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Der Arztbesuch – Teil III

04 Mrz

Sophie:

Irgendwie scheint sich der Arzt an seiner Psychose-Idee festgebissen zu haben. „Hörst du Stimmen?“, will er von mir wissen. Ich bejahe. Gleichzeitig hakt meine Matrix ein – irgendwas stimmt mit der Frage nicht. Die Situation wird verworren. Ich überlege noch, was nicht stimmt, gleichzeitig schaltet sich der Philosoph wieder ins Gespräch ein. Ich erkläre, dass die Sprechstundenhilfen sehr laut und hier im Raum gut verstehbar sind, ebenso höre ich die Stimme des Arztes. Es geht dem Arzt aber um Stimmen, die nicht existieren. Woher hätte ich das denn wissen sollen? Erst im Nachhinein geht mir auf, dass das Gespräch hier um ein Haar in eine vollkommen falsche Richtung gedriftet wäre. Nicht, dass die Richtung jetzt besser ist.

Der Arzt erzählt etwas von Vitaminen, wendet sich dabei wieder dem Philosophen zu. Ich habe wieder die Tarnkappe auf, werde Zuhörer in einem Gespräch, in dem es eigentlich um mich geht. Ein Vitamin-B12-Mangel, das sei bestimmt die Ursache für die komplette Symptomatik. Ich frage mich, welche „Symptomatik“ der Arzt genau meint und bin mir sicher, dass er „Syptome“ sieht, wo ich keine sehe. Aber ein Vitamin-Mangel würde die ganze „Autismus-Symptomatik“ erklären. Ich schweige.

Platon:

Auch ein CT wird vom Arzt vorgeschlagen. Das ist im ersten Moment vielleicht eine etwas zu überdimensionierte diagnostische Maßnahme, allerdings unter Umständen sinnvoll, gerade wenn ständige Kopfschmerzen und andere Symptome wie Schwindel und „kognitives Abschalten“ vorhanden sind. Das soll sich Sophie noch überlegen, die Überweisung dazu würde sie bekommen. Auch das ist aus meiner Sicht ok.

Sophie:

Der Arzt möchte mir Blut abnehmen. Das kann er vergessen. Am besten ganz schnell. Er versucht, mich zu überreden. „Das tut auch nicht weh“, behauptet er. Das ist mindestens das zweite Mal, dass er die Unwahrheit sagt. Natürlich ist Blut abnehmen mit Schmerzen verbunden, schließlich wird in geringfügigem Maße die Haut verletzt – Menschen sollten sich eher Sorgen machen, wenn sie wirklich keinen Schmerz fühlen. Unabhängig davon habe ich jedoch dicht gemacht. Ich bin nur noch Beobachter einer Situation, die ich als zutiefst unangenehm empfinde. Der Fluchtweg ist versperrt, so bleibt mir nur der Rückzug in mich. Der Arzt erklärt, dass ich keine Angst haben bräuchte. Habe ich auch nicht, ich weiß nicht, wie er darauf kommt. Ich bin nicht ängstlich, ich will hier raus. Ich habe das Loch im Bezug der Liege im Blick und schweige.

Der Arzt gibt auf. Ich bekomme das Rezept, das Geräusch des Nadeldruckers malträtiert mein Gehör. Eine Überweisung für ein CT, die ich mitnehme, damit es nicht zu weiteren Diskussionen kommt. Im Gehen höre ich, wie der Arzt zum Philosophen sagt, dass er „damit“ überfordert sei. Und ich frage mich, an welchem Punkt ich welchen Fehler gemacht habe, sodass dieser Termin so schiefging. Ich komme ohne Berührung aus dem Sprechzimmer, durchquere das nun leere Wartezimmer, ein letztes Mal die verdammte quietschende Tür – und stehe draußen im Nieselregen.

Der Philosoph gesteht, dass er sich das alles etwas anders vorgestellt hat. Also scheint es auch nicht nach seinen Plänen gelaufen zu sein. Der diffuse Druck im Hinterkopf hat sich wieder bemerkbar gemacht. Und ich bin müde. Ich möchte irgendwohin, wo es ruhig ist.

Platon:

Bei der Verabschiebung kann ich das Händeschütteln verhindern. Ich sehe einen etwas ratlosen Blick beim Arzt, bei Sophie meine ich den Anflug von Enttäuschung im Blick und ihren Bewegungen zu erkennen.

Auf dem Rückweg bestätigt sich meine Vermutung. Auf der Skala von eins bis zehn, wobei zehn das absolute Grauen ist, vergibt sie für diesen Arztbesuch die glatte neun. Ich gestehe mir selbst und auch ihr, dass meine Vorbereitung wohl ein Reinfall war. Meine Bemühungen vielleicht gut gemeint, aber vergebens waren. Am meisten habe wohl wieder ich an diesem Abend gelernt.

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8 Antworten zu “Der Arztbesuch – Teil III

  1. Photon

    4. März 2014 at 11:16

    Was für ein unmöglicher Arzt.

     
  2. leidenschaftlichwidersynnig

    4. März 2014 at 11:55

    Ich fürchte, das ist keine Ausnahme…..

     
  3. Mueller7de

    4. März 2014 at 13:22

    Es tut mir so leid!
    @Sophie Du hast absolut nichts falsch gemacht. Es gibt Ärzte, da dringt man einfach nicht durch. Solche Ärzte sehen sich als Entscheider. Sie sehen ihre Arbeit nicht als Dienstleistung für den Kunden/Patienten. Man kann ihnen nicht helfen und nur äußerst beschränkt mit ihnen kommunizieren.
    Vielleicht verabredest Du mit dem Philosophen, wann ihr über den jeweiligen Termin sprecht. Direkt danach könnte ich das nicht.-
    @Platon Das Setting der Situation machte einen erfolgreichen Arztbesuch sehr unwahrscheinlich. Dass es nun so schlimm kam, konnte keiner voraussehen, denke ich.

     
  4. Kakerlake

    4. März 2014 at 16:10

    O.K….das Ganze lief wirklich subopti(nor)mal. Denn ich kenne diese Mediziner mit ihrem eingeschränkten Horizont leider auch. Da wird mal schnell ne „Psychose“ rausgeholt, weil man den „schwierigen“ Patienten damit zu einem Kollegen (Psychologen) weiter schicken kann.
    Ist eigentlich irgend jemanden der Schreibfehler von Platon aufgefallen ?!?
    „Bei der Verabschiebung kann ich das Händeschütteln verhindern.“
    Also, wenn das nicht die Wahrheit auf den Punkt trifft…. (kann man das einen „Freudschen“ Verschreiber nennen??)
    Nun bin ich sehr auf Platons (zerknirschter) Nachbearbeitung gespannt. Da muss er sich ziemlich ins Zeug legen um das zertretene Pflänzchen „Vertrauen“ neu aufzupäppeln. Andererseits auch gut, dass er so eine Situation mal hautnah miterleben konnte.

    Kakerlake

     
  5. Anita

    6. März 2014 at 22:36

    Das Grauen von einem Arzt war/ist das.

    Sophie, für meine Begriffe darfst Du mitteilen, wenn es so derartig schief läuft. Denn Du hast keinen Fehler gemacht!

    Aushalten und Anpassung sind hier absolut fehl am Platz!

    Platon, es kann ja sein, dass die vorgeschlagenen Untersuchungen sinnvoll und zielführend sind. Aber nicht dort. Und eine Überweisung von solch einem Arzt würde ich auch nicht in Anspruch nehmen. Absolut überhaupt nicht.

    Ermutigung, sich solch einer Situation zu entziehen, wäre für meine Begriffe der richtige Weg, hier wieder Vertrauen aufzubauen.

    Der ganze Arztbesuch erinnert mich so sehr an die Klinik-Tage meines Ältesten, an das „muntere“ Geplapper des Psychiaters, der sich in keinster Weise auf meinen Ältesten auch nur versuchsweise versuchte einzustellen.

    Grauenhaft!

    Diagnose: Falsche Adresse!

