RSS

10. Nachricht von Sophie an Platon

22 Feb

Sophie:

„Hallo Platon,

nein, nicht unangemessen. Ich wusste nur nicht, wie ich reagieren sollte. Die Matrix hat sich wohl aufgehängt… Und nein, Ihre Anfragen stören auch nicht. Ich habe ja jederzeit die Möglichkeit, den PC auszumachen. Ich habe gestern die Dunkelheit der Nacht genutzt. Rausgehen würde ich heute noch nicht, aber das Licht blendet heute nicht mehr ganz so unerträglich wie gestern. Und auch die Nachbarn waren ab 2 Uhr endlich ruhig. Ich konnte zwar nicht schlafen, aber dieses Zuviel an allem hat für ein paar Stunden aufgehört.

Normalerweise kenne ich die Anzeichen vorab ganz gut und ziehe mich selbst auf vertrautes Terrain zurück. Je früher mir das gelingt, desto geringer sind dann auch die Auswirkungen.

Die Notabschaltungen – ich weiß einfach nicht, wie ich es besser umschreiben soll – sind zum Glück selten. Die letzte war vor etwas über einem Jahr. Ich hatte ein Seminar auf einer Messe und den ganzen Tag waren sogenannte Cosplayer unterwegs, bunt kostümierte Menschen. Es war voll, laut und eine komplett verdrehte Welt. Ich habe es da eigentlich keine Stunde ausgehalten, musste aber Fotos machen. Selbst durch den Sucher der Kamera war das alles zu viel. Am Abend fuhren wir mit der Straßenbahn (was auch nicht besser ist) zurück und saßen irgendwann irgendwo in einem Restaurant, mitten im Durchgangsweg mit 20 Leuten an einem langen Tisch. Das Essen habe ich nicht angerührt. Irgendwann verschwimmen die Geräusche immer mehr, bis sie nur noch eine Art „weißes Rauschen“ sind, ich verstehe dann so gut wie kein Wort mehr. Meist bekommen die Leute um mich herum, wenn welche dabei sind, nicht davon mit, außer dass ich „still“ bin.

Ich habe leider noch kein wirklich wirksames Mittel dagegen gefunden. Ich habe eine Decke, die um die sechs Kilo wiegt, das hilft ein wenig, weil es ein begrenzender, gleichmäßiger, kontrollierter, taktiler Reiz ist, das hilft aber nur in der Anfangsphase.

Ich hoffe, Sie halten mich jetzt nicht für eine komplette Spinnerin.

Liebe Grüße

Sophie“

Advertisements
 
2 Kommentare

Verfasst von - 22. Februar 2014 in Briefe

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,

2 Antworten zu “10. Nachricht von Sophie an Platon

  1. Kakerlake

    22. Februar 2014 at 11:09

    Hallo Sophie,

    ich war so gespannt, was Du über die „Notabschaltung“ schreiben würdest…denn ich gerate manchmal (zum Glück wirklich selten) in Zustände, die genau dem entsprechen, was Du beschreibst. Wenn Tage sowieso schon überladen waren und es keine Möglichkeit des Rückzugs und der Erholung gab…dann braucht es manchmal nicht mehr viel und ich merke, wie mir die Welt verloren geht. Ich beschreibe hier mal ein ganz konkretes Beispiel: Nach einem sehr anstrengenden Tag musste ich abends auch noch einen Konflikt mit jemanden klären. Darin bin ich von Haus aus nicht sehr gut. Meine Anspannung überstiegt das auszuhaltende Mass…und ich merkte, wie ich die „Welt“ verlor…alles begann zu verschwimmen.Visuelle Eindrücke sind nicht mehr klar abgegrenzt, auch akustische Eindrücke scheinen ineinander zu fließen. Ich versuchte mich mit aller Kraft auf mein Gegenüber zu konzentrieren, aber zunehmend wurden seine Worte unverständlicher, bis da nur noch ein furchtbares Geräusch war. Als würde ich an den Gleisen eines vorbeidonnernden D-Zugs stehen. Ich sah auf den Mund meines Gegenübers…wie er sich bewegte…ich wusste auch, dass er zu mir sprach…aber ich verstand nichts mehr…nur noch dieses Geräusch…als würde der D-Zug unablässig durch meine Ohren fahren. Wie bei Dir auch, Sophie, sieht man mir diesen Zustand offenbar nicht an. Ich bin dann nicht mehr fähig auf etwas zu reagieren. Werde einfach nur still und bin dem allem ausgeliefert. Bin dann auch nicht mehr zur Flucht fähig und bräuchte dann jemanden, der mich anfasst und aus der Situation entfernt. Irgendwo hin, wo es wirklich ruhig ist…natürlich am Besten in die vertraute Umgebung der eigenen Wohnung. Im Bett liegend, mit kleinen Sandsäcken den Körper beschwert, kann ich dann ganz langsam wieder zu mir kommen…und es kann Wochen dauern, bis ich mich wieder stark genug fühle um erneut mit Menschen zu interagieren.
    Ein wirksames Mittel dagegen habe ich auch noch nicht gefunden…außer es erst gar nicht soweit kommen zu lassen. Dazu kann gehören, Aufgaben auch mal nicht zu Ende zu bringen. Oder sie nicht ganz so exakt auszuführen. Das sind Dinge, die ich mir normalerweise nicht erlaube, da ich immer mein Bestes gebe und jede Aufgabe schnellstmöglich zu Ende bringen möchte. Ich musste lernen, es mir zu erlauben, einiges nicht ganz so genau auszuführen. Das ist immer noch sehr schwierig für mich und gelingt mir nicht immer.

    Viele Grüße, Kakerlake

     
  2. Anneke

    22. Februar 2014 at 12:56

    Die „Notausschaltung“ hatte ich mir anders vorgestellt.
    Wahrscheinlich weil es mir ganz anders geht!

    Solche hier „überladen“ genannten Tage liebe ich..
    Wenn ich 15 Dinge zugleich tun muss und nebenbei noch gut aussehen fühle ich mich richtig lebendig. Ich kann fühlen wie mein Herz schlägt & meine Nebennierenrinde Adrenalin ausspuckt,.
    Wenn ganze Tage oder gar Wochen so laufen fühle ich nicht gut..
    Ich komme dann nach Hause und vergesse zu essen, weil ich so fertig bin, dass ich nur noch schlafen will.
    Wenn mein Partner dann sagt ich müsse mich mal ausruhen und dann nichts mache und zuhause bleibe passiert mir etwas ähnliches wie du liebe Sophie hier beschreibst.
    Zuhause sitzen und die Welt aussperren gibt mir das Gefühl, eingesperrt zu sein…
    Fernseher und Musik werden eine einheitlich-homogene Suppe und ich versinke in fast- & junkfoof nichtssagenden Unterhaltungen und Langeweile.. Nichts passiert. Das ist schwer zu ertragen.

    Genauso ist es mit Stille.. Bei mir läuft immer der Fernseher oder ein Hörbuch oder Musik im Hintergrund.. Nicht weil es mich interessiert sondern, weil ich die Stille nicht ertrage. Meistens kann ich hinterher nicht mal sagen, worum es in dem konsumierten (oder eben auch nicht konsumiertem Medium ging).

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: