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12. Nachricht von Sophie an Platon

09 Mrz

Sophie:

„Hallo Platon,

ich hatte den Eindruck, mich heute nicht wirklich verständlich machen zu können. Daher versuche ich auf diese Art noch einmal, es „übersichtlicher“ zu machen.

Mir sind zum Arztbesuch einige Fragen gekommen: So war mir erstens nicht bewusst, dass ich „ängstlich“ wirke. Mir war die Situation extrem unangenehm, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass Ärzte meine Grenzen nicht wahrnehmen oder ignorieren. Zum anderen hatte ich nach Arztbesuchen häufiger den Eindruck, dass ich mit einem Thema aus einer Praxis komme, mit dem ich ursprünglich gar nicht in die Praxis gegangen bin. Schlicht, weil die Ärzte die „falschen“ Fragen gestellt haben und damit das Gespräch in eine ganz neue Richtung gelenkt haben – das Eigentliche ging aber unter.

Ich fand die Praxis sehr laut und unübersichtlich, das Knattern des PCs und vor allem der laute Drucker und die Gespräche aus dem Nebenraum fand ich sehr störend. Jedoch hatte ich meinerseits nicht das Gefühl, ängstlich zu sein. Überfordert – ja.

In Bezug auf die Blutprobe muss ich vielleicht auch eine Erklärung nachschieben, die für mich so offenkundig war, dass ich nicht dachte, dass ich darauf eingehen muss. Ich habe weder ein Problem mit Spritzen noch mit Blut. Auch in Bezug auf Schmerzen habe ich keine Bedenken oder was das Können der Arzthelferin anbelangt. Mir ging es lediglich darum, dass ich nicht angefasst werden wollte – und das lässt sich bei einer Blutabnahme nicht vermeiden. Wenn ich die Abnahme selbst vornehmen könnte, dürfte der Arzt soviel Blut haben, wie er möchte.

Eine weitere Frage betrifft die Vitamin-Mangelerscheinung. Die Erklärung leuchtete mir soweit ein. Allerdings verstehe ich nicht, warum das – gesetz dem Fall, dem ist so – nicht bereits weit im Vorfeld aufgefallen ist.

Nichtsdestotrotz werde ich die Tabletten nehmen. Schaden können sie offenbar nicht und vielleicht sind sie ja doch das „Wundermittel“, nach dem ich so lange suche…

Liebe Grüße,

Sophie“

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4 Kommentare

Verfasst von - 9. März 2014 in Alltägliches

 

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4 Antworten zu “12. Nachricht von Sophie an Platon