     
    • dualessein

      8. März 2014 at 9:43

      Ich kann leider in solchen Situationen nur schwer beurteilen, wo genau die Grenze verläuft zwischen einem Problem in der Interaktion und einfacher Gedankenlosigkeit oder Unverschämtheit. Das macht es dann nicht einfach, einzuschätzen, ob der Impuls zu gehen nun angemessen ist oder aus der Situation der Überforderung heraus geschieht und in dem Fall dann nur zu weiteren Missverständnissen führt.

       
      • Anita

        8. März 2014 at 10:26

        Ich kann das gut nachvollziehen.

        Wenn ich den Klinikaufenthalt vom Großen betrachte, dann habe ich mich und mein Großer direkt beim ersten Termin unwohl gefühlt!

        Um das Ganze zu beenden, habe ich 14 Wochen gebraucht!

        So lange musste es in mir reifen, hier schützend einzugreifen.

        Aus heutiger Sicht, würde ich mehr auf mein Gefühl achten. Um zu dieser Einstellung zu gelangen, bedurfte es Zeit und der Erkenntnis, dass nicht alle Ärzte ähnlich agieren.

        Denn mittlerweile haben wir auch eine andere KiJu-Psychiaterin.

        Es brauchte für mich einen Erfahrungshorizont,

        – der mit dem Alter zunimmt
        – den ich mit Erfahrungen anderer über das Netz abgleiche
        – über die ich lange nachdenke

        Mittlerweile vertrete ich meinen Kindern gegenüber die Auffassung ……… wir probieren es, wenn es nicht geht, gehen wir. Übergriffe irgendwelcher Art nehme ich nicht mehr hin und ich vertraue auf das Gefühl des Unwohlseins meiner Kinder. Wir sprechen.

        Dies habe ich lernen müssen. Und, dass Verständnis für das Gefühl des Unwohlseins und eine Reflektion meinerseits ist gewachsen, je mehr ich über den jeweiligen Autismus meiner Kinder und meiner eigenen „Andersartigkeit“ begriffen habe.

         
      • Reiner Sauer

        8. März 2014 at 11:37

        Ich denke, das Wichtige wäre, zuerst einmal deiner Einschätzung zu vertrauen, es sind deine Gefühle, es ist deine Wahrnehmung, nur wenn du dieser Wahrnehmung vertrauen lernst, kannst du herausfinden, ob dein Verhalten angemessen war oder nicht. Weil dann kannst DU es auch ändern!!!
        „Richtig“, kann man Fühlen. „Du“ fühlst dich wohl, wenn du eine (für dich) richtige Entscheidung getroffen hast! Es spielt dabei keine Rolle was andere darüber Denken. Nur du kannst Wissen ob dir der Wirsing schmeckt und auch wie lange er schmeckt. Das gute Gefühl ist der Wegweiser zu dir selbst. Also nix wie hin. Die schlechten Gefühle lass den anderen… Das heißt nicht, dass du Rücksichtslos bist !!! Du bist die Fachfrau, was dich betrifft und sonst niemand.
        Noch ein Kommentar zum Arzt. „Wenn ich Arzt wäre“, dann würde ich grundsätzlich keine Begleitperson zulassen. Als Arzt muss ich mir ein eigenes Bild machen. Das gilt auch für Kinder!
        In Ausnahmefällen allenfalls ein Dolmetscher im weiteren Sinne und dann mit aller Vorsicht.
        Was Betreuung angeht, egal wie es aussieht, der Betreuer hat „hinter dir zu stehen“, er ist deine Rückendeckung. Er sollte dich ausschließlich begleiten, und niemals vorneweg gehen. Im weiteren Sinne wie eine „Blindenhilfe“, das ist sein Job und nur das! Das Vorgehen von Platon ist genauso „unangemessen“ wie das des Arztes. Gut gemeint, schlecht gemacht. Der ganze Vorgang hat nur Zeit gekostet und schlechte Gefühle verursacht, bei Allen! Ein guter Betreuer ist wie ein Bodygard, er hält sich im Hintergrund und greift ein, wenn es gefährlich wird.

         

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