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Innenwelten – In den Köpfen der Anderen

09 Jul

Sophie:

Die Situation kenne ich zu Genüge: Da trifft man eine andere Person, erzählt vielleicht etwas und erntet nur Ratlosigkeit. Weil der Andere so gar nicht weiß, was es mit dem Erzählten auf sich hat. Der Zusammenhang fehlt. In der nachträglichen Analyse geht mir dann auf: der Fehler lag bei mir. Ich habe meinem Gegenüber vorab bereits Informationen unterstellt, die es gar nicht haben konnte. Der dahinterliegende Gedankengang: Ich weiß es, also weißt du es auch. Dass das mitnichten der Fall ist, weiß ich zwischenzeitlich. Trotzdem falle ich immer wieder darauf herein. Was in meinem Kopf existiert, ist für mich so real, dass ich im Traum nicht daran denke, dass andere Menschen davon gar nichts wissen oder sich vielleicht auch gar nicht dafür interessieren.

Platon:

Ich mache mir wahrscheinlich zu viele Gedanken darüber, was andere gerade denken. Meistens, wenn ich mit Menschen in Kontakt trete, versuche ich einzuschätzen, wie ich gerade auf die anderen wirke. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Durch mein Verhalten möchte ich den anderen signalisieren, wie sie auf mich wirken. In aller Regel versuche ich das für alle Beteiligten positiv zu gestalten. Kurz gesagt: Was denkt der andere was ich gerade über ihn denke. Und was denke ich was der andere gerade über mich denkt. Und das blitzschnell und intuitiv in fast allen sozialen Situationen. Theory of mind.

Sophie:

Wahrscheinlich wäre das kein Problem, wenn andere Menschen nicht offenbar ein intuitives Gespür für die Absichten ihrer Mitmenschen hätten. Und auch eines für die Menschen, denen eben dieses Gespür fehlt. In der Praxis bedeutet das leider vor allem eines: Eine quasi unbelehrbare Naivität. Auf die Idee, dass jemand etwas nur sagt oder macht (auch wenn es nicht der Wahrheit entsprich), um mich zu einer bestimmten Reaktion zu bringen, komme ich gar nicht. Bis mich jemand darauf hinweist. Vielleicht.

Und es ist auch eine Quelle vieler Missverständnisse. Viele Informationen teile ich nicht. Nicht, weil ich sie verheimlichen möchte. Sondern weil niemand danach fragt. Wenn ich nicht darüber nachdenke, laufe ich regelmäßig in diese Falle. Weil mir überhaupt nicht auffällt, dass andere Menschen nichts fragen können, wovon sie nichts wissen. Und mein Schweigen wird dann gerne als „Verschweigen“ ausgelegt. Ich hingegen glaube bis zu dem Punkt, dass einfach kein Interesse besteht. Ein einfaches Beispiel: Habe ich ein Buch gelesen, das ich für gut befunden habe, teile ich diese Information erst einmal nicht mit. Schließlich fragt mich niemand und ich möchte mich nicht aufdrängen. Der Gedanke, dass niemand weiß, dass ich dieses Buch gelesen habe, kommt mir gar nicht. Und dass aufgrund dieses Nicht-Wissens keine Frage kommen KANN. Schließlich weiß ich ja, dass ich das Buch im Regal stehen habe und ich meine dabei aus welchem Grund auch immer, dass dieses Wissen dann auch anderen Menschen zuteil ist. Und was in diesem kleinen Beispiel vielleicht noch banal klingt, kann in der Praxis durchaus zu einem richtigen Problem werden. Denn nach der Quelle des Missverständnisses fragt kaum jemand.

Platon:

Ständig laufen bei mir Programme, die versuchen einzuschätzen, wie eine Person sich fühlt und die sie umgebende Welt wahrnimmt und bewertet. Stimmungsschwankungen bemerke ich recht sicher. Beziehungskonstellationen in Menschgruppen bleiben mir selten verborgen. Manchmal denke ich, dass ich mich dadurch zu sehr ausbremse, zu sehr auf andere, zu wenig auf mich konzentriere. Und mich zu selten mit meinen eigenen Belangen durchsetze.

Ich versuche, die Überzeugungen, die Werthaltungen und die Absichten meiner Mitmenschen zu erkennen und ihr Verhalten daran zu ergründen. Die Welt aus der Sicht meines Gegenübers zu sehen, und somit auch seine Handlungen zu verstehen. Ich bin oft selbst verwundert, wie treffsicher mir das hin und wieder offenbar gelingt. Habe ich dadurch einen Vorteil? Keine Ahnung. Ich mache das auch nicht bewußt. Ich kann wohl nicht anders. Immer denken, was die anderen über mich denken, was ich über sie denke, was hin und her gedacht oder nicht gedacht wird. Ich habe festgestellt, dass ich am wenigsten „gut kann“ mit Menschen, die sich nicht für die Gedanken der Mitmenschen interessieren.

 

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6 Kommentare

Verfasst von - 9. Juli 2014 in Alltägliches, Innenwelten

 

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6 Antworten zu “Innenwelten – In den Köpfen der Anderen

  1. Ismael Kluever

    9. Juli 2014 at 10:09

    Es kommt übrigens auch bei neurotypischen Menschen vor, dass sie an etwas *denken* und dann voraussetzen, man wüsste es oder man kennte den Zusammenhang. Auf die Nachfrage kommt dann oft die Antwort „Das habe ich dir doch gesagt!“ – „Nein, das hast du mir nicht *gesagt*, du hast es nur intensiv *gedacht*!“ 😀
    Besonders bei manchen etwas sprunghaften Damen muss ich gelegentlich mal nachfragen, über welches Thema sie denn gerade mit mir reden! 😉

    Wenn das intuitive Gespür für die Absichten des Anderen fehlen, dann kann das sowohl ein Risiko wie auch eine Chance sein.

