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Die Re:Publica – Teil IV

17 Mai

Platon:

Plötzlich sind wir da. Wir finden sogar schnell das Parkhaus. Reingefahren, ausgestiegen, schnurstrakts zum Registration Desk für die Speaker. Wir sind angekommen, und Sophie ist fast am Ende. Ich merke, wie schwer es ihr fällt, das kleine Identifikationsbändchen um ihr Handgelenk zu binden. Und ich merke, wie angespannt ich plötzlich bin. Wie sehr ich mich orientieren muss, und wie schwer mir plötzlich der Kontakt zu Sophie fällt. Jetzt habe ich auch noch meine Brille im Wagen vergessen. Ich muss zurück, Sophie wartet in der Ecke eines Brückenpfeilers. Als ich mit der Brille wieder da bin, sitzt sie zusammengekauert am Boden. Sie steht auf und ich merke, wie ihr jeder weitere Schritt immer schwerer fällt. Ich merke leider jetzt noch nicht, dass ich ihr offenbar immer weniger helfen kann.

Sophie:

Bereits auf dem Weg zur Messe verliere ich den Philosophen einmal. Er läuft zu schnell, ich kann nicht mithalten, weil ich den Menschenmassen ausweichen muss, die unkoordiniert um mich herum sind. An der Speaker Registration verpasse ich meinen Einsatz, ich habe nicht bemerkt, dass ich angesprochen wurde. Ich möchte die Armbänder nicht und frage, ob ich sie auch in die Hand nehmen darf. So vermeide ich, dass mir jemand am Arm herumfummelt und mich anfasst. Leider klappt die Taktik nur bis zum Eingangstor, dort muss ich das Band dann doch umbinden. Mit einer Hand versuche ich, das Band am anderen Handgelenk zu befestigen, bin froh, dass die Dame am Eingang nicht fragt, ob sie helfen soll. Um mich herum wuseln Menschen, es ist laut.

Der Philosoph hat seine Brille vergessen, muss noch einmal ins Auto. Ich finde eine Nische unter einer Brücke, warte dort auf ihn. Die Wand im Rücken gibt etwas Sicherheit. Ein rotweißes Band flattert im Wind. Ich höre Musik aus der Ferne, Stimmen aus Lautsprechern, verzerrt und nicht verstehbar. Die Menschen laufen an mir vorbei. Schuhe. Sandalen, braune Schuhe, Lederschuhe, Turnschuhe, Sneakers, auf Hochglanz polierte Schuhe wandern durch mein Blickfeld. Von links nach rechts, von rechts nach links, manche drehen wieder um, einige laufen auf mich zu, schwenken ab. Karierte Hose. Loch in der Strumpfhose. Pullover mit aufgetrennter Naht. Manche Gesprächsfetzen sind auf deutsch, andere auf englisch. Ein Handyklingeln. Eine Rückkopplung eines Lautsprechers. Über mir rattert eine Straßenbahn entlang. Das knisternde Flattern des Absperrbandes. Ich möchte mir die Ohren zuhalten. Unsichtbar sein. Verschwinden.

Der Philosoph taucht wieder auf. Will die Bühne suchen, in der gleich der Vortrag stattfinden soll. Ich hefte mich an seine Fersen, versuche, die Füße nicht aus den Augen zu verlieren. Mein Blickfeld engt sich ein, als würde ich durch einen Tunnel schauen. Immer wieder muss ich Menschen ausweichen. In der Halle selbst wird es noch unangenehmer. Die Luft ist stickig und warm, von der Decke hängen Banner in verschiedenen Farben, die Menschen laufen kreuz und quer. Die Akkustik ist seltsam, der Schall fängt sich unter der Decke und wird zurückgeworfen wie ein leichtes Echo, das sich vermischt. Um ein Haar wäre ich gegen den Philosophen gelaufen. Wir scheinen da zu sein.

Platon:

Wir gehen über den Vorplatz, überall Menschen, Musik, Gewusel. Ein zum Leben erwachtes Wimmelbild. Sophie geht hinter mir her. Erst sollte sie neben mir gehen, aber das scheint nicht zu klappen. Sie geht langsamer als sonst, ich passe auf, sie nicht zu verlieren. Uns zu verlieren. Wir gehen in die Halle, ich bin noch gar nicht richtig angekommen. Und gleich geht es schon los. Leider erst gleich, wir müssen noch 45 Minuten warten. Und uns 20 Minuten vor unserem Auftritt beim Moderator melden. Und bis dahin stehen wir im wahrsten Sinne des Wortes zunächst „wie bestellt und nicht abgeholt“ vor unserem Saal, in dem wir vortragen sollen.

Ich überrede Sophie, mit hinein zu gehen. Im Flur davor ist es so laut und hektisch. Wir machen die Tür auf, und finden noch so gerade einen freien Stehplatz an der Wand. Es ist überfüllt und beklemmend. Der Kontakt zu Sophie ist jetzt abgebrochen, ich merke es, aber es wird mir wohl noch nicht richtig bewußt. Ich versuche die Atmosphäre und die soziale Dynamik im Raum zu verstehen, damit ich mich auf unseren Vortrag vorbereiten kann. Als ich mich umdrehe, ist Sophie verschwunden. Ich habe nicht bemerkt, dass sie den Raum verlassen hat. Jetzt müssten wir uns eigentlich beim Moderator melden. Aber ich suche Sophie, finde sie wieder vor der Tür. Sie ist am Ende. Ich merke es.

Sophie:

Der Saal ist gerammelt voll, die Luft riecht unangenehm. Aus den Nachbarräumen sind Stimmen zu hören, klatschende Hände, ein ekliges, in den Ohren schmerzendes Geräusch, wieder Stimmen. Menschen laufen kreuz und quer an uns vorbei. Ich will raus, der Philosoph hingegen rein. Der Vortrag im Saal ist auf englisch. Ich kann mich nur schwer konzentrieren, die Menschen stehen zu dicht. Ich höre das Tippen von Fingernägeln auf Handydisplays, das hochfrequente Summen der Lautsprecher, ein Scheinwerfer strahlt die Wand an, jemand rückt mir auf die Pelle, die Leute rutschen raschelnd auf den Stühlen, immer wieder geht die Tür auf und zu, eine Frau mit penetrantem Parfüm taucht direkt hinter mir auf, drängelt sich an mir vorbei. Ich verstehe den Redner nicht mehr, und das liegt nicht am Englisch. Raus. Ich muss raus. Irgendwann finde ich mich vor der Tür wieder, weiß nicht so recht, wie ich dorthin gekommen bin. Der Philosoph ist verschwunden. Vor mir redet jemand, ich kann ihn nicht verstehen, weiß nicht, ob ich gemeint bin oder nicht. Weiße Wände, Schmutz und schwarze Ränder. Papierfetzen auf dem Boden, ein Riss an der Wand, rostiges Scharnier an der Tür. Rosafarbene Bänder, Karten, klappernde Schuhe gehen an mir vorbei. Irgendwo scheint Musik. Das Rauschen in meinen Ohren wird lauter.

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5 Kommentare

Verfasst von - 17. Mai 2014 in Alltägliches

 

5 Antworten zu “Die Re:Publica – Teil IV

  1. Mueller7de

    17. Mai 2014 at 10:46

    Ich kenne es und erkenne es.
    Reizüberflutung. Auflösen. Kommunikations- und Wahrnehmungs-Shut-Down.
    Dass Du das in Worte fassen kannst ist unschätzbar.
    Damit kann man etwas tun. Ich nehme eure Texte mit und habe neues Werkzeug.
    Danke dafür!

     
  2. Anita

    17. Mai 2014 at 13:29

    Oh was wäre ich froh, wenn mehr Therapeuten diese Beschreibung lesen würden und die Anzeichen erkennen lernten!!

    Es gibt so viele, die genau in diesen Momenten einfach weiter „plappern“ und dann noch Resultate erwarten und den Druck erhöhen.

    Danke für die eindringliche Beschreibung.

