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Die Re:Publica – Teil III

14 Mai

Platon:

Irgendwie ist es eine skurile Situation. Da sitzen wir beide im Auto und sind vermutlich jeweils äußerst gespannt und interessiert, wie sich nun der andere den Rest des Tages verhalten wird. Und was sonst noch so alles auf uns zukommt. Auf meiner Seite ist es eher eine freudige Spannung, bei Sophie bin ich unsicher. Sie wirkt allerdings auf mich zuversichtlich und selbstbewußt. Ich hatte sie schon ganz anders erlebt.

Ich frage Sophie, ob ich mein Butterbrot auspacken dürfe, ob es sie nicht stört, wenn ich esse. Es ist Ordnung. Ich biete ihr auch ein Brot an, sie lehnt dankend ab. Heute mal nicht. Wir lachen. Wir fangen an zu erzählen, ich wieder zu fragen. Vielleicht zu viel. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass es Sophie stört. Im Gegenteil, ich finde, wir besprechen interessante Themen. Ich bitte sie zwischendurch, das Navi zu programmieren.

Sophie:

Die Autobahnen sind frei. Darüber bin ich ganz froh. Ich mag das gleichmäßige, stete, für andere oft eintönige Fahren auf der Autobahn. Der Philosoph stellt viele Fragen. Das ist in Ordnung, es stört mich nicht. Ich denke zwischenzeitlich, dass er wirklich aus Interesse fragt und nicht nur aus Höflichkeit.

Irgendwann greift er nach hinten und kramt in Alufolie eingewickeltes Brot heraus. Er fragt mich um Erlaubnis, ob er essen dürfe, was ich seltsam finde. Es ist sein Auto und ich bin sicher in keiner Position, irgendetwas zu verbieten. Das Knistern der Folie ist laut, der Geruch des Brotes zieht durch den Wagen. Die Kilometer Richtung Berlin schrumpfen zusehends.

Platon:

Wir fahren und fahren und fahren, und die Zeit wird nicht lang. Irgendwann mache ich eine Pause an einer Raststätte. Wir gehen auf die Toilette. Ich bin wohl eher fertig, gehe zum Wagen, kehre aber irgendwann zurück. Ja, wie bereits vermutet, Sophie wartet noch am Eingang der Toiletten auf mich, dort hatten wir uns zuletzt gesehen. Ich spreche sie an, sie erkennt mich, und wir gehen dann zusammen zum Auto.

Wieder auf der Autobahn frage ich, ob Sophie den Warp-Antrieb höre. Sie lauscht, sagt dann aber, dass das nicht der Warp-Antrieb wäre, sondern dass es es sich dabei um Fahrgeräusche handele. Ich sage, nein, das wäre der Warp-Antrieb. Wir haben das dann nicht weiter ausdiskutiert. Etwas später durchfahren wir eine Baustelle, ich fahre natürlich viel zu schnell hinein. Ein Arbeiter spritzt mit einem Hochdruckreiniger irgendwelchen klebrigen Dreck von der Fahrbahn. Wir fahren durch die Dreckwolke, das bisher schöne saubere Auto sieht jetzt aus wie nach einer längeren Ralley-Tour. Sophie lacht daraüber.

Sophie:

Mehr als einmal fährt der Philosoph wieder zu schnell. Ich gebe ihm heute zehn Stundenkilometer „Toleranz“, bevor ich mich melde. Gerade bei den Baustellen neigt er dazu, die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu „übersehen“. Auf den ersten Schildern taucht „Berlin“ auf. Die Kilometer werden zusehends weniger. Die Autobahn ist zwischendurch fast verlassen, irgendwann passieren wir die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. In solchen Momenten würde ich gerne eine Zeitreise machen, einige Jahre zurückreisen und das sehen, was nur als Daten in meinem Kopf gespeichert ist.