    Ein Risiko dann, wenn böse Absichten nicht rechtzeitig erkannt werden. Ich gehe mal davon aus, dass Autisten wegen dieser Problematik weitaus öfter von Mobbing (nicht nur wegen ihres Andersseins, sondern der Schwäche, die Heimtücke anderer zu erkennen), von Ausbeutung und von Missbrauch betroffen sind. Ich bin mal gespannt, was die Fachleute dazu meinen.

    Aber es kann auch eine Chance sein, jemandem unbefangen und ohne Vorurteile zu begegnen. Ich erlebe es bei einigen Zeitgenossen, dass ihnen die Überlegung, was jemand mit dieser oder jener Handlung, Äußerung oder Geste denn nun „meint“, einem offenen und entspannten Umgang mit den Mitmenschen im Wege steht. „Der Arbeitskollege XY hat mich heute Morgen nicht mit Handschlag begüßt. Was hat er nur gegen mich?!“ Und schon geht das Grübeln los! – „Ach, vielleicht war er nur in Eile.“

     
  2. Anita

    9. Juli 2014 at 12:10

    Zitat Sophie: Und es ist auch eine Quelle vieler Missverständnisse. Viele Informationen teile ich nicht. Nicht, weil ich sie verheimlichen möchte. Sondern weil niemand danach fragt. Wenn ich nicht darüber nachdenke, laufe ich regelmäßig in diese Falle. Weil mir überhaupt nicht auffällt, dass andere Menschen nichts fragen können, wovon sie nichts wissen. Und mein Schweigen wird dann gerne als “Verschweigen” ausgelegt. Ich hingegen glaube bis zu dem Punkt, dass einfach kein Interesse besteht.
    Ein sehr stark zu berücksichtigender Faktor!!
    Im normalen Kontext kommen die Wenigsten auf die Idee, nachzufragen. Außer, sie haben gesteigertes Interesse an der einzelnen, jeweiligen Person. Und selbst dann ist es keine Selbstverständlichkeit!
    Aber, wenn ich jetzt von mir ausgehe, bei Menschen, die ich nicht zu “lesen” vermag, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, verstehe ich Nachfragen für irgendwas leider auch schon mal als Provokation.
    Oder die Fragen stürzen mich ins Gedankenkarussell. Ich habe leider einen guten Teil der Naivität verloren.

     
    • Ismael Kluever

      9. Juli 2014 at 12:29

      Liebe Anita,
      gerade dieses wertfreie(!) Nachfragen ist eune so gute Möglichkeit, einander -und besonders die gegenseitige Denk- und Wahrnehmungsweise! – kennenzulernen.
      Es ist mühsam. Aber wenn sich beide Seiten darauf einlassen, ist es wunderschön und führt zu guten Ergebnissen!

       
  3. Mueller8de

    12. Juli 2014 at 11:44

    Was für ein unangenehmes Thema! Ich habe mich irgendwann entschlossen, von der guten Absicht auszugehen, bis mir das Gegenteil „bewiesen“ wird. Danach ist nichts mehr zu retten, denn ich habe einfach keine Lust mich ständig zu fragen, wie das jetzt wohl gemeint war. Und den anderen zu fragen erfordert jenes Vertrauen, das kurz zuvor zerstört wurde.
    Ich habe Jahre damit verbracht, dieses Täuschen und Lügen zu lernen und kann es ganz gut. Es macht nur einfach keinerlei Spaß und erhöht den inneren Druck, bis ich wieder ausbreche und die jeweiligen Kontakte abbreche, weil ich damit nicht leben will.
    Allein geht es mir besser und ich bin in der glücklichen Lage, mir das auch „leisten“ zu können und mich nicht einsam oder allein zu fühlen.

     
  4. Johne398

    24. Juli 2014 at 21:48

    Thanks for the post.Really looking forward to read more. Will read on deakdggdbaee

     
  5. kiwigirl

    7. August 2014 at 20:12

    ich kann beispielsweise ironie oder sarkasmus sehr schlecht erkennen, ich verstehe die art des witzes oft nicht oder zu spät.
    auch fällt es mir sehr schwer, zu sehen, wie es jemandem geht, außer die gefühle und emotionen sind sehr intensiv und klar.
    wenn aber jemand lacht, aber eigentlich traurig ist, oder leise und ruhig spricht, obwohl er absolut wütend ist, fällt mir das leider weniger auf.
    ebenso kann ich oft schlecht abschätzen, ob der andere durch meine ehrlichkeit entgeistert oder verletzt ist, wenn dies von ihm nicht verbal mitgeteilt wird.
    auch wenn andere vielleicht ihre ruhe brauchen, kann ich das nur sehr schwer erahnen, ich bin jedoch ganz und gar nicht sauer, wenn mir jemand dies klar mitteilt, eher dankbar.
    zudem fällt es mir außerordentlich schwer abzuschätzen, wie jemand für mich fühlt, es verwundert mich oft, wie andere menschen dies so genau spüren, obwohl sie sich dies nicht immer wieder mitteilen.
    ich habe jedoch beobachtet, dass es bei mir persönlich zumindest, erfolgversprechend ist, ganz klar nachzufragen und meine emotionen verbal mitzuteilen.
    dies führt zumindest bei mir, zu weniger missverständnissen, mehr verständnis und rücksicht anderer, aber eben auch dazu, dass ich nicht vergesse, dass auch andere schwierigkeiten haben und ich auf diese schließlich besser eingehen kann.

     

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