RSS

20. Nachricht von Sophie an Platon

15 Jun

Sophie

Hallo Platon,

heute war ein bescheidener Tag. Um genau zu sein, bin ich frustriert wie schon lange nicht mehr. Heute hat sich eine Situation ergeben, die mir nicht aus dem Kopf geht und um die ich gedanklich nicht aufhören kann zu kreisen.

Mein Gel ist ausgegangen, ich brauchte ein neues Rezept. Ich dachte nicht, dass das ein großes Thema ist und wollte es alleine versuchen. Direkt neben der Arbeitsstelle ist eine Praxis und wollte dort nach einem Rezept fragen. Bis dahin lief das auch problemlos, ich musste nur kurz warten und sollte das Rezept für das Gel bekommen.

Beim Blick auf das Rezept stellte ich jedoch fest, dass dort ein anderes Produkt stand. Nicht das Gel, sondern eine Creme. Anderer Name, andere Firma, anderes Produkt. Ich vermutete einen Fehler vom Arzt und wies die Sprechstundenhilfe daraufhin, dass es sich hier um das falsche Produkt handelte. Sie sagte nur, dass ich das auch nehmen könne, schließlich sei der Inhaltsstoff der gleiche…

Damit habe ich nicht gerechnet. Ich nehme das Gel seit zwei Jahren, ich kenne es. Und ich versuchte der Dame zu erklären, dass ich weder von einem Gel auf eine Creme umstellen noch das komplette Produkt einfach so wechseln kann. Sie meinte wieder, dass das kein „Wechsel“ sei, schließlich blieb der Inhaltsstoff der gleiche. Darum ging es aber doch gar nicht. Ich versuchte noch einmal, ihr zu erklären, dass es mir nicht um den Inhaltsstoff, sondern um Verpackung, Aussehen, Konstistenz des mir bekannten Gels ginge, kam aber nicht voran sondern bekam nur zu hören, ich solle nicht „so genervt gucken“. Ich wies – wie ich meine, immer noch freundlich – daraufhin, dass ich keineswegs genervt sei. Schließlich wollte ich ja nur das Missverständnis aus der Welt räumen und das für mich richtige Rezept erhalten. Die Dame meinte dann jedoch, dass sie im Gegensatz zu mir mein Gesicht sehe und sehr wohl erkennen könne, ob ich genervt gucke oder nicht. Und hier habe ich dann aufgegeben.

Jetzt bin ich zu Hause und hänge gedanklich doch an dieser Situation fest. Immer und immer wieder gehe ich sie durch, ohne zu wissen, wo der Punkt ist, an dem ich etwas falsch gemacht habe. Ich komme mir dumm vor, denn eigentlich sollte ja nichts dabei sein, ein einfaches Rezept in einer Praxis zu ordern. Und gleichzeitig frage ich mich, warum diese Situation so schnell aus dem Ruder gelaufen ist. Es gab ja nicht mal wirklich einen konkreten Anlass, ich habe wirklich die ganze Zeit versucht, freundlich zu bleiben und mein Problem zu erklären. Und doch wurde ich nicht verstanden und mri wurde etwas unterstellt, was nicht stimmte. So in der Art laufen die Dinge häufig ab. Es frustriert. Macht müde. Und es beschäftigt mich den ganzen Tag, weil ich gedanklich nicht davon loskomme, die Situation immer und immer wieder in allen Facetten zu analysieren.

Was hätte ich anders, was besser machen können? Wo liegt mein Fehler?

Liebe Grüße

Sophie“

 

Advertisements
 
2 Kommentare

Verfasst von - 15. Juni 2014 in Briefe

 

2 Antworten zu “20. Nachricht von Sophie an Platon

  1. Ismael Kluever

    16. Juni 2014 at 9:26

    Liebe Sophie,

    du fragst: „Wo liegt *mein* Fehler?“

    Es ist aber gar nicht *dein* Fehler. Es ist schlicht und einfach Uninformiertheit der Arzthelferin. Für die ging es einfach nur um den Inhaltsstoff des Arzenimittels, der Rest (Verpackung, Aussehen, Konsistens) waren für sie nur belanglose Äußerlichkeiten.
    Sie wusste einfach nicht, dass es für Autisten unglaublich schwer (manchmal unmöglich) ist, von gewohnten Routinen und Erkennungsmustern abzuweichen und wie wichtig deshalb für dich diese „Äußerlichkeiten sind. In der Hektik am Tresen war es für sie nicht möglich, das zu kapieren. Du konntest ihr dort ja keine Vorlesung über Autismus halten. Und sie war wegen des Arbeitsstresses nicht dafür disponiert, entsprechend kurze Informationen von dir aufzunehmen und zu verarbeiten.

    Nun kann man nicht voraussetzen, dass jeder Mitbürger über alle möglichen Besonderheiten oder Behinderungen, die es so gibt, adäquat Bescheid weiß. Wenn die Schätzung stimmt, dass 1% der Bevölkerung im autistischen Spektrum angesiedelt sind, dann sieht das allerdings anders aus. Das ist ja schon ein recht großer Anteil der Patienten, die da in die Praxis kommen. Da sollte man schon erwarten, dass das Personal auf die Bedürfnisse von Autisten Rücksicht nimmt. (Ähnliches gilt für Schulen, Behörden und alle anderen Einrichtungen mit Publikumsverkehr.)

    Die Lösung des Problems sehe ich also nicht in Debatten am Praxistresen, sondern in einer besseren Information über Autismus. Sowohl im Sinne einer Allgemeinbildung wie auch in einer spezielleren Schulung für das Personal. Einfach nur ein Faltblatt zu konzipieren und zu verteilen reicht wohl nicht. Infoblätter gibt es zu viele, die werden gar nicht aufmerksam gelesen.

    Also konzipiert doch mal eine Einheit „Autisten beim Arzt“, die dann bei Fortbildungsveranstaltungen angeboten werden kann. Oder gibt es so was schon?

     
  2. Kakerlake

    16. Juni 2014 at 21:17

    Hallo Sophie,
    die Sprechstundenhilfe hat etwas getan, was ich schon verschiedentlich beobachtet habe.
    Sie hat nämlich das Gespräch, als sie nicht weiter kam von der sachlichen auf die emotionale Ebene verschoben. Und das auch noch, indem sie etwas bei Dir zu sehen glaubte, was eigentlich auf sie selbst zu traf. SIE war genervt.
    Diese Stimmungslage hat sie sehr geschickt Dir zu gesprochen und Dich damit aufgeben lassen.
    Ist mir auch schon passiert…und ich merke dann immer erst sehr viel später, was da eigentlich gelaufen ist….
    Kakerlake

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: