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Der Einkauf – Teil II

15 Mrz

Sophie:

Ich mag es nicht, wenn ich aus dem Dunkel ins Licht komme. Der plötzliche Wechsel der Lichtverhältnisse ist unangenehm, fast schmerzhaft. Der Laden hat Neonröhren, die ein beständiges, tieffrequentes Summen verursachen. Ein Geräusch, das man mehr fühlt als hört. Immer wieder unterbrochen vom schrillen Piepen einer Kasse und einem durchgehenden Knattern, das ich einfach nicht zuordnen kann. Das Licht ist grell und wird von den verspiegelten Lampen noch reflektiert.

Im Regal stapeln sich bunte Verpackungen, lila, blau, gelb, grün – bevor es mir im wahrsten Sinne des Wortes zu bunt wird, fixiere ich die Linien auf dem Boden. Die Fließen sind gelb mit Flecken, aber sie ergeben ein sich wiederholendes Muster, klare Linien.

Diese Läden sind wie ein Gefängnis, denn wenn sich die Schiebetür hinter einem geschlossen hat, kann man nicht mehr hinaus. Man muss erst durch den halben Laden, um zum Ausgang zu gelangen. Versperrte Fluchtwege sind auch Dinge, die ich eindeutig nicht mag.

Platon:

Sie bewegt sich unsicher, und sie orientiert sich an meinen Bewegungen. Ein Deckengebläse macht höllischen Lärm. Die Kasse piept laut. Überall Lichter. Grell.

In meiner Gedankenlosigkeit gehe ich am Wasser vorbei. Als ich das merke, bleibe ich stehen, Sophie dann auch sofort. Ich sage: „Oh, wir sind am Wasser vorbeigegangen“. Ich gehe zurück. Auch Sophie dreht sich um und begleitet mich zurück zum Wasser. Ich meine, einen Anflug von Genervtsein auf ihrem Gesicht zu erkennen. Sie nimmt schließlich eine Sechserpackung von der Palette.

Nun laufe ich schnurstracks zur Gefriertheke. Ich ahne natürlich schon die kleine Katastrophe. Ja, es ist zwar das Gemüse da, aber von der falschen Marke.

Sophie:

Nach einem kurzen Irrweg finden wir doch das Wasser. Ich versuche, mir die Position zu merken – sollte ich tatsächlich noch einmal hierher kommen, werde ich die Schritte von der Tür bis zur Palette zählen, dann finde ich es wieder. Für einen Moment habe ich die Illusion, dass alles klappen könnte.

An der Tiefkühltheke ist mein Produkt nicht da. Nur von einer Marke, die ich nicht kenne. Ich suche die Theke mit Blicken ab – nichts. Irgendwo in meinem Kopf entsteht das Bild einer ähnlichen Situation, bei der ich mich mehrere Minuten lang durch die Tiefkühltheke gewühlt habe, immer und immer wieder und dabei stets panischer werdend. Als irgendwann ein Verkäufer sagte, dass das Produkt aus dem Sortiment genommen worden sei, war das für mich Grund genug, um ein Haar in Tränen auszubrechen. Und den Laden nicht mehr zu betreten.

Auch jetzt merke ich, wie sich eine unangenehme Grundstimmung breit macht. Ich überlege, ob ich mich die Theke durchsuchen soll, aber es sieht vielmehr so aus, als hätte der Laden mein Produkt nicht gehabt. Aber ohne dieses Produkt kann ich nicht weitergehen, nicht bezahlen. Ich wollte nur diese wenigen Sachen. Sekunden vergehen, vielleicht sogar eine Minute. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Meist enden solche Situationen damit, dass ich alles, was ich eingepackt habe, hinstelle und den Laden mit leeren Händen verlasse. Da klinkt sich plötzlich der Philosoph ein, sagt, dass wir das Wasser kaufen und dann gehen werden.

Platon:

Sophie steht wie versteinert neben mir und findet offenbar keinen Anschluss-Fahrplan für weitere Verhaltensoptionen. Ich sage: „Egal, wir kaufen jetzt das Wasser und fertig“. Sie sagt „OK“.

Wir gehen zur Kasse. Auf dem Weg dorthin fällt mir ein, dass auch ich etwas gebrauchen könnte. Ich sage es ihr, und gehe noch einmal zurück zur Kühltheke. Als ich wieder zurückkomme, steht sie noch immer etwas ratlos an gleicher Stelle. Wieder dieser leichte Anflug von Missbilligung im Gesicht geschrieben.

Wir kommen sofort dran, keine Schlange an der Kasse. Erst zahle ich. Dann zahlt sie, 2 Euro nochwas mit EC-Karte. Die Kassiererin blickt unsicher zu Sophie, dann zu mir, dann weder noch. Ich spüre aber den Blick der Kassiererin im Rücken, als wir den Laden verlassen.

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