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Die Re:Publica – Teil II

11 Mai

Platon:

Ich habe den Wagen extra noch durch die Waschstraße gefahren und von innen komplett gesaugt und gereinigt. Schließlich wollen wir uns ja auf der langen Fahrt wohl und geborgen im Auto fühlen. Ich habe das Navigationsgerät aufgeladen und die Adresse schon rechtzeitig eingegeben. Ich habe für mich Cola und Butterbrote eingepackt. Für Sophie gekochte Eier, einen Salzstreuer (sie mag Salz), ein gespültes Senfglas mit Deckel, gefüllt mit noch gefrorenem Spinat, einen Teelöffel, die richtigen Wasserflaschen. Die Freisprechanlage für mein Handy, unser ausgedrucktes Konzept. Um fünf Uhr morgens soll ich sie abholen.

Ich gehe früh schlafen, damit ich möglichst ausgeschlafen bin. Um Punkt elf Uhr gehen bei mir im Ort sämtliche Straßenlaternen aus. Es wird auf einen Schlag stockduster, lediglich eine kleine Leuchtreklame der Tankstelle bleibt hell. Tankstelle! Ich habe vergessen, den Wagen voll zu tanken. Du lieber Himmel! Ich bin schon fast auf Reserve. In Ostfriesland ist das ein Problem, die Tankstellen machen erst gegen 7 Uhr auf. Ich gehe im Kopf einige Szenarien durch. Es bleibt nur die Hoffnung, das in der nächsten Stadt eine Tankstelle so früh geöffnet hat. Ansonsten können wir eigentlich gleich die Reise abbrechen. Die Zeit der Anreise wäre zu knapp. Ich ärgere mich maßlos über mich und kann auch nur schlecht deswegen einschlafen.

Sophie:

Die Nacht war kurz. Zu kurz. Nicht, dass ich das nicht gewohnt bin. Trotzdem hat mein Gebastel mit Powerpoint zu lange gedauert und zufrieden bin ich nicht. Um vier klingelt der Wecker, pünktlich kurz vor vier werde ich wach. Warum ich eigentlich den Wecker stelle, ist mir manchnmal wirklich ein Rätsel. Meine Katze glotzt mich an, zu der Zeit bin ich selten wieder, meistens eher noch wach.

Ich fahre noch einmal den PC hoch, schaue mir auf Google Maps die Strecke an, schaue, wo Baustellen sind und versuche, bei Google Earth die Hallen der Messe zu finden. Bereits am Abend haben wir nach Eingabe der Adresse festgestellt, dass die Re:Publica wohl am Rande Berlins liegen wird und das gibt mir etwas Sicherheit. So müssen wir nicht in das Zentrum und ich kann vielleicht eher ignorieren, dass ich mich im Monster-Moloch Berlin befinde.

Meinen Rucksack habe ich am Abend vorher gepackt, viel brauche ich sowieso nicht. Um kurz vor fünf verlasse ich das Haus, laufe bis zur Einfahrt und hoffe, dass der Philosoph nicht verschläft. Denn dann müsste ich ihn wecken und auch wenn er sagte, dass ich ihn dann anrufen solle, weiß ich doch, dass ich das nicht machen würde. Eher würde ich ihn mit SMS terrorisieren, die bei meinem Glück auf dem Handy ankommen, das er im Büro hat liegen lassen – oder etwas Ähnliches. Aber nein, alles gut: Zwei Minuten nach fünf sehe ich Scheinwerferlicht.

Platon:

Entsprechend müde bin ich am nächsten Morgen. Ich mache mir noch schnell einen Isolierbecher voll mit Kaffee. Ich steige ein und bemerke, dass die Innenraumbeleuchtung defekt ist. Auch die Kofferraumbeleuchtung. Dass das Radio nicht mehr geht, ist mir schon gestern aufgefallen. Dann hat der defekte Anhänger doch mehr Schaden an meinem Auto angerichtet, als ich bisher dachte. Auch der Blinker ist betroffen, das Relais klingt so, als würde es bald auseinanderfallen. Kurzum: Meine gesamte Elektronik ist erhebllich angeschlagen, auch der Tacho, die Uhr und die Cockpit-Beleuchtung. Und jetzt vermisse ich auch noch mein Handy. Ich gehe zurück ins Haus und suche alle Zimmer ab. Negativ. Zurück ins Auto. Schwarzes Handy auf schwarzen Polstern ohne Innenraumbeleuchtung gesucht. Ich werde noch nervöser: kein Sprit, ein verlorenes Handy und Sophie zu spät abholen. Es kann kaum noch schlimmer kommmen. Ich taste auf der Rückbank herum, finde das Telefon unter meiner schwarzen Jacke.

Ich fahre dann sofort los zu Sophie. Und überlege hin und her, wie ich es ihr mit dem Spritmangel erzählen soll. Wird sie nervös werden? Oder ärgerlich? Ich bin doch noch pünktlich bei ihr. Um diese Zeit wird nicht geblitzt. Ich frage sie sofort, ob sie zufällig einen Erstzkanister mit Diesel habe. Nein. Ich erkläre den Hintergrund meiner Frage. Darauf antwortet sie unerwartet „trocken“ und gelassen: „Warum fahren wir dann nicht einfach tanken?“ Ich antworte: „Weil ich glaube, dass noch alle Tankstellen geschlossen sind, aber vielleicht hat ja eine in der Stadt schon geöffnet“. Ich bin schon wieder überrascht. Der Spritmangel scheint Sophie nicht im geringsten zu beeindrucken. Und ich bemerke, wie ich ihre Reaktion gut finde.

Sophie:

Beim Einsteigen fragt mich der Philosoph, ob ich Diesel hätte. Auf meine Verneinung erklärt er, dass er vergessen habe zu tanken. Mein Blick auf die Tankuhr zeigt: Reservebalken. Nicht, dass das sehr aussagekräftig wäre. Mein Wagen fährt noch 50 Kilometer, wenn die Reserve anspringt. Ich kann nicht einschätzen, inwiefern die Sorge des Philosophen, liegen zu bleiben, echt ist. Er macht viele Witze und Scherze, und häufig falle ich darauf herein. Der Wagen fährt noch und die nächsten Tankstellen sind nicht so weit. Auch wenn er mir erklärt, dass ein leerer Tank in Ostfriesland schon ein Problem sein kann. Zugegeben, manche Sachen sind hier schon seltsam. Boßel-Gruppen auf der Landstraße zum Beispiel, die den gesamten Verkehr blockieren. Apotheken und Postschalter, die Mittwochs und Samstag ab Mittag zu haben. Geschäfte, die bereits um 19 Uhr schließen. Und Menschen, die ein so tiefes Friesisch sprechen, dass ich mir vorkomme, als sei ich in Afrika. Aus der Großstadt bin ich das nicht gewohnt. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass es hier im Umkreis von mehreren Kilometern keine Möglichkeit zum Tanken gibt. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Philosoph das nicht weiß. Also stufe ich den vermeintlichen Sprit-Mangel als einen seiner Scherze ein, schlage ihm vor, einfach zu tanken und beschließe, nicht näher darauf einzugehen.

Platon:

Sophie hat Recht. Schon nach wenigen Kilometern kommen wir an einer Tankstelle mit EC-Karten-Bezahlung vorbei. Diese Tankmöglichkeit war mir bis jetzt unbekannt. Wir tanken den Wagen voll und erst jetzt finde ich meine Entspannung wieder, kann die Fahrt sogar genießen. Ich schlürfe nun endlich an meinem Kaffee und reiche Sophie eine ihrer richtigen Wasserflaschen. Wir beginnen wieder einmal ein interessantes und kurzweiliges Gespräch. Es liegen ab jetzt etwa 550 Kilometer vor uns.

Sophie:

Nach zwei Kilometern erreichen wir eine Tankstelle. Die zwar geschlossen ist, aber ein EC-Terminal hat. Ich sehe das bereits beim Reinfahren und mache darauf aufmerksam. Ratlosigkeit von links. Wieder bin ich unsicher. In meiner Studienstadt habe ich fast nur an SB-Tankstellen getankt, dort gibt es keinen Schalter und keine Bedienung. Keine Menschen. Und keine Öffnungszeiten. Auch in Ostfriesland habe ich diese Tankstellen bereits ausfindig gemacht, sie sind meine bevorzugten Orte zum Tanken. Aber der Philosoph scheint hier Neuland zu betreten. Bei der Bedienung des Terminals muss ich ihm helfen. Er scheint das wirklich noch nie gemacht zu haben. Willkommen im 21. Jahrhundert…

Als er wieder einsteigt, meint er, dass er wirklich Sorgen hatte, dass wir ohne Sprit liegen bleiben. Ich frage mich, ob er den Witz so lange wiederholt, bis ich zu erkennen gebe, dass ich ihn verstanden habe. Oder meinte er das doch ernst?

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4 Kommentare

Verfasst von - 11. Mai 2014 in Alltägliches, Re:Publica

 

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4 Antworten zu “Die Re:Publica – Teil II

  1. KaMo

    11. Mai 2014 at 11:24

    Mir scheint, hier sind die Rollen komplett vertauscht.

     
    • dualessein

      14. Mai 2014 at 9:58

      Es scheint so, ja. Vor allem von außen betrachtet. Wir haben die Beiträge noch einmal besprochen und dann festgestellt, dass die Rollen eigentlich nicht vertauscht sind. Es wirkt oberflächlich betrachtet so, im Detail ist es das aber gerade nicht.

       
  2. Anita

    17. Mai 2014 at 9:38

    Ich denke mal, dass der Eindruck entstanden ist, weil ausnahmsweise Sophie hier sicherer ist, mit der Einschätzung der Problematik Tankstelle finden und tanken können..
    Für jemanden, der bewusst dem sozialen Kontakt ausweicht, ist es einfacher, an einer SB-Tankstelle zu tanken. Also kennt er die Orte und achtet auch immer auf die typischen Anzeichen.
    Jemand wie Platon, der dies noch nie genutzt hat, greift auf seinen Erfahrungsschatz zurück. Und dieser beeinhaltet halt nur, dass Tankstellen zu gewissen Zeiten offen oder zu sind.
    Außerdem wird ganz klar deutlich, dass Sophie hier eine Bemerkung von Platon überhaupt nicht einordnen konnte. Also ob Tanken jetzt ein Problem oder ein Gag ist.
    Entsprechend reagiert sie ausweichend, um keinen Fehler im Gespräch zu machen.

     

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