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Innenwelten – Körperwahrnehmung

28 Jun

Sophie:

Mein Körper und der ihn umgebende Raum, das sind zwei Faktoren, die nur sehr bedingt zueinander passen. Manchmal scheint mir sogar, dass hier zwei sich aufhebende physikalische Gesetzmäßigkeiten aufeinandertreffen – sehr zur Erheiterung meines Umfelds. Wenn ich die Augen schließe und benennen soll, wo sich meine Körperteile befinden, wird es ohne einen Referenzpunkt schwierig. Und ich warte nur auf den Tag, an dem mir in einer Alkoholkontrolle Betrunkenheit unterstellt wird, weil ich nur mit Mühe imstande mit, mit dem Zeigefinger blind meine Nasenspitze zu treffen oder sicher auf einem Streifen balancieren kann. Ich denke an die vielen blauen Flecken, die ich schon hatte, weil ich sicher war, dass ich an diesem Regal vorbeikomme, aber nicht bedacht habe, dass mein Körper breiter ist als mein Kopf.

Es kommt häufig vor, dass ich aufwache und dann erst einmal beginnen muss, meine einzelnen Körperteile gedanklich ausfindig zu machen, bevor ich aufstehen kann. Linke Hand, rechte Hand, linker Fuß, rechter Fuß. Fies wird es, wenn ich diese irgendwie in sich verknotet habe. Da braucht es dann doch erst einen visuellen Eindruck, damit nachher alles wieder an seinem Platz ist.

Platon:

Körperwahrnehmung ist ein zentraler Aspekt bei Sophie. Sie muss zum Beispiel ihre Hände sehen, um zu wissen, wo sie sind.  Ebenso hat sie kaum eine Wahrnehmung davon, welchen Gesichtsausdruck sie gerade hat. Auch der Gleichgewichtssinn ist problematisch, Fahrradfahren ist schwierig, in Kurven fast unmöglich. Interessannterweise kann sie aber mit Mopeds durch die Gegend düsen.

Sobald sie unter schweren Decken liegt, spürt sie die Begrenzung des eigenen Körpers zur Aussenwelt. Starker, gleichmäßiger Druck entspannt sie. Beide Körperhälften, also beispielsweise die rechte und die linke Hand, müssen beim Schnürsenkelbinden separat gesteuert werden. Intuitive Bewegungsabläufe sind kaum möglich. So habe ich sie und ihre Wahrnehmungsfähigkeiten verstanden. Für mich ist eine derartige Körperwahrnehmung unvorstellbar. Aber auch eine Erklärung für viele ihrer Verhaltensweisen. Dass sie sich nicht so gut beim Autofahren unterhalten kann, da sie permanent mit der Koordination ihrer Gliedmaßen beschäftigt ist und auch noch den Verkehr und die Bordinstrumente im Blick hat. Alles ganz bewußt gesteuert.

Sophie:

Ich kenne es nicht anders, für mich ist das vollkommen normal. Bislang ging ich davon aus, dass es auch anderen Menschen so geht. Und habe immer bewundert, mit welcher Effizienz und Sicherheit sie teils ihren Körper bewegt haben. Besonders auffallend war meine Form der Körperwahrnehmung im dunklen Kapitel „Schulsport“. Leider nicht im Positiven. Wusste ich, dass ich jetzt gleich einen Ball fangen muss, klappte das noch einigermaßen. Kam der Ball überraschend während eines Spieles, glotzte ich das fliegende Ding nur an – und bekam es ins Gesicht. Was mehr zur Erheiterung meiner Klassenkameraden beitrug, kann man sich sicher denken. Auch das unrühmliche Kapitel „Tanzen“ gehört in diese Kategorie. Allein eine Drehung, bei der der Kopf „immer auf der gleichen Stelle“ bleibt – ich habe nicht mal verstanden, was die eigentlich von mir wollen. Und rotierte mich regelmäßig in einen Drehwurm, stolperte über meine eigenen Füße und klatschte irgendwelchen Leuten meine Hände ins Gesicht, weil ich die gerade nicht mehr unter Kontrolle hatte. Bei Hochsprung war dann ein Punkt erreicht, an dem selbst meinen Lehrern eine gewisse Gefahr sahen. Ich war häufig so mit der Organisation der Beine beschäftigt (mit welchem Fuß muss man loslaufen, damit man exakt mit dem linken Fuß abspringen kann?), dass ich die Drehbewegung im Sprung und die entsprechende Körperhaltung gar nicht mehr hinbekam – und in aller Regel das komplette Gestell umgerissen habe. Künftig bestand meine Aufgabe dann im Wiederhinlegen der Stange für die anderen Schüler.