  1. Kakerlake

    9. März 2014 at 22:58

    Hallo Sophie,

    genau darum geht es: sich v e r s t ä n d l i c h zu machen.
    Es hat mich eine Ewigkeit gekostet, das zu begreifen. Und meine Therapie hat mir wesentlich dabei geholfen. Nur, wenn ich mich so präzise wie möglich ausdrückte, konnte ich meinem Therapeuten meine Wahrnehmung so vermitteln, dass er sie auch verstand. „Nicht-verstehen“ war immer ein Anlass, die Dinge mehrfach zu beschreiben….was auch dazu führte, dass ich mir selbst klarer über die ablaufenden Prozesse wurde. Und somit verstand, was Menschen an mir NICHT verstanden. (Gelingt mir leider nicht durchgängig…aber ich werde immer besser darin.) Und natürlich gibt es auch Wahrnehmungen, die sich einfach nicht vermitteln lassen…oder auf Verständnisgrenzen beim Gegenüber stoßen.
    Gerade die für mich „offenkundigen“ Dinge, wie nicht berührt werden wollen, nicht telefonieren, Händeschütteln zur Begrüßung, mangelnder Blickkontakt, Ruhe- und Rückzugsbedürfnis, Lärm-,Licht- und Geruchsempfindlichkeit usw. muss ich immer wieder neu und detailliert erklären, weil es so a n d e r s ist, als das, was andere Menschen für selbstverständlich erachten…oder gar nicht wahrnehmen.
    Ein weiterer wichtiger Faktor zum gegenseitigen Verstehen ist das Interesse am Anderen und der Respekt für die Andersartigkeit des Gegenübers. Wird mir das nicht entgegen gebracht, breche ich den Kontakt ab. Denn es führt sonst nur zu Frustrationen…
    Dieser Arzt wäre z.B. so ein klassischer Fall für einen Kontaktabbruch.
    Zum Vitamin B kann ich auch noch etwas aus eigener Erfahrung beitragen. Ich bekam es vor vielen Jahren auch…gespritzt. Und es war mehr oder weniger zufällig. Denn mein damaliger Arzt fand, dass ich dringend einen „Stimmungsaufheller“ bräuchte.
    Bereits drei Tage nach der ersten Spritze ging es mir wesentlich besser…vor allen Dingen erledigten sich meine seit Jahren bestehenden Hautprobleme, die kein Hautarzt hatte lösen können, von selbst. Ich entwickelte einen gesunden Appetit und fühlte mich körperlich sehr gut. („Gegen“ Autismus half das Vitamin natürlich nicht….). Und ich stellte mir und meinem Arzt übrigens dieselbe Frage: „Warum war er nicht schon viel früher auf diese Idee gekommen?“
    Bei Blutuntersuchungen werden die Mineralstoffe und Vitamine nicht bestimmt. Das erfordert eine andere Laboruntersuchung. WARUM Ärzte auf so etwas Einfaches und Naheliegendes nicht kommen, ist mir allerdings ein Rätsel. Vitamin B in Tablettenform braucht allerdings viel länger, bis es endlich Wirkung zeigt.

    Viele Grüße, Kakerlake

     
    • Anita

      11. März 2014 at 10:34

      @ Kakerlake,

      darf ich hierzu

      Zitat: „Gerade die für mich „offenkundigen“ Dinge, wie nicht berührt werden wollen, nicht telefonieren, Händeschütteln zur Begrüßung, mangelnder Blickkontakt, Ruhe- und Rückzugsbedürfnis, Lärm-,Licht- und Geruchsempfindlichkeit usw. muss ich immer wieder neu und detailliert erklären, weil es so a n d e r s ist, als das, was andere Menschen für selbstverständlich erachten…oder gar nicht wahrnehmen.
      Ein weiterer wichtiger Faktor zum gegenseitigen Verstehen ist das Interesse am Anderen und der Respekt für die Andersartigkeit des Gegenübers. Wird mir das nicht entgegen gebracht, breche ich den Kontakt ab. Denn es führt sonst nur zu Frustrationen…“

      eine Frage stellen?

      Ist jetzt sehr OT, treibt mich aber massiv um ……….

      wie bekomme ich das zitierte in den Kontext „Schule / Arbeitsleben“ übersetzt, wenn die Andersartigkeit von den Anderen überhaupt nicht realisiert wird? Trotz Aufklärung und weil an guten Tagen die Andersartigkeit „überspielt“ werden kann.

      Denn gerade im Bereich Schule ist Kontaktabbruch ja mit Konsequenzen besetzt, die so weitreichend sind, dass es ins absolute Chaos führt.

      Ich entschuldige mich ausdrücklich für das OT.

