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Die Re:Publica – Teil V

18 Mai

Platon:

Wir gehen dann doch noch rein. Melden uns vorne an. Ich erkläre dem Moderator, dass es schwierig werden wird, dass Sophie große Probleme hat. Er klopft ihr unvermittelt auf die Schulter, ich reagiere zu spät. Und ich denke gleichzeitig, dass es das wohl war. ich versuche zu Sophie zu sprechen, merke aber auch fast körperlich, wie schwerfällig und scheinbar unverständlich meine Worte zu ihr gelangen. Wir fragen, was gemacht werden soll. Sie entscheidet, sonst keiner. Ein Bekannter von Sophie steht plötzlich neben uns. Er greift helfend ein. Kümmert sich um Sophie.

Sophie:

Wieder rein. Der Philosoph meinte, es sei ruhiger, aber dem ist nicht so. Ich stehe in einer Ecke und warte. Höre den stetig schriller werdenden Klangbrei in meinen Ohren, bemerke aber keinen Sinn mehr. Ob der Philosoph in der Nähe ist oder nicht, weiß ich nicht. Durch die Masse an Eindrücken dringt wie ein Stromschlag eine Berührung. Ich weiche zurück, hoffe auf eine Wand in meinem Rücken. Aber hinter mir ist keine Wand, sondern eine Tür, die sich unvermittelt öffnet. Plötzlich ist ein Bekannter da, ich nehme ihn zur Kenntnis, versuche, meine Konzentration auf ihn zu richten. Ich ärgere mich über mich selbst, versuche irgendwie, das Gewusel auszublenden, aber der Druck im Kopf macht es zunehmend unmöglich. Fast gleichzeitig passieren weitere Dinge, ich habe keinen Überblick mehr. Möchte hier raus. Raus aus den Menschen, aus der Wärme, aus dem Geruch, aus den Geräuschen. Und habe das offenbar gesagt – sicher bin ich mir nicht – denn es passiert was.

Platon:

Sie kann nicht mehr und sie sagt es auch. Sophie wird mit dem Bekannten einen sicheren Ort aufsuchen. Sie verlässt den Raum. Ich habe den Eindruck, dass sie in guten Händen ist, dass das jetzt die beste Lösung ist. Mir wird das Mikrofon gereicht, knapp hundert Augenpaare schauen mich an. Ich erzähle. Meinen Part. Ich kenne auch Sophies Part durch unsere kleinen Übungseinheiten, ich fühle mich sicher und kann all das berichten, was wir uns vorgenommen hatten. Dann die Fragen des Publikums. Wir bekommen positive Rückmeldungen. Ich bin tief berührt. Antworte, so gut es geht. Mit Sophie wäre es noch besser, noch richtiger gewesen. Die nachfolgenden Referenten stehen neben mir, gratulieren mir. Übernehmen das Mikrofon.

Sophie:

Ich hefte mich an die grüne Tasche meines Bekannten und folge ihr durch die Massen. Noch einmal durch die Halle mit den Bannern, vorbei an Theken, Bühnen, Menschen durch ein unstetes doppeltes Klangecho. Immer weiter raus, ich weiß nicht, wohin. Ich hätte den Autoschlüssel mitnehmen sollen. Irgendwann sind wir auf der Straße, vom Gelände unten. Es ist nicht ruhig und zu hell, aber kein Vergleich zu dem Zustand im Messegelände. Ich wäre lieber im Auto, im Halbdunkel auf der Rückbank, in der relativen Stille. Und noch lieber zu Hause in der Sicherheit meiner eigenen Wohnung.