Der einzige Sport, den ich wirklich gut kann, ist Schwimmen. Das mich umgebende Wasser gibt mir ein genaues Feedback darüber, wo welcher Teil meines Körpers ist. Das Verletzungsrisiko ist minimal, denn Wasser hat keine Kanten. Und dank jahrelangem Training bin ich im Wasser so schnell, dass andere eventuelle Schwimmteilnehmer nahezu umgehend die Bahn räumen und einen Sicherheitsabstand einhalten.

Platon:

Ich würde gerne einmal so wie sie den eigenen Körper spüren wollen – oder besser gesagt: eben nicht spüren können. Nur für einen kurzen Moment. Dieses ganze Thema findet nach meiner Einschätzung viel zu wenig Beachtung bei Diagnostik und Therapie. Eigentlich unverständlich, da diese Prozesse doch eigentlich ganz gut überprüfbar und wiederholbar sind. Die mit Sophie bisher durchgeführten Achtsamkeitsübungen sind gleich gescheitert. Keine Wahrnehmung. Aber die von Neurobiologen gerne angeführte „Neuroplastizität“, also die Fähigkeit von Nervenzellen, sich selbst bis ins hohe Alter an sich ändernde Situationen anpassen zu können, könnte ja in speziellen Übungen genutzt werden. Um die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu verbessern.

Aber ist das  überhaupt erstrebenswert? Wäre das eine Hilfe für Sophie? Oder liegen die Ursachen für die oft fehlende Körperwahrnehmung ganz woanders? Ich habe den Eindruck, dass selbst Experten hier eher ratlos als wissend sind. Dass der Forschung noch ein gutes Stück Arbeit bevorsteht. Und dass Sophie ihren Körper ohnehin als Ballast empfindet, als eigentlich wertlose und oft störende Hülle. Wenn ich die Augen schließe, dann weiß ich genau, wo sich meine Hände und Füße befinden. Sophie nicht.

 

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8 Kommentare

Verfasst von - 28. Juni 2014 in Alltägliches, Innenwelten

 

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8 Antworten zu “Innenwelten – Körperwahrnehmung

  1. Johannes Lewke

    28. Juni 2014 at 9:18

    Das kommt mir auch alles sehr bekannt vor. Wenn ich beim Klavierunterricht eine Taste beispielsweise mit dem dritten Finger angreifen soll, muss ich erstmal sehen, wo der sich überhaupt befindet und wo er denn hin soll. Dementsprechend ist es für mich schwierig, spielen ohne auf die Klaviatur zu schauen.
    Der Sportunterricht in der Schule ist mir diesbezüglich auch noch gut in Erinnerung. Hochsprung, Langlauf oder Bälle fangen waren für mich eigentlich nie ein Problem, aber in Dingen wie Weitsprung (ich bin immer meine obligatorischen 2,60m gesprungen, während die anderen schon über 4,00m waren), Weitwurf oder Sprint war ich immer der schlechteste. Na ja, ich habe mir nie was draus gemacht und mich angestrengt, so gut es ging und mich mit dem Ergebnis abgefunden.

     
    • dualessein

      28. Juni 2014 at 9:35

      Von 2,6 Metern habe ich immer geträumt. Ich war froh, wenn ich wie ein nasser Sack überhaupt im Sand gelandet bin und nicht daneben. Und Bälle werfen – na ja. Das war noch schlimmer als mit dem Gesicht fangen. Bis heute habe ich auch den Unterschied zwischen Werfen und Kugelstoßen nicht verstanden. Und von Entfernungen fange ich lieber gar nicht an.

      Das mit den Klaviertasten kenne ich auch. Als potentielles Musikinstrument käme bei mir wohl nur ein Xylophon in Frage. Am PC klappt es aber zwischenzeitlich sehr gut, da kann ich – zumindest an meinem eigenen PC – blind schreiben.

