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Die Autofahrt – Teil II

27 Apr

Sophie:

Im Großen und Ganzen bin ich positiv überrascht. Der Philosoph fährt annehmbar. Etwas zu schnell, etwas zu weit rechts und manchmal schneidet er die Kurven – aber ich habe schon bei Weitem Schlimmeres gesehen. Als das Handy klingelt, zucke ich zusammen. Der Philosoph schaut Richtung Amaturenbrett, geht aber nicht ans Telefon. Das würde er – wie ich aus der Blitzer-Geschichte weiß – normalerweise nicht machen und ich bin dankbar.

Eigentlich will ich den Philosophen gerade fragen, wie er sich orientiert – ich habe als Beifahrer längst die Orientierung verloren. Aber er beginnt auf einmal, mit den Händen zu gestikulieren. Ich bin nicht sicher, drehe den Kopf etwas, damit er aus meinem periphären ins direkte Blickfeld kommt. Der wird doch nicht – ? Doch. Beide Hände in der Luft, den Kopf leicht in meine Richtung gedreht, redet der Philosoph weiter. Ich höre kein Wort. Ich wage einen weiteren Blick, weil ich kaum glauben kann, was ich sehe. Er fährt nicht wirklich freihändig, oder?

Platon:

Wir unterhalten uns weiter. Sophie macht mich darauf aufmerksam, dass ich die richtige Fahrspur etwas zu häufig verlasse. Wir erzählen weiter, ich gestikuliere, schaue auf mein brummendes Handy. Sophie zuckt zusammen. Was ich mit meinen Händen machen würde, wenigstens eine Hand solle am Lenkrad bleiben, besser noch beide, belehrt sie mich entsetzt. Jetzt fällt es auch mir auf.

Sophie:

Ich versuche, mein Unbehagen flapsig zu verpacken in der Hoffnung, dass es nicht zu unfreundlich ankommt. „Fahren Sie öfter freihändig?“, unterbreche ich daher seinen Redefluss. Der Philosoph bricht mitten im Wort ab, schaut aufs Lenkrad, beide Hände immer noch in der Luft. „Ach so. Ich fahre nicht freihändig, ich lenke mit dem Knie“, erklärt er. Das ist jetzt nicht wahr! Ich weiß für einen Moment nicht, ob ich aussteigen oder lachen soll. In Anbetracht der Tatsache, dass wir mit 70 Stundenkilometern auf der Landstraße unterwegs sind, erscheint mir ersteres nicht angeraten. Nach Lachen ist mir aber auch nicht unbedingt zumute. „Das macht Sie nervös, oder?“, will er von mir wissen. Ja. Ja, das macht mich nervös. Ziemlich sogar. Als Beifahrer, aber auch als Person, die regelmäßig im Straßenverkehr unterwegs ist. Wie viele Personen wohl noch mit den Knien lenken? Oder vielleicht mit dem kleinen Zeh? Der Nase? Dem Ohr?

Ich bitte den Philosophen, die Hände am Steuer zu lassen. Zumindest eine. Wenn plötzlich etwas vor den Wagen kommt, kann er mit dem Knie niemals ein Ausweichmanöver fahren. Und verliert wertvolle Zeit, wenn er erst wieder ans Steuer greifen muss. Ich bin nicht sicher, wie der Philosoph meine Belehrung auffasst. Ob er meine Bedenken nachvollziehen kann oder doch eher lustig findet. Immerhin greift er wieder ans Lenkrad. Und lässt die Hände bis zum Ende der Fahrt auch dort.

Platon:

Ich lenke den Wagen mal wieder mit dem linken Knie. Ich mache das eigentlich häufiger, mir fällt es schon gar nicht mehr auf. Zum Beispiel kann ich Cheesburger besser mit zwei Händen essen. Das Knie-Lenken geht eigentlich ganz gut, selbst leichtere Kurven kann ich so bewältigen. Ich entschuldige mich und steuere den Wagen wieder mit beiden Händen. Beim Aussteigen habe ich nicht den Eindruck, dass Sophie extrem verängstigt ist. Ob sie allerdings überdurchschnittlich froh ist, heile und unversehrt angekommen zu sein, kann ich ihr nicht ansehen.

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2 Kommentare

Verfasst von - 27. April 2014 in Die Autofahrt, Die Sitzungen

 

2 Antworten zu “Die Autofahrt – Teil II

  1. OP-Tisch-Pilotin

    30. April 2014 at 21:17

    Warum seid ihr überhaupt gemeinsam Auto gefahren? 😀

     
    • dualessein

      3. Mai 2014 at 21:12

      Weil wir einen gemeinsamen Termin hatten. Und der Philosoph sowieso direkt bei mir vorbeifuhr. Ein Mitnehmen erschien da naheliegend.

       

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