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Der Einkauf – Teil III

16 Mrz

Sophie:

Plötzlich verschwindet der Philosoph. Er bräuchte noch etwas – sprach’s und verschwindet. Ich bleibe stehen, irgendwo zwischen Tiefkühltheken und Obstabteilung. Ein Mann mit einem Einkaufswagen kommt an mir vorbei. Das Geräusch der Räder auf dem Boden ist unangenehm, gleichzeitig wird mein Blick fast magisch vom vorderen linken Rad angezogen. Ein Zettel klebt daran, bei jeder Drehung verändert sich das Geräusch, sobald das Papier über den Boden fährt. Die drehende Bewegung ist faszinierend und ich bleibe weiter mit den Augen dran kleben.

Unvermittelt taucht der Philosoph wieder auf. Und steuert die Kasse an. Während er vor mir bezahlt, lege ich mir bereits meine Sätze zurecht. „Hallo“ zur Begrüßung, „Mit Karte, bitte“, wenn es ans Bezahlen geht und die Kassierin den Preis genannt hat und „Tschüss“ beim Gehen. Meist reicht das aus.

Ich zahle fast jeden Preis mit Karte – so vermeide ich, dass mir die Kassierin das Geld in die Hand geben muss. Es ist am Unkompliziertesten. Ich habe in einem anderen Laden mal eine Kundin gesehen, die das Wechselgeld hingelegt bekommen wollte. Die Kassierin tat es, doch als die Kundin anschließend weg war, lachte sie mit ihrer Kollegin über die „Bekloppte“. Und erzählte dem nachfolgenden Kunden, dass es öfter mal „Spinner“ im Laden gebe. Wenn ich mit Karte bezahle, bleibe ich unauffällig. Und vermeide die Berührung.

Platon:

Jetzt fehlt noch das Gemüse. Ich schlage ihr vor, zu einem anderen Laden zu fahren, der diese Marke hat. Nach einiger Überlegung willigt sie ein. Dort angekommen, frage ich, ob sie mit rein möchte. Nein, sie warte lieber im Auto. Ich beeile mich, nach einigen Minuten bin ich mit der richtigen Sorte in der richtigen Verpackungsgröße wieder am Wagen und steige zu ihr ein.

Sophie:

Ginge es nach mir, würden wir wieder zurück fahren. Aber der Philosoph bleibt am Tiefkühlprodukt hängen. Er möchte es in einem anderen Laden besorgen. Der einzige weitere Laden in der Nähe ist noch unübersichtlicher und viel voller. Eigentlich möchte ich nicht. Ich habe das Wasser, das reicht doch. Allerdings bin ich mir sicher, dass der Philosoph das anders sehen wird.

Er scheint mein Unbehagen zu merken, denn er bietet an, dass er schnell in den Laden geht und das Produkt holt. Ich willige ein und frage mich gleichzeitig, ob das auch bedeutet, dass ich zu langsam bin. Da er den Schlüssel stecken lässt, geht das Licht im Wagen nicht aus. Ich schalte es manuell aus. Als er wieder da ist, merkt er nicht einmal, dass das Licht beim Türöffnen nicht angeht.

Platon:

Wir fahren zurück. Ich möchte sie eigentlich direkt aussteigen lassen und dann wieder fahren. Doch sie stellt ungefragt eine Frage, was selten genug vorkommt. Wir kommen ins  Gespräch, ich stelle den Motor ab. Wir klären noch einige andere Dinge. Quatschen noch über den Blog. Dann verabschieden wir uns.

Ich denke, dass ich schon viel früher mit ihr hätte einkaufen gehen können. Durch solche Aktionen lerne ich sie viel besser zu verstehen, als durch puren direkten oder schriftlichen Dialog. Der Einkauf war für sie sicherlich eine Tortur. Für mich interessant und spannend. Letztlich wird sie sich dieser Einkaufssituation immer wieder stellen müssen.

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4 Kommentare

Verfasst von - 16. März 2014 in Der Einkauf, Die Sitzungen

 

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4 Antworten zu “Der Einkauf – Teil III

  1. Mueller7de

    16. März 2014 at 10:55

    Dies wird ein Kommentar, der Mut machen soll.
    Ich fühle mich erinnert an die Zeit, in der mein Sehen und Hören stark nachließen. Ich konnte nicht mehr allein einkaufen gehen.
    Erst ging ich mit Freunden (geführt). Ich weinte die ganze Zeit wegen des Verlustes an Autonomie. Und ich war dankbar (und musste es auch sein!), weil man mir half. Eine schreckliche Situation!
    Ich verstand Sprache nur noch bruchstückhaft und stieß andauernd irgendwo an, weil Freunde nun mal keine Ausbildung haben. Zufällige Berührungen durch Fremde, deren Geruch und Aura so überraschend, es war entsetzlich auch nur das Haus verlassen zu müssen.-