       
  2. Ismael Kluever

    28. Juni 2014 at 10:04

    Liebe Sophie,
    mein tiefstes Mitempfinden für die Situationen im Sport! Deine Schilderung des Hochsprunges hätte von mir sein können! 😉 Wobei bei mir noch hinzu kam, dass ich viele Übungen als widersinnig empfand. Z. B. sich beim Hochsprung mit dem Rücken zur Latte drehen zu müssen. Ich glaube, das nannte sich „Flop“, meine Leistungen waren dementsprechend auch ein „Flop“! Und,- warum überhaupt drüberspringen, wenn man doch drum herum gehen kann?

    Vor einem auf mich zufliegenden Gegenstand ging ich instinktiv in Deckung. Das konnte der Sportlehrer, der mit uns Kopfball üben wollte, überhaupt nicht begreifen. 😀

    Allerdings habe ich diese Probleme auch im Wasser. Wie man mit den Beinen beim Kraulen einen Vortrieb erzeugt, ist mir zeitlebens schleierhaft geblieben. Mal davon abgesehen, dass ich die Atmosphäre in Schwimmbädern unangenehm finde und dass Wasser irgendwie schrecklich nass ist! 😀

     
  3. Forscher

    28. Juni 2014 at 22:43

    Die Schilderungen im Schulsport kommen mir bekannt vor, wobei sich die Koordinationsstörung auch aufs Schwimmen auswirkte. Ich konnte nicht synchron Arme und Beine bewegen, deswegen ging Kraulen nie, selbst Brustschwimmen sah eher unorthodox aus. In Weit/Hochsprung hab ich das auch nie mit dem richtigen Zeitpunkt geschafft, wann ich abspringen musste.

    Und auch das mit dem Autofahren ging mir genauso:

    „Dass sie sich nicht so gut beim Autofahren unterhalten kann, da sie permanent mit der Koordination ihrer Gliedmaßen beschäftigt ist und auch noch den Verkehr und die Bordinstrumente im Blick hat“

    Und wenn jemand jemanden unter dem Tisch mit den Füßen (unabsichtlich) tritt, bin das meistens ich. Oder beim Laufen dem anderen in die Hacken tritt oder sich in die Hacken treten lässt, weil ich asynchron gehe. Nur das mit dem Gleichgewicht besserte sich. Ich lernte erst mit 9 Jahren Radfahren, seitdem aber unterbrochen damit unterwegs. Gegen allgemeine Unbeholfenheit, Gleichgewichtsprobleme und für die Körperwahrnehmung hat mir Klettern geholfen (bouldern in der Halle). Auch die anfangs extreme Höhenangst wurde dadurch besser.

     
    • dualessein

      28. Juni 2014 at 23:09

      Ah – das mit den Tritten unter dem Tisch könnte auch ich sein. Ich bin dann immer überrascht, wie weit meine Füße doch weg sind. Klettern habe ich nur wenige Male versucht, aber es hat Ähnlichkeit mit einem Sack Hafer auf Halbmast… was hingegen sehr gut geht, sind diese festen Kletterstangen. Da hing ich dann irgendwann zum Entsetzen meines Sportlehrers unter der Hallendecke.

       
  4. Anita

    29. Juni 2014 at 9:46

    „Ecken rund laufen“, da bin ich auch heute noch „prima“ drin.
    Schränke, Türen oder Türrahmen „springen“ einfach in meinen Weg. 😆

    Radfahren und Autofahren sind insofern einfacher, weil ich nicht mich beachte, sondern das Gerät, dass ich bewege. Beim Auto wird es dann schwierig, wenn ich in ein unbekanntes Auto steige. Die Bewegungsabläufe sind nicht in der selber Reihenfolge. Als ich ein neues Auto kaufen musste (hatte meinen „Alten“ 13 Jahre lang) war das wichtigste Entscheidungskriterium, dass die Instrumente sich ungefähr an der selben Stelle befinden mussten. Diese Auto fahre ich jetzt soch wieder über lange Jahre. Und trotzdem spielt mir ab und zu das Gehirn einen Streich und ich möchte einen Schalter bedienen, der gar nicht da ist.
    Ständige Wechsel der Fahrzeuge sind für mich ein Graus.

    Und Schulsport, böses Thema …….. Stufenbarren, Ringe Schwebebalken ….. ich kannte im Kopf jeden Bewegungsablauf, aber umsetzen kann ich es nicht. Gesehen war alles folgerichtig, was andere taten aber ich konnte noch nicht mal das Bein über den Holm bringen. Ebenso schwierig, Handstand und Radschlagen. Geht nicht.

    Zitat Palton: „Ich würde gerne einmal so wie sie den eigenen Körper spüren wollen – oder besser gesagt: eben nicht spüren können. Nur für einen kurzen Moment. “

    Das würde eine sehr anstrengende Zeit sein. Aber versuchen könntest Du es mit einem Fatsuit und einer Trunkenheitsbrille, den Zustand künstlich zumindest erahnen zu lassen. Auch dicke Handschuhe für den Tastsinn zu beeinträchtigen sind hier sinnvoll. Manche „Aufklärer“ nutzen dies, um in Schulen das „andere“ Empfinden begreifbar zu machen.

     
  5. Forscher

    30. Juni 2014 at 10:50

    Zu dem “anderen beim Laufen in die Haxen treten” hab ich jetzt auch was gefunden, Tony Attwood schreibt nämlich im “The Complete Guide to Asperger’s syndrome”, dass Aspies eher dazu neigen, asynchron mitzulaufen. NTs passen sich oft einander an beim Gehtempo. Ich kann auch nicht langsam gehen, bin immer zu schnell, deswegen die *Unfälle*.

     
  6. kiwigirl

    7. August 2014 at 9:11

    ich bin mir zwar bewusst wo meine hände und füße sich befinden, auch ohne sie ansehen zu müssen, aber ich kenne einige der oben genannten schilderungen auch sehr gut.
    schulsport, war für mich ein graus, ich mag es einfach nicht, wenn man mich berührt oder mich mit dingen bewirft, wie beispielsweise beim völkerball, ich begreife den sinn dahinter einfach in keinsterweise. weil ich mich also geweigert habe, aktiv mitzuspielen, da ich darin keinerlei sinn erkennen konnte, habe ich auch häufig den ball ins gesicht oder gegen den kopf bekommen.
    auch tanzen ist sehr problematisch, ich konnte mir die tanzschritte einfach gar nicht einprägen und habe mich immer gefragt, wie die anderen sich das merken können, so ganz ohne spiegel.
    in sportarten wie weitsprung, schwimmen, skaten, snowboarden oder laufen, war ich jedoch einigermaßen gut, würde ich schätzen. vor allem die ballsportarten gelingen mir weniger.
    beim autofahren gelingt es mir aber auch kaum eine unterhaltung zu führen, erst recht nicht, wenn ich die strecke nicht kenne, es macht mich nervös wenn ich mit einem fremden auto fahren muss und am liebsten fahre ich alleine, da mitfahrer mich zu stark ablenken.
    mir fällt es zudem sehr schwer, bei hohen geschwindigkeiten, abzuschätzen ob die lücke groß genug ist, damit ich es zeitlich schaffe diese zu nutzen.
    dies fällt mir auch beim fahrrad fahren oder auch beim zu fuss gehen auf, es ist ein bisschen wie bei jüngeren kindern, die die geschwindigkeiten oft noch fehleinschätzen.
    auch bei gymnastik oder warmlaufen ist mir auch mehrfach aufgefallen, dass ich die falsche seite verwende oder in die falsche richtung laufe, oder eben gegen die hacken, der vor mir laufenden. 😀
    klavier spielen fiel mir jedoch von beginn an sehr leicht, ich achte dabei allerdings sehr wenig auf das was meine finger tun sollen, sondern lasse mich von der musik leiten, ich glaube ich habe ein recht gutes musikalisches gehör, durch das klavier spielen kann ich auch blind mit 10 fingern recht schnell tippen.
    mich hat verwirrt, dass die finger spiegelverkehrt nummeriert sind, dass habe ich als kind nie begriffen und auch die ganze rechts und links dynamik, wenn ich mich zu viel darauf einlasse der musik weniger zu zuhören, sondern der theorie, passiert es mir häufig das ich links und rechts vertausche und komme komplett durcheinander. 😀

     

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