Durch den dumpfen Kopfschmerz macht sich Ärger breit. Ärger über mich. Die eigene Unzulänglichkeit. Ärger darüber, dass ich offenbar an einfachsten Dingen scheitere. Vielleicht nicht genug versucht habe? Doch noch einige Minuten hätte warten sollen? Ich überlege den Bruchteil einer Sekunde, ob ich zurück soll, es erzwingen soll. Und weiß gleichzeitig, dass ich es damit noch schlimmer machen würde. Das Rauschen in meinen Ohren lässt nur langsam nach, ich habe Schwierigkeiten, mich auf den Bekannten zu fokussieren. Mit den Fingern drehe ich den Fleece meiner Jacke in der Tasche, immer und immer wieder. Gleichförmige Bewegung und der weiche Stoff sind angenehm. Wieder denke ich an das Auto, ärgere mich, dass ich keinen Schlüssel habe – und das Auto wahrscheinlich auch nicht finden würde.

Platon:

Ich verlasse den Saal. Suche Sophie. Finde sie aber nicht. Gehe zum Auto, auch dort ist sie nicht. Gehe zurück und werde unruhig. Irgendwann komme ich auf die Idee, auf mein Handy zu schauen. „Stehe am Tor auf der anderen Straßenseite“. Dort finde ich sie auch. Erleichtert stelle ich fest, dass sie sich gefangen hat, ihr Befinden sich stabilisiert hat. Wir verabschieden uns von ihrem Bekannten. Wir laufen zurück zum Parkhaus. Zum Auto. Mit jedem Schritt wird unser Kontakt wieder besser. Das Auto sei ein sicherer Ort für sie. Wie von einem Magneten werden wir von dem Fahrzeug angezogen. Sophie denkt sogar an die Parkkarte, die ich erst noch an der Kasse einlöse. Wir fahren los. Sophie schaltet ihr Tablet ein. Zeigt mir die ersten Twitter-Meldungen. Ich hätte das wohl ganz ordentlich gemacht. Sie selbst ärgere sich über sich selbst. Maßlos. Und ich denke, dass ich ihr vielleicht hätte besser helfen können. Ich denke aber auch, dass wir beide das gut gemacht haben. Dass es richtig war. Das sage ich ihr auch.

Sophie:

Der Philosoph ist da. Die Zeit erschien mir endlos. Erneut nehme ich seine Füße in den Blick, der Weg zum Parkhaus ist ruhiger als es der Hinweg war. Der Tasche meines Bekannten war es einfacher, zu folgen. Und ich wäre tatsächlich in die falsche Richtung gelaufen. Das Überqueren der Straße bei Verkehr überfordert mich, ich kann die anderen Wagen kaum sehen, geschweige denn ihre Geschwindigkeit einschätzen. Ich möchte ins Auto. Der Philosoph erzählt, aber ich bekomme nur die Hälfte mit, wenn überhaupt. Im Wagen angekommen, schlägt die Müdigkeit komplett zu. Erst jetzt merke ich das Zittern meiner Beine. Die Rückenlehne drückt an meine Schultern, unnachgiebig, Sicherheit bietend. Um zu verhindern, dass ich einschlafe, greife ich zum Tablet. Doch selbst die vertrauten Griffe auf dem Gerät fallen mir schwer. Ich merke, dass ich lange brauche, um die Programme zu finden, teilweise direkt vergesse, was ich gerade machen wollte oder ich weiß, dass ich in ein Programm möchte, aber nicht mehr weiß, wo und wie ich es finde. „Selbst einfache Dinge kriegst du nicht mehr hin“, denke ich mir und komme mir dumm vor.

Das Navi sucht nur langsam einen Weg aus Berlin. Ich lasse den Blick im Fußraum, nicht noch mehr Großstadt-Gewusel. Mein Ärger wird stetig größer. Und auch die Müdigkeit. Ich komme mir vor wie nach einem Marathon, würde mich am liebsten an Ort und Stelle in die Stille des Schlafes retten. Aber ich weiß auch, dass der Tag immer noch nicht vorbei ist. Und ich noch lange nicht zu Hause bin.

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Verfasst von - 18. Mai 2014 in Re:Publica

 

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