RSS

Der Einkauf – Teil I

13 Mrz

Sophie:

Ich bin unschlüssig. Der Philosoph hat das Thema „Einkaufen“ angesprochen. Das ist zwischenzeitlich fast so ein unangenehmes Thema wie die Nahrungsmittelzufuhr generell. Unangenehm deshalb, weil ich mich darüber ärgere, dass mir etwas, was anderen vollkommen selbstverständlich scheint, nicht adäquat erledigen kann.

Normalerweise habe ich meinen festen Laden. Dort kenne ich „meine“ Produkte, weiß, wo sie stehen. Da ist es einfach. Ich betrete den Laden, laufe meine „Spur“ ab, sammle an den Wegpunkten die Produkte ein und gut ist. Aber „mein Laden“ ist mehrere hundert Kilometer entfernt. Dazu kommt, dass ich einen neuen Kühlschrank habe und dieser kein Tiefkühlfach hat. Damit fällt ein Teil der Produkte weg, die ich sonst immer kaufe und ich weiß nicht, wie ich diese Produkte ersetzen kann. Beide Situationen zusammen führen in eine komplette Überforderung, scheint mir. Ich weiß nicht, wo ich einkaufen kann und ich weiß nicht, was ich einkaufen kann. Daher lasse ich es sein. Und komme mir dabei ziemlich dämlich vor.

Aber ich weiß, dass es sein muss. Also willige ich ein, als der Philosoph einen gemeinsamen Einkauf vorschlägt, am Abend. Vielleicht wird das ganze scheinbar so banale Thema dann einfacher.

Platon:

Sie hat seit einigen Tagen kaum gegessen und getrunken. Sie hat kein Gefrierfach mehr. Sie geht nicht einkaufen.  Ich meine auch, dass ich ihr den Mangel an Flüssigkeit und Ernährung anmerke. Ihre ganzen Vorräte sind aufgebraucht, sie macht aber keinerlei Anstalten, einkaufen zu gehen. Ich würde mich selbst der unterlassenen Hilfeleistung im akuten Notfall bezichtigen, wenn ich ihr jetzt nicht helfe. Einerseits. Andererseits interssiert es mich sehr, Sophie einmal beim Einkaufen zu  begleitet und zu beobachten. Zu sehen, wie sie sich orientiert, sich bewegt, sich insgesamt verhält.

Immerhin, dass Futter für ihre Tiere kann man ja über das Internet bestellen. Die sind also bestens versorgt.

Ich biete ihr kurzfristig einen Termin an. Um 19 Uhr. Wohl wissend, dass kurzfristige Termine ein Problem sind. Ich kann aber nur dann, und sie sollte möglichst schnell wieder essen und trinken. Sie willigt ein. Sie fragt, ob um 19 Uhr denn noch die Läden geöffnet wären.

Sophie:

Ich weiß nicht, was der Philosoph genau vor hat. Das hatten wir nicht im Detail besprochen und es macht mich unsicher. Will er, dass ich ihn durch den Laden führe – was ich nicht kann, weil ich keinen dieser Läden kenen. Will er vielleicht, dass ich komplett fremde Sachen einkaufe – was mit Sicherheit nicht passieren wird. Ich ärgere mich, dass ich nicht genauer nachgefragt habe und überlege krampfhaft, wie ich nun mit dieser Dreifach-Situation – neuer Laden, kein Tiefkühlfach und „Anhang“ beim Einkaufen – umgehen kann. Die Situation ist aus der Not geboren, wirklich glücklich bin ich damit aber nicht.

Als wir auf dem Parkplatz vor dem hell erleuchteten Laden stehen, möchte ich am liebsten wieder gehen. In meinem Kopf laufen die Szenarien ab, wie ich sie schon zu häufig erlebt habe. Etwas ist nicht da oder steht an der falschen Stelle und ich suche und suche und suche. Oder der Laden ist überfüllt mit Menschen, das Licht ist zu hell, die Geräusche zu laut, das gesamte Verpackungszeug in den Regalen zu bunt und durcheinander.

Ich habe mich mit dem Philosoph darauf geeinigt, dass ich trotz fehlendem Tiefkühlfach die gefrorenen Sachen kaufe. Auch aufgetaut sind sie bis zu vier Tage im Kühlschrank haltbar, das sollte reichen. Heißt aber im Umkehrschluss, dass ich dann fast jeden Tag einkaufen müsste – wenn ich es denn täte. Wieder ärgere ich mich, dass es so kompliziert ist.

