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18. Nachricht von Platon an Sophie

31 Mai

Platon:

„Hallo Sophie,

es ist gut und richtig, dass Sie Ihre Gedanken niedergeschrieben haben, dass Sie Ihr Unverständnis und Ihre Befürchtungen klar formulieren. Ja, es gibt leider zu viele unbedachte Äußerungen von Menschen, die es einerseits besser wissen müssten, und die sich andererseits offenbar der Tragweite ihrer Worte nicht ganz bewußt sind. In manchen Fällen hat man sogar den Eindruck, dass mit kalkulierter Absicht bestimmte Begriffe in die Diskussion gebracht werden, um sich selbst in welcher Form auch immer zu profilieren. Die Gründe dafür und mögliche Erklärungen haben Sie in Ihrer Nachricht schon selbst versucht zu beschreiben. Da kann ich nur zustimmen. Auch an vielen anderen Stellen – Sie haben ja auch eine kleine Linkliste angeführt – wird dieses Verhalten ausgiebig diskutiert, kommentiert und bewertet. Ich werde nun versuchen, aus fachlicher Sicht und aus meiner Erfahrung heraus Ihnen zu antworten.

Menschen mit einer Diagnose aus dem Bereich Autismus-Spektrum-Störung sind weder mehr noch weniger aggressiv und gefährlich als alle anderen Menschen auch. Aggressivität ist laut ICD-10 kein Diagnosekriterium und auch nicht in der Beschreibung der Symptome genannt. Es gibt keine Studie, die solch einen Zusammenhang zwischen Autismus und Aggressivität belegen kann. Alle Äußerungen, die solch einen kausalen Zusammenhang ziehen – sei es auch nur implizit – sind falsch und diskriminierend.

Nun zu meiner persönlichen Erfahrung. Seit einigen Jahren halte ich Seminare für Erzieher und Lehrer. Ein großer Themenblock ist dabei auch Autismus. Noch nie hat einer der mittlerweile weit über tausend Teilnehmer den Verdacht geäußert, dass autistische Kinder aggressiver als andere Kinder seien. Häufig ganz im Gegenteil. Zunehmend mehr Pädagogen und Erzieher haben die Vielfalt an Begabungen und Persönlichkeitsmerkmalen im Klassenverband zu schätzen gelernt. Weg von dem Gedanken der Einheitlichkeit in Bezug auf Leistung und Verhalten, hin zu einer Gemeinschaft von Individualität und Vielfalt. Allerdings haben diese Pädagogen noch nicht genug Einfluss auf den Unterricht der anderen Lehrer, die wenig differenziert auf das Verhalten der Schüler blicken und entsprechend unangemessen sanktionieren. Hinzu kommen die Übergriffe der Mitschüler, die manchmal an Grausamkeit kaum zu überbieten sind. Und diese täglichen kleinen und großen  Attacken werden sicherlich nicht von Kindern mit einer ASS initiiert.

Offenbar wird in unserer Gesellschaft die Entfaltung von Individualität nur innerhalb bestimmter Grenzen toleriert. Wer diese Grenzen überschreitet oder sonst irgendwie aus dem Rahmen fällt, hat es schwer. Mobbing, Erniedrigung und Diskriminierung sind die beschriebene Folge. Die betroffenen Menschen ziehen sich zurück, entwickeln Angststörungen, Depressionen etc.  Manche wehren sich dann auch gegen die ihnen entgegengebrachte Gewalt. Und dieses Wehren wird dann als Aggressivität fehlinterpretiert. Die von Ihnen angeführten Gewalttaten sind ein Produkt der gesellschaftlichen Prozesse, und nicht aufgrund irgendeiner genetischen Ursache oder Disposition zu erklären. Die Verantwortung liegt ganz klar bei der Gesellschaft, und nicht im Genmaterial. Und das nicht nur bei ASS, sondern auch bei ADHS, Teilleistungsstörungen und so weiter …

Ich kenne zum Beispiel eine ganz talentierte junge Frau, die alleine aufgrund einer Sprachentwicklungsstörung komplett durch das Raster des Schulsystems durchgefallen ist und sich durch Mobbing und Diskriminierung am Rande der Gesellschaft versteckt. Amtsärztlich wurde ihr sogar geistige Behinderung attestiert. Und wenn man genau hinschaut, dann entdeckt man einen weit überdurchschnittlich intelligenten, sowie witzigen und sympathischen Menschen. Ich könnte viele weitere solcher Beispiele anführen.

Ich habe den Eindruck, dass sich die Gesellschaft gerade in Bezug auf Autismus neu sammelt. Ein Grund dafür ist sicherlich die durch die Medien nun deutlich bessere Möglichkeit der Bildung von Netzwerken von Autisten. Jetzt können einzelne Beiträge mit einem ganz anderen Gewicht und einer wesentlich größeren Reichweite vermittelt werden – so wie hier nun Ihre Stimme, liebe Sophie. Es werden nicht mehr nur die Defizite, sondern nun auch zunehmend die Ressourcen in den Blick genommen. Bestenfalls der ganze Mensch an sich, seine Persönlichkeit. Und die Wahrnehmung der Gesellschaft scheint sensibilisiert zu sein.  Das betrifft auch die Wirtschaft. Allerdings sollte bei diesem Prozess auch genau darauf geachtet werden, dass man nicht über das Ziel hinausschießt, also erneut eine einseitige Fokussierung stattfindet, wenn nun auch auf die Stärken gerichtet.

Ich denke, der  Weg ist noch lang. Gerade für den Einzelnen selbst wird es noch viele Rückschläge in der Gesellschaft geben. Die von Ihnen angeführten verbalen Entgleisungen mancher Politiker und die Falschaussagen mancher Journalisten sind ja nur die Spitze des Eisbergs. Aber was nützt ein gesellschaftliches Umdenken, wenn trotzdem im Großen und im Kleinen immernoch zu oft Diskriminierungen stattfinden?

Die gute Nachricht ist, dass es viele Menschen gibt, die wertschätzend und charakterlich gefestigt sind. Und tolerant. Die nicht nur bewerten, sondern sich interessieren. Verbringen Sie mit diesen Menschen mehr Zeit.

Abschließend möchte ich noch einmal die von Ihnen angeführte suggestive Kraft der selbsterfüllenden Prophezeiung aufgreifen. Da gebe ich Ihnen mit Ihren Sorgen Recht. Und aus meiner Sicht müssten alle, die unbelehrbar und rücksichtslos derartige Fehlinformationen verbreiten, zur Verantwortung gezogen werden. Gesprochene und geschriebene Worte sind Handlungen, die andere verletzen können und die Gesellschaft schädigen. Unabhängig von der freien Meinungsäußerung.

Ich kann nur alle ermutigen, weiter zu machen. Gegen Dummheit, Ausgrenzung und Diskiminierung anzugehen, sich zu positionieren. Aufzuklären.

Danke Sophie.

Platon“

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4 Kommentare

Verfasst von - 31. Mai 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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4 Antworten zu “18. Nachricht von Platon an Sophie

  1. Ismael Kluever

    31. Mai 2014 at 11:11

    Danke, lieber Platon, für diese sehr sachliche und sachgerechte Einschätzung der Situation!

    Besonders seit einer Amoktat in Amerika, bei dem der Täter leichtfertig als Autist etikettiert wurde, haben sich autistische Blogger im Internet solidarisiert und prangern unsachgemäße Berichterstattung an. Auch Eltern autistischer Kinder machen ihren alltäglichen Kampf gegen Vorurteile und Mobbing in der Schule mehr und mehr öffentlich.

    Ich kann nicht einschätzen, in wie weit diese so engagierte Aufklärung von einer breiteren Öffentlichkeit außerhalb der direkt oder indirekt Betroffenen wahrgenommen wird. Wenn die Kommentare und Gefällt-mir-Klicks, bei denen Avatare angezeigt werden, ein Kriterium sind, dann würde ich meinen: Die ASS-Szene ist doch sehr unter sich! Man kennt einnader inzwischen, kommentiert gegenseitig die Blogposts und ermutigt sich gegenseitig, schließt Freundschaften. Aber eine Breitenwirkung ist nicht zu erkennen.

    Darf man das eigentlich erwarten? Dass die breite Öffenlichkeit die Autistinnen und Autisten in ihren Anliegen wahrnimmt? Warum sollte sich überhaupt ein Nicht-Betroffener mit Autismus befassen? (Mit „befassen“ meine ich jetzt nicht eine eingehende Beschäftigung, sondern die Kenntnisnahme sehr weniger Fakten.) Man kann sich schließlich als Normalbürger nicht mit allen „Besonderheiten“, Verhaltensabweichungen und Behinderungen, die es so gibt, beschäftigen. Das wäre eine Überforderung!

    Trotzdem: Ich würde mir eine intensivere, wertschätzende Wahrnehmung von Autistinnen und Autisten sehr wünschen! einfach deshalb, weil es doch recht viele sind. Einige Schätzungen sprechen von 1 % der Bevölkerung, die im Autismus-Spektrum stehen. Dabei ist jetzt unerheblich, ob die Zahl so richtig ist, tatsächlich diagnostizierte Fälle umfasst, unerkannte Autisten einbezieht oder auch Menschen mitrechnet, die nur einzelne typische Merkmale haben, ohne Autisten im eigentlichen Sinne zu sein. Es geht darum, dass es größenordnungsmäßig ein beachtlicher Teil der Bevölkerung ist.

    Ganz praktisch betrachtet: In einer vierzügigen Schule wäre statistisch gesehen in jeder Klassenstufe ein Autist unter den Schülern. D. h. jeder Lehrer, der mehrere Klassen unterrichtet, begegnet mehr oder weniger täglich einem Autisten im Unterricht. Und die übrigen Schüler tun das ja auch.

    Auch wenn ich meine Alltagserfahrungen revue passieren lasse, fallen mir viele Begegnungen ein, wo ich im Nachhinein sage: Dieser Mensch hat Verhaltensweisen, die auf AS hindeuten! Und ich bin dem nicht gerecht geworden, habe jemanden überfordert, an ihm vorbei geredet oder ihn für „plemplem“ gehalten, weil er mit seinem mit Fachtermini gespickten Vortrag kein Ende finden konnte.

    Das geht auch anders! Dazu muss darüber geredet werden. Nicht nur von Seiten der Autisten und deren Angehörigen, von denen ja jeder nur einen eingeschränkten Wirkungskrteis hat.

    Aber auf jeden Fall muss *mit* Autistinnen und Autisten geredet werden. Denn sie sind die eigentlichen Experten!

    Oh, jetzt bin ich aber grundsätzlich geworden… 😉

     
  2. felicea

    1. Juni 2014 at 22:18

     
  3. Anita

    4. Juni 2014 at 16:10

    @ Platon
    Danke, vor allem hier für
    Zitat Platon: ” Die von Ihnen angeführten Gewalttaten sind ein Produkt der gesellschaftlichen Prozesse, und nicht aufgrund irgendeiner genetischen Ursache oder Disposition zu erklären. Die Verantwortung liegt ganz klar bei der Gesellschaft, und nicht im Genmaterial.”
    @ Ismael
    ebenfalls Danke
    Zitat Ismael: “Ich kann nicht einschätzen, in wie weit diese so engagierte Aufklärung von einer breiteren Öffentlichkeit außerhalb der direkt oder indirekt Betroffenen wahrgenommen wird. Wenn die Kommentare und Gefällt-mir-Klicks, bei denen Avatare angezeigt werden, ein Kriterium sind, dann würde ich meinen: Die ASS-Szene ist doch sehr unter sich! Man kennt einnader inzwischen, kommentiert gegenseitig die Blogposts und ermutigt sich gegenseitig, schließt Freundschaften. Aber eine Breitenwirkung ist nicht zu erkennen. ”
    Ich denke doch, dass es eine Art der Vernetzung gibt, die so noch gar nicht richtig erkannt ist. Denn ich weiß, dass Therapeuten und I-Helfer auf vielen Blogs mitlesen! Sich auch aktiv beteiligt haben, als es um MMS ging, Und gerade in dem Bezug haben sich enorm Viele “Unbeteiligte” stark gemacht und weiterverbreitet!
    Auch hat “die Autisten-Szene” (ein anderes Wort fällt mir da grad nicht ein) schon einige Korrekturen in Veröffentlichungen erreicht, welche von uns gewertschätzt werden.
    Ich bin mit der Thematik beschäftigt seit 2010. In diesen 4 Jahren hat sich schon enorm viel getan! Noch zu wenig, zugegeben, aber in Anbetracht des “Berges”, doch schon eine gute und große Wegstrecke.
    Ich denke nicht, dass der Journalismus hier so ignorant sein darf und sein wird, nicht mal genauer hinzuschauen!
    Sabine Kiefner und Peter Schmidt hatten eine beeindruckende Möglichkeit von Frau Böttinger beim WDR erhalten. Solcher “Auftritte” in Schrift und Bild braucht es mehr.
    Zitat Platon: “Zunehmend mehr Pädagogen und Erzieher haben die Vielfalt an Begabungen und Persönlichkeitsmerkmalen im Klassenverband zu schätzen gelernt. Weg von dem Gedanken der Einheitlichkeit in Bezug auf Leistung und Verhalten, hin zu einer Gemeinschaft von Individualität und Vielfalt. Allerdings haben diese Pädagogen noch nicht genug Einfluss auf den Unterricht der anderen Lehrer, die wenig differenziert auf das Verhalten der Schüler blicken und entsprechend unangemessen sanktionieren. Hinzu kommen die Übergriffe der Mitschüler, die manchmal an Grausamkeit kaum zu überbieten sind. Und diese täglichen kleinen und großen Attacken werden sicherlich nicht von Kindern mit einer ASS initiiert.
    Da ich ja 4 Kinder habe, die sich im Regelschul-System befinden, kann ich es genauso bestätigen.
    Die willigen Lehrkräfte und die festgefahrenen; es gibt sie beide. Es kommt sehr auf die Leitung einer Schule an, wie es sich im Kollegium verfestigt (also, was gestützt wird). Wichtig, im Sinne von Inklusion, die Lehrerschaften müssen mehr aufgeklärt und aufgefangen werden. Und der offene Dialog muss stattfinden. Dies ist für mich als Mutter mega anstrengend. Und für die vielen anderen Eltern ebenfalls. Vor allem, wenn diese Eltern a) einseitig informiert wurden (Kliniken, Ärzte, Therapeuten, Lehrer) und/oder b) sich vor Angst nur noch verstecken wollen (was ich nachvollziehbar finde, nach allem, was ich persönlich erlebt habe). Aber ein Aufgeben ist nicht drin! Denn hier geht es um Zukunft, die Zukunft all derer, die in dieser Gesellschaft schon viel Leid erfahren mussten!

     
  4. kiwigirl

    7. August 2014 at 6:05

    ich bin außerdem der meinung, dass das ziel nicht sein sollte mit dem finger, egal auf welchen täter/opfer zu zeigen, sondern sich tiefergehend zu fragen, warum handeln diese menschen so, was hat sie zu dem gemacht, was sie sind! ich glaube persönlich also, dass es nicht richtig ist, autisten dafür verantwortlich zu machen, was gerade schief läuft, aber das grundsätzliche problem ist, dass man sich möglicherweise gedanken darüber machen muss, wie man selbst handelt und wie unfair viele ressourcen auch in der „firstworld“ verteilt sind.
    ein sehr gutes lied, zu dem thema ist „kirchturmkandidaten“ von jan delay.

     

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