      Gruß Anita

       
      • Kakerlake

        11. März 2014 at 21:54

        Hallo Anita,

        gut, dass Du das fragst. Hatte nämlich schon beim Schreiben den Verdacht, das wäre vielleicht zu allgemein gehalten. Also: Natürlich gibt es immer wieder Situationen, wo sich der Kontakt nicht sofort abbrechen lässt (dann aber später).
        Ich bekam meine Diagnose erst im Erwachsenenalter. Folglich hatte ich als Kind keine Ahnung, was mit mir los war und war immer um Anpassung bemüht. Was natürlich permanent über meine Kräfte ging. Der Leidensdruck stieg also beständig an. In der Regel wusste ich irgendwann keinen anderen Ausweg mehr und brach den Kontakt ab. Was auf die Schule bezogen überhaupt kein Problem darstellte. Ich blieb ein paar Stunden dort und lief dann einfach wieder nach Hause. Nichts und Niemand konnte mich daran hindern. Zu meinem großen Glück war meine Mutter der Meinung, dass ein Schulbesuch für ein Mädchen sowieso völlig überflüssig wäre. Denn Mädchen heiraten irgendwann und sind dann Hausfrau und Mutter. (Nebenbei: ich konnte mir weder das eine…also „Vollzeit“ in diese Schule gehen, noch das Andere…Hausfrau und Mutter sein, vorstellen). Meine Mutter schrieb mir also jeden Tag eine Entschuldigung. Das war nie ein Problem.
        Später dann, im Berufsleben (und immer noch ohne Diagnose) bemühte ich mich weiterhin um Anpassung…auch hierzu hatte ich nicht genügend Energiereserven um das auf Dauer durchzustehen. Ohne Diagnose war es sehr schwierig mein So-sein zu erklären. Ich wusste ja selbst nicht, was mit mir los war…und so blieb mir bei Überforderung nur wieder der Kontaktabbruch…was ausgesprochen einfach durch zwei Worte zu bewerkstelligen ist: „Ich kündige!“
        Und von diesen beiden Worten machte ich sehr oft Gebrauch.
        Im privaten Bereich verwende ich einen etwas abgewandelten Wortlaut, der sinngemäß jedoch dasselbe meint.
        Mit der Diagnose hat sich bei mir einiges geändert. Ich kann also einen Grund für meine Eigenarten ins Feld führen und die Menschen bitten das zu akzeptieren. Wobei ich sehr offen mit meiner Andersartigkeit umgehe und es bei neuen Bekanntschaften immer sofort erwähne…und die Leute bitte, mir Fragen zu stellen, wenn sie welche haben. Auf diese Weise können Annäherungen stattfinden.
        Und wenn es Menschen gibt, die sich lieber nicht mit einer Autistin abgeben wollen, dann meiden sie sowieso jeden weiteren Kontakt mit mir. Das ist mir lieber, als ständig über meine Grenzen gehen zu müssen, weil ich mich krampfhaft versuche anzupassen.
        Ich bin ein Mitglied unserer Gesellschaft und erwarte, dass man mir mit Respekt begegnet. (So, wie ich andere Menschen ebenfalls respektiere und nichts von ihnen verlange, was sie nicht „leisten“ können.)
        Denn ich verstehe mich nicht als Störfaktor, sondern bringe mich mit meinem ganzen Wissen immer voll ein (…wenn man mich lässt). Ich habe ein Recht in dieser, unserer Gesellschaft zu leben…ohne mich dabei ständig zu überfordern, und/oder dabei am Leben verzweifeln zu müssen.
        Vielleicht sollte ich noch explizit erwähnen, dass ein Kontaktabbruch als Selbstschutz zu verstehen war und ist. Denn heute mit der Diagnose und meinem Wissen um mein So-sein versuche ich immer erstmal einen anderen Weg …denn schon beschriebenen offensiven Weg mit Gesprächen und Erklärungen. Sollte sich das als Holzweg erweisen… dann „kündige“ ich eben….
        Denn eine Frage stellt sich mir bei Deiner Frage….“Warum sollte ich meine Andersartigkeit noch überspielen?“ Denn wenn ich an guten Tagen meine Andersartigkeit auch überspielen kann…so gehört auch GENAU das zu meiner Andersartigkeit. Ich bin so, wie ich bin…und kann nicht aus meiner Haut. Nur manchmal, den besagten guten Tagen, kann ich versuchen so zu sein, wie viele andere.
        Ich kann nur immer versuchen eine Brücke zu schlagen….von meiner Art der Wahrnehmung zu der Wahrnehmung der meisten anderen Menschen. Dazu ist Interesse, Achtsamkeit, Respekt und Wertschätzung von BEIDEN Seiten nötig. Wenn dieser Brückenschlag gelingt, dann ist das ausgesprochen bereichernd…für beide Seiten. Ich durfte das schon erleben…und empfinde es als großes Geschenk.