Platon:

Ich hole sie ab. Pünklich. Wie immer. Bei Sophie bin ich immer sehr pünktlich. Für meine Verhältnisse. Wir fahren los, direkt zum Discounter.

Es muss eine ganz bestimmte Nudelsorte sein, ein ganz bestimmtes Tiefkühlgemüse, ein ganz bestimmmtes Wasser. Marke und Verpackungsgröße müssen stimmen. Wir stehen auf dem Parkplatz. Bevor wir aussteigen, frage ich, wie wir nun vorgehen sollen. Ich sage, dass mir meine Rolle für die Begleitung jetzt beim Einkauf etwas unklar wäre. Sie antwortet, dass wir dann schon zwei wären, die sich unsicher bezüglich der bevorstehenden Rollen wären. Wir lachen, steigen aus, und gehen in den Laden.

Advertisements
 
26 Kommentare

Verfasst von - 13. März 2014 in Der Einkauf, Die Sitzungen

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

26 Antworten zu “Der Einkauf – Teil I

  1. Mueller7de

    13. März 2014 at 11:09

    Liebe Sophie! Hallo Platon!
    Ich möchte euch unterstützen. Wie kann ich das tun?
    Bei mir gibt es Info: Allein nicht einkaufen können, Assistenz beim Einkaufen, Stress Vermeidungsstrategien, Einüben von Begleitung.
    Bitte stellt eure Fragen: tbl-telefon.de/chat
    Beginn der Frage: /pn @Mina …
    Bitte noch eine Twitternachricht, damit ich weiß, dass im Chat Fragen warten.
    Anderes Thema:
    Heute abend ab 20 Uhr ist TBL-Chat. Besucher sind willkommen!

     
  2. Anita

    13. März 2014 at 11:33

    Danke Sophie,

    hier erklärt sich, warum mein Großer immer MICH zum Kleidung kaufen schickt, da sich in seinem Kopf ähnliche Szenarien abspielen müssen.

    Den in einem Bekleidungsgeschäft ist ja von gleichbleibender Ordnung nun mal überhaupt gar nicht auszugehen.

    Deine Erklärung führt mir übrigens auch vor Augen, warum ich die Märkte bevorzuge, die möglichst wenig bis gar nicht umräumen und Deutschlandweit vertreten sind.

    LG Anita

     
  3. amicus

    13. März 2014 at 15:24

    Liebe Sophie, lieber Platon,

    nach einiger Abstinenz melde ich mich auch mal wieder zu Wort.

    Da bin ich ja mal gespannt, wie es denn tatsächlich im Supermarkt funktioniert. 🙂

    Platon, ich finde diese „Alltagsbegleitung“ (bezogen auf den Einkauf) ganz spannend, bin mir über den Sinn aber noch nicht ganz im Klaren. Du schreibst, dass Du sehen willst, „wie sie sich orientiert, sich bewegt, sich insgesamt verhält“, welchen Mehrwert kannst Du – Deiner Meinung- nach daraus ziehen? Du schreibst, dass Sophie kaum gegessen und getrunken hat. Frage: Warum ist das so? Wo liegt der der Hund begraben? – Ich habe den Eindruck, Du bist gerade dabei Symptome zu „behandeln“ und nicht die Ursachen. Solltest Du einen akuten Notfall sehen, musst Du natürlich -im Rahmen der Sorgfaltspflicht- eingreifen. Dann aber nicht nur als Beobachter. Bei einem Notfall MUSST Du reagieren, wie Du weißt. ( Bspw.: Kauf doch bitte dies oder jenes ein, dann ernährst du dich gesund und ausgewogen!) Ich denke, das kann schnell als Übergriff Deinerseits von Sophie gewertet werden. Vor allem taucht hier -so sehe ich es- ein weiteres Problem auf: Willst Du alle drei Tage mit Sophie einkaufen gehen, bis sich eine gewisse Routine eingespielt hat? Vor allem was ist,wenn Sophie alleine zu Hause ist und isst oder eben auch nicht. Konsequenz: Du müsstest jeden Tag bei Ihre „aufschlagen“ und mit ihr Kochen. Nur mit dem Einkauf ist es glaube ich nicht getan. Vor allem sehe ich die Gefahr, dass die schöne Tiefkühlkost unaufgetaut und vor allem ungegessen vom Kühlschrank in den Mülleimer wandert. Also: Ursachenforschung?
    Noch ein Hinweis von Tony Attwood:
    „Mehrere Studien deuten darauf hin, dass es beim Asperger-Syndrom überdurchschnittlich viele Fälle von Untergewicht gibt, die möglicherweise auf Ängste oder sensorische Überempfindlichkeit in Bezug auf das Essen zurückzuführen sind.“

