RSS

Zwischen Gedanken – Nach dem Tauschtag

14 Jun

Sophie:

Ich bin froh, als ich zu Hause angekommen bin. Irgendwann am Nachmittag war bereits ein Punkt erreicht, an dem ich am liebsten gegangen wäre. So viele verschiedene Menschen, so eine flexible Zeitplanung, so wenig Sicherheit in der Tagesstruktur – es ist mir ein Rätsel, wie das machbar ist. Ich wusste vorab, dass der Tag strukturlos sein wird, dass es aber so kräftezehrend ist, hätte ich nicht geglaubt.

In meiner Wohnung beginne ich, die Dinge zu sortieren. Die gewohnten Handgriffe geben mir etwas Sicherheit zurück. Ich bin wieder da. Mein Rahmen, meine Struktur, meine Art, das Chaos zu ordnen.

Platon:

Ich hatte Sophie an diesem Tag ganz bewusst an meiner Seite mitlaufen lassen, ohne sie aktiv in die Prozesse mit einzubinden. Auch die Gespräche mit ihr habe ich versucht auf ein Minimum zu beschränken. Sie sollte einfach dabei sein und beobachten. Und das tat sie auch. Und es funktionierte aus meiner Sicht sehr gut. Sie bekam einen Einblick in meinen Tagesablauf, in meine Art und Weise, wie ich mit Menschen kommuniziere, wie ich Termine plane, und wie ich mit Planänderungen umgehe.

Sophie:

Allein die Zeitangaben des Philosophen hätten mich bereits vorwarnen müssen. Wenn jemand Termine mit „etwa gegen 15 Uhr“ vorgibt, sagt das bereits einiges aus. Auch die Tatsache, dass er bei Terminen keine Anfahrtswege mit einplant, spricht für sich. So muss er entweder zu früh gehen oder zu spät kommen. Ich plane immer einen Zeitpuffer ein, in der Regel eine Stunde zwischen zwei Terminen. So kann ich eventuell noch langsamen Verkehr oder Ähnliches kompensieren, ohne zu spät zu kommen.

Ich bin erstaunt, dass es trotzdem irgendwie funktioniert hat. Wobei andere Menschen auch nicht so planen wie ich und es klappt. Trotzdem: die Ressourcen, die eine solche Nicht-Planung auffressen, sind erheblich. Zwei solcher Tage und ich wäre wahrscheinlich für eine Woche außer Gefecht gesetzt. Und ich habe den Eindruck, dass wir wirklich in zwei Welten leben…

Platon:

In manchen Momenten konnte ich regelrecht spüren, wie Sophie zwischen Erstaunen und Fasungslosigkeit hin und her pendelte. Insgesamt hat Sophie ihren Part des Tages aber sehr gut gemacht. Sie war geduldig, stets angemessen und es gab keine Momente, in denen ich sie als störend empfand. Ich denke schon, dass solche „Perspektivwechsel“ hilfreich sind, zu einem breiteren Verständnis führen, auf beiden Seiten.
Ich überlege, ob es sinnvoll ist, dass ich einmal Sophie einen Tag begleite, einem Tag, an dem Sie mehrere verschiedene Termine hat.

 

Advertisements
 
5 Kommentare

Verfasst von - 14. Juni 2014 in Alltägliches

 

5 Antworten zu “Zwischen Gedanken – Nach dem Tauschtag

  1. Ismael Kluever

    14. Juni 2014 at 15:26

    Mich beschleicht der Verdacht, der Perspektivwechsel kommt erst zustande, wenn unsere beiden Protagonisten hier im Blog den Part des jeweils anderen aufmerksam lesen…

     
  2. Anita

    14. Juni 2014 at 19:53

    @ Sophie

    mich würde Platons Art wahnsinnig machen. Du bist nicht alleine mit der exakten Planung und den Zeitpuffern. Schlimm ist es, wenn man mit solchen Menschen Termine hat und sie quasi ständig zu spät kommen und alle Planungen über den „Haufen werfen“.

    @ Platon

    Verständnis für Chaos? Ich würde es „Wissen um die Möglichkeit des Lebens im Chaos“ nennen. Wissen ist wichtig. Verständnis kann hier entstehen, dass es Dich nur „minimal“ stresst. Das Du abends müde und erschöpft bist, aber nicht für Tage aus der Bahn geworfen bist.

