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Zwischen Gedanken – Nach der Autofahrt

30 Apr

Sophie:

Ich glaube, dem Philosophen ist ziemlich viel nicht bewusst. Er macht die Dinge, die er häufig erledigt, „einfach so“, nebenher. Anders kann ich mir nicht erklären, warum er in Teilen so gedankenlos bei der Fahrt war. Er fährt einfach drauflos, ohne sich wirklich Gedanken zu machen über das „Wie?“ Er weiß, wo er hin will und das reicht ihm. Wie er an sein Ziel gelangt, ist Nebensache – wenn überhaupt.

Mir war bislang nicht klar, dass Menschen Vorgänge so automatisieren können, dass ihnen meine Reaktion auf ihr Verhalten vollkommen abwegig erscheint. Ich fahre beispielsweise immer sehr bewusst mit meinem Wagen, schaue mir den Weg vorher an, fahre nach Möglichkeit mit einem Navigationsgerät. Während der Fahrt nimmt mein Kopf all die Informationen um mich auf und verarbeitet sie sehr bewusst. Ich sehe die Schilder, ordne sie ein, beobachte das Fahrverhalten der anderen Verkehrsteilnehmer und beginne eine Schätzung, inwiefern ihr Verhalten sicher ist oder ich doch besser Abstand halten muss. Ich sehe jeden Blitzer am Wegesrand, verharre bei irritierenden Verkehrsschildern und registriere die Kratzer an der Stoßstange meines Vordermanns. In bestimmten Situationen habe ich sogar heute noch – immerhin zehn Jahre nach meiner Fahrprüfung – fast den Eindruck, mein Fahrlehrer sitzt neben mir. Vielleicht merkt man die Gefahren nicht, wenn man nicht mehr bewusst fährt. Ich bin unschlüssig, ob das Fluch oder Segen ist.

Platon:

Ich habe den Eindruck, dass Sophie zwischen Angst und Unverständnis einerseits und Heiterkeit und Neugier andererseits hin und her schwankte. Ich empfand ihre knappen und durchaus angemessenen Kommentare während der Fahrt nicht als lästig. Ganz im Gegenteil. Ich bemühte mich dann, „“ordentlich“ zu fahren. Und Sophie  hat auch Recht, wenn sie sagt, dass man durch Raserei auch nicht signifikant schneller am Ziel ankommt. Ich mochte die Fahrt mit ihr. Vielleicht gelingt es mir ja durch Sophie und dieser insgesammt nicht alltäglichen Reflexion der eigenen Fahrweise wieder meiner ganzen Verantwortung als Verkehrsteilnehmer gerecht zu werden.

Sophie:

Ich hätte gerne gewusst, wie der Philosoph seine Wege findet. Er sagte mir, er fahre einfach drauflos. Würde ich das machen, dann würde ich höchstwahrscheinlich irgendwo in Buxtehude hinterm Kaninchenstall herauskommen. Neue Wege fahre ich nur mit Navi. Bekannte Wege merke ich mir mit Wegmarken. Bestimmte Punkte am Weg dienen mir zur Orientierung und zu den Punkten führt mich eine Art Geschichte. An dieser Geschichte hangel ich mich dann entlang, bis ich dort angekommen bin, wo ich hinmöchte. Gibt es keine eindeutige Wegmarke, arbeite ich mit „negativen Wegmarken“ – erblicke ich eine davon, dann weiß ich, dass ich eine Abzweigung verpasst habe und umkehren muss. Das System hat allerdings Nachteile: Ich finde nicht einmal zu meiner Wohnung, wenn ich 50 Meter entfernt, aber auf der „falschen“ Seite stehe. Bei Dunkelheit bekomme ich Schwierigkeiten, weil nicht alle Wegmarken erkennbar sind. In Großstädten ist zu viel zu schnell im Wandel und viel zu viele Reize drumherum, als dass ich mich auf die Wegmarken verlassen könnte. Und ganz hört es dann bei Schnee auf. Dann bin ich verloren, weil ein Großteil meiner Wegmarken schlicht nicht mehr zu sehen ist.

Da wäre es sicher praktischer, einfach „drauflos“ fahren zu können und anzukommen. Allerdings weiß ich nicht, ob der Preis der Gedankenlosigkeit dann nicht zu hoch ist…

Platon:

Ich denke jetzt auch, dass ich gerne einmal bei Sophie mitfahren würde. Ich weiss von ihr, dass sie sich während der Fahrt anders orientiert als ich, sich die Wege nicht allein visuell, sondern auch mit sprachlichen Hilfen einprägt. Sie sich während der Fahrt sogar am Leuchturm, der auch am Festland noch zu sehen ist, orientiert. Ich hoffe, dass sich diese Gelegenheit auch einmal ergeben wird.

Ich kann schlecht beurteilen, wie  Sophie sich insgesamt während der Fahrt gefühlt hat. Auf jeden Fall konnte es nicht so schlimm gewesen sein, denn die nächste Fahrt ist auch schon wieder geplant. Und die ist noch um ein vielfaches länger und komplizierter. Ich bin ja auch – so hoffe ich – lernfähig und kann mich dem akkuraten Fahrstil von Sophie soweit anpassen, dass es für uns beide in Ordnung ist. Im Übrigen ist mir auch durchaus bewußt gewesen, dass Sophie mir einen für ihre Verhältnisse großen Vertrauensvorschuss alleine dadurch gegeben hat, dass sie überhaupt erst eingestiegen ist.

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Eine Antwort zu “Zwischen Gedanken – Nach der Autofahrt

  1. Anita

    30. April 2014 at 11:32

    Für neue Wege brauche ich unbedingt ein Navi. Selbst nach Jahren muss es immer dabei sein, denn man könnte mir ja “meinen Weg” durch eine Baustelle oder Sperrung verbauen (auf langen Strecken). Da ist das Navi ein hoher Sicherheitsfaktor.
    Ansonsten legt mein Kopf Landkarten an. Nur die Wegmarken sind großflächiger, als Sophie beschreibt.
    Straßen, in denen ich früher mal gewohnt habe, und wo umgebaut wurde, werden allerdings zu Neuland. Zum Teil so sehr, dass ich diese absolut meide.
    Und Großstädte mit mehrspuriger Verkehrsführung, die sich dann irgendwann in Abbiegespuren “verwandeln” bringen mich vollends aus dem Konzept.
    Auch diese meide ich, mit der Konsequenz, ganz woanders hinzufahren, um etwas zu kaufen. Oder den Weg dorthin nur mit jemandem zu fahren, der das Navi lesen, schnell übersetzen und mich lotsen kann. Navi und mehrspurige Verkehrsführung und ich, dass geht alleine nicht.

     

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