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15. Nachricht von Sophie an Platon

06 Apr

Sophie:

„Hallo Platon,

Die Nacht war mal wieder eine Katastrophe – um sechs Uhr habe ich dann aufgegeben. Sie hatten geschrieben, dass Sie einen Versuch mit Medikamenten wagen würden. Ich fühle mich dabei nicht wohl. Ich kann einerseits nachvollziehen, warum Sie zu einem solchen Mittel raten. Auf der anderen Seite ist es ambivalent: Ich merke, dass mich die schlaflosen Nächte, das ständige und wiederholte Wach-Sein auslaugen und ich es zudem hasse, dass in meinem Kopf offenbar keine Ruhe herrschen kann. Und auch wenn ich die Dunkelheit mehr mag als das grelle Licht, so ist Schlaf doch etwas, was ich nicht mag. Es ist Kontrollverlust.

Und gleichzeitig stört mich jedes kleinste Geräusch. Das ist paradox, weil es in der Großstadt viel lauter war. Da gingen Leute durch das Treppenhaus, es lief mal Wasser oder eine Tür klappte zu. In manchen Nächten machte mich das Klicken der Zeitschaltuhr wahnsinnig, sodass ich sie irgendwann weg warf. Hier ist es der Hahn des Nachbarn, das Grunzen der Schweine, irgendwelche Tiere auf dem Dach (wenn ich mich nicht getäuscht habe, ist mein Dach Aussichtspunkt für einen Kauz).

Sie hatten nun mehrfach (teils sogar in exakter Wortwiederholung) geschrieben und betont, dass ich mich und meine Wahrnehmung anderen Menschen gegenüber erklären sollte. Aber wir sprachen doch bislang nur von einem Verdacht. Einen, den ich nachvollziehen kann und der mir auch mit der Literatur hier einleuchtet – aber letzten Endes bin ich trotzdem unsicher (oder will es sein). Sind Sie sich denn sicher?

Sie schrieben, dass mich meine Kollegen wahrscheinlich schon als „Autistin“ abgestempelt hätten – in welcher Hinsicht? Also mit der Konnotation, wie sie auch gerne einmal Politikern zugesprochen wird oder eher im diagnostischen Bereich? Und wie kann ich sicher sein, dass eine „Erklärung“ auch so verstanden wird, wie sie gemeint ist?Wahrscheinlich spielt da auch mit rein, dass ich nicht sein möchte, was und wie ich bin.

Liebe Grüße

Sophie“

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Verfasst von - 6. April 2014 in Briefe

 

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