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Das Kochen – Teil II

15 Apr

Sophie:

Das Wasser kocht auf den rechten Platten wirklich schneller. Mich irritieren die zwei Töpfe ein wenig, eine Dauerlösung ist das nicht. Der Philosoph hat zwischenzeitlich eine Flasche Öl hervorgezaubert, davon möchte er nachher etwas über die Nudeln gießen. Wusste ich es doch.

Als ich das Wasser abgießen will, stoppt er mich. Normalerweise würde ich den Deckel auf den Topf legen, festhalten und dann das kochende Wasser in den Ausguss schütten. Der Philosoph macht sich jedoch Sorgen um meine Finger, die ich mir bei der Aktion verbrühen könnte. Nicht, dass das jemals passiert ist. Der Deckel wird nach meinem Empfinden warm, mehr aber auch nicht. Der Philosoph macht irgendwas mit dem Handtuch und dem Deckel, aber das sieht nach gehobener Koordination und Motorik aus. Ich passe und würde gerne meine Methode verwenden, aber der Philosoph macht deutlich, dass er sich das nicht mitansehen könne. Er scheint wirklich davon auszugehen, dass das Wasser zu heiß ist. Sogar mir fällt auf, dass ihn das offenkundig nervös macht. Schließlich gehe ich als Kompromiss auf die Suche nach einem Sieb. Auch wenn ich wenig koche, habe ich doch alles da. Ich nutze es nur nie. Eigentlich brauche ich es ja auch gar nicht.

Platon:

Sophie hantiert geschickt mit den Gerätschaften. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich übermäßig störe. Während das Wasser anfängt zu kochen, unterhalten wir uns. Parallel rührt sie in dem Topf mit Spinat. Ich gab ihr auch vorher schon den Tipp, die Kochplatten mit dem roten Punkt in der Mitte zu verwenden. Damit geht es schneller. Ebenso, wenn sie jetzt  auf den Topf mit den Nudeln einen Deckel legen würde, bis es kocht. Sophie äußert allerdings Bedenken. Das werfe unter Umständen ihre minutengenaue Planung über den Haufen.

Sophie:

Die Ölflasche habe ich schon eine ganze Weile misstrauisch im Blick gehabt. Der Philosoph behauptet, dass man es nicht schmecken würde. Mit einem kurzen Schwunk kippt er etwas der gelben Flüssigkeit in den Nudeltopf. Fast sofort steigt mir ein unangenehmer Geruch in die Nase. Bevor ich aber etwas sagen kann, ist er wieder verflogen. Na gut. Auf den Versuch lasse ich es ankommen. Der Spinat im zweiten Topf ist auch fertig, aber es sind mehr Handgriffe als sonst. Der automatische Ablauf funktioniert nicht ganz.

Der Philosoph verabschiedet sich Punkt 13:14 Uhr. Er wird beim Essen nicht dabei sein. Da wäre, glaube ich, auch wirklich die Grenze erreicht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich etwas essen könnte, wenn ich nicht alleine bin.

Platon:

Die Nudeln sind fertig, nun fügen wir etwas Rapsöl hinzu. Einen kleinen Spritzer, vielleicht maximal ein halbes Schnapsglas. Anschließend kippt sie den Spinat darüber und verrührt alles. Jetzt ist es für mich an der Zeit, zu gehen. Ich hatte Sophie gesagt, dass ich beim Essen natürlich nicht dabei sein werde. Ich verabschiede mich schnell und verlasse die Wohnung, bevor der Zeitplan durcheinander kommt.

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10 Kommentare

Verfasst von - 15. April 2014 in Das Kochen, Die Sitzungen

 

10 Antworten zu “Das Kochen – Teil II

  1. Mueller7de

    15. April 2014 at 10:00

    Ich bewundere Deine Geduld. Ich hätte mich längst auf mein Sofa verzogen und gewartet, bis ich wieder allein bin.
    Spätestens bei der Diskussion um das Abgießen wäre ich grob geworden.

     
  2. Reiner Sauer

    15. April 2014 at 11:08

    Wenn ich das lese, kriege ich das nackte Grausen!
    Eine Todsünde nach der Anderen, und wenn Sophie nicht schon „autistisch“ wäre,
    würde sie mit Sicherheit, als ausgeliefertes Kind, „autistisch“ werden!
    Die Empathiefähigkeit von Platon = 0. Nicht nur Mangelhaft sondern nicht vorhanden.

