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13. Brief von Sophie an Platon

22 Mrz

Sophie:

„Hallo Platon,

In den vergangenen Tagen sind mir einige Dinge im Alltag aufgefallen, die ich auch in der Vergangenheit immer wieder beobachten konnte. Vielleicht haben Sie eine Erklärung für mich. Ich bemühe mich auf der Arbeit in der Regel um ein
„unauffälliges Verhalten“, auch wenn mir das wahrscheinlich nur semi­optimal gelingt. Immer wieder kommt es vor, dass ich nicht mit Namen, sondern nur mit Personalkürzel angesprochen werde (also der erste Buchstabe des Vor- und die ersten beiden Buchstaben des Nachnamens). Das Phänomen ist mir bislang in fast jeder Arbeitssituation aufgefallen – selbst dann, wenn die Kollegen sich untereinander mit dem Namen ansprechen. Ich bin nicht wirklich namensaffin, trotzdem irritiert mich das ein wenig.

Ich war heute wegen des Feiertags nicht arbeiten und der Tag recht ruhig. Aber mir ist verstärkt aufgefallen, wie sehr mich meine Katze im Moment stört. Aktuell weiß ich kaum, wie ich mit dem Tier umgehen soll. Ich habe den Eindruck, als würde er sich wie ein Elefant durch die Wohnung bewegen. Ich höre ihn, wenn er durch die Räume läuft und wenn er übers Dach geht. Besonders schlimm ist sein Spieltrieb, er rutscht dann auf Teppichen durch die Wohnung oder kickt Bälle durch die Gegend. Warum macht mich das im Moment so wahnsinnig und wie kann ich das wieder in den Griff bekommen, ohne dem Tier gegenüber ungerecht zu sein?

Ich hatte am Dienstag noch einen Gedanken, bei dem ich nicht wusste, ob es klug ist, da näher drauf einzugehen. Aber vielleicht erklärt es etwas. Sie hatten sich meiner Erinnerung nach gewundert, dass kein schulisches Hilfssystem angesprungen sei während meiner Schulzeit. Ich habe da auch noch einmal drüber nachgedacht und glaube, dass das damals auch gar nicht möglich gewesen wäre. Im Kindergarten und in der Grundschule konnte ich ­ von wenigen kleineren Konflikten abgesehen ­ recht unauffällig mitlaufen. Ich war lieber alleine, ­ das ist auch durchaus aufgefallen, ­ aber so lange es keine Konflikte mit Lehrkräften gab, wurde ich kaum registriert – wahrscheinlich, weil Mädchen eben schüchtern sind? Meine Klassenkameraden habe ich so direkt gar nicht wahrgenommen, ich ließ sie in Ruhe, so lange man mir meine Ruhe ließ. Und es gab durchaus laute und auffällige Schüler, die teils auch sehr aggressiv waren, das war häufiger ein Thema, das die Lehrer beschäftigte.

In den zwei Jahren, die ich auf der ersten weiterführenden Schule war, waren die Konflikte hingegen wesentlich heftiger – allerdings habe ich die Ursachen und Anbahnungen dieser Konflikte nie kommen sehen. Es kam immer wieder zu Gängeleien, vor allem von seiten zweier Lehrkräfte. Letzten Endes und nach gut zwei Jahren konfrontierte man meine Eltern und mich überraschend mit einer Schulsuspendierung. Meine Eltern suchten daraufhin das Gespräch mit den Lehrkräften, allerdings liefen sie hier gegen eine sprichwörtliche Wand. Die Suspendierung sei auf Anraten des Schulpsychologen geschehen, den ich bis dahin und auch danach nie zu Gesicht bekommen hatte. Heute weiß ich, dass diese Suspendierung so auch keineswegs erlaubt war, es gab keine Klassenkonferenz, keine Elterngespräche – und auch in der Schulakte tauchte diese Suspendierung nicht auf, wie ich Jahre später erfuhr. Trotzdem legte mir die Schule auf, dass ich – wieder auf Anraten des Schulpsychologen – in der Woche, die ich zu Hause verbringen musste, das Haus nicht verlassen und keinen Kontakt zu Klassenkameraden haben durfte. Das war der Punkt, an dem meine Eltern sich entschlossen, mich von der Schule zu nehmen. Damals wussten sie schlicht nicht, dass weder die Suspendierung rechtens oder gar genehmigt war, noch dass die Schule das Recht hatte, mir einen Hausarrest und eine Kontaktsperre aufzuerlegen.

Nach dem Schulwechsel war mein Misstrauen dann natürlich entsprechend groß. In der neuen Schule hielt ich mich von Lehrern und Schülern gleichermaßen fern, auch wenn hier die Bosheiten vor allem von Klassenkameraden ausgingen.

Ich weiß nicht, ob das Ihre Frage beantwortet, warum kein „Hilfssystem ansprang“, wie Sie es formulierten. Ich würde behaupten, dass ­ selbst wenn diese Systeme „ansprangen“ ­ sie keine Chance hatten, das Ziel zu erreichen – ich hatte schließlich gelernt, dass es nur ein unauffälliges Mitschwimmen ermöglicht, einigermaßen in Ruhe leben zu können.

Mit lieben Grüßen

Sophie“

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Verfasst von - 22. März 2014 in Briefe

 

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