Der Philosoph scheint gut gelaunt. Er macht viele Witze und hat einen kleinen Tick, den ich auch von mir kenne: Alle paar Kilometer betätigt er die Scheibenwischanlage. Ich weiß gar nicht, ob ihm das überhaupt bewusst ist. In einer Baustelle wird die Straße gereinigt, der graubraune Sprühnebel legt sich aufs Auto und die Frontscheibe. Der Philosoph schimpft neben mir, weil er das Auto erst geputzt hat und es nun schmutzig ist. Ich merke mir die Situation und beschließe, im Laufe des Tages noch einen Witz darüber zu machen: Bei nächster Gelegenheit werde ich ihn darauf hinweisen, dass er sein Auto ruhig mal hätte putzen können.

Berlin ist nicht mehr weit. Mit den Augen suche ich die Horizontlinie ab, ob etwas von der Stadt bereits zu erahnen ist. Aber Berlin tut mir den Gefallen nicht – die Stadt taucht relativ unvermittelt auf, man kann sich nicht darauf vorbereiten, man ist plötzlich einfach da.

Platon:

In Berlin finden wir schnell die im Navi eingegeben Adresse. Leider im falschen Stadtteil. Wir können es beide kaum fassen. Bis wir den Fehler merken, sind wir einige Male durch die Wohngebiete gekreist. Das neue – und jetzt richtige – Ziel in Kreuzberg ist 18 Kilometer entfernt. Quer durch die Stadt. Sophie fragt, ob ich hier leben könnte. Wir fahren an Plattenbauten vorbei. Ich antworte mit ja, aber es käme darauf an. Ich muss mich aber auf den wuseligen Verkehr konzentrieren. Ich sehe für eine Sekunde das Hotel Adlon und das Brandenburger Tor. Mittendrin versagt mein linker Blinker. Das ist beim Spurenwechsel sehr unangenehm und hinderlich. Der rechte geht noch. Ich merke, wie Sophie zusehends nervöser wird. Die Stadt, ein wahr gewordenes Ungeheuer, ein Moloch. Ich mag die Stadt, Sophie offensichtlich nicht.

Sophie:

Irgendwas stimmt hier nicht. Wir fahren durch Plattenbauten durch, die Straße stimmt, die Hausnummer auch. Aber nach einer Messe sieht hier mal so gar nichts aus. Der Philosoph lenkt seinen Wagen sicher durch den Verkehr, ich wäre schon wahnsinnig geworden. Allein die Straßenbahn macht mich nervös, ich traue diesen Dingern auf Schienen nicht. Und den anderen Verkehrsteilnehmern noch weniger. Wie sich herausstellt, gibt es die Straße in Berlin zweimal. Ganz toll. Verdammte Stadt. Und dann kommt der GAU – statt am Stadtrand zu bleiben, müssen wir mitten durch Berlin durch. Von Marzahn nach Kreuzberg.

Der Philosoph fragt mich, ob ich eine Cindy aus Marzahn kenne. Ich antworte, dass ich niemanden kenne, der in Berlin lebt und denke mir, dass ich auch alleine mit dem Vornamen wenig anfangen könnte. In Berlin gibt es sicher tausende Menschen mit Namen Cindy. Offenbar habe ich irgendwas komisches gesagt, denn der Philosoph lacht. Mir ist das Lachen eigentlich vergangen. Vorbei an Hochhäusern mit Wohnungen, die aussehen wie gestapelte Rattenkäfige, fahren wir durch dieses Monster von Stadt. Der Philosoph hat das Fenster offen, der Straßenlärm ist ohrenbetäubend. Die Stadt stinkt. Der Verkehr ist ein einziges Chaos, überall sind Menschen, Reklameschilder, bunte Schaufenster, Ampeln, Schilder, Straßenbahnschienen, Dreck, kaputten Scheiben, vernagelte Türen. Der Philosoph weist mich auf das Brandenburger Tor hin, aber ich kann es in dem Gewühl aus Fassaden nicht erkennen, wir sind zu schnell dran vorbei. Ich schließe immer wieder die Augen, nur für ein paar Sekunden. Ein paar Sekunden, in denen das Chaos Berlins nicht existent scheint. In meinem Kopf macht sich ein steter Druck breit. Wir sind in der Hölle angekommen.

 

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Verfasst von - 14. Mai 2014 in Re:Publica

 

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