    Erklärungsversuche

    Zur Sache:
    Das Öl einfach über die Nudeln kippen, ist bei der bekannten Vorgeschichte von Sophies Lebensmittelunverträglichkeiten, ein unverzeihlicher Anschlag auf die Gesundheit von Sophie.
    Das Erste, was zu tun gewesen wäre, probieren. Ganz einfach probieren ob es schmeckt.
    Das macht jeder Koch und jeder andere vernünftige Mensch, bevor er etwas neues zu sich nimmt. Wozu haben wir unsere Geschmackssinne? Wir sollten in aller Regel nur das Essen, was uns auch schmeckt. Basta. Und das muss man probieren und zwar vorher! Gut meinen ist nicht gut tun!
    Ich hasse es, wenn an Menschen herumgebastelt wird!
    Das Zweite, das Abgießen der Nudeln. Offenkundig hat Sophie eine Methode entwickelt, die ohne Probleme funktioniert. Die Methode mit dem Deckel funktionert sehr gut, seit es Töpfe gibt. Es zeugt von einem ausgezeichneten motorischen Geschick, wenn Sophie bisher keine Probleme damit hatte. Sie funktioniert natürlich nicht mit allen Nudeln, aber das ist ein anderes Problem.
    Und was soll der blödsinnige Satz, „dass man das Öl nicht Schmecken würde“, wozu wird es dann verwendet? Es soll doch Schmecken? Oder? Es klingt so ein bisschen wie manche Doktorchen sich Kindern gegenüber verhalten, „es tut auch garnicht weh“. Wie Sophie aus eigener Erfahrung und alle anderen auch Wissen, es tut weh! Genauso schmeckt man Öl an den Nudeln oder wo auch immer sonst noch. Vorausgesetzt, mann hat und benutzt seine Geschmackssinne und weniger das Gehirn beim Essen.
    Die Sorge um Sophie wegen des heißen Wassers ist durch Sophies geschickten Umgang mit dem Topf vollkommen unbegründet. Stellt sich also die Frage! Was steckt hinter Platons Angstreaktion?
    Mitgefühl ist es nicht, denn Sophie hantiert so geschickt, dass ihr eben nichts passiert, das eine echte Mitgefühlreaktion auslösen könnte. Das wäre so, wenn heißes Wasser über ihre Finger fließen würde, dann könnte Platon das Nachempfinden, weil er die Wirkung kennt und selbst erfahren hat. Das ist aber nicht geschehen, was also bewegt Platon in einen funktionierenden Ablauf einzugreifen, wenn es kein Mitgefühl mit Sophie ist?
    Dahinter steckt einfach die Angst sich selbst die Finger zu verbrühen und das bewirkt die vollkommen irrationale Angstreaktion von Platon. Irrational deshalb, weil, Sophie zu keiner Zeit in Gefahr war, und wie sie sagte noch nie Probleme damit hatte, und zum Zweiten war Platon selbst nicht in Gefahr, weil er ja nur Beobachter der Szene war. Platon fehlte jeglicher Abstand zu dem Geschehen. Ähnlich verhalten sich Kinder wenn sie vor dem Kaspertheater sitzen, sie kennen den Unterschied zwischen Phantasie und Wirklichkeit noch nicht. Sie erleben alles direkt. Ein Therapeut sollte den Unterschied kennen, sonst treibt er von einer Übertragung zur anderen.
    Und mit echter Empahtie, hat das nicht das geringste zu tun.
    Tatsächlich zeigt Sophie Anzeichen einer solchen Empathiefähigkeit. Sie erkennt deutlich Platons „Nervosität“ und handelt danach! Sie lässt von ihrem gewohnten Tun ab, um Platon nicht weiter zu „gefährden“ oder nervös zu machen!!! Platon macht genau das Gegenteil. Er macht Nervös, indem er den normalen, funktionierenden Ablauf mutwillig und vollkommen sinnlos „von außen“ verändert!
    Ziel sollte es doch sein, durch das Verhalten eines anderen etwas zu lernen. Wir tun das in aller Regel von Kind an durch Nachahmen. „Das gefällt mir, das will ich auch“ können, tun, haben, essen. Das aber kommt von innen und gründet auf „Freiwilligkeit“, auf der Freiheit etwas als „gut“ auch für einen selbst zu erkennen und dann einfach nachzumachen. Die meisten Eltern sind leider dazu nicht in der Lage. Sie sind ihren Kindern keine echten Vorbilder, und lassen ihre Kinder selbst entscheiden was sie übernehmen wollen und was nicht. Die meisten Eltern versuchen ihre Kinder zu Dressieren wie ihre Hundchen. Die versuchen ihr Bestes und Scheitern in aller Regel. Menschenkindern geht es genauso.

