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Der Arztbesuch – Teil I

01 Mrz

Sophie:

Ich mag den Tag jetzt schon nicht. Wie immer bin ich zu früh. Mein Parkplatz ist frei. Die Uhrzeit stimmt nicht. Ich musste früher kommen, wegen des Arzttermins. Dieser Termin, der wie eine dunkle Wolke über dem ganzen Tag hing und mich an nichts anderes denken ließ. Ein fremder Arzt, eine fremde Praxis, vor allem aber jede Menge wahrscheinlich schon vorprogrammierte Missverständnisse. Nein, ich mag Arztbesuche nicht.

17:11 Uhr – 17:12 Uhr – 17:13 Uhr. Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus.

Punkt 17:15 Uhr drücke ich die Klingel, die blau blinkt. Ich merke es kaum, zu sehr bin ich in Gedanken beim Arztbesuch. Der Philosoph öffnet die Tür.

Platon:

Ich habe dem Arzt einen kurzen Brief geschrieben, mit genauen Anweisungen, zum Beispiel nicht die Hand geben, nicht berühren. Sophie soll diesmal positive Erfahrungen mit einem Arztbesuch verknüpfen. Auch ich bin gespannt. Ich hoffe, dass ich meine Ankündigungen auch halten kann.

Sophie kommt wie immer pünktlich. Wir setzen uns noch kurz in die Praxis. Ich sage ihr nochmals, dass der jetzt bevorstehende Arztbesuch gut vorbereitet ist.

Wir machen uns auf den Weg. Zu Fuß. Sie geht vorsichtig, ständig Orientierung suchend. Ich gehe schweigend nebenher, reduziere das Sprechen auf das Wenigste. Mit einer Hand berührt sie die Latten eines Zaunes, streift beim Gehen mit einem Finger über die Oberfläche der exakt im gleichen Abstand angebrachten Holzelemente. Die Autos und Laster sind laut, sie zuckt gelegentlich erschrocken zusammen.

Sophie:

Es nieselt, als wir uns auf den Weg machen. Es ist dunkel und kühl. Aus den Augenwinkeln versuche ich, den Philosophen im Blick zu behalten. Der Gehweg ist eng, ich halte mich etwas hinter ihm, nur so kann ich angenehmen Abstand wahren. Ich mag es nicht, wenn mir Leute zu nah kommen. Beim Laufen ist das erst recht schwierig, denn manchmal machen die Menschen unvorhergesehen Schlenker.

Ich versuche, mir Wegmarken einzuprägen. Irgendetwas, was mir zeigt, wo ich gerade bin. Uns kommt eine Gruppe Kinder entgegen und es wird noch enger auf dem Gehweg. Auf die Straße kann ich nicht ausweichen, der Verkehr ist zu stark. Die Lichter der vorbeifahrenden Autos blenden. Und das Rollen der Reifen ist laut. Ich bin immer überrascht, wie sehr Regen bestimmte Geräusche zu verstärken scheint, in eine laute, unangenehme Richtung.

Ich suche etwas Bekanntes, Vertrautes. Und fahre mit den Händen durch die Büsche am Wegrand, an den nassen Blättern entlang, über Holzlamellen eines Zaunes, über die Muster an einem Eisenzaun. Meine Hand wird nass und wahrscheinlich auch schmutzig, aber das ist egal.

Als wir plötzlich an einer Kreuzung stehen, verliere ich die Orientierung. Ich kann nicht einschätzen, wie schnell die Wagen heranfahren, es gibt keinen Fußgängerüberweg, keine Ampel. Der Philosoph läuft einfach weiter und ich schwanke zwischen abrupten Stehenbleiben und blindem Hinterherlaufen. Ich möchte nicht zu diesem Arztbesuch. Aber ich hoffe trotzdem, dass wir bald von der nassen Feierabendverkehrsstraße weg kommen.

Platon:

Beim Eintreten in die Praxis gibt es leider eine kleine Warteschlange am Tresen. Dann wird Sophie nach endlos langen Sekunden aufgefordert, ihre Versicherungskarte abzugeben. Wir dürfen in das Wartezimmer. Es ist fast voll, wir bekommen noch zwei Plätze. Ich setze mich neben sie, versuche mich möglichst still zu verhalten. Im Raum selber ist es laut. Von Außen dringen alle möglichen Gesprächsfetzen, Lachen, Anweisungen, Geklimper und Geklapper durch die verschlossenen Türen. Ich merke, wie sensibel auch ich bereits auf Lärm reagiere. So laut hier habe ich es nicht Erinnerung. Ständig geht eine der beiden Türen auf, Personen treten ein oder verlassen den Raum. Gequatsche, oft sinnlos.

Der Stuhl neben ihr wird frei, eine ältere Person steuert darauf zu, macht sich „breit“, sodass ich schon fast Berührungen zwischen Sophie und der anderen Person befürchte. Die Person bleibt vor dem leeren Stuhl stehen, zieht umständlich die Jacke aus, unterhält sich mit der Begleitung. Setzt sich immer noch nicht. Ich spüre Sophies Anspannung neben mir. Auch ich entwickel gerade so etwas wie Fluchtgedanken. Endlich setzt sich die Person. Lautes Atmen, Schniefen, Röcheln.

Ich beobachte, wie verstohlene Blicke von den anderen Wartenden auf Sophie geworfen werden.

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5 Antworten zu “Der Arztbesuch – Teil I

  1. Mina

    1. März 2014 at 10:38

    So arbeiten auch die TBAs für mich, es ist ein Teil ihrer Arbeit. Ich bin so glücklich, dass ich TBAs (= Taubblindenassistenzen) habe!
    Sie sind für mich

    a) ein Ruhepunkt in der „verschwimmenden“ Welt.
    b) Sie warnen mich, wenn es zu Berührungen kommen könnte (verbal),
    c) Sie führen mich zu Plätzen in der Ecke, wenn möglich, oder informieren mich vorab, wenn das nicht möglich ist,
    d) ich kann sie bitten, mir aus der örtlichen Situation herauszuhelfen, wenn ich es nicht mehr aushalte,
    e) wenn es zu verwirrend wird, kann ich die Hörchen abschalten. Mit TBA kann ich trotzdem kommunizieren,
    f) sie verhindern aktiv, dass ich angefasst werde (eine TBA hat sogar mal eine Hand weggeschubst. Die kam so schnell, dass es anders nicht möglich war),
    und so viel mehr.
    Sehr wichtig ist: Sie sprechen niemals für mich: Wir hätten den Brief an den Arzt also auf meine Initiiative geschrieben, gemeinsam. Und ich hätte den Zeitpunkt der Briefübergabe selbst bestimmt.

    Ein Arzt hat mal versucht mich „zu hintergehen“: Ich war auf der Toilette und der Arzt hat die TBA vor der Tür des WC angesprochen und wollte etwas über mich wissen. Die TBA hat geantwortet, dass sie jetzt dazu nicht Stellung nimmt.

    Ja, so muss es sein! Dann fühle ich mich sicher 🙂

    Inzwischen bin ich in der Lage, wenn es so eine Situation an der Kreuzung gibt, einfach mit der TBA mitzugehen, auch wenn ich nichts mitkriege. Jahrelange Zusammenarbeit trägt gute Früchte 🙂

     
    • Reiner Sauer

      2. März 2014 at 9:22

      Ein schönes Beispiel, dass Vertrauen Grundlage ist, das „verlorene“ Grundvertrauen in die Welt wieder zu finden und weiter zu entwickeln.

       
  2. Ismael Kluever

    1. März 2014 at 11:43

    Es ist bemerkenswert, wie sehr Platon sich autistische Wahrnehmungsweisen aneignet!

     
  3. Reinhard

    1. März 2014 at 18:21

    Beeindruckend beschrieben, Platon verhält sich sehr „autismussensitiv“. (ich weiß nicht, ob es das Wort schon gibt)

     
  4. kiwigirl

    1. August 2014 at 12:13

    ich kenne ein beispiel in dem es mir als autist ähnlich geht, zum beispiel wenn nicht autisten schlafen wollen und wirklich sehr verärgert darüber sind, wenn diese möglichkeit gestört wird.
    wenn also mein partner beispielweise schlafen möchte, erscheinen mir die geräusche auch wesentlich lauter, als sie vermutlich faktisch sind.
    wie zum beispiel das knarren von dielenbrettern, tastaturgeklapper, oder sogar ein kratzen am kopf, ein schlucken etc.
    passt das?
    bin mir gerade doch nicht mehr so sicher.

     

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