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19. Nachricht von Sophie an Platon

01 Jun

Sophie:

„Hallo Platon,

Ja, die Diskussionen werden im Netz geführt. Immer wieder und teils ziemlich heftig. Und doch frage ich mich, ob es nicht der sprichwörtliche Kampf gegen Windmühlen ist. Denn letzten Endes ist es eine defensive Haltung, eine reine Verteidigungshaltung. Wie viele der Menschen, die diese Berichte lesen, sind bereit, sich anschließend an eine Suchmaschine zu setzen und die Hintergründe dieser Berichte zu verifizieren? Und wie viele sind dann noch bereit, den Dialog mit denen zu suchen, die es vielleicht besser wissen? Und wie viele sind bereit, sich vorab zu informieren, bevor sie solchen Humbug in die Welt setzen? Offenbar die Wenigsten, denn die Angebote waren da. Und trotzdem stürzt man sich immer wieder bereit auf das Gerüchte-Informationsfitzelchen, dass Täter Autisten seien. Selbst dann, wenn man weiß, dass diese Information falsch ist, wird sie munter weiter verbreitet – warum?

Sie schreiben, dass die Entfaltung von Individualität nur innerhalb bestimmter Grenzen toleriert werde. Das konterkariert den Begriff der Individualität. Und so komme ich wieder zurück zu dem Punkt, den Sie als „sich erklären“ schon häufiger ins Feld führten: Ist es nicht die höchte Form der Diskriminierung, wenn ein anderes, ein von der Mehrheit abweichendes Verhalten erst dann toleriert wird, wenn es mit einer Codierung aus dem ICD-10 belegt ist?

Gerade gestern sah ich ein Paradebeispiel dafür in einer Fernsehsendung, die sich zufälligerweise um einen Asperger-Autisten drehte. Dort kündigte ein Chef die Stelle seines autistischen Angestellten mit einer vollkommen verqueren Begründung: Er habe den Mann eingestellt, weil Autisten im IT-Gebiet genial seien und deswegen habe er dem Mann auch ein Einzelbüro gegeben. Aber das soziale Verhalten sei nicht tolerierbar und daher musste der Angestellte gehen. So, als wollte er nur bestimmte Eigenschaften „nutzen“, der Rest der Person solle aber bitte nicht autistisch sein.

Wo findet man diese Menschen, die, wie Sie sagen, „nicht nur bewerten, sondern sich interessieren“? Sicher, das Netz ist eine Möglichkeit, in der auch für mich viele Kontakte entstanden sind und entstehen. Häufig mit Leuten, die bereits gezielt Informationen gesucht und gefunden haben. Aber das Leben besteht nicht nur aus dem Internet. Und im Leben außerhalb des WWW scheint mir die Suche nach solchen Menschen – vor allem das Erkennen dieser Menschen – weit schwieriger… Oder täusche ich mich da?

Liebe Grüße

Sophie“

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3 Kommentare

Verfasst von - 1. Juni 2014 in Alltägliches, Briefe

 

3 Antworten zu “19. Nachricht von Sophie an Platon

  1. Mueller7de

    1. Juni 2014 at 10:46

    Ich glaube, dieser Arbeitgeber hat sich alles einfacher vorgestellt. „Ich wollte Arbeit, aber es kamen Menschen“, so schätze ich das ein.
    Vielleicht hat er auch das Märchen vom Asperger als „leichtere Form des Autismus“ geglaubt.
    Das, was Du oben beschreibst, ist aus meiner Sicht ganz normales Arbeitsleben. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die ganz andere Erfahrungen machen.
    Die habe ich nicht gemacht. Als ich verrentet wurde hatte ich daher auch keine Einwände. Denn ob ich immer wiederkehrend „weggeschmissen“ werde oder ein für alle Mal – die Wahl fällt außerordentlich leicht.
    Verwirklicht habe ich mich ohnehin woanders 🙂

     
  2. Ismael Kluever

    1. Juni 2014 at 21:40

    Liebe Sophie!
    Deine im letzten Absatz gestellten Fragen berühren mich sehr!
    Im Internet Menschen mit ähnlichen Interessen, daraus folgend mit Interesse aneinander zu finden, ist über themenbezogenes Surfen sicherlich einfach. Und es bleibt oft unverbindlich. Einen Chatpartner kann man mit dem x rechts oben im Browserfenster schnell verschwinden lassen, eine “Freundschaft” in einer Webcommunity ist schnell geschlossen und ebenso schnell gekündigt. Im Real Life Vertrauen zu gewinnen und eine Freundschaft zu pflegen – oder die Gegenwart eines Menschen einfach nur auszuhalten – hat eine ganz andere Qualität. Und das in jeder Beziehung, im positiven wie im negativen Sinne.
    Auf Grund meiner Erfahrungen mit der von mir schon gelegentlich erwähnten Internet-Bekanntschaft sehe ich jedoch eher die Chancen, die dieses Medium bietet, gerade im Hinblick auf autistische Besonderheiten. Deswegen möchte ich keinen Gegensatz zwischen Internet- und Real-Life-Kontakten sehen, sondern beides als Ergänzung.
    Wäre ich jener Autistin unvorbereitet im Alltag begegnet, hätten wir einander sicher keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ich wäre für sie eine farb- und gesichtslose Figur gewesen, also hätte sie mich nicht beachtet. Umgekehrt hätte ich gegenüber einem Menschen, der nicht durch Zeichen der Offenheit in Gestik und Mimik oder beim Small-Talk irgendwie Kontaktbereitschaft zeigt, kein besonderes Interesse gehabt. Wir wären aneinander vorbeigelaufen, wie man eben an vielen Menschen vorbeiläuft, die einen nichts angehen. Und das möglicherweise sogar dann, wenn uns ein gemeinsames Interesse bei irgendeiner Veranstaltung zusammengeführt hätte.
    So aber konnten wir ohne den Stress, den Körpersprache (und die damit verbundenen Erwartungen) mit sich bringt, miteinander kommunizieren, Vertrauen aufbauen und Freundschaft schließen, sogar über den Altersunterschied einer Generation hinweg. Inzwischen ist es nur noch die räumliche Entfernung, die uns von der persönlichen Begegnung abhält.
    Ich bilde mir ein, dass in mir inzwischen so viel Sensibilität gewachsen ist, das ich auch unvorbereitet Autisten oder anderen “etwas speziellen” Menschen mit der nötigen Offenheit begegnen würde.
    Meine Frage ist, ob solche Kontaktaufnahme und der Aufbau von Vertrauen über das Web auch für andere ein Modell sein kann, dass dann in direkte Kontakte münden kann. Ich denke dabei an Schüler, die Probleme haben, Freundschaften in der Klasse zu schließen. In interessensorientierten Internetgruppen wäre das vielleicht einfacher. Vorausgesetzt, dort spielt sich nicht jenes triviale Facebook-Gelaber ab, das sich nicht vom Schulhof-Niveau unterscheidet.
    Entschuldige, Sophie, ich bin zu sehr in’s Theoretisieren abgeglitten!
    Ich glaube nicht, dass es so wenig unvoreingenommene Menschen in der Gesellschaft – und damit in deiner Umgebung! – gibt. Das Problem ist in der Tat, sie zu finden. Besonders deshalb, weil wir Neurotypischen innerhalb von Gruppen permanent damit beschäftigt sind, unsere Rolle im sozialen Gefüge zu finden. Und dabei verbergen wir all zu oft unsere Menschlichkeit, weil sie in hierarchischen Strukturen leicht als Schwäche ausgelegt wird. Warmherzig und liebenswürdig sind wir leider meistens nur als Einzelne, aber fast nie als Meute!

     
  3. kiwigirl

    7. August 2014 at 6:46

    liebe sophie,

    mein psychologieprof sagte einmal, „die person ist niemals adhs oder schizophren oder autist, denn diese person ist einfach mensch, sie erfüllt lediglich die bestimmungen einer diagnose, welche eine andere person aufgestellt hat.“ und ich glaube das stimmt, man darf es nur nicht so schnell vergessen.
    trotzdem frage ich mich häufig, was konkret eigentlich mein job ist als sozial arbeiter, ist es wirklich nur das möglichst finanziell preiswerte anpassen von menschen, an die jeweils geltende gesellschaftlichen vorstellungen oder ist es je nach sozial arbeiter individuell mehr.
    ist es nicht vielleicht überheblich, die eigenen vorstellungen, selbst wenn sie mit der gesellschaftlichen, also der allgemeinen mehrheit übereinstimmen, als die beste herauszuarbeiten und sie dem klienten aufzuzwingen? im prinzip neben all dem klientenzentrierten empowerment und co, dennoch das ändern der störenden eigenschaften? vielleicht ist es einfach leichter, die schuld beim täter, welcher häufig gleichzeitig ein opfer war, zu suchen, als sich fragen zu müssen, ob gesellschaftlich nicht etwas völlig schief läuft.
    denn für mich ist aggression, erstmal etwas positives, welche in unserer gesellschaft, aber extrem negativ besetzt ist, wie zum beispiel auch der begriff egoistisch.
    ist es aber nicht eine fähigkeit, in einem umfeld, wo man sich behaupten muss, um durchzukommen?
    erst wenn es unkontrolliert wird, ist es gefährlich.
    aber warum wird sie gefährlich, sind diese schwierigen kidds oder jugendlichen nicht diejenigen, die noch nicht verlernt haben aufzustehen gegen das was schief läuft, es deutlich nach außen zeigen und sich nicht damit abfinden, weil es eben so ist, wie viele der jüngeren generationen?
    die aber vielleicht anderes werkzeug verwenden, als unserer gesellschaft lieb ist?

    und nun zu deiner frage, „wo findet man außerhalb des www menschen, die nicht nur bewerten sondern sich interessieren.“
    ich persönlich, habe diese menschen gefunden, ich glaube jedoch, dass man auch zu unterscheiden lernen muss, ob aussagen wirklich bösartigen ursprungs sind, oder ob sie aus wirklichem nicht verstehen resultieren. denn ich glaube, dass es ähnlich wie es für uns vielleicht schwierig zu verstehen ist, beispielsweise allein aus emotionen heraus, eine wichtige entscheidung zu treffen, für andere ebenso schwierig ist, zu begreifen, warum es schwer ist, auf einer betriebsfeier teilzunehmen oder einzukaufen etc.
    und auch autistische menschen, können für nicht autistische menschen, ich glaube genau aus diesem grund anstrengend sein, wir müssen gegenseitig aufeinander zu gehen und uns in der mitte treffen, denke ich.
    weniger empfindlich zu sein, in aussagen anderer und sie ihnen stattdessen zu erklären, ist glaube ich ein erster schritt in diese mitte.
    ich habe aber auch schon sehr viel übung darin, da ich nicht nur eine autismusdiagnose erhalten habe, sondern zudem nicht europäisch aussehe.
    ich weiß wie verletzt, verärgert oder traurig man ist, wenn man ausgegrenzt, verspottet oder nicht ernst genommen wird, dennoch gibt es unterschiedliche beweggründe und diese müssen genutzt werden, glaube ich, um insgesamt autistische menschen, besser zu integrieren.
    es ist ein steiniger und schmaler weg ins zentrum, also in die mitte, auf dem sich aber wie ich glaube zunächst die autistischen menschen davon lösen müssen, ebenso mit dem finger auf die nichtautistischen menschen zu zeigen, wie diese auf uns, weil es nicht darum geht einen schuldigen zu finden, sondern zusammen, zu wachsen, indem sie sich in gewisserweise anpassen und versuchen zu erklären, was denn wirklich anders ist und lernen zu vergeben.
    mit einer du-botschaft, einer anklage, ist es schwierig, jemanden umzustimmen, oder eines besseren zu belehren, ich glaube wir müssen einen schritt auf die andere seite zugehen, um zu erreichen das wir besser integriert werden.
    ich glaube so habe ich außerhalb von internet und co sozialkontakte gefunden, in dem ich in gewisserweise vergeben habe, indem ich weniger streng bin, wenn meine freunde manches nicht verstehen, weil ich sie ebenso oft nicht verstehe.
    trotzdem habe ich das gefühl, dass es unter alternativen menschen, einfacher ist, solch wertvolle menschen zu finden die nicht behaupten tolerant zu sein, sondern diese leben.

    ich hoffe ich konnte dir ein bisschen weiter helfen.

     

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