste Mal sahen, sagte diese Frau: „Das wäre doch nicht nötig gewesen!“
    Mich macht das wirklich ratlos…denn eigentlich hätte sie mir nun die Pfirsiche zurück geben müssen.
    Hat sie sich nun über die Pfirsiche gefreut? Oder nicht? Oder war das wieder unangemessen? Oder ist „Das wäre doch nicht nötig gewesen“ nur eine andere Formulierung für „Danke“?
    Ich nehme es fast an….und werde ab sofort einfach das tun, was alle anderen auch tun….jeder bekommt etwas von mir, wenn er etwas für mich getan hat.
    Und ich habe auch schon einen Plan, wo ich diese Gaben herbekomme…ich werde einfach alles sammeln, was ich in Zukunft von anderen bekomme und dann weiter verschenken! Damit sollte sich dann auch das Thema der Unangemessenheit erledigt haben…
    Kakerlake

     
  5. Anita

    16. Juli 2014 at 10:20

    Freude ist bei mir eine Art von Zufriedenheit. Und Dankbarkeit. Manchmal auch Erleichterung.
    Dies nach außen zu tragen, macht es oft kaputt!
    Erkennen können es nur die Menschen, die mich sehr gut „lesen“ können.
    So richtig tief und für viele nach außen sichtbar / erkennbar, habe ich mich bei der Geburt meiner Kinder gefreut! Wirkte dann allerdings auch schnell (nach außen) rational!
    Ebenso ist es mit Trauer.
    Ich trauere, ich freue mich, aber von außen besehen wirkt es eben rational.
    Sophie, Dein „gernen“ betrachte ich durchaus als tiefe Freude!! Nur das Du diesen Begriff „Freude“ mit der hemmungslos nach außen getragenen „Freude“ anderer Menschen versuchst überein zu bringen. Es gibt aber keine Schablone, wie Freude dargestellt oder ausgelebt gehört.

     
  6. kiwigirl

    7. August 2014 at 20:26

    freude bei geschenken an geburtstag, abschlüssen oder weihnachten, ist für mich eine unwirkliche, künstliche atmosphäre, ich beobachte diese situationen von oben wie ein vogel und fühle mich nicht dazu gehörig, verhalte mich ganz anders, als die anderen.
    mir fällt es generell schwer, so wie ich es empfinde, auf kommando fröhlich zu sein, oder mich auf kommando zu freuen.
    freude ist für mich etwas das spontan passiert, nicht geplant. ich freue mich über kleine dinge, die unverhofft einkehren.
    häufig überkommt mich auch freude und ich kann diese nur sehr schwer zügeln, ich klatsche in die hände, fahre immer wieder über die stelle der freude oder springe in die luft.
    ein eher kindliches freuen, nehme ich an.
    geschenke verschenke ich lieber, wenn mir danach ist und wenn ich etwas sehe, von dem ich weiß, dass ein anderer sich darüber freut oder das er es schon lange haben wollte.

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: