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Die Re:Publica – Teil VI

21 Mai

Platon:

Wir sitzen im Auto und gleiten raus aus der Stadt. Wir fahren nach Navi, aber die erste Autobahn scheint endlos weit weg zu sein. Wieder quer durch die Stadt, vollgestopfte Kreuzungen, Gehupe, gestresste Autofahrer. Wuseliger Verkehr. Dann bei der ersten Auffahrt verfahren wir uns. Eine kleine Extraschleife, und wir sind wieder auf der richtigen Spur. Mit jedem Kilometer, den wir uns von Berlin entfernen, scheint Sophie weniger angespannt  zu sein. Obwohl noch ihre letzte Etappe der Heimreise, die Zugfahrt, sie zu belasten scheint.

Wir reden über den Tag, über Einzelheiten des Messebesuchs, und über ganz andere Themen. Ich hole aus meinem Beutel das gespülte Senfglas mit dem Spinat. Ich stelle das Glas vorne auf das Amaturenbrett, direkt in die Sonne. Dadurch soll der Spinat etwas wärmer werden. Sophie schaut ungläubig (mittlerweile bilde ich mir ein, das erkennen zu können). Ob das mein Ernst wäre, fragt sie. Ich antworte: Ja. Und sie könne das ruhig auch im Blog erwähnen. Sie muss lachen. Nach einer Weile gebe ich ihr das Glas und einen extra eingepackten kleinen Löffel. Etwas unschlüssig schaut sie auf das Glas, dann öffnet sie den Deckel und riecht daran. Sie verzieht kaum merklich das Gesicht. Es riecht wohl etwas komisch. Ich nehme ihr das Glas ab, lenke kurzfristig mit dem linken Knie und streue mit dem Salzstreuer eine Ladung Salz in das Glas. Dann reiche ich es ihr zurück: Bitte schön! Sie riecht erneut daran, scheint jetzt zufrieden zu sein und isst das Glas dann leer. Wir beide müssen lachen.

Sophie:

Eines muss ich dem Philosophen lassen: Es gelingt ihm, der Situation bei all dem Chaos eine gewisse Struktur zu geben, an der ich mich orientieren kann. Auch wenn die ganze Fahrt aus meiner Sicht kolossal schief gelaufen ist. Ich weiß, dass dieses komplette Zuviel an Eindrücken auch ganz anders und bei Weitem nicht so glimpflich hätte ausgehen können. Dennoch kämpfe ich gegen eine unendliche Müdigkeit, komme mir vor wie nach einem Marathon.

Als der Philosoph während eines Staus das Glas mit dem vormals gefrorenen Spinat hinter die Frontscheibe in die Sonne stellt, bin ich erst irritiert. Dadurch möchte er den Spinat erwärmen. Das ist… skurril. Sehr skurril. Nein, eigentlich ist das ziemlich verrückt. Ich mag verrückte Sachen.

Platon:

Ich blicke immer wieder auf die Uhr. Noch bin ich guter Dinge, dass wir rechtzeitig den frühen Zug für Sophie bekommen. Ich fahre etwas schneller, allerdings kommen immer wieder kleine Staus. Ich frage eher aus Höflichkeit, ob sie einen Kaffe mittrinken würde. Zur Not ginge auch ein Kaffee einer bestimmten Restaurant-Kette. Oh, denke ich, dass muss ich jetzt ausnutzen. Mit Sophie einen Kaffee in der Öffentlichkeit zu  trinken schien mir eigentlich bisher unvorstellbar. Bei der nächsten Gelegenheit steuere ich einen Parkplatz an und wir gehen rein. Ich nehme einen großen, sie immerhin einen mittleren Latte Macchiato. Wir sitzen tasächlich in solch einer Bude und schlürfen Kaffee. Dazu wird eine kleine Schokokugel angeboten. Nur der Form halber frage ich, ob sie ihre essen möchte, weil ich eigentlich gerne beide essen würde. Aber sie sagt, dass sie die Kugel wohl probieren würde. Sie macht es und findet das Essen der Kugel witzig. Ich sage mir, auf dieser Welle müssen wir weiter surfen, daher biete ich ihr auf dem Rastplatz eines meiner mitgebrachten gekochten Eier an. Sie isst eins davon. Wieder mit Salz.

Sophie:

Wir halten an einem Rastplatz. Ich entschließe mich, mit einem Kaffee wenigstens zu versuchen, diese Müdigkeit zu vertreiben. Es ist schon lange her, dass ich einen solchen Kaffee hatte, in Ostfriesland gibt es keine Cafés in der Art. Zum Kaffee gibt es eine seltsame Haselnuss-Creme-Kugel, normalerweise würde ich sie liegen lassen. Als der Philosoph über das Gepiepe und Gezische des Cafés hinweg fragt, ob ich sie essen würde, gehe ich kurz den potentiellen Verlauf des Gesprächs durch. Sage ich nein, fragt er nach, ob ich es wirklich nicht möchte. Dann würde ich wieder versuchen, etwas zu erklären – und selbst dazu bin ich gerade zu müde. Außerdem traue ich mich nicht, nach dem Desaster auf der Re:Publica für heute noch zu irgendetwas nein zu sagen. Wenn der Philosoph mich bitten würde, auf dem Standstreifen der Autobahn nach Ostfriesland zu joggen, würde ich wahrscheinlich auch das machen – nur, um den Eindruck zu bekommen, wenigstens etwas für heute hinbekommen zu haben. Also sage ich ja.

Ich möchte nach Hause. In meine ruhige Wohnung, die Welt ausschließen, endlich Ruhe haben, diesen konstanten Druck im Kopf wegbekommen. Der Weg nach Hause scheint mir immer noch unendlich. Und fast unüberwindbar.

Platon:

Wir fahren weiter, doch es kommen immer mehr kleine Staus, wir geraten immer mehr in Verzug. Ich bin erstaunt, wie gelassen Sophie damit scheinbar umgeht. Ich verzichte allerdings, da jetzt näher nachzufragen. Am Ende fehlen uns knappe zehn Minuten. Ganz heftiger Platzregen kam auch noch dazu, wir konnten zum Schluß nur noch sehr langsam fahren. Sophie nimmt es offenbar gelassen. Ich habe fast den Eindruck, dass ich mich mehr darüber aufrege als sie. Jetzt fährt sie eine Stunde später. Am Bahnhof ziehen wir die Karte, ich begleite sie bis zum Gleis. Ein Doppeldeckerzug fährt ein. Ich frage sie, ob sie gerne oben sitzt. Ja, sagt sie, sehr gerne. Tschüß.

Tschüß.

Sophie:

Wir erreichen den Bahnhof zu spät. Im Laufe des Nachmittags hatte ich zunehmend den Eindruck, dass mich immer weniger Dinge erreichen. Sie passieren einfach, aber sie passieren nicht mir. Ich bin Beobachter eines fremden Geschehens geworden. Als hätte sich etwas in mir einfach abgeschaltet. Der Zug eine Stunde später fährt mit ohrenbetäubendem Lärm ein, es fühlt sich an, als würde der Schall auf den blanken Nerv treffen. Zu laut. Viel zu laut.

Der Zug ruckelt in nördlicher Gegend durch das Land, Stunde um Stunde durch die Dunkelheit. Es scheint kein Ende nehmen zu wollen. Es sind kaum Menschen in dem Abteil, außer den Fahrgeräuschen ist wenig zu hören. Mit jedem Kilometer mehr nimmt die Müdigkeit zu, obwohl ich gedacht hätte, dass das nicht mehr möglich ist. Bis ich schließlich überrascht feststelle, dass mir die Tränen kommen. Spätestens jetzt weiß ich, dass ich meine Grenzen für den heutigen Tag bei Weitem überschritten habe. Und wahrscheinlich Tage brauchen werde, um wieder einigermaßen „alltagstauglich“ zu sein.

Um kurz nach Mitternacht erreiche ich meine Wohnung, habe das Gefühl, kaum noch den Weg zu finden. Öffne die Tür, räume die Tasche an ihren Platz, setze mich in der Dusche einfach auf den Boden und lasse das heiße Wasser laufen. Und bleibe sitzen.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 21. Mai 2014 in Re:Publica

 

Eine Antwort zu “Die Re:Publica – Teil VI

  1. Ismael Kluever

    21. Mai 2014 at 9:26

    Auch wenn die Berlinfahrt ein Desaster war: Ihr beide seid einfach wundervoll! 🙂

     

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