     
    • dualessein

      15. April 2014 at 12:06

      Ganz so pauschal würde ich das nicht sehen.
      Zum einen denke ich nicht, dass jemand durch die Ernährung „autistisch“ wird, auch wenn entsprechende Theorien durchs Netz geistern. Überzeugen konnten sie mich bislang nicht.
      Und was den Topf angeht – ich denke mal, dass der Deckel durchaus heiß genug wird, sodass der eine oder andere ihn nicht mehr anfassen könnte. Es gab auch schon Episoden, da bat der Klempner darum, zu schauen, ob das Wasser warm wird. Hand drunter gehalten: „Ja, dürfte warm sein.“ Der Fachmann wunderte sich wohl etwas, weil „warm“ dann doch der falsche Begriff schien, hielt selbst die Hand unter den Wasserstrahl – und sprang zwei Meter zurück, weil das Wasser so heiß war. Verbunden mit dem Satz: „ICH könnte mich da nicht mehr drunter stellen.“ Das Wärme- und Kälteempfinden kann bei autistischen Personen durchaus von dem nicht-autistischer Personen abweichen. Und ich denke, dass Platon genau das im Blick hatte. Es ging also nicht darum, dass das heiße Wasser durch Ungeschicktheit über die Hände läuft – sondern vielmehr darum, dass es zu Verbrühungen kommen könnte, weil die Hitze schlicht nicht bemerkt wird.
      Ob wirklich Nahrungsmittelunverträglichkeiten vorliegen, ist eine andere Sache. Sicher stellt sich der Körper auf einseitige Ernährung ein und nimmt „neue“ Lebensmittel nicht gut an. Solange aber keine bekannten Allergien vorliegen, ist ein Ausprobieren sicher sinnvoll, um a) zu sehen, auf was der Körper eventuell reagiert und um b) im Rahmen einer zumindest ausreichenden Ernährung die Angebotspalette zu erweitern. Wenn dies gelingt, indem man bekannte Lebensmittel um eine Komponente ergänzt, ist das doch besser, als wenn man die kompletten Lebensmittel austauscht.
      Die Tatsache, dass Platon überhaupt bis in die Küche kam und Anregungen geben konnte, zeigt, dass durchaus ein gewisses Grundeinverständnis seitens Sophie da ist, an der aktuellen Ernährungssituation etwas ändern zu wollen.

       
      • Reiner Sauer

        15. April 2014 at 14:50

        Missverständnis!
        Ich schrieb nichts davon, dass Ernährung „autistisch“ macht!!!

        Es geht einzig und allein um das Verhalten! und die Reaktionen darauf.
        Schlichtweg denke ich auch nicht, dass „Sophie“ durch Verbrühungen gezeichnet ist.
        Desweiteren ist mir wohl bekannt, dass es Menschen gibt, deren Schmerzempfinden,
        eingeschränkt oder so gut wie garnicht vorhanden ist, das ist eine sehr gefährliche Sache, aber ein ganz anderes Thema. Soweit ich mich erinnern kann, ist Sophie durchaus in der Lage heiß und kalt zu unterscheiden. Für sich!!! und das so gut, dass sie sich eben nicht ständig selbst verbrüht! Deshalb habe ich auch nicht die allergeringsten Bedenken, wenn Sophie „auf ihre Art“ mit Töpfen und Nudelwasser hantiert. Auch Duschen, Baden, Hände waschen scheint sie unbeschadet in den vergangenen Jahren überstanden zu haben.
        Und was ich interpretiere, ist allein das was zu lesen ist.
        Mueller7de kann ich nur Zustimmen!
        Das Verhalten von Platon ist „meinem Empfinden nach“ übergriffig und unangemessen.

         
    • Ismael Kluever

      15. April 2014 at 12:57

      Lieber Reiner Sauer,
      Sie vertreten eine markante und recht umfängliche Meinung! 😉
      Und sie wissen offensichtlich genau Bescheid, wie die Verhältnisse sind und wie sie zu sein haben. Das sei Ihnen unbenommen.
      Ich persönlich möchte dieses Blogprojekt jedoch in einer anderen Weise aufnehmen.

      Da begegen sich zwei Menschen mit völlig unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen, – gewissermaßen aus zwei verschiedenen Welten. Sie versuchen einander in ihrer Verschiedenartigkeit kennenzulernen, einander zu verstehen.
      Das ist ein Abenteuer. Dabei kann viel schief gehen, aber auch viel gewonnen werden.
      Beide machen Fortschritte, beide machen Fehler, irren sich, versuchen es auf’s Neue. Das allein ist wunderbar!

      Beide geben ihre Erfahrungen preis! Gespräche und Gedanken, die zweifellos in die allerpersönlichste Tabuzone und unter das ärztliche bzw. seelsorgerliche Schweigegebot fallen. Sophie und Platon lassen uns teilhaben und geben damit ein Beispiel, wie Autisten und Nichtautisten miteinander umgehen können. Es sind relativ frische Erfahrungen, die nicht durch einen langen zeitlichen Abstand oder durch die Erfahrungen anderer abgeklärt sind. Diesen fragilen Prozess dieser Annäherung erleben wir beinahe life! Er kann immer noch scheitern.

      In diesen Dialog trete ich als Leser heran, nehme als Kommentator teil. Das erfordert von mir Respekt und Rücksichtnahme. Ich fühle mich nicht berufen, in diesen sensiblen Prozess einzugreifen und den beiden Partnern hineinzuregieren.

      Gewiss, auch ich kommentiere! Auch zu der Idee, gemeinsam zu kochen, habe ich mich letztens geäußert. Aber meine Kommentare sollen mehr eine Reflektion zu dem Geschehen sein. Sie sollen zeigen, was ich als Leser aufgenommen habe und was es in mir auslöst. Immer mit der Frage im Hinterkopf, ob ich wohl richtig liege, wie gut mein Einschätzungsvermögen gerade gegenüber der Autistin ist. Das mag dann durch die direkte Antwort der Protagonisten oder durch das weitere Geschehen selbst bestätigt oder korrigiert werden.

      In diesem Sinne möchte ich dieses großartige Projekt begleiten und unterstützen.

       
      • Reiner Sauer

        15. April 2014 at 16:25

        Schön, dass sie sich Sorgen machen. Ich mache mir keine. Ich denke Sophie ist auf einem guten Weg mit dem was sie tut. Laufen lernen dauert eben seine Zeit.

         
      • Ismael Kluever

        15. April 2014 at 16:32

        Ohaha, soweit ich weiß, ist Sophie schon erwachsen und kann nicht nur recht gut laufgen, sondern macht manch einem auch noch was vor! 😀

        Ich mache mir also auch keine Sorgen um Sophie, sondern darum, wie wir Leser, also Sie, Herr Sauer, und ich, in achtugsvoller Weise mit der Kommentarfunktion dieses Blogs umgehen. 😉

         
  3. Mueller7de

    15. April 2014 at 17:14

    Ich argumentiere vor der Hintergrund der Erfahrung mit Taubblindenassistenz. TBA sind Leute, die sich (seit neuestem) auf eigene Kosten ausbilden lassen, um Taubblinde Menschen im Alltag zu begleiten und zu ermöglichen, nach dem Ermessen des Taubblinden am öffentlichen Leben Teil zu haben.
    So kam es zu meinem Beitrag. Ich wollte ihn nicht als Hinweis auf Übergriffigkeit verstanden wissen. Vor diesem Hintergrund ist mein Kommentar vielleicht leichter einzuordnen. Vielmehr scheint mir eine Trennung zwischen Assistenzaufgaben und Hilfestellung ein sehr vernünftiger Ansatz.-
    Platon und Sophie lernen den Umgang miteinander. Sie und wir lernen aus der Dokumentation, die sie freundlicherweise hier veröffentlichen.
    Wir sprechen darüber. Und wir lernen.
    Ich verstehe Platons Rolle als gleichberechtigt, nicht als allwissenden „Herr jeder Situation“ (rw).

     
  4. Mueller7de

    15. April 2014 at 18:14

    Mir lässt das keine Ruhe, deshalb habe ich mich in der Sache noch einmal mit meinem Ex beraten. Seine Meinung ist:
    Das mit dem Topfdeckel kann aus einer Schrecksekunde heraus entstanden sein, also nicht aus rationalen Gründen. In der Befürchtung, dass sich der Andere verletzt reagiert man im Affekt und nicht rational.
    Das mit dem Öl empfindet Bernd als übergriffig. Es hätte zur Auswahl gestellt werden müssen und nicht einfach gehadelt werden dürfen. Er sagt, er wäre sehr sauer geworden.
    Allerdings ist er auch ein genialer Koch.

     
    • dualessein

      15. April 2014 at 20:38

      Es ist vorher bereits mal angesprochen worden, dass man das mit dem Öl irgendwann mal probieren könne. Bei einem „Nein.“ wäre es weggelassen worden.

       

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