     
  3. Kakerlake

    17. Mai 2014 at 17:46

    Hallo Platon,

    der Anfang des Dramas war schon in Marzahn abzusehen….eine Adresse die nicht die richtige ist, ist für sich allein schon ein Gau…aber dann auch noch mit offenem Fenster suchend (womöglich auch noch unter Zeitdruck…und vor allen Dingen UNAUSGESCHLAFEN) durch die laute Stadt zu kurven, setzt noch einen drauf. Und an diesem Punkt war die „Geröll-Lawine“ bereits unterwegs.
    Unaufhaltsam.
    Wenn ich in diesen Zustand gerate…wenn ich also die einfachsten Handgriffe nicht mehr fertig bringe,(so wie Sophie mit dem Identifikationsbändchen hantiert) dann ist alles zu spät….der Overload kommt unaufhaltsam…helfen kann da keiner. Bei mir geht das bis zur völligen Handlungsunfähigkeit.
    So, wie Sophie zusammengekauert am Brückenpfeiler sitzt…so geht’s mir dann auch. Ich möchte dann auf der Stelle im Boden versinken…nicht vor Scham…sondern um meine Ruhe zu haben…damit das alles aufhört. Das „zu laut“,“ zu grell“, „zu viel“,“ zu intensiv“… Das ist nur noch mit eben solcher Ruhe und Abgeschiedenheit wieder ins Lot zu bringen. Also raus aus der Situation…aber nicht nur für ne halbe Stunde. Das dauert schon etwas länger und ist natürlich immer individuell und Situationsbezogen anders. Eine wirkliche „Hilfe“ von außen ist ehrlich gesagt nicht möglich (jedenfalls ist es bei mir so). Es wäre mir aber eine Hilfe, wenn es jemand rechtzeitig bemerkt und mich an einen ruhigen Ort bringt und mich dort nicht weiter „beansprucht“. Also z.B. Fragen stellt…oder sonst wie auf mich (tröstend oder beruhigend) einredet.
    Auch das ist dann zu viel.
    Ich bin dann gar nicht mehr in der Lage noch auf etwas zu reagieren…bin viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Ich würde mir sogar eine echte Schneelawine wünschen…die mich unter ihren Schneemassen begräbt…und mich von allen Reizen abschirmt und wieder zur Ruhe kommen lässt.
    Immer wieder mute ich mir Situationen zu, die ich dann doch nicht bestehen kann. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.
    Und das ist einfach so.
    Da kann ich lange planen und alles vorbereiten…und dann macht das Leben etwas ganz anderes und der Plan klappt zusammen wie ein Kartenhaus…und ich mit ihm. Die Alternative wäre, einfach nicht mehr aus dem Haus zu gehen. Aber das will ich nicht. Ich will am Leben teilnehmen und an der ein oder anderen Stelle noch kräftig mit mischen. Und ich will auch mit Menschen zu tun haben…darf mich jedoch nicht überfordern und muss für ausreichend Rückzugs und Ruhemöglichkeiten sorgen.

    Bei den letzten Beiträgen ist mir aufgefallen, wie Du Platon eigentlich das fühlst, was Sophie gerade erlebt. Wenn mich nicht alles täuscht, ist das ne Gegenübertragung. Wie z.B. diese Angespanntheit…ist die wirklich von Dir Platon? Und die „Schwerfälligkeit“ bei der Orientierung und der abreißende Kontakt zu Sophie…
    Eigentlich ein gutes Zeichen…denn mit der Gegenübertragung lässt sich arbeiten….

    Kakerlake

     
    • dualesseinzwei

      17. Mai 2014 at 21:25

      Hallo Kakerlake,

      ich würde es wohl eher Sensibilisierung nennen. Von Treffen zu Treffen mit Sophie habe ich immer etwas besser ihre ganz spezielle Wahrnehmungssituation verstanden. Zumindest ansatzweise.
      In Berlin waren wir ein Team, wir machten eigentlich nur im Doppelpack Sinn. Wir waren Co-Referenten, und wir beide hatten uns sehr darauf gefreut. Zumindest ich. Sophie spricht nicht von Freude, eher von etwas mögen oder gerne machen.
      Und ich versuchte, meine Konzentration auch auf sie zu fokussieren. Aber auch die örtlichen Gegebenheiten nahmen meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Leider ist Konzentration nicht meine Stärke.
      Und ich bin tatsächlich bei solchen Situationen angespannt, möchte die Dinge gut machen. Die Sorge um Sophie und die völlig wuselige Situation war dann wohl auch zuviel für mich – was zumindest meine Begleitung und Unterstützung von Sophie betrifft.
      Es wäre besser gewesen, wenn wir deutlich früher angekommen wären. Dann hätten wir uns ganz langsam an die Situation gewöhnen können. Oder wir wären genau auf die Minute zum Beginn des Vortrags gekommen, nach dem Moto rein, erzählen und wieder raus. So aber waren jetzt die falschen 45 Miunuten vor dem Beginn der Veranstaltung kontraproduktiv.
      Das beste an der ganzen Berlin-Fahrt war eigentlich der Rückweg von der anderen Straßenseite zurück zum Parkhaus. Auf diesem Weg fanden wir wieder unseren Kontakt. Und das war sehr beruhigend.

      Platon

       
  4. OP-Tisch-Pilotin

    17. Mai 2014 at 23:07

    Irgendwie erschreckend, dass ich in Sophies Erzählung meine eigene Wahrnehmung in wuseligen Situationen wiederfand. Aus diesem Grund hatte ich immer Ohrstöpsel mit in der Schule. Nun habe ich in-Ear Kopfhörer, das wirkt nicht so komisch. Ansonsten hilft nur noch auf den Boden zu schauen

     

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