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Der Spaziergang – Teil II

30 Mrz

Sophie:

Ich bin unschlüssig, ob und wie ich den Philosophen zum Schweigen bringen soll. Ich möchte nicht unhöflich sein. Aber seine Erzählungen lenken ab. Wenn ich fotografiere, dann konzentriere ich mich auf diesen einen Moment, dieses eine Bild. Alle Konzentration liegt im Visuellen, Zuhören und dann noch adäquat antworten erfordert Ressourcen. Laufen und Reden, das geht. Laufen, Reden und Fotografieren, das nicht.

Dicht über das Wasser fliegt ein Schwarm Gänse. Sie scheinen zu früh aufgeflogen auf der Suche nach Futter im Watt, noch ist nicht genug Wasser abgelaufen. Das Geschnatter und das Rauschen der Flügel in der Luft ist deutlich zu hören.

Ich ziehe mich für einige Momente auf den Deich zurück. Die Sonne steht nicht so, wie ich sie gerne für das perfekte Bild hätte. Trotzdem mache ich eines. Das ist der Preis der Natur. Vielleicht ist es doch wieder perfekt.

Platon:

Sie geht sehr vorsichtig, sehr bedächtig. Ich fühle mich etwas deplaziert, vielleicht sogar etwas überflüssig. Oder parallel. Wir sind beide am gleichen Ort, aber beide irgendwie jeder für sich. Das ist für mich kein Problem, und ich denke für Sophie ohnehin nicht. Eigentlich wollte ich die Zeit auch noch nutzen, um einige Dinge zu besprechen. Ich merke aber, dass nur das eine oder das andere geht. Also entweder die Natur wirken lassen, oder sich unterhalten. Ich lasse auf Sophie die Natur weiter wirken, stelle mein Gerede wieder ein.

Sophie:

Ich folge den Linien der Deichbefriedung mit den Augen. Steine, im gleichmäßigen Abstand, in einer Reihe. Die Holzpallisaden zum Küstenschutz geben gradlinig und rechtwinklig ins Watt. Einige Möwen haben sich darauf niedergelassen. Ein Zaun ist überhäuft mit Seegras von der letzten Überflutung. Im Gras liegen einige lose Federn. Langsam wird es dunkel. Zu dunkel zum Fotografieren. Ich schließe das Objektiv der Kamera, es lohnt nicht mehr.

Über uns rauscht ein großer Schwarm von Vögeln, ihr Flügelschlag ist fast ohrenbetäubend. Jetzt kann ich mich mehr auf den Philosophen konzentrieren. Es tut mir Leid, dass ich nicht so auf seine Beiträge eingehen konnte, wie er sich das vielleicht dachte. Ich versuche zu erklären. Warum es Konzentration frisst. Warum meine Kamera all meine Aufmerksamkeit hat und dann nichts mehr übrig bleibt für anderes. Dass das Fotografieren ein sehr persönlicher Vorgang ist. Bei dem keiner, den ich nicht voll akzeptiere und respektiere, dabei sein darf. Er scheint zu verstehen.

Platon:

Wir müssen bald wieder umkehren. Ich habe ja noch meine andere Klientin. Es ist jetzt fast ganz dunkel, die Sterne sind zu sehen. Wir reden etwas über das Fotografieren, über Objektive. Darüber, dass ich heute das falsche Objektiv habe. Sophie hat das richtige mit.

Ich kann schwer einschätzen, ob ihr der Weg gefällt. Ob ich eher störend bin, oder ob ich eine Hilfe, eine Orientierung für sie bin. Mir hat der kleine Ausflug gefallen. Ich denke sogar kurz darüber nach, viel häufiger meine Gespräche bei einem Spaziergang am Meer statt bei mir in der Praxis durchzuführen.

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Eine Antwort zu “Der Spaziergang – Teil II

  1. nimabe

    30. März 2014 at 14:35

    ich kann Sophie sehr gut verstehen! Wenn ich mehrere Dinge gleichzeitig machen muss und wenn es nur die abendliche Hunderunde mit meinem Mann ist, also: mit meinem Mann unterhalten, den Hund beobachten und gehen… ich fange an zu taumeln.

    An Platon: ich bewundere Dich für Deine Sensibilität, bitte mach so weiter wie bisher, bleib dran, bleib hartnäckig! Bitte!

     

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