        Viele Grüße, Kakerlake

         
  2. Anita

    12. März 2014 at 5:21

    Hallo Kakerlake,

    danke für Deine ausführliche Beschreibung!

    Unser Ältester wurde mit 13,5 Jahren diagnostiziert, weil er das Mobbing nicht mehr aushielt. Was darauf folgte war „kein Spaziergang“, besser gesagt, es war grauenhaft.

    Zitat: „Denn eine Frage stellt sich mir bei Deiner Frage….“Warum sollte ich meine Andersartigkeit noch überspielen?“ Denn wenn ich an guten Tagen meine Andersartigkeit auch überspielen kann…so gehört auch GENAU das zu meiner Andersartigkeit. Ich bin so, wie ich bin…und kann nicht aus meiner Haut. Nur manchmal, den besagten guten Tagen, kann ich versuchen so zu sein, wie viele andere.“

    er hat versucht, sich so „norm“al wie möglich zu geben, um wieder zur Schule gehen zu DÜRFEN! (War er doch 16 Monate unbeschult, weil keine Schule es sich zutraute)

    Da war er noch in der Phase, des sich selber Akzeptierens.

    Nun, nach 4 Jahren, ist diese Akzeptanz endlich da. Darüber bin ich unendlich dankbar.

    Zitat: „Ich kann nur immer versuchen eine Brücke zu schlagen….von meiner Art der Wahrnehmung zu der Wahrnehmung der meisten anderen Menschen. Dazu ist Interesse, Achtsamkeit, Respekt und Wertschätzung von BEIDEN Seiten nötig. “

    und nun versucht er verzweifelt, zu erklären und stößt immer wieder auf die Vorurteile, die man einem Jugendlichen unterstellt

    – stur, -bockig, – faul, – nicht arbeitsWILLIG, – provokant

    und was unempathischen Lehrern (zum Teil ehrlicher Weise aus Zeitmangel) so alles einfällt, was man einem autistischen Jugendlichen „an den Kopf schmeißen könnte“. Es sind aber Attribute, die nicht auf meinen Sohn zutreffen, wenn man sich ernsthaft mit ihm auseinandersetzt.

    Ich weiß leider nicht, warum so Viele meinen, mit Diagnose und „ein bisschen“ Therapie, könnte man den Schalter einfach umlegen und funktionieren. Könnten sich Trauma und Depression, ausgelöst durch Mobbing, „einfach ausschalten“. (Sarkasmus ist hier gewollt)

    Zitat: “ Wenn dieser Brückenschlag gelingt, dann ist das ausgesprochen bereichernd…für beide Seiten. Ich durfte das schon erleben…und empfinde es als großes Geschenk.“

    DAS kann ich absolut bestätigen!

    Und ja, trotz aller Anpassung und Erklärung ist es wohl durchaus in manchen Fällen sinnvoll. den Kontaktabbruch zu wählen. Auch, wenn es bedeutet, dass dieser Entschluss dazu führt, dass man wieder in der Nichtbeschulung landet und leider keinen Abschluss oder erst sehr viel später hinbekommt.

    Schade ist nur, dass hier dem einzelnen Betroffenen nicht die entsprechende Zeit gewährt wird.

    Bei vier autistischen Kindern ist gerade das Thema Schule etwas, wo Behörden viel Mitspracherecht „zu haben glauben“.

    Dadurch wird das kleine „Pflänzchen“ Selbstvertrauen immer wieder „zertrampelt“.

    Viele Grüße Anita

     

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