    Für Blinde gibt es aber Unterstützung: Ich lernte mit dem Blindenstock zu gehen (also z. T. allein, auf jeden Fall ohne geführt zu werden), ich lernte Stadtpläne auswendig und das Abgleichen: Welche Straße kann ich bewältigen, wo brauche ich Hilfe, wie hole ich mir die, wie beende ich die Hilfeleistung, wie vermeide ich das schreckliche Anfassen usw. Ich lernte Grundrisse von Geschäften, die ich nach und nach bewältigen konnte. Ich lernte auch den Leuten mein Mikrophon in die Hand zu drücken, damit ich wenigstens eine minimale Chance hatte, sie zu verstehen. Ich lernte unterwegs die halbwegs stillen Ort aufzusuchen um mich zu sammeln und dann weiterzugehen, wenn ich es kann. Wenn nicht, habe ich ein Taxi gerufen, das mich nach Hause brachte. Das Ganze heißt Mobilitätstraining und wird von der Krankenkasse bezahlt. Man lernt, was man braucht und was man möchte, es wird nichts aufgezwungen.-

    Mein Maßstab ist nicht mein früheres Leben. Damit kann ich es nicht vergleichen. Mein Maßstab ist das, was ich jetzt aktuell kann (fortschreitender Hörverlust), mit einem überschaubaren Stresslevel auszuführen. Nein zu sagen, wenn ich mich zu schwach fühle. Vorausschauend einzukaufen und lieber mal etwas wegzuschmeißen (das fiel mir sehr schwer!) als wieder hungrig ins Bett zu gehen.-

    Wie könnten passende Unterstützungsstrukturen für Menschen mit Asperger aussehen? Wie könnte man sie schaffen? Wie sollten sie aussehen?

    🙂

     
  2. dasfotobus

    18. März 2014 at 5:05

    „Ich habe in einem anderen Laden mal eine Kundin gesehen, die das Wechselgeld hingelegt bekommen wollte. Die Kassierin tat es, doch als die Kundin anschließend weg war, lachte sie mit ihrer Kollegin über die “Bekloppte”. Und erzählte dem nachfolgenden Kunden, dass es öfter mal “Spinner” im Laden gebe.“

    Vielleicht war ich die „Bekloppte“ vor dir, hehe. Ich hab mal mit einer Kassiererin diskutiert, warum sie die Geldablage nicht nutze, obwohl es sie doch gibt. Auch hab ich schon mal konsequent die Hand nicht hingehalten. Es dauert erstaunlich lange, bis die Kassiererin das Geld dann in die Ablagemulde legt, und gibt interessant irritierte Blicke. Einmal habe ich auch die Hand nicht hingehalten und dann bewusst mit dem Kopf Richtung Ablage genickt (so wie Zauberer forcieren, eine bestimmte Karte zu ziehen oder so, war mein Gedanke), dauerte trotzdem etwas, bis das mal ankam, was ich wollte.
    Im Winter trage ich Handschuhe, da ist es besser. Und manchmal lasse ich mir das Geld auch in die Hand geben ohne Handschuhe. Je nach Stresslevel.

    Ob die mich deswegen für bekloppt halten, interessiert mich allerdings wenig.
    Ich wäre nicht mal auf die Idee gekommen, dass die danach über mich „herziehen“ könnten.
    Aber selbst wenn. Sollen sie. Um es mal arrogant klingend auszudrücken: Das zeigt doch nur deren geringen Horizont, sich nicht vorstellen zu können, dass nicht jeder Mensch gleich empfindet.

     
  3. Anita

    18. März 2014 at 10:17

    Tja, wie könnte Einkaufen entspannt werden, bzw. wie könnte Entspannung trainiert werden.

    Mir wäre am liebsten, die Geschäfte würden nicht ewig alles umräumen. Ein utopischer Gedanke, ich weiß, aber es würde mich entspannen.

    Die „helfende/betreuende“ Person müsste tatsächlich erst mal eine gute Kenntnis haben, von den unterschiedlichen Bedürfnissen.

    Der ZU helfenden/betreuenden Person muss klar sein (erklärt werden), dass ihre Gefühle vollkommen in Ordnung sind und sie diese mitteilen darf.

    Also muss erst eine Ebene gefunden werden.

    Tja, und dann ganz langsam einen Einstieg finden.

    Es gibt da eigentlich kein wirkliches Konzept, bzw. kann es keines geben, da jeder Autist andere „Hürden“ hat, die ihn beeinträchtigen.

    Zitat: „Das Ganze heißt Mobilitätstraining und wird von der Krankenkasse bezahlt. Man lernt, was man braucht und was man möchte, es wird nichts aufgezwungen.-“

    Diese Idee finde ich sehr gut.

     
    • Mueller7de

      18. März 2014 at 16:40

      @Anita „Also muss erst eine Ebene gefunden werden.“
      Ja, das ist auch bei Taubblinden so. Am Anfang weiß man überhaupt nicht, wie mit TBA umgehen, denn sie ist keine „Freundin“ sondern bietet eine besondere Leistung an. Die TBA hat sehr viel gelernt Was nun aber bei dieser oder bei jener Person wie angewendet werden kann, müssen beide vereinbaren. Es gibt keine Vorgaben außer „Hilfe zur Selbsthilfe“. Sie tut (wenn sie gut ist!) niemals etwas für Dich, sondern ermöglicht, dass Du es selbst tun kannst.
      Bei mir dauert es 0,5 bis 1 Jahr, bis es mit einer neuen TBA richtig gut läuft.

       

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