    Bin gespannt welche Lösung ihr findet.
    Gruß

    AMICUS

     
  4. amicus

    13. März 2014 at 17:44

    Liebe Sophie, lieber Platon, liebe Kommentatoren

    Beziehe mich jetzt einfach mal auf einen älteren Kommentar (09. März) und betätige mich mal wieder als „advokatus – diaboli“. Der Kommentar passt nicht 100 % zum „Einkauf“, hat aber eine gewisse Allgemeingültigkeit, wie ich finde. Aus diesem Grund an dieser Stelle. 😉 Leser und Kommentatoren sind natürlich nicht direkt angesprochen und es geht nur um eine sachliche, zu überdenkende, Information. Ich hoffe keinem auf die Füße zu treten. 🙂

    Stichwort: Krankheitsgewinn (morbid gain )

    SEKUNDÄRER besteht in den äußeren Vorteilen, die der kranke Mensch aus bestehenden Symptomen ziehen kann, wie dem Zugewinn an Aufmerksamkeit und Beachtung durch seine Umwelt und/oder z. B. der Möglichkeit, im Bett bleiben zu können und dort Nahrung serviert zu bekommen.
    In diesem Fall zwei Beispiele aus der psychotherapeutischen Praxis:

    Bei einer mir bekannten Rollstuhlfahrerin, war es gängige Praxis, sich bei ihren Einkaufsfahrten vor den Laden zu stellen und nach den Verkäufern zu brüllen, damit ihr die Einkäufe gereicht werden. (Übrigens eine Rampe war überall vorhanden.) Sie sitze schließlich im Rollstuhl und darauf müsse man Rücksicht nehmen. Den Vorschlag, kurz vorher anzurufen ignorierte sie konsequent.

    Der zweite Fall ist nicht ganz so leicht zu durchschauen:

    In meiner Verwandtschaft, gibt es eine alkoholkranke Frau, die sich vor geraumer Zeit
    einer Selbsthilfegruppe angeschlossen hat. Vorrangiges Ziel: Gemeinsamer Austausch, Gruppentherapie und natürlich Unternehmungen. Eine tolle Sache! Mittlerweile hat sich diese Gruppe aber zu einer Elitevereinigung entwickelt. Jeder außenstehende der nur das Wort „Alkohol“ in den Mund nimmt ist böse. Grundsätzliche Meinung: Wir sind die besseren Menschen.

    PRIMÄRER besteht in inneren oder direkten Vorteilen, die der kranke Mensch aus seinen Symptomen zieht: z.B. kann er dadurch als unangenehm empfundenen Situationen oder Konflikten aus dem Weg gehen. Das Symptom wird dann zwar als unangenehm erlebt, jedoch erlaubt es dem Kranken, keine sofortige (aus dem Konflikt herausführende) Entscheidung treffen zu müssen (oft erkennt er einen Konflikt, den er hat oder in dem er steht, gar nicht als solchen). Er fühlt sich nur in einer unangenehmen (für ihn z. Z. ausweglos erscheinenden) Situation, welche ihn schwächt.

    Ich finde zwei Aspekt, die es zu bedenken gibt und die in der WAHRNEHMUNG schon mal verloren gehen. Ich denke es wichtig Menschen mit ASS tatsächlich in ihrem „so-sein“ zu akzeptieren (da ist den Ausführungen von Kakerlake -11.März- nichts hinzuzufügen). Trotzdem finde ich es problematisch, wenn Menschen – egal ob ASS oder „was anderes“ – ihr „so-sein“ als elitär und einer „auserwählten Gruppe“ zugehörig bezeichnen. Solche Leute soll es geben. Mal davon abgesehen: Sind wir nicht alle ein wenig „auserwählt“ 🙂
    Große Probleme habe ich damit, wenn Menschen einen Gewinn (s.o.) aus ihrem „so-sein“ ziehen und anderen Menschen mit Worten abbügel: „Ich bin halt so, akzeptiere es oder lass es.“ Manchmal muss man sich auch ein wenig Mühe geben, denn „anders“ ist der „Andere“ auch.

