RSS

Die Re:Publica – Teil I

10 Mai

Platon:

Ich bin bei vielen Dingen durchaus nachlässig mit meiner Sorgfalt. Ich bin täglich am Improvisieren, sei es bei der Planung meiner Termine oder sonstiger Angelegenheiten. Eine sich ständig ändernde Tagesstruktur macht mich nicht vervös. Ich mag nicht nur Flexibilität, ich lebe sie auch. Ich weiß, dass es bei Sophie eher entgegengesetzt ist. Um so erstaunter bin ich, wie sie unsere Berlin-Fahrt zur re:pulica vorbereitet. Oder besser gesagt, eben nicht vorbereitet. Zumindest für mich wahrnehmbar.

Ich fühle mich vor Seminaren oder Vorträgen, die ich selbst halte, nur dann extrem unsicher und unvorbereitet, wenn ich nicht einen genauen Fahrplan habe. Ich benötige eine ganz klare und differenziete Struktur der Inhalte, die ich vortragen möchte. Erst das gibt mir dann Sicherheit und Raum für meine kleinen Improvisationen und Späßchen. Bei der re:publica stehen uns nur etwa 20 Minuten zur Verfügung, plus der anschließenden Fragen. Wenn ich hier nicht ganz genau weiß, was ich wann sagen möchte, werde ich unruhig. Und ich möchte den Zuhörern, die sich ja extra die Zeit für den Vortrag nehmen, bestmöglich über unser Projekt informieren. Ohne mich zu verzetteln.

Sophie:

Der Philosoph hat mich bereits mehrfach auf den kommenden Vortrag angesprochen. Und deutlich gemacht, dass er nicht gerade die Ruhe in Person ist. Mich wundert das, denn er ist erfahren in Vorträgen. Ich hingegen bin zugegebenermaßen überfordert. Da ist einerseits die Fahrt, bei der ich noch nicht genau weiß, wie es abläuft. Hin mit dem Wagen, ja. Zurück auch bis nach NRW, aber dort trennen sich unsere Wege und ich muss mit dem Zug weiter. Ich habe mehrere Verbindungen rausgesucht, weiß aber nicht, welche wir zeitlich erreichen werden. Damit ich mich nicht verrückt mache, versuche ich, das Problem zu verschieben. Erst die Hinfahrt. Dann der Vortrag. Und dann kann ich mich erst um die Rückfahrt kümmern. Dann ist da noch die Stadt selbst. Berlin. Dieses Wort macht mir mehr Sorgen als alle Vorträge zusammen. Wenn es einen real gewordenen Albtraum gibt, dann ist das Berlin. Ich bin niemand, der Emotionen gut einordnen kann, aber die Stadt ist einer der Inbegriffe meiner Angst. Eine Angst, die lähmt und alles blockiert. Und ich weiß, dass ich, wenn ich zu genau darüber nachdenke, freiwillig keinen Fuß nach Berlin setzen werde.

Und dann ist da noch der Vortrag. Es ist ungewohnt, mit jemandem gemeinsam etwas zu machen. In der Uni habe ich das vermieden, die Referate immer so gelegt, dass ich sie alleine halte. Dieses Hin- und Herspielen von Worten, das ist nicht meins. Bin ich allerdings alleine, dann weiß ich, dass das klappt. Ich habe kein Problem, vor Menschen zu reden, so lange ich nicht MIT ihnen reden muss. Auf meinem Fachgebiet bringt mich nichts aus der Ruhe, keine Frage, kein Querulant, nichts. Da bewege ich mich vollkommen sicher, weiß, wo ich hin möchte. In meinem Kopf ist alles sortiert und ich weiß, dass es genau in dem Moment griffbereit ist, in dem ich es brauche. Ich erkläre es mit einem großen Apothekerschrank mit vielen Schubladen – ich weiß genau, wann ich welche Schublade aufmachen muss und was sich darin befindet.

Platon:

Ich merke, dass ich zunehmend unruhiger werde, weil Sophie offenbar keinerlei Anstalten macht, sich ebenfalls in ähnlicher Form vorzubereiten. Ich muss sie regelrecht bitten, mit mir ein gemeinsames Konzept für unsere Co-Moderation zu erstellen. Das hatte ich so nicht erwartet. Sophie meint lediglich, dass ich den Einstieg machen solle und dann würden wir uns irgendwie  abwechseln. Und ihr wäre ja auch im Großen und Ganzen schon klar, was sie sagen wolle. Und in der Regel wäre sie auch nach den ersten Minuten „warmgelaufen“. Es würde dann immer besser funktionieren mit ihrem freien Vortrag.

Ich denke, dass wir gut harmonieren werden. Sie auf ihre Art und Weise, ich auf meine. Und ich denke, dass sie ähnlich denkt. Aber vermutlich gepaart mit ihren generellen Zweifeln und Unsicherheiten.

