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Innenwelten – Routinen

05 Jul

Sophie:

Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich höre, dass Menschen etwas machen, ohne darüber nachzudenken und sich nachher sogar nicht mehr daran erinnern können. Damit meine ich nicht, dass sie es nach einer Stunde schlicht vergessen haben, sondern die Tatsache, dass sie genau im Anschluss an ihre Handlung nicht mehr wissen, was sie gerade gemacht haben.

In meinem Tagesablauf habe ich bestimmte Dinge so eingerichtet, dass ich sie immer wiederhole und sie stetig gleich ablaufen. Ich mag das, weil ich dabei weniger denken und planen muss. Ich weiß, welcher Schritt als nächstes kommt, sehe ihn direkt schon vor meinem geistigen Auge und kann in Sekundenschnelle mehrere Handlungssequenzen im Voraus denken. Neue Handlungsabfolgen muss ich ins Detail zerlegen und manchmal wollen dann meine Hände nicht so, wie ich es will und es klappt nicht gleich. Dann brauche ich länger, muss vielleicht etwas anderes probieren. Hier ist der Konzentrationsaufwand weit größer als bei meinen täglichen Routinen, bei denen ich zwar trotzdem denke, aber nicht so ein Maß an Konzentration brauche.

Platon:

Ich steige ins Auto und fahre los. Ich denke keine Sekunde über die Position oder Bewegungsabfolge meiner Gliedmaßen nach. Ich mache das Radio an, schaue durch die Gegend und vertiefe mich in Gedanken, die nichts mit dem Autofahren und der Fahrstrecke zu tun haben. Ich mache das alles automatisch. Intuitiv. Ohne darüber nachzudenken. Es entspannt mich. Ich kann mich sogar in Tagträume flüchten. Alle visuellen, akustischen und taktilen Reize werden offenbar von einem im Unterbewußten laufenden Prozessor verarbeitet und für das Autofahren ausgewertet. Solange alles planmäßig läuft, bin ich in einer anderen Gedankenwelt, sobald irgendetwas unerwartetes passiert – ein Vogel auf der Straße, ein unpassendes Geräusch oder eine unerklärliche Vibration – bin ich blitzschnell wieder im Modus Autofahren. Etwas später schalte ich meistens wieder nahtlos um in den Gedankenmodus.

So geht es mir mit vielen Situationen: Spazierengehen, Joggen, Fahrradfahren, Angeln, Segeln, usw. Mein Körper agiert meistens automatisch. Es sei denn, etwas ist deutlich anders als sonst. Ich kann sogar Gespräche führen, und gleichzeitig gedanklich in eine Parallelwelt abdriften. Oder ganze Buchseiten lesen, und dabei an ganz andere Dinge denken. Dann muss ich aber meistens die Seiten erneut lesen, weil nicht viel hängen geblieben ist.

Sophie:

Manchmal glaube ich, dass ich nur auf einer Spur denke und agiere. Und wenn diese Spur zu sehr mit Gedanken belegt ist, scheitern die Bewegungen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn ich nicht klar und bewusst die Anweisung „Hand zum Lichtschalter“ gebe, dann bleibt es dunkel. Das Licht anmachen und dabei daran denken, dass ich noch die Wäsche waschen muss, funktioniert gleichzeitig nicht. Und ganz verrückt finde ich, dass es Leute gibt, die behaupten, dass sie „nicht“ denken. Das kenne ich nicht. Ich denke immer. Mal Schönes, mal weniger Schönes, aber ein „Nichts“ gab es noch nie. Und wenn ich mich auf die Bewegung konzentriere, dann ist die Kapazität für ein „Gespräch nebenher“ unter Umständen schon belegt.

Wenn ich doch mal gedanklich abgleite (wobei ich dabei immer noch denke), dann unterbreche ich auch die Bewegung, die ich gerade mache. So, als wäre die Energie aus dem Bewegungsapparat abgezogen und werde nun an anderer Stelle gebraucht. Selbst einfaches Geradeauslaufen klappt dann nicht mehr – ich bleibe einfach stehen. In dem Fall vergesse ich dann aber wirklich alles, selbst der Satz, den ich gerade noch sagen wollte, der bricht dann -…

Platon:

Ich wage zu behaupten, dass ich zu 95 Prozent am Tag meine Körperbewegungen nicht bewußt steuer. Vermutlich sind es 99 Prozent. Meine Gedanken und Kognitionen allerdings wähle ich meistens bewußt. Ich komme zwar von Höckschen auf Stöckschen, bin aber zumeist in bewußter Steuerung meiner Gedanken, kann beliebig umschwenken, lasse gerne aber auch meine Gedanken frei schweifen oder fast ganz verschwinden. Das entspannt mich.

Bei Sophie scheint alles umgekehrt zu sein. Ihre Gedanken führen offenbar ein Eigenleben, sind von ihr oft nicht bewußt zu kontrollieren. Ihren Körper hingegen kann sie nur bewußt und konzentriert steuern. Es gibt keine verborgenen Prozessoren, die ganze Bewegungsabläufe und Routineprozesse unbewußt steuern. Wie schon so oft denke ich: verkehrte Welt.

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5 Kommentare

Verfasst von - 5. Juli 2014 in Innenwelten

 

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5 Antworten zu “Innenwelten – Routinen

  1. Anita

    5. Juli 2014 at 13:16

    Zitat Platon: ” Ich kann sogar Gespräche führen, und gleichzeitig gedanklich in eine Parallelwelt abdriften.”
    Wie geht das???
    Entweder ich bin voll im Gespräch, oder ich denke. Denke ich, kann ich gar nicht oder nur Bruchstücke hören.
    Deswegen habe ich viele Gespräche, die sehr wichtig sind, so oft “durchgespielt”, dass ich meistens auf Eventualitäten vorbereitet bin. Aber wenn ich zu sehr denke im Gespräch, dann drifte ich weg.
    Es gibt durchaus bei mir automatisierte Prozesse, wo ich nicht darüber nachdenke, aber stört mich jemand in dem Prozess (der “irgendwie” unbemerkt abläuft), dann muss ich den Prozess in allen Einzelheiten gedanklich nachprüfen um nichts zu vergessen. Ansonsten überfällt mich eine wahnsinnige Unruhe!
    Du kennst es vielleicht, dass man, wenn man etwas vergessen hat (wo liegt der Schlüssel) an den Punkt zurückgeht, wo man noch sicher ist, dass man ihn hatte; und dann die einzelnen Schritte wiederholt.
    Bei mir betrifft es aber auch das Kaffeekochen, den Kühlschrank einräumen, die Waschmaschine starten und das Bett beziehen.
    Das Denken ausschalten, tja das funktioniert eigentlich nur beim Lesen. zB ein Buch, dann lese ich so, dass ich neben den Figuren stehe, Wort für Wort. Fällt mir allerdings bei der Lektüre etwas ein, dann muss ich das Lesen stoppen.

     
  2. Johannes Lewke

    5. Juli 2014 at 20:30

    Wenn bei mir der Tagesablauf durcheinander gebracht wird, kommt es auch vor, dass ich dann sogar die alltäglichsten Dinge vergesse. Einmal wurde mein Klavierunterricht von Donnerstag auf Montag verlegt, dadurch änderte sich der Tagesablauf, was dazu führte, dass ich abends die wöchentliche Chorprobe vergaß. Als es mir schließlich einfiel, war es schon zu spät und ich war dann so durch den Wind, dass ich selbst das Abendessen vergessen habe, was mir auch erst eingefallen ist, als ich schon im Bett lag.

     
  3. Forscher

    6. Juli 2014 at 17:29

    Auch die tägliche Arbeit kann eine Routine sein. Freizeit ist oft schwieriger auszuhalten, wenn sie nicht durchgeplant wurde. Das kann sehr belastend sein, wenn ein an sich freier Tag verstreicht, ohne, dass man sich zu irgendentwas aufraffen kann. Kommen dann plötzliche Veränderungen hinzu, die die Arbeitsroutine betreffen, ist das für Mitmenschen oft schwer verständlich. Plötzlich frei haben wirft den ganzen Plan durcheinander. Obwohl die gewonnene Freiheit ein Grund zur Freude sein sollte, bedeutet es neuerlich Planungsaufwand und dann bilden sich Gedankenschleifen, Zwangsgedanken. Entspannung sieht sicherlich anders aus.

     
    • dualessein

      8. Juli 2014 at 23:43

      Genau den Fall hatten wir vor einigen Tagen. Innerhalb weniger Stunden brach eine komplette Tagesplanung weg und übrig blieb freie Zeit. Und das war sicher weder lustig noch schön.

       
  4. leidenschaftlichwidersynnig

    8. Juli 2014 at 10:10

    Mein Kind sagte mal mit 15( ! ) zu mir: schaumal Mum, ich kann mit dem Rad um die Kurve fahren, ohne darüber nach zudenken……ich war total erstaunt, fuhr es doch schon jahrelang Rad.
    Anita: mir geht es eher wie Platon: lesen, reden…..und parallel was anders denken ( ist aber manchmal auch lästig und nicht immer effektiv)

     

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