    Liebe Grüße
    Euer
    AMICUS

     
    • dasfotobus

      13. März 2014 at 18:33

      @amicus:
      Ich bin Asperger-Autist und kann nichts von dem, was du schreibst, für mich so nachvollziehen.
      Ich mach mein Ding, hab das auch vor der Diagnose 35 Jahre lang gemacht. Manches ist eben sehr anstrengend mitunter. Und ja, manchmal gehe auch ich nicht einkaufen und esse Reste oder auch mal einen Tag nichts, wenn ich es gerade nicht packe. Das ist so. Da jammer ich keinen voll wegen, da schick ich keinen für mich einkaufen.

      Dennoch wäre ich froh, wenn die flackernden Leuchtmittel mal ausgetauscht würden, was mir das Anstehen an der oft einzig offenen Kasse direkt darunter erleichtern würde. Das passiert halt seit Monaten nicht, obwohl ich mehrfach darauf hinwies. Auch würde es mir den Einkauf erleichtern, wenn die Kassierer die Geldablagen auch nutzten, statt einem das Geld mit Berührung in die Hand zu drücken. Auch da gibt es keine Veränderung, obwohl ich schon nachfragte, warum die Geldablagen nicht genutzt werden, wenn es sie doch gibt. Da wusste man nicht mal eine Antwort drauf zu geben.
      Das hat für mich aber alles überhaupt nichts mit „Krankheitsgewinn“ zu tun, zumal Autismus keine Krankheit ist per Definition. Tiefgreifende Entwicklungsstörung, Behinderung mitunter, aber keine Krankheit.

      Was gewinne ich denn? Ich möchte ja nicht mal, dass jemand anders mit oder für mich einkauft. Das macht mir ja nur noch mehr Stress.

      Und nein, ich fühle mich auch nicht irgendwie auserwählt oder besonders. Ich bin einfach nur anders als sehr viele andere Menschen in so einigen Dingen. Und ja, ich finde schon, dass ich das Recht habe zu sagen, dass man gewisse Andersartigkeiten an mir eben akzeptieren muss, wenn man Kontakt mit mir wünscht. Menschen, die das nicht tun, kann ich nicht gebrauchen.
      Das ist aber, denke ich, bei jedem Menschen gleich, das hat weniger mit Autismus zu tun als ganz allgemein mit Akzeptanz untereinander.
      Und das bedeutet zudem nicht automatisch, dass ich mir keine Mühe geben würde. Nur gibt es eben Punkte, wo es der Mühe zu viel würde und/oder noch so große Mühe auch schlicht nichts Gravierendes ändern könnte. Ich kann schlicht nicht plötzlich kein Autist sein, nur weil andere Menschen meinen, ich müsste mich nur ((noch) mehr) bemühen.

       
      • amicus

        13. März 2014 at 18:44

        Vielen Dank für einen sachlichen Kommentar + Erklärung. So war es gemeint. Keine Unterstellung nur Information. Danke 🙂