    Oder passiert es Dir, dass die Änderung oder das Nichteinhalten eines Planes Dich dazu bringt, eine wichtige Arbeit für Tage oder Wochen verschieben zu müssen, weil Du Dich einfach nicht mehr konzentrieren kannst?

     
    • dualessein

      14. Juni 2014 at 19:59

      Zu Platons Verteidigung muss ich sagen, dass er Termine mit mir (fast) immer einhält und da auch sehr pünktlich ist. Und die anderen Menschen scheint es häufig gar nicht zu stören, wenn sich Termine um einige Minuten verschieben. Mich hingegen macht das wahnsinnig.

       
      • Anita

        16. Juni 2014 at 4:49

        Das hast Du richtig Glück. Wir haben einen Therapeuten, der verschätzt sich jedesmal mit der Fahrtzeit. Früher losfahren scheint ein Fremdwort zu sein, und er ist total entspannt, wenn er wieder 10 – 20 Minuten zu spät ist.

        Das dieses Verhalten etwas auslöst, scheint er nicht zu reflektieren.

         
  3. Kakerlake

    14. Juni 2014 at 21:06

    Hallo Sophie,

    was für ein Tag….
    Ich kenne das von einer Freundin…sie ist total chaotisch, nichts wird wirklich geplant…immer nur eine ungefähre Angabe für zu erledigende Aufgaben gemacht….das kostet mich schon beim zuschauen und miterleben Kraft. Aber sie schafft das alles.
    Ich wäre nach so einem Tag reif für die sprichwörtliche Insel…und zwar für mindestens eine Woche…oder besser zwei.
    Und ich frage mich immer, wie sie es schafft, dann am nächsten Tag auf gleiche Weise (und unter eben solchen Zeitdruck) weiter zu machen.
    Und ich habe mich auch gefragt, warum mich so ein ungeplanter Tag völlig fertig macht. Ich bin zu schnell erschöpft. Mich kosten die Eindrücke des Tages und die Anforderungen, die an mich gestellt werden offenbar mehr Kraft. Kraft die meine Freundin hat…ich jedoch nicht.
    Mein „Akku“ ist zu schnell leer.
    Und so erkläre ich es auch immer anderen Menschen, die sich wundern, warum ich nicht so belastbar bin. Ich vergleiche mich mit einem Akku, der sich nur noch zu einem viertel aufladen lässt. Und der auch 5 Mal länger braucht um wieder zu einem viertel aufgeladen zu werden.
    Mit dieser kleinen Energiereserve muss ich dann natürlich auch entsprechend haushalten…d.h. meinen Tag gut planen um keine Energie unnötig verbrauchen. Wenn ich das berücksichtige, dann komme ich auch gut durch den Tag. Das erstaunliche ist, meine Freundin kommt mir ihrer Herangehensweise an die Anforderungen des Alltags ebenfalls gut durch.
    Ich vergleiche diese unterschiedlichen Arten die Dinge zu bewältigen mit Menschen die Geschenke auspacken.
    Die einen reißen einfach das Geschenkpapier auf um auf direktem Wege an den Inhalt zu kommen…die Anderen öffnen sachte das Geschenkband und lösen dann vorsichtig das Klebeband vom Geschenkpapier…
    Beide kommen an ihr Ziel …nur sind die Wege dorthin sehr unterschiedlich.

    In diesem Sinne freue ich mich schon auf mein nächstes (gut geplantes) „Tagesgeschenk“…

    Kakerlake

    @Ismael

    Für mich wäre ein Perspektivenwechsel in der jeweiligen Situation nicht möglich. Weil ich viel zu sehr mit der Situation selbst beschäftigt bin. Zu viele Eindrücke stürzen gerade in neuen Situationen auf mich ein…und wenn dann auch Menschen beteiligt sind, muss ich verstärkt die Außenreize versuchen auszublenden und mich auf die Interaktion konzentrieren.
    Dazu ist wahre Detektivarbeit nötig. Subtexte und Ironie müssen identifiziert werden, was erwartet mein gegenüber von mir auf das, was er gesagt hat, wann ist ein Gespräch beendet und was wird dann noch erwartet (Händeschütteln?)…
    Das alles nimmt meine ganze Aufmerksamkeit gefangen. Und ich komme immer erst abends, in völliger Ruhe dazu, den Tag nachzuerleben und zu analysieren.
    Der Abstand und die Ruhe sind für mich sehr wichtig…und erst dann kann ich auch über z.B. witzige Begebenheiten lachen. Und zwar aus vollem Herzen.

    Kakerlake

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: