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Und was machst du so? Der Tauschtag – Teil I

07 Jun

Platon:

Wir machen einen sogenannten Tauschtag. Ursprünglich war die Idee, dass wir einmal komplett gerne die Wahrnehmungssituation tauschen würden, also die Körper, die Sicht der Welt. Einmal die Dinge so zu erleben, wie es der andere tut. Da das aber wohl nur in Gedanken möglich ist, einigten wir uns auf eine gemilderte Variante: Sophie begleitet mich einen Tag lang wie mein Schatten.

Und dieser Tag beginnt schon morgens um 06.45 Uhr. Sophie klingelt bei mir und erlebt meine hektischen Vorbereitungen für den Tag: Unterlagen zusammensuchen, Handy suchen. Ist es auch aufgeladen? Und meinen Kaffee, den ich in einem Thermobecher für die Fahrt mitnehme. Ich suche etwas herum, und merke, wie Sophie mich dabei beobachtet. Vermutlich findet sie meine chaotischen Vorbereitungen witzig. Wir steigen dann irgendwann in mein Auto ein.

Sophie:

Um Viertel vor sieben stehe ich beim Philosophen vor der Tür. Ich habe einen groben Plan des heutigen Tages, befürchte aber fast, dass der wirklich nur „grob“ ist und eher weniger als „Plan“ zu bezeichnen ist. Ich bin gespannt, denn schließlich soll ich heute einen Tagesablauf kennenlernen, der komplett anders ist als der meinige. Und das geht, wie sich sofort zeigt, schon beim Start am Morgen los.

Der Philosoph rennt hektisch durch die Wohnung. Vom Büro ins Wohnzimmer, vom Wohnzimmer in die Küche. Sortiert den Laptop auf dem Tisch, flitzt weiter zur Kaffeemaschine, holt Unterlagen und wieder zurück zum Laptop. Ich stehe unschlüssig im Raum, soviel unkoordiniertes Gerenne am Morgen ist mir suspekt. Ich habe jeden Morgen den gleichen Ablauf nach einem identischen Zeitplan – wenn mein Tag mit so einem Chaos beginngen würde.

Irgendwann kurz nach sieben sitzen wir im Auto und der Philosoph geht noch einmal laut alles durch: „Geldbeutel hab ich. Schlüssel hab ich. Laptop hab ich. Handy hab ich.“ Witzig. Allerdings frage ich mich, ob es nicht sinnvoller wäre, das durchzugehen, was er nicht hat. Wie die Unterlagen, die auf dem Wohnzimmertisch liegen. Und da auch den Rest des Tages bleiben werden.

Platon:

Sophie muss zunächst noch etwas bei einer anderen Institution klären. Ich setze sie dort ab. Die Fahrt bis dahin verläuft entspannt und unterhaltsam. Wir einigen uns darauf, dass ich sie etwas später wieder abhole. Und das klappt auch gut. Ich nehme Sophie mit zu einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme, bei der ich psychologische Beratung anbiete. Mit einer Teilnehmerin, Lucy, hatte ich im Vorfeld abgeklärt, dass Sophie uns begleitet. Beide kannten sich sogar schon durch eine gemeinsame Aktion einige Wochen zuvor.

Sophie:

Ich habe noch einen anderen Termin in der gleichen Stadt, sodass mir eineinhalb Stunden Schonfrist bleiben. Dann steht ein Termin des Philosophe an, mit Lucy. Die habe ich bereits im Winter kennengelernt, ich weiß also, wer mich erwartet.

Die beiden laufen durch das Gewerbegebiet, ich schleiche wie ein Schatten wenige Schritte hinterher. Die Umgebung ist laut, LKW, fahrende Autos, Industrielärm. Von dem Gespräch, das direkt vor mir stattfindet, bekomme ich nur Fragmente mit. Was vielleicht auch gar nicht so verkehrt ist. Denn obwohl Lucy mit meiner Anwesenheit einverstanden ist und sich daran nicht im Geringsten zu stören scheint, komme ich mir ein bisschen wie der Lauscher an der Tür vor. Daher verlege ich mich auf das, was ich besonders gerne und intensiv mache: Beobachten.

Platon:

Ich entscheide mich dafür, dass wir spazieren gehen. Ich gehe neben Lucy, Sophie etwas hinter uns. Direkt durch das Gewerbegebiet, leider. Die Geräuschkulisse ist immer wieder durch LKWs erheblich störend. Lucy zeigt sich von ihrer „besten“ Seite. Sie wird sehr privat, spricht über Dinge, die Sophie nicht einmal im Ansatz erwähnen würde. Sie wird anzüglich, bleibt aber trotzdem freundlich und lustig. Sie spricht mit Sophie, und ich drücke die Daumen, dass Lucy den Bogen nicht überspannt. Wir haben Spaß, es ist insgesamt eine skurrile Situation.

Lucy geht sehr nahe neben mir, sie berührt mich immer wieder mit ihrer Schulter, ihrem Arm. Sie lacht häufig und ist etwas aufgedreht. Einige Dinge, die sie sagt, machen selbst mich etwas sprachlos. Ein oder zwei Mal provoziert sie mich. Und dann lacht sie wieder. Ich habe den Eindruck, dass Lucy Sophie mag. Und ich denke auch, dass Sophie mit Lucy keine Probleme hat. Irgendwann breche ich ab, ich gehe mit Lucy wieder in meinen Raum, Sophie wartet solange im Auto.

Sophie:

Ich bin erstaunt. Obwohl ich Lucy bereits kenne, erlebe ich sie heute komplett anders als vor einigen Wochen. In verschiedenen Kontexten kann ein und dieselbe Person in vollkommen unterschiedlichen Arten auftreten, das ist mir schon häufiger aufgefallen. Auch hier scheint das der Fall zu sein. Lucys sprachliche Hemmschwelle scheint – nun ja, niedrig. Und ich ich meine, ein Verhaltensmuster zu erkennen, das der Philosoph mit „anbändeln“ bezeichnet. Und dann irgendwie doch wieder nicht. Sehr seltsam. Die Themenfragmente, die ich von meiner „Lauschposition“ mitbekomme, springen wild hin und her. In den Inhalten kann ich keine klaren Regeln erkennen, keine logische Struktur. Dass ist ein Punkt, den ich auch bei anderen Menschen in Gesprächen häufig beobachten kann: deren Kommunikation läuft komplett anders.

 

 

 

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Ein Kommentar

Verfasst von - 7. Juni 2014 in Alltägliches, Der Tauschtag

 

Eine Antwort zu “Und was machst du so? Der Tauschtag – Teil I

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