         
    • Kakerlake

      14. März 2014 at 20:56

      Hallo Amicus,

      ich habe jetzt erstmal etwas Zeit gebraucht, bis ich die Redewendung „abbügeln“ entschlüsseln konnte. (Eine Freundin half mir dabei….und dann musste ich wirklich sehr lachen. Was für ein wunderbares Wort in diesem Zusammenhang!) Und nun erschließt sich mir auch, was Du meinst. Es geht um MEINEN Kommentar vom 11.März.
      Und die hier entstandene Diskussion zeigt mir wieder wie wichtig (und gleichzeitig auch schwierig) es ist, sich präzise auszudrücken. Darum will ich an dieser Stelle meinen Kommentar „nachbessern“…oder wenigstens versuchen näher zu erläutern.
      Denn was Du einwendest, dass man anderen Menschen nicht einfach sein So-sein überbügeln (immer noch grins) kann und sie vor die Wahl stellen das zu akzeptieren oder nicht, ist völlig richtig. Und so war es von mir auch nicht gemeint…denn ich habe auch etwas gegen eine (konstruierte) elitäre Gesellschaft, die sich (durch was auch immer) von anderen Menschen abgrenzen will. Sorry, wenn dieser Eindruck entstanden ist.
      Von mir gemeint war, dass ich mit meiner Diagnose und dem Wissen um die „Symptome“ des Autismus nicht mehr so leicht in Erklärungsnot gelange. Ich konnte z.B. lange Zeit nicht erklären, warum mich die Gesellschaft anderer Menschen so anstrengt und auslaugt. Ich konnte ja immer nur von meiner Wahrnehmung auf andere Leute schließen und fragte mich, wie andere diese vielen intensiven Eindrücke verkraften. (Dass die meisten anderen Menschen die Reize besser filtern und sortieren können wusste ich nicht.) Ich hatte keine Erklärung für meine schnelle Erschöpfung und fühlte mich ein ums andere Mal minderwertig und schämte mich nicht belastbarer zu sein.
      Mit Hilfe der Diagnose konnte ich es meinen empfindlicheren Sinnen zuordnen ….und genau so erkläre ich es auch meinem Gegenüber, wenn ich z.B. eine Einladung zu einer Party ablehne….oder in einem Zweiergespräch darum bitte, die Neonbeleuchtung abzuschalten und auf eine andere Lichtquelle auszuweichen (oder den Raum zu wechseln).
      Mit diesen beiden Beispielen will ich folgendes verdeutlichen: es gibt Umstände, die für mich auch mit intensiven Bemühungen meinerseits nicht zu ändern sind. Meine empfindliche Wahrnehmung macht mir eine UNeingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht möglich. Sehr wohl aber eine eingeschränkte Teilhabe. Mit der Information über meinen Autismus setze ich die Menschen davon in Kenntnis und bitte in verschiedenen Bereichen um Rücksichtnahme. (So, wie ich auf jemanden Rücksicht nehme, der z.B. keine Milch verträgt…und ich ihn nicht zu einem Glas Milch nötigen würde.) Gleichzeitig bitte ich die Menschen mich zu fragen, wenn etwas unklar sein sollte. Und das macht es mir andererseits auch leichter Fragen zu stellen, wenn ich etwas nicht verstanden habe (z.B. Subtexte, Redewendungen, Verhaltensweisen….).
      Und nun komme ich zum „Abbügeln“ und zum Kontaktabbruch. Es bleibt den Menschen (und vor allen Dingen mir selbst) nichts anderes übrig, als auf diese Dinge Rücksicht zu nehmen. Ich KANN einfach nicht so lange unter Menschen sein….oder mich bei Neonbeleuchtung, Baulärm, oder anderen lauten Geräuschen unterhalten, usw. Wenn das jedoch von meinem Gegenüber dauernd übergangen wird, dann bleibt mir irgendwann nur noch der Kontaktabbruch, um eine beständige Überforderung zu vermeiden.
      Einfach, weil ich es nicht KANN…selbst, wenn ich mir große Mühe gebe.
      Ich grenze mich damit von anderen Menschen ab…aber nicht, weil ich mit dem Autismus einer elitären Menschengruppe angehöre, sondern einer Menschengruppe, die mit Einschränkungen zu kämpfen hat, die nicht mit Medikamenten zu behandeln oder durch eine Psychotherapie weg zu therapieren ist.
      Allerdings finde ich Psychotherapie sehr hilfreich in Bezug auf einen anderen Umgang der individuellen Einschränkungen…und der STÄRKEN.
      Meine eigene Therapie hat für mich wesentlich zur Klärung in vielen Lebensbereichen beigetragen.
      Ohne Diagnose würde ich mich immer noch schämen nicht so (belastbar) zu sein wie andere Menschen.
      Ohne Therapie würde ich noch immer ein Leben ohne anderen Menschen führen (wollen).
      Heute gefallen mir solche Diskussionen, wie diese hier, weil ich mich nicht mehr vom Leben nur benachteiligt fühle, sondern gern (im Rahmen meiner individuellen Möglichkeiten…und NUR weil ich diese individuellen Möglichkeiten KENNE) mit Menschen zu tun habe….und gespannt und neugierig auf Annäherung bin.

      Viele Grüße, Kakerlake

       
      • amicus

        14. März 2014 at 23:39

        Liebe Kakerlake,
        vielen Dank für Deine Ausführungen und schön, dass Du mich anscheinend RICHTIG verstanden hast. Ich wollte, wie schon erwähnt, niemandem „auf die Füße treten“ , beleidigen oder aus dem selbst bestiegenen „Elfenbeinturm“ zerren. (Uuuups, war bestimmt schon wieder falsch?!)
        Danke noch mal für deine Kommentare, von denen ich regelmäßig (im psychotherapeutischen Alltag und auch im normalen 🙂 ) profitiere. Weiter so.
        Gruß
        AMICUS

         
  5. Mueller7de

    13. März 2014 at 18:13

    @amicus
    Ich bin so froh, dass ich mit Dir nichts zu tun habe.
    Was für eine Grunderkrankung soll Platon denn Deiner Meinung nach behandeln? (rhetorische Frage) Wir sprechen hier von ASS, nicht von einer Erkrankung. Nichts Vorübergehendes, nichts „Heilbares“.
    Diese „Idee von Konfliktvermeidung durch Krankheit“ finde ich einfach unterirdisch. Im hier geschilderten Zusammenhang finde ich das noch unterirdischer, wenn das überhaupt möglich ist.

     
    • amicus

      13. März 2014 at 18:38

      Ich versuche mal mal so emphatisch zu reagieren wie es mir möglich ist.Zunächst: Du brauchst mit mir nichts zu tun zu haben. Kein Problem. Außerdem bin ich durchaus im Thema, also bitte keine Belehrung. Anmerkung: Sekundärer und Primärer Krankheitsgewinn sind ein Faktum. Fachliteratur lesen? ZU behandeln gibt es immer was, sonst währe ja auch Platon überflüssig. 😉 Ich wollte nur informieren und keinem auf die Füße treten, ist mir bei Dir ja aus irgendwelchen Gründen super gelungen.

       
      • Mueller7de

        13. März 2014 at 19:08

        Ich verstehe Platons Rolle völlig anders: Für mich geht es um Adaptionsverbesserung und Unterstützung dieses Vorganges. Nicht Platon ist der Handelnde, sondern Sophie. Platon unterstützt.
        Ich finde, dass „Krankheitsgewinn“ – vielleicht – ein Faktum ist, aber keinerlei Bedeutung im Kontext hat. Das hier zu erwähnen erscheint mir gleichbedeutend mit einer Unterstellung.
        „Nichts über uns ohne uns“ beginnt Platon zu verstehen, deshalb respektiere ich ihn.

         
      • dasfotobus

        13. März 2014 at 19:17

        @amicus
        Autismus ist aber nicht zu behandeln.
        Man kann lediglich, mitunter mit Hilfe von solchen Menschen wie Platon, lernen, wie man selbst mit dem Autismus besser leben kann. Strategien für sich entwickeln. Lernen, wie NA so ticken, um zumindest ab und an weniger anzuecken. Lernen, wann Kompensation wirklich wichtig ist und wann nicht (so sehr). Und wie man kompensieren kann. Lernen, wann, wo und wie man auch für sich und sein Empfinden einstehen kann, darf oder gar muss, um sich nicht kaputt zu machen.
        Die Ursache, der Autismus, bleibt. Egal was man macht.

         
  6. Anita

    13. März 2014 at 18:59

    Behandelt nun Platon, oder macht er erst Vertrauensaufbau und Kennenlernen, damit er dann Ideengeber und Übersetzer/Erklärer sein kann??

    So jedenfalls hatte ich Therapie bei ASS verstanden.

    Kann ja sein, dass ich mich in diesem Punkt irre.

    Etwas einem Autisten überstülpen zu wollen, geht meines Erachtens nicht.

    Das führt geradeaus ins Nichts und/oder Verweigerung.

    Denn die Verarbeitungszeiten sind extrem lange.

    Von 2 Tagen bis zu einem Jahr habe ich bei mir selber und vor allem bei den Kindern so erlebt!

     
    • dualessein

      13. März 2014 at 19:14

      Ich bin mir nicht sicher, ob man das losgelöst voneinander betrachten kann. Ich bin nicht sicher, meine aber, dass solche Situationen zum Beispiel Bestandteil einer Verhaltenstherapie sein können – also mit dem Klienten in die Situation gehen, um zu verstehen, wo genau das Problem liegt. Denn ein „Ich betrete keinen Laden“ kann ja sehr verschiedene Ursachen haben, die nicht unbedingt immer von vorneherein ersichtlich oder bewusst sind. Das geht dann von den klassischen Ängsten bis zu solch vermeintlichen Banalitäten wie zu grelle Lichter. Da hat es durchaus Sinn, sich das einmal „live“ anzuschauen. Umgekehrt gehört aber sicher auch Vertrauen dazu, wenn ein Klient bereit ist, sich in Begleitung in die Situation zu wagen, die er normalerweise meidet.