Sophie:

Der Philosoph möchte alles aufgeschrieben haben. Und vorher üben. Wort für Wort. Ich soll mir vorstellen, dass auf der leeren Couch das Auditorium sitzt. Kann ich nicht. Da ist eine leere Couch. Er rennt durch das Wohnzimmer und spricht in den Raum. In meinem Kopf herrscht Leere. Warum soll ich einem ebenso leeren Raum etwas erzählen? Ich versuche, mitzumachen. Bei diesem „Üben“. Und komme mir ziemlich albern vor. Der Philosoph will ein Konzept. Auch hier bin ich verwirrt. Wenn ich beginne, das Konstrukt in meinem Kopf aufzuschreiben, wird das ein Roman. Auf Stichpunkte, das Wesentliche zusammenstreichen, das kann ich nicht. Und wenn ich ein Blatt Papier vor mir habe, lese ich ab. Dann ist es mir nicht mehr möglich, frei zu formulieren. Also kommt das gar nicht erst in Frage. Es ist auch alles da, in meinem Kopf. Ich weiß es. Nichts ist improvisiert, alles wie Perlen auf einer Kette aneinandergereiht. Sechs Jahre habe ich so jede meiner Prüfungen bestanden. Ich muss nur den Einstieg kriegen, das ist die einzige Hürde. In Gedanken bin ich bereits jedes mögliche Szenario durchgegangen, immer und immer wieder. Sogar den Fall, dass kein Zuhörer kommt. Wenn ich improvisieren muss, scheitere ich. Also ist jeder Satz exakt geplant, nichts ist einfach so dahergesagt.. Aber ich habe gelernt, es so aussehen zu lassen, als ob. Das ist mein tägliches Leben.

Auf einmal fragt der Philosoph nach einer Präsentation. Knappe 24 Stunden vor der Re:Publica. Ganz toll… ich bin bei 15 Minuten Vortrag davon ausgegangen, dass eine Präsentation zuviel des Guten ist. Außerdem finde ich Folien extrem ablenkend. Die Leute lesen, anstatt zuzuhören. Und überhaupt, 24 Stunden reichen nicht, um eine gute, ausgefeilte Präsentation zu machen, die dem, was wir uns vorstellen, gerecht wird. Mir fehlt die Zeit, mich differenziert damit auseinanderzusetzen. Ob wir wirklich eine Präsentation brauchen, will ich wissen. Ich bringe meine Argumente gegen Folien vor, der Philosoph scheint einverstanden. Keine Präsentation. Als ich zu Hause bin, verbringe ich trotzdem die Hälfte der Nacht damit, zumindest einige Folien zusammenzustellen. Ich mag die Präsentation nicht, sie ist schnell zusammengeschustert und nicht „richtig“. Aber sicher ist sicher. Beim Philosophen rechne ich immer damit, dass er es sich noch anders überlegt.

Platon:

Ich lasse es auf diesen spannenden  Versuch ankommen. Ich erstelle und übe regelrecht meinen Part, spreche es uns beiden tatsächlich laut vor. Sophie hört sich das von mir an, lächelt, und gibt ihr „Okay“ dazu. Ich merke, dass sie wenig Verständnis für mein Vorgehen aufbringen kann. Andererseits macht sie aber mit, teils amüsiert, teils irritiert. Und wohl mit etwas Neugier. Sie werde dann dieses und jenes dazu sagen. Schriftliche Notizen brauche sie nicht. Ich aber. Ich drucke mir mein Konzept aus. Für Sophie auch eine Kopie. Jetzt fühle ich mich sicherer. Obwohl wir nicht einmal eine Folienpräsentation haben. Brauchen wir nicht, meint Sophie. Sie wählt die freie Improvisation. Zumindest erscheint es so für mich. Irgendwie denke ich, dass das jetzt umgekehrte Welt ist.

Advertisements
 
3 Kommentare

Verfasst von - 10. Mai 2014 in Alltägliches, Re:Publica

 

Schlagwörter: , , , , ,

3 Antworten zu “Die Re:Publica – Teil I

  1. Ismael Kluever

    10. Mai 2014 at 11:17

    …und ich dachte immer, es wären die Autisten, die einen exakt ausgefeilten Plan brauchen.

     
    • dualessein

      10. Mai 2014 at 11:59

      Hatte ich doch. Der Unterschied ist wohl nur,dass der Philosoph den Plan ausgedruckt braucht. Bei Vorträgen bringt mich aber genau das Ausgedruckte völlig aus dem Konzept. Weil da nur EIN Plan steht, ich aber immer noch Plan B und C einberechnen will.

       
  2. Anneke

    10. Mai 2014 at 12:20

    Hier kommt mit die rollenvertauschung extremer vor, als bei der Autofahrt…

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: