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Der Arztbesuch – Teil II

02 Mrz

Sophie:

Die Praxis. Der Garten ist überfrachtet mit Weihnachtslichtern. Ein Mann steht auf einer Leiter und bringt weitere Beleuchtung an. Der Philosoph bleibt einige Sekunden stehen, wechselt ein paar Worte mit dem Leiter-Mann. Belangloses. Warum auch immer.

Im Vorraum ist ein Tresen, mehrere Leute sind vor mir. Ich bin unsicher, es ist laut, unruhig, geschäftig. Und zu eng. Ich möchte wieder gehen. Meinen Einsatz verpasse ich, mir ist entgangen, dass ich zwischen all den Leuten dran bin und meine Karte abgeben soll. Für einen Moment überlege ich zu fragen, ob ich draußen warten darf. Lieber im Regen stehen als in das volle Wartezimmer. Aber ich wage es nicht und muss durch die quietschende Holztür in den vollen Raum.

An der Wand hängt ein Plakat mit Leuchttürmen. Ich mag Leuchttürme. Aber ansonsten ist der Raum der sprichwörtliche Vorhof zur Hölle. Die Tür quietscht, die Menschen müssen durch das Wartezimmer, wenn sie die Praxis verlassen wollen, ständig geht das Ding auf und zu. Draußen klingelt das Telefon, die Sprechstundenhilfen scheinen in den Hörer zu brüllen.

Plötzlich steht sie neben mir. Viel, viel zu nah. Sie redet und redet und hört nicht auf, fuchtelt mit den Armen. Ich weiche auf meinem Stuhl zurück, möchte am liebsten unsichtbar werden. Ich kann nicht ausweichen, links von mir sitzt der Philosoph. Ich rieche diese fremde Frau, die viel zu nah an mir dran ist. In meinen Ohren verschwimmen die Geräusche langsam zu einem hallenden Brei, ihr penetrantes Gerede, das Gescharre der Füße, das Schmatzen, Schlucken, Summen, die quietschende Tür, das Gerede auf dem Flur. Wieder überlege ich, zu gehen. Im Raum ist nichts, was meinem Blick Halt gibt. Ich will hier raus. Jetzt.

Platon:

Wir warten, ich hatte ja im Vorfeld darum gebeten, dass wir die letzten am Abend sein wollten, offenbar hat das nicht richtig funktioniert. Es sind immer noch einige vor uns. Es geht jetzt aber erstaunlich schnell.

Wir sind an der Reihe. Ich begrüße den Arzt, er mich und schon reicht er Sophie die Hand. Bevor ich einschreiten kann, ist es geschehen. Es kam zum Handschlag und ich ärgere mich. Kein guter Start für meine Vorbereitung. Dann fängt der Arzt an zu sprechen. Er duzt Sophie, ich habe keine Ahnung warum. Ja, sie sieht deutlich jünger aus als sie ist, aber gleich duzen? Ich mag das nicht, schreite aber nicht ein. Ich sieze Sophie.

Er stellt Fragen, die darauf schließen lassen, dass er weder meinen kurzen Brief gelesen noch grundsätzliche Ahnung von der typischen Asperger-Symptomatik hat. Ob Autismus überhaupt richtig wäre, sie hätte ja immerhin ein sehr gutes Abitur. Ob nicht vielleicht doch eine Psychose vorliege. Letzteres flüstert er mir ins Ohr, mir ist aber sofort klar, das Sophie das trotzdem verstanden hat.

Sophie:

In Gedanken mache ich mir eine Notiz, dass ich mich mit dem Philosophen mal dringend über seine Definition von „gut vorbereitet“ unterhalten muss. Gerade, als ich überlege, wie ich die Situation möglichst schnell und unauffällig verlassen kann, werde ich aufgerufen. Und finde prompt die Hand des Arztes in meiner wieder. Ich weiß, dass es unhöflich ist, den Händedruck zu verweigern. Trotzdem ist es mir zuwider. Was mich wieder zur Definition von „gut vorbereitet“ führt.

Das Sprechzimmer ist ein Chaos, weit schlimmer als das Chaos-Regal des Philosophen. Mein Blick wird fast magisch von dem kleinen Loch im Bezug der Liege angezogen. Etwas, an dem die Augen hängen bleiben können.

Ob er den Brief gelesen hat, will der Philosoph vom Arzt wissen. „Nein“, antworte ich in Gedanken, das zeigt sein ganzes Verhalten. „Ja“, behauptet der Arzt. Selbst für mich ist offenkundig, dass das nicht stimmen kann. Aus irgendeinem Grund entwickelt sich das Gespräch zwischen dem Arzt und dem Philosophen, ich habe wohl wieder meinen Einsatz verpasst, sitze daneben und wundere mich. „Kann ich mit ihr sprechen?“, fragt der Arzt. Das finde ich jetzt doch ein wenig unverschämt. Ebenso, dass er mich einfach duzt. Ich kenne den Mann nicht, bin ihm nie vorher begegnet. Als er von meinem abgeschlossenen Studium erfährt, setzt er nach: „Das hättest du aber heute nicht mehr geschafft!“ Ich frage mich, warum nicht. Ob ich schon immer so ängstlich sei, will er vom Philosophen wissen. Ich denke mir, dass er mich besser fragen sollte, ob ich Angst habe. Dann könnte ich ihm sagen, dass dem nicht so ist. Aber er fragt mich nicht. Also schweige ich.

Er liest die Berichte und meint dann zum Philosophen, dass Autismus gar nicht möglich sei. Schließlich habe ich ja Abitur. Ich verstehe den Kausalzusammenhang nicht, glaube aber, dass er nicht nett ist. Wieder zum Philosophen sagt er was von Psychose, spricht weiterhin in der dritten Person von mir. Für einen Moment ziehe ich in Erwägung, ob ich wieder einen meiner Tarnkappentage habe. Einen der Tage, an denen ich scheinbar unsichtbar bin. Vielleicht sollte ich mich bemerkbar machen. Vor allem sollte ich wohl deutlich machen, dass ich über ein ausgezeichnetes Gehör verfüge und zudem auch eine gewisse Grundintelligenz mitbringe, die mich befähigt, komplette Sätze zu verstehen. „Hallo, ich sitze direkt neben euch und kann euch hören“, erscheint mir als Einwurf angemessen. Ich schweige.

Platon:

Der Arzt rät ganz dringend zu einer Blutuntersuchung. Auch ich bin dafür, sehe aber im Moment noch große Widerstände bei Sophie. Blutabnahme bedeutet auch Berührungen. Von Schlaf- oder Beruhigungsmitteln rät er ab. Auch ich bin da hin- und hergerissen. Wir wollen es zunächst noch so versuchen.

Stattdessen schlägt er Vitamin B12 vor. Durch die Mangelernährung könne der Zusatz von B12 unter anderem auch die Müdigkeit reduzieren. Auch das klingt plausibel, wobei das aus meiner Sicht höchstens eine unterstützende, aber keine wirklich helfende Maßnahme ist.

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6 Antworten zu “Der Arztbesuch – Teil II

  1. dasfotobus

    2. März 2014 at 10:18

    Das ist so ein typisches Beispiel aus dem Alltag, dass ein Outing oft nicht nur nicht hilft, sondern die Situation durchaus deutlich verschlimmern kann.
    Dabei sollte ein Outing doch dazu dienen, dass es besser klappt.

    Es mangelt so enorm an Aufklärung.
    Von jedem Menschen kann man das sicherlich nicht verlangen, aber Ärzte, Ämter, Unternehmen, wie die Bahn, die immerhin gewisse Dienste für Behinderte anbieten … sollten wenigstens ein Mindestmaß an Information über Autismus, die Vielfalt von Autismus, haben. Immerhin steht das Asperger-Syndrom inzwischen seit rund 20 Jahren in ICD und DSM.

     
  2. Kakerlake

    2. März 2014 at 11:50

    Hallo Sophie,

    oh Mann….das deckt sich leider auch mit meinen Erfahrungen….außer, das die Ärzte nicht in der dritten Person von mir sprechen konnten, weil ich immer allein dort war. So gesehen hat die Anwesenheit Platons die Sache noch verschlimmert.
    Für den Arzt muss es aussehen, als würdest Du mit Deinem „Betreuer“ gekommen sein…weil für Dich der Alltag nicht mehr allein zu bewältigen ist…und ein anderer das alles für Dich in die Hand genommen hat.
    Die Bemerkung des Mediziners, Du würdest Dein Studium heute nicht mehr schaffen, zeigt ganz klar die Unwissenheit des Arztes. Er geht offensichtlich davon aus, dass Autismus erworben werden kann. Aber das ist eben die medizinische Sicht. Autismus wie eine Krankheit zu behandeln…und dann ist „alles wieder gut“. Diese Ansicht ist sogar ziemlich verbreitet. Denn wenn ich Menschen von meinem Autismus berichte, dann kommt immer mal die Frage, seit wann das so sei. Manchmal verschlägt es mir angesichts des Verhaltens der Leute und deren völlig falschen Mutmaßungen über mich die Sprache….ich denke mir nur meinen Teil und überlege, ob es sich lohnt, die Leute aufzuklären. Meistens lohnt es sich nicht und ich sage einfach gar nichts, sondern lasse die Leute in ihrem Schubladendenken zurück. Denn solche vorgefertigten Meinungen sind nur mit sehr viel Mühe zu demontieren…wenn überhaupt. Und dafür habe ich einfach die Kraft nicht.
    Mit dem Duzen entlarvt dieser Arzt ganz klar seine Haltung gegenüber seiner Patienten. Es ist keine Begegnung auf Augenhöhe…sondern er nimmt sich das Recht raus eine Hierarchie zu installieren, an deren Spitze er steht und sich (respektlos und rücksichtslos) alles erlauben kann.

    Hier noch die Erklärung des Begriffs „Patient“. Kommt von lat. „Patiens“ und bedeutet soviel wie: aushaltend, ertragend, geduldig.

    Tja, Sophie, ich würde sagen, Du bist wirklich eine gute Patientin….die Frage ist nur, ob Du in diesem Fall wirklich an Autismus leidest…oder eher am Unverstand des Arztes…

    Viele Grüße, Kakerlake

     
  3. Mueller7de

    2. März 2014 at 13:31

    Mir wird übel von dem Verhalten des Arztes.-
    Dringender Tipp an Platon (aus taubblinder Sicht):
    Wenn Sie Sophie begleiten, mit Gesprächspartnern niemals Blickkontakt aufnehmen oder halten. Sie werden automatisch als anzusprechende Person identifiziert. Sie können Ihren Kopf in Sophies Richtung drehen, als erwarten Sie dort eine Antwort. Die Person, die Sie angesprochen hat, wird Ihrem Blick folgen, sie kann gar nicht anders. Indem Sie nicht reagieren zwingen Sie die Leute, sich an Sophie zu wenden.
    Ich spüre, wenn Blicke auf mich gerichtet sind, meine TBAs schauen mich deshalb in solchen Situationen nicht an.
    Niemals für Sophie antworten, aber das wissen Sie ja schon. *trauriges Lächeln*
    Meine TBAs stehen immer seitlich zwischen mir und meinen Gesprächspartnern, so dass sie das „Zugreifen“ fast immer verhindern können. Sie dirigieren mich vorab verbal in eine günstige Position, so dass ich fast immer unangetastet bleibe.
    Einmal musste ich auch raus beim Arzt. Es ging nicht mehr, ich drohte zu platzen. Im Gegensatz zur friedlichen Sophie fange ich an zu brüllen, wenn es daneben geht. Es muss genügen, dass ich sage: „Ich möchte jetzt gehen.“ (vorher Wortlaut oder Gebärde verabreden) Dannn gehe ich hinter der TBA her, die den Weg für uns „freiräumt“. Mein „Fixpunkt“ ist dann der TBA Rücken. Draußen brauche ich dann nur noch einen kleinen Platz in irgendeiner Ecke und will allein sein. Wir haben verabredet, dass ich dannn sage „10 Minuten Pause“, dann kommt als Antwort die Zieluhrzeit, nichts sonst.
    Danach geht es meist wieder.

     
  4. Creative Corn

    2. März 2014 at 17:57

    Ich kann fast nicht an mir halten nachdem ich diesen Teil der Geschichte gelesen habe. Was für eine unverschämte, bodenlose, unprofessionelle Spezies von Mediziner. Ich selbst bin Ergotherapeutin und lese den Blog nahezu von Anfang an mit. Von Berufswegen und auch aus meinem privaten Umfeld, bin ich nicht ganz frei von Ahnung was das autistische Spektrum betrifft und ich schäme mich, dass es Ärzte gibt, die sich derart unprofessionell verhalten! – Ich möchte ganz vehement gegen die irrsinnige und an den Haaren herbeigezogene These widersprechen, dass autistische Menschen nicht in der Lage seien Abitur zu machen, das ist vollkommener Blödsinn! Eine Angehörigkeit zum autistischen Spektrum hat im ersten Atemzug einmal überhaupt gar nichts mit der Intelligenzleistung zu tun und im zweiten Atemzug geht es dann auch erst einmal darum wie viele vorhandene Fähigkeiten bei all der Alltagsproblematik überhaupt genutzt werden können und wie viele brach liegen, weil überlebensnotwendigere Dinge vorhandene Energieressourcen aufzehren. Evtl. kann man anbringen, dass der Herr Doktor einem älteren Semester angehört und die gängige Lehrmeinung zu seiner Universitätszeit eine andere war? (Es gab in den 70er Jahren und davor große und aus heutiger Sicht abenteuerliche Thesen was „Autismus“ verursacht und was die Folgen davon sind) Doch als Angehöriger eines medizinalen Fachberufes ist es meine lebenslange Pflicht mich fortzubilden!!! Gerade in einem Fall wie diesem, in dem ich von einem befreundeten (?) Kollegen einen VORBEREITENDEN Brief bekomme, sollte meine Hybris des Berufsstandes mich auf keinen Fall über die Bedürfnisse meiner Klienten/Patienten erhaben machen.
    Und zu aller Letzt, denn es war auch das Letzte!: Ich spreche direkt mit meinem Gegenüber und sehe eine Begleitperson auch als Begleitperson an! Sophie ist eine Mündige Patientin, die mit Unterstützung diese Praxis aufgesucht hat. In mir dreht sich alles, wenn ich sehe wie über den Kopf von Sophie hinweg gesprochen wird. – Ich habe in meiner Vergangenheit schon einige Zeit mit behinderten und nicht behinderten Kindern, psychisch kranken und sterbenden Menschen gearbeitet, obendrein in ganz unterschiedlichen Rollen meiner Seits und es stand für mich NIE außer Frage, dass eine Person die sich für ihre eigenen Belange interessiert und informiert auch immer Fachperson in ihren eigenen Angelegenheiten zu verstehen ist. Bei der Konsultation von Ärzten und/oder Therapeuten sollte es sich meiner Ansicht nach stets um ein partnerschaftliches „Zusammenarbeiten“ und nicht um ein bloßes, intransparentes Behandeln handeln. Selbst wenn eine „Unmündigkeit“ besteht, sind Gefühle, Leidensdruck, Alltagsprobleme und Wahrnehmung stets subjektiv! Und somit NUR von der betroffenen Person selbst zu erfahren. Ich finde keine professionellen Worte um mir Luft für das zu verschaffen, was diese ganze Situation in mir als Mensch und auch als Ergotherapeutin auslöst.

    Sophie hatte viele Hürden auf sich zu nehmen, die Kurzfristigkeit des Termins, die Sensorische Überflutung, das schreckliche, laute und aus ihrer Perspektive evtl. sogar gefährliche Wartezimmer, die Konfrontation am Tresen… ich bin gespannt auf Platos nachbereitende Gedanken…

    Liebe Sophie, vertraue Instinkten in diesen Angelegenheiten! „Ich sitze hier, direkt neben euch“ war ein sehr guter Impuls, dem ruhig Folge zu leisten ist.

    Viel Kraft und gutes Durchhalten!

     
  5. Teresa

    3. März 2014 at 9:11

    Genau so erlebte ich Ärzte immer wieder, bis ich MEINEN fand. Der gehört nun mir und mir gefällt nicht, das ich ihn mit so vielen anderen Teilen muss.
    Davon ab, habe ich die Erfahrung gemacht, das mich Ärzte entweder für dumm halten oder für jemanden der sich anstellt, oder eben für psychisch krank. Die meisten waren sich sicher dass Autismus, meist war das Spektrum des Autismus nicht bekannt, nicht in Frage käme. Andere hielten es für offensichtlich, dass ein Teil meiner Probleme daher rührt.

    Wie auch immer. Egal welchen Namen es hat. Ich habe durch das Lesen des Blogs wieder den Mut gefunden, etwas mehr zu mir zu stehen und werde mir gleich das Frühstück kaufen, das ich Essen will. Das ewige „ich muss vielfältig Essen“ führte dazu, das ich gar nicht mehr richtig esse. Jetzt werde ich mir holen, was ich derzeit als Lebensmittel ansehe und all die Regeln, die über die Jahre vom außen mit meinem Essen verbunden wurden, über Bord werfen.

    Warum ich immer nur einen Teil des Lebensmittelangebotes, dass mir zur Verfügung steht als Essbar ansehe, weiß ich nicht. Das begleitet mich seid der Kindheit, ebenso die vielen Ermahnungen meiner Mutter. Aber da es so weit ist, dass ich so durcheinander bin, dass ich eben häufig gar nichts esse, auch wenn ich großen Hunger habe, will ich reagieren. Ab heute wird es bei mir wieder Corn Flakes zum Frühstück geben. Wenn das dazu führt, dass ich monatelang nur noch Corn Flakes zum Frühstück esse, dann ist das eben so. Fehlernährung ist schon Thema und wird auch ärztlich durch meinen Arzt überwacht.

     
  6. Ismael Kluever

    3. März 2014 at 15:33

    Zum Glück geht das nicht immer so schief. ^^

     

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