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Innenwelten – Körperempfindung

02 Jul

Sophie:

Für mich unterscheide ich in Körperwahrnehmung und Körperempfinden. Ersteres ist für mich das, was ich von meinem Körper tatsächlich bewusst wahrnehme und steuern kann (oder eben auch nicht). Zweiteres geht eher in den Bereich der „von innen“ kommenden Eindrücke wie Hunger, Durst, Wärme und Kälte, Schmerz. Und wahrscheinlich gehört auch da alles rein, was Menschen meinen, wenn sie fragen, wie sich bestimmte Gefühle anfühlen. Ich muss da passen.

Es ist nicht so, dass ich keine Körperempfindungen habe. Vielmehr scheinen sie mir manchmal uneindeutig oder fehlgesteuert. Habe ich nun Hunger oder sollte ich doch eher auf Toilette? Um die Frage zu beantworten, checke ich ganz bewusst einzelne Parameter meines Körpers der Reihe nach durch, um zu schauen, was gerade anliegt. Bislang ging ich davon aus, dass das jeder Mensch so macht, meine Beschreibung löste beim Philosophen aber doch einiges an Erstaunen aus.

Platon:

Körperempfindungen sind ein wichtiger Bestandtteil vieler Therapieansätze. Entspannungstechniken, Achtsamkeitsübungen und Verfahren zur Beruhigung beruhen auf der Wahrnehmung aktueller Empfindungen: Wärme, Kälte, Kribbeln, Schmerz, Schwere, Schwindel, Druck etc. Die Empfindungen sind in aller Regel mit bestimmten Gefühlszuständen gekoppelt. Sophie ist es offenbar aber nur kaum möglich, derartige Empfindungen des Körpers differenziert wahrzunehmen. Ihr ist kalt, oder eben nicht. Unterschiedliche Kälte- oder Wärmegrade sind von ihr nicht bewußt zu unterscheiden. Und auch nur ganz schwer zu beschreiben.

Sophie:

Wärme und Kälte sind ebenfalls zwei Empfindungen, die sich in einem etwas abweichenden Spektrum bewegen zu scheinen. Der Bereich meiner „Wohlfühltemperatur“ ist nur recht eng gesteckt, dieses Empfinden beschreibe ich als „normal“. Darüber ist zu warm, darunter ist kalt. Allerdings habe ich kein Problem damit, einen Eisakku mehrere Minuten vollkommen unbeeindruckt in den Händen zu halten – gleiches gilt für heiße Dinge. Die trage ich absolut selbstverständlich durch die Gegend und kann regelmäßig beobachten, wie solche Dinge dann, wenn ich sie an andere Personen übergebe, durch den Raum fliegen, weil sie wohl doch „zu heiß“ sind. In der Regel begleitet von einem lauten „Sag mal, spinnst du? Das ist heiß, sag das doch!“ Tschuldigung. Hab ich nicht bemerkt…

Das Verrückte ist, dass diese Unterempfindlichkeiten gleichzeitig mit Überempfindlichkeiten auftreten können. So sind meine Hände beispielsweise nahezu temperaturunempfindlich, eine leichte Berührung in der Handinnenfläche mit einem kratzenden Gegenstand hingegen kann mich binnen Sekunden in den Wahnsinn treiben. Dann weiß ich gar nicht, wie und wo ich meine Hände in Sicherheit bringen soll, dieses Gefühl geht tatsächlich vom Nacken bis in die Füße. Und allein die Vorstellung reicht dafür schon aus.

Platon:

Typische Reaktionen des Körpers auf ein bestimmtes Ereignis, zum Beispiel Freude oder eine Schrecksituation, sind bei Sophie nicht wahrnehmbar oder nicht zuzuordnen. Irgendwie scheinen Körperempfinden und Gefühle ein voneinander unabhängiges Eigenleben zu führen. Vielleicht ist daher auch die Regulation von negativen Körperempfindungen und kognitiven Prozessen so schwierig. Vielleicht schaukeln sich deswegen sogar negative Prozesse gegenseitig auf.

Irgendwie scheinen also Körper und Geist getrennt zu sein. Der Körper zeigt Stresssymptome, die sie nicht als solche von ihr identifizieren lassen. Oder Sophie wird alles zuviel, ohne das der Körper ihr das ebenfalls entsprechend signalisiert. Für mich erscheint das wie ein Wirrwarr an eigenen Empfindungen einerseits und den dazugehörigen Gedanken andererseits. Wie fühlt sich beispielsweise Angst an, ohne die damit verbundenen Körperempfindungen zu spüren? Oder umgekehrt? Wie fühlt sich Freude an, ohne auch die entsprechenden Empfindungen des Körpers zu spüren? Ist es dann noch Freude? Oder ist es etwas, was man dann gerne macht, weil man ja positiv darüber denkt?

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2 Kommentare

Verfasst von - 2. Juli 2014 in Innenwelten

 

2 Antworten zu “Innenwelten – Körperempfindung

  1. Ismael Kluever

    2. Juli 2014 at 16:32

    Wenn ich Autisten frage, wie es ihnen geht, kommt oft die Antwort “Ich weiß nicht.”
    Und dann beginnen längere Erörterungen.
    Ich bin dann manchmal besorgt, weil ernstzunehmende Krankheitssymptome unbeachtet bleiben könnten.

     
  2. kiwigirl

    7. August 2014 at 9:24

    ich glaube die frage „wie gehts“ wird zu oft als begrüßungsfloskel verwendet, daher kann ich sie nur schwer ernst nehmen und wenn dann lasse ich mich nicht darauf ein zu schauspielern, sondern beantworte die frage ehrlich und gewissenhaft 😉
    beim arzt kann ich meine beschwerden nur sehr unzureichend erläutern und schildern und mein verhalten oder gestik und mimik sind unpassend, mir wird häufig unterstellt, ich habe gar nichts, weil ich schmerzen sehr gut ausblenden kann und ich keinen nutzen darin sehe zu jammern.

    ich frage mich gerade ob gefühlsblindheit, wenn es diese denn ist, so zu beschreiben ist wie ein permanenter overloadzustand bzw. gedankenkreis.
    ich kenne die probleme und schwierigkeiten nämlich genau aus diesem zustand. mir hilft es dann mir weniger zu verbieten, weil es komisch oder unnötig ist, weniger zu denken, sondern die dinge einfach zu machen und wie mir in einer beratungsstelle gesagt wurde, etwas völlig unübliches oder verrücktes zu tun.
    yoga oder dergleichen, fördern bei mir persönlich den stress zusätzlich, ich komme mir dann einfach blöde vor.

     

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