      Dass es eine „klassische“ ASS-Therapie gibt, glaube ich nicht. Die Ansätze aus den großen Kliniken sind meines Wissens (wer Genaueres weiß, immer her damit) vor allem auf die soziale Interaktion ausgerichtet, da diese naturgemäß das größte Problem im Miteinander von Menschen darstellt. Dennoch gibt es andere Bereiche, die unter Umständen problematisch sein können. Und da macht es durchaus Sinn – gerade bei ASS – sehr genau hinzuschauen. Auch Autisten sind vor Angststörungen nicht gefeit und die muss grundlegend anders behandelt werden. Allerdings möchte ich gar nicht wissen, wie vielen Autisten in therapeutischen Kontexten Angststörungen „übergestülpt“ werden, obwohl keine vorliegt (s. Ängstlichkeit beim Arztbesuch).

      Im vorliegenden Fall ist es ja so, dass die Frage gestellt wurde und es zudem die Regelung gibt, jederzeit abzulehnen oder auszusteigen und das ohne soziale „Sanktionen“.

      Allerdings kenne ich das auch, dass ich, wenn ich den Eindruck bekomme, dass mir etwas übergestülpt wird, komplett dichtmache und gar nichts mehr geht. Und da kann ich dann sehr, sehr stur sein.

       
      • Anita

        13. März 2014 at 19:47

        Diese „Sturheit“ kenne ich sehr gut von meinem Großen.

        Eine klassische ASS-Therapie ist mir auch nicht bekannt.

        Aber jegliche Fachliteratur, die ich zu dem Thema gelesen habe UND die Therapie, die wir seit 2,5 Jahren haben (systemische auf Autismus bezogene Familientherapie)

        „sprechen“ hier immer von der Kombination

        Vertrauensaufbau / Kennenlernen

        daraus resultierend dann

        Übersetzen / Erklären (s. Arztbesuch) und Ideengeben

        immer mal nachfragen (vorsichtig) und die Verarbeitungszeit berücksichtigen!

        Alle anderen „klassischen“ Therapiemethoden haben hier völlig versagt!

         
      • dualessein

        13. März 2014 at 19:52

        Weswegen viele mit ASS, schaut man sich mal ein wenig um, in den klassischen Therapien untergehen. Zumindest entsteht der Eindruck, da man nicht auf valide Zahlen zurückgreifen kann. Von daher glaube ich, dass wir durchaus im Konsens sind. Sehe ich das richtig?

         
  7. amicus

    13. März 2014 at 19:25

    „(…) Es gibt verschiedene Arten von Psychotherapie, die bei Menschen mit Asperger-Syndrom angewendet worden sind. Es existieren aber relativ wenig veröffentlichte Fallstudien. Meiner Meinung nach hat die traditionelle Psychotherapie diesen Menschen wenig zu bieten. Das denken auch einige Psychotherapeuten. (…)“ / „(…) Eine Psychotherapie kann helfen ein realistisches Selbstbild zu gewinnen und sich mehr auf die Stärken als auf die Schwächen zu konzentrieren(…)“
    /Tony Attwood/

    „Ob sie an sich selbst leiden, dass können wir bei diesen Menschen,die so schwer sich erschließen, deren Gefühlsleben so andersartig ist, die so schwer durchdringbar sind, kaum beurteilen.“
    /Hans Asperger/

    Soviel dazu……. 🙂

     
    • dasfotobus

      13. März 2014 at 19:42

      @amicus
      Auf welchen Beitrag beziehst du dich jetzt?
      Solltest du mich meinen: Ich sehe in den Zitaten keinerlei Widerspruch zu dem, was ich schrieb.

       
      • dasfotobus

        17. März 2014 at 11:41

        Schon schade, dass du, amicus, das nicht noch aufklärst, was du da genau meintest, obwohl du ja hier noch geschrieben hast.

         
    • Anita

      13. März 2014 at 19:49

      @ amicus

      Und solltest Du mich meinen, dann finden sich die Zitate in meinen Beschreibungen wieder.

       
  8. Anita

    13. März 2014 at 19:54

    @ Sophie

    JA 🙂 wir sind uns einig

     
  9. dualesseinzwei

    13. März 2014 at 21:34

    Es ist interessant, wie die Beschreibung eines „einfachen“ Einkaufs zu sprichwörtlich tiefgreifenden und grundlegenden Diskussionen führen kann. Und das, obwohl die Beschreibung des Einkaufs erst begonnen hat. Die wirklich spannenden Momente kommen ja erst noch.

    Es ist übrigens nicht meine Absicht, in diesem Blog einzelne therapeutische Interventionen zu beschreiben oder gar zu bewerten. Im Gegenteil. Schon gar nicht im Zusammenhang mit Sophie. Es geht um unsere verschiedenen Wahrnehmungen in gemeinsamer sozialer Interaktion. Und um unsere Gemeinsamkeiten. Um unsere Annäherung.

    Abgesehen davon, dass hier auch gar nicht der Raum wäre, um alle Interventionen und weiteren Hilfesysteme adäquat zu beschreiben, halte ich auch grundsätzlich alle Versuche einer Ferndiagnose für gewagt. Und die Beurteilung, ob ein Verhalten übergriffig ist, sollte allein Sophie entscheiden. Bei unseren Interaktionen sind wir beide auf gleicher Höhe, dass heißt wir bestimmen beide, wie und wo und zu welchem Zweck wir interagieren. Gelegentlich kommt es sogar vor, dass ich Sophie Fragen zum Thema ASS stelle, da sie mittlerweile vermutlich mehr aktuelle Literatur dazu gelesen hat als ich.

    Die Frage nach meiner Rolle ist tatsächlich ein zentraler Punkt. Vermutlich ist das eigene Rollenverständnis sehr maßgeblich für das Gelingen oder Misslingen eines Beratungskontextes (ich habe übrigens Probleme damit, im Zusammenhang mit ASS von Therapie zu sprechen. Höchstens dann, wenn sich – so wie von Sophie beschrieben – zum ASS noch weitere Begleiterscheinungen gesellen, die dann tatsächlich therapiert werden sollten).

    Die beste Unterstützung für jeden Menschen (ganz gleich ob ASS oder NT) ist ein offener, ehrlicher, wertschätzender Umgang. Und der erkennbare Versuch, sich wirklich für die Gedanken, Werthaltungen und Weltsichten des Anderen vorurteilsfrei zu interessieren. Die Absicht, voneinander lernen zu wollen.

    Um ganz ehrlich zu sein, habe ich nicht großartig darüber nachgedacht, ob das Einkaufen jetzt eine hilfreiche oder angemessene Intervention im Gesamtkontext der Beratung ist. Es ergab sich aus verschiedenen Umständen die Notwendigkeit, irgendwie Nahrung zu beschaffen. Daher von mir ein – wie ich finde – naheliegender Vorschlag, mal gemeinsam einkaufen zu gehen. Und wie schon im Beitrag beschrieben, war ich wirklich sehr interessiert, wie Sophie sich im Supermarkt bewegt. Und Sophie war einverstanden. Fortsetzung folgt…

     
  10. Anita

    13. März 2014 at 22:09

    @ Platon

    Zitat: “ (ich habe übrigens Probleme damit, im Zusammenhang mit ASS von Therapie zu sprechen. Höchstens dann, wenn sich – so wie von Sophie beschrieben – zum ASS noch weitere Begleiterscheinungen gesellen, die dann tatsächlich therapiert werden sollten).“

    Zitat: „Beratungskontextes “

    Danke dafür!

     
  11. mellissandra

    14. März 2014 at 6:39

    @ platon
    hilf ihr lieber einen bezahlbaren kühlschrank mit gefrierfach zu finden

     
    • dualesseinzwei

      14. März 2014 at 20:07

      Hallo melissandra,

      ich kann dir nur zustimmen. Wenn man zu viel über angemessene Therapieformen und Interventionen nachdenkt, dann kann man schnell die unter Umständen noch wichtigeren alltagspraktischen Dinge und den gesunden Menschenverstand aus den Augen verlieren. Äußere Ursache des Problems war ja tatsächlich das fehlende Gefrierfach. Das ist erledigt. Es gibt einen Kühlschrank mit Gefrierfach (abgesehen von einigen logistischen Schwierigkeiten).

      Liebe Grüße

      Platon

       
  12. dasfotobus

    17. März 2014 at 11:44

    @amicus
    „oder aus dem selbst bestiegenen “Elfenbeinturm” zerren. (Uuuups, war bestimmt schon wieder falsch?!)“
    Das wirkt dann jetzt doch schon so, als ob du eben doch genau das unterstellst, von dem du behauptest, es sei nur Information. Und das, nachdem dir das Gegenteil erklärt wurde. Und offensichtlich merkst du das sogar. Warum lässt du das dann nicht einfach sein?

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: