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Der Spaziergang – Teil I

29 Mrz

Sophie:

Ich wohne schon zu lange hier, ohne das Meer gesehen zu haben. Dabei war es einer der Gründe, warum ich hierher wollte. Der salzige Geschmack in der Luft, der Geruch nach Seetang, der Wind, die Vögel – meist erinnert mich nur das Rufen der Möwen über meiner Wohnung daran, dass die See nur wenige Kilometer entfernt ist.

Der Philosoph hatte mir von einem Weg erzählt, abseits der Touristen-Trampelpfade. Ich weiß nicht, ob es angemessen ist – ich frage ihn trotzdem nach diesem Weg. Ich gehe ungern alleine fremde Wege – die Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendwo rauskomme, wo ich gar nicht hinwollte, ist hoch. Im schlimmsten Fall finde ich nicht mehr zurück.

Platon:

Ich hatte Sophie vom Weg am Meer erzählt. Direkt am Wasser, mit Blick auf die Salzwiesen einerseits und das Watt andererseits. Bei Flut geht man direkt an der Wasserkannte lang. Man sieht die Inseln am Horizont. Große Vogelschwärme machen hier Rast, viele Vögel leben hier das ganze Jahr über.  Der Frühling ist schon fast zu erahnen.

Jetzt fragt sie, ob ich ihr diesen Weg zeigen könne. Ja, kann ich. Ich biete Sophie einen späten Nachmittag an. Wenn die Dämmerung einsetzt. Ich schlage vor, dass wir zusätzlich unsere Kameras mitnehmen, vielleicht finden sich ja Motive. Mich interessiert die Art und Weise, wie sie fotografiert.

Sophie:

Es gibt diesen einen Moment, den ich unglaublich liebe. Dann, wenn man den höchsten Punkt des Deiches erreicht, wenn das flache Land und das Grün verschwinden und sich vor einem die Weite des Watts ausbreitet. Es ist nur der Bruchteil einer Sekunde, aber in dieser Sekunde scheint sich die Welt aufzulösen. Es gibt keine Häuser, keine Autos, keine Menschen, der Blick wird magisch angezogen von dieser Fläche, die bis zum Horizont geht, die laute Welt verschwindet und es bleibt nur das Rauschen des Windes und die Rufe der Vögel. Wenn ich könnte, würde ich tausend Mal den Deich hinauf und wieder hinunter laufen, nur um diesen einen kurzen Moment wieder und wieder zu erleben. Denn in diesem einen Moment fühlt sich nichts falsch an.

Es sind keine Menschen unterwegs. Der Philosoph redet. Das Wasser hat sich zurückgezogen, hinter den omnipräsenten Windrädern geht eine feuerrote Sonne unter, die alles in ein glühendes Dämmerlicht taucht. Der Philosoph redet. Im Watt laufen Vögel und selbst auf die Entfernung kann ich sie erkennen: Einige Austernfischer staksen durch das Wasser, vor allem aber wuseln Alpenstrandläufer durch den nassen Sand. Dazwischen einige Stockenten, am Himmel kreisen Silber- und Lachmöwen. Irgendwo hinter dem Deich scheint eine Gruppe Gänse zu sein, das Schnattern ist deutlich zu hören. Der Philosoph redet immer noch.

 

Platon:

Ich habe nur begrenzt Zeit, da ich noch eine andere Klientin in der Praxis habe, die an einem ungestörten Ort etwas für die Schule vorbereiten muss. Sophie kommt mit dem eigenen Wagen. Ich zeige ihr die Wegstrecke, nur einige Kilometer von mir entfernt. Wir steigen aus und marschieren los. Es ist ein schöner Abend, zumindest für mich. Wolkenlos, wenig Wind, gute Sicht, nicht zu kalt.

Sophie ist sehr konzentriert, achtet scheinbar auf viele Details. Sie macht Fotos. Auch ich mache welche. Wir gehen etwas weiter am Wasser entlang. Ich zeige ihr die Bojen, die im Meer zu sehen sind, die grünen Tonnen, und die roten Tonnen. Erkläre ihr, woran man erkennt, ob die Flut kommt, oder ob das Wasser wieder abfließt, also die Ebbe bald einsetzt. Ich stelle wieder Fragen. Vermutlich quatsche ich zuviel. Also bleibe ich phasenweise wieder ganz still, laufe etwas vor, bleibe etwas zurück, lasse Sophie ihre eigene Geschwindigkeit, gebe ihr Zeit für ihre Fotos.

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