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19. Nachricht von Platon an Sophie

04 Jun

Platon:

„Hallo Sophie,

offenbar haben wir uns in Bezug auf „sich erklären“ etwas falsch verstanden. Es wäre sicherlich in den meisten Fällen nicht ratsam, wenn Sie sich mit einer Diagnose aus dem ICD-10, also zum Beispiel F84.5, erklären würden. Nicht einmal der Begriff „Autismus“ ist zwingend nötig, im Gegenteil. Letztlich geht es darum, dass Sie sich den Menschen, mit denen Sie häufiger zu tun haben, etwas ausführlicher vorstellen. Dass Sie sagen: „Das sind meine Stärken, und das sind meine Defizite im üblichen Miteinander. Dass Sie sagen, Sie können gut schreiben, genau analysieren, recherchieren und all die anderen Dinge, die Sie gut beherrschen und die Sie begeistern.

Aber auch, dass Sie sehr empfindlich auf Geräusche, Gerüche und Berührungen reagieren. Auf Licht und Hektik, auf Überraschungen. Dass Sie Probleme mit Unpünktlichkeit haben, Ihren Tag gerne strukturieren, rechtzeitig über Änderungen der Planung informiert werden möchten. Dass Sie keine Gesichter erkennen können, dass Sie soziale Situationen häufig schlecht einschätzen können und daher oft die Variante des Abwartens wählen. Dass Sie unfähig sind, nonverbale Kommunikation im Kontext zu verstehen. Dass Sie lieber ein eigenes Büro haben möchten, dass Sie ungern telefonieren, usw. usw. usw.

Ein Chef, der bei Ihren ganz außergewöhnlichen Fähigkeiten und Ihrer sympathischen Persönlichkeit auf diese paar Defizite nicht Rücksicht nehmen kann, ist für Sie eben kein guter Chef.

Und ein Mensch (also ein Buntschatten), der Ihre Wahrnehmungsvarianten nicht versteht oder ignoriert, ist eben kein guter Begleiter für Sie, kein angemessener Kontakt, wird wohl niemals so etwas wie ein Freund für Sie. Und je früher Sie sich erklären (nochmals: der Begriff „Autismus“ muss dabei nicht zwangsläufig verwendet werden), umso mehr negative Erfahrungen können Sie sich ersparen. Im Job und im privaten Kontext.

Und dann merken Sie auch, wer offen und unvoreingenommen nachfragt, sich interessiert, und sich auf Sie entsprechend einstellt, oder es zumindest versucht. Sie merken es daran, ob es „funktioniert“, sich für Sie „richtig“ anfühlt.

Im Allgemeinen wissen die Menschen nicht, dass es solche Wahrnehmungsvarianten wie die Ihrige gibt. Das muss man dann sagen, zumindest ansatzweise erklären. Und dann filtern sich von ganz alleine jene Menschen, die Ihnen gut tun, von jenen, die Ihnen ganz und gar nicht gut tun. Alle eher flüchtigen Begegnungen sind hiervon natürlich ausgenommen. An der Kasse im Supermarkt sollten Sie sich natürlich nicht erklären.

Sobald Sie etwas mehr von sich erzählt haben, fällt auch der Druck, permanent eine Rolle zu spielen. Dann können Sie wieder mehr und mehr Sie selbst sein. Ihre eigene Persönlichkeit entwickeln und auch leben. Ich wage einmal eine Gegenthese:  Sie sind keine Autistin. Das ist ein künstlicher Begriff, der höchstens für einige behördliche und ärztliche Angelegenheiten taugt, und vielleicht für Sie persönlich für eine mögliche Erklärung Ihrer Wahrnehmungssituation. Sie sind Sophie, ein Mensch mit seiner  ganz besonderen und einmaligen Individualität, wie jeder andere Mensch auch.

 Und je stärker und deutlicher Sie Ihre Individualität unter Berücksichtigung bestimmter Normen und Werte leben, umso freier sind Sie und umso besser und schneller  können Sie die Menschen erkennen, die Ihnen gut tun. Denn sonst geben Sie ja ihren Mitmenschen gar nicht die Chance, Sie so zu erkennen wie Sie wirklich sind.

 Jetzt sind wir etwas abgekommen von der ursprünglichen Diskussion. Das ist vielleicht auch gut so. Es wird keine Welt geben, in der alle aufgeklärt sind. Vielleicht fangen Sie aber im Kleinen an, die Dinge so zu klären, wie es für Sie am besten ist. Solange Sie sich tarnen, eine Rolle spielen und sich nicht zu erkennen geben, werden Sie große Schwierigkeiten haben, jene Menschen zu finden, mit denen es funktioniert. Denn auch diese Menschen müssen ja die Möglichkeit haben, überhaupt erst Sie zu finden…

Viele Grüße

Platon“

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2 Kommentare

Verfasst von - 4. Juni 2014 in Briefe

 

2 Antworten zu “19. Nachricht von Platon an Sophie

  1. Ismael Kluever

    5. Juni 2014 at 8:22

    Lieber Platon,

    so ganz spontan möchte ich zustimmen! Ja, wir sollten Menschen (alle Menschen, nicht nur Autisten!) so wahrnehmen, wie sie eben sind. Mit dem, was sie uns von sich preisgeben, ihren Stärken, ihren Schwächen, ihren Besonderheiten und Bedürfnissen, mit ihrem Da-Sein an sich! Ohne irgendein Etikett, mit dem sie all zu schnell schubladisiert werden.

    Das erfordert von beiden Seiten, von dem der sich einem anderen vorstellt und von dem Zuhörer, große Offenheit. Dieses Kennelernen ist ein langer Prozess. Er kann, z. B. in iner Ehe, ein Leben lang dauern, denn man verändert und entwickelt sich ja ständig.

    Aber, so mein Einwand, warum sollte da nicht der Begriff Autismus fallen dürfen? Sicher sind damit viele Clichés und Voruteile verbunden, wobei die Spanne von Savant bis schwachsinnig, von Computernerd bis Gewalttäter reicht. Aber Leute, die solchen Vorurteilen folgen, sind eben keine gute Gesellschaft für Autisten. Da ist es relativ egal, ob jemand die Individualität von Sophie als solche nicht wahrnehmen will, weil er das generell nicht tut, also ein sozial unaufmerksamer Mensch ist, oder weil er einen Begriff wie Autismus mit oberflächlichen Stereotypen verbindet. Das kommt auf das Geiche heraus.

    Bei mir ist es inzwischen so, dass „Autismus“ so etwas wie ein „Hallo-Wach-Knopf“ ist. Wenn ich weiß, das jemand Autist ist (oder ich es für möglich halte, dass er einer sein könnte), gehe ich ganz anders mit ihm um, stelle meine Erwartungen ganz anders.

    Beispiel: Bei einer kirchlichen Jugendfreizeit hatten junge Teammitglieder viele dynamische Spiele und Animationen vorbereitet, um bei den Teenagern das Gruppengefühl zu entwickeln. Die Spiele wahren z. T. sehr turbulent und berührungsintensiv (Turnerpyramide bauen usw.). Ein Jugendlicher wollte sich partout nicht beteiligen. Grundstimmung: „Er soll sich doch nicht so anstellen!“ Es wurde vorausgesetzt, dass er sich entwickeln kann und „über seinen Schatten springt“ (RW). Wenn es nun aber mal nicht geht?

    Anderes Bespiel: Eine junge Mutter beginnt auf einem internetportal einen Videoblog über ihre Mutterschaft, Babypflege usw. und bittet um Feedback zu den Filmen. Ich gebe ein paar Tips zur Gliederung, zu Kameraeinstellungen und Inhalten, die sie dankbar aufnimmt. Die Empfehlung, sich während der Aufnahme nicht dauernd im Gesicht und in den Haaren herumzufummeln, verkneife ich mir. Die Frau ist Autistin. Ich weiß das (sie hat es gesagt!) und deshalb akzeptiere ich einfach auch eine gewisse motorische Unruhe als teil ihrer Persönlichkeit. Dazu braucht sie mir nichts weiter zu erklären.

    Oder entwerfen wir mal folgendes Szenario: Ein Arbeitgeber stellt Sophie unter den im Berwerbungsschreiben und im Vorstellungsgespräch geschilderten Talenten (und Nicht-Talenten) ein, die Arbeitsabläufe und -ergebnisse gestaltet sich entsprechend positiv. Nun will sich die Firma außerhalb des Betriebsalltages auf einer Großveranstaltung mit einem Infostand vorstellen. Sophie wird abgeordert, dort fremde Besucher anzusprechen und Infomaterial zu verteilen. Eine hübsche junge Frau macht sich da immer gut, am besten ganz vorne! Sollen jetzt lange Diskussionen folgen, warum sie gerade diese Aufgabe nicht übernehmen will? „Ach, das schaffen sie schon!“

    Wüsste ich als Arbeitgeber, dass Sophie Autistin ist, dann käme ich gar nicht auf die Idee, sie aus der gewönlichen Routine herausreißen und mitten in das Gewusel fremder Leute stellen zu wollen! Bzw. hätte ich es nicht gewusst, würde ich ihr womöglich Vorwürfe machen: „Warum haben Sie mir nicht vorher gesagt, das das bei ihnen überhaupt nicht geht?“

    Langfristiges Ziel sollte also sein, nicht den Begriff „Autismus“ zu vermeiden, sondern ihn von seinem stigmatischen Charakter zu befreien, Vorurteile abzubauen, aufzuklären.

    Dazu leistet ihr, Sophie und Platon, in diesem Dialogblog einen phantastischen Beitrag!
    Und wir, die Leser, können viel davon weitertragen!

     
    • dualesseinzwei

      6. Juni 2014 at 21:16

      Hallo Ismael,
      beim Lesen meines eigenen Beitrags kamen mir ähnliche Gedanken. Ich habe mich da etwas undeutlich ausgedrückt. Natürlich darf der Begriff “Autismus” genannt werden im Rahmen des “sich Erklärens”. Allerdings muss es nicht zwangsläufig sein, oder nicht gleich mit dem ersten Satz. Bei der Begründung deines “Einwandes” gebe ich dir recht. Entscheidend ist, dass die Missverständnisse ausgeräumt werden. Welche Begriffe dabei verwendet werden, sollte zweitrangig sein. Manchmal ist es vielleicht besser, umgangsprachlich zu reden, als medizinische Fachbegriffe zu verwenden, die selbst unter Experten nicht eindeutig definiert sind.
      Liebe Grüße
      Platon

       

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