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8. Nachricht von Sophie an Platon

15 Feb

Sophie:

„Hallo Platon,

Ich vermute, dass Ihre Frage, wie es mir geht, nicht als jenes anfangs beschriebenes Ritual gemeint ist?

Heute habe ich mich nicht wirklich imstande gesehen, das Haus zu verlassen. Ich musste meine Medikamente aus der Apotheke abholen, aber dafür brauchte ich gute vier Stunden Anlaufzeit. Gerade ist es ein Zwangs­Funktionieren, das ich aber nur kurz aufrecht erhalten kann. Und ja, im Grunde bin ich wahrscheinlich verunsichert. Mir fehlt der Eindruck von Sicherheit, den ich normalerweise in meiner Wohnung habe. Aber ich kann das hier noch nicht als „meine“ Wohnung akzeptieren. Ich erkenne meine Sachen, aber sie stehen an den falschen Stellen ­ das ganze neue System ist mir noch nicht vertraut und selbst, wenn ich hier bin, habe ich permanent das Gefühl, in einem fremden Raum zu sein. Es fehlt mein vertrauter Rückzugsort, der Platz, an dem ich mich blind zurecht finde und an dem nichts ist, was stört. Aber hier prasselt immer wieder etwas Neues auf mich ein.

Manchmal glaube ich, dass ich Geräusche lauter wahrnehme als andere, anders kann ich mir nicht erklären, warum sie mir so unangenehm sind, den anderen aber nichts ausmachen. Mein Nachbar schraubte gestern und heute schon den ganzen Tag an seinem Roller herum und lässt dabei den Motor laufen, dreht regelmäßig am Gashahn. Trotz geschlossener Fenster macht es mich wahnsinnig. Es ist, als wäre alles überreizt. Selbst die Geräusche, die ich kenne, erscheinen mir jetzt zu laut, wie das Miauen der Katze oder wenn sie durch die Wohnung läuft. Ich höre jeden ihrer Schritte und das Klacken der Krallen auf dem Laminat. Am schlimmsten ist es, wenn sie spielt und irgendwelche Spielmäuse fängt. Das rumpelt unglaublich und ich würde sie am liebsten rausschmeißen. Dabei kann das Tier ja gar nichts dafür.

Und auch mein Kopf gibt keine Ruhe, ­ ich mache nichts anderes als denken, doch anders als das Analysieren von Dingen außerhalb ist das ein Denken, das sich im Kreis dreht.

Beantwortet das Ihre Frage?

Liebe Grüße

Sophie“

Frage an die Leser: Was hört ihr gerade in diesem Moment? Und was nehmt ihr erst wahr, wenn ihr euch auf das reine Hören konzentriert?
Wie viele Geräusche umgeben euch, wenn ihr glaubt, dass es still ist?

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5 Kommentare

Verfasst von - 15. Februar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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5 Antworten zu “8. Nachricht von Sophie an Platon

  1. marina

    15. Februar 2014 at 14:56

    Ich habe das Gefühl, dass ich in der „Fremde“ auch mehr Geraesche wahrnehme, aber lande nicht so viele, wie ich es von autistischen Menschen kenne… vögel, strasse, heizung, wasserleitung, flugzeuge, wind und ein Surren von dem ich noch immer nicht weiss wozu es gehoert sind die Sachen, die ich hier hoere. Zuhause habe ich es geschafft Strasen, kirchenglocken und Züge komplett auszublenden. Aber nicht hier… wenn ich die Augenschliesse, beim meditieren, kurz bevor die innere Ruhe das Staerkste ist, höre ich viel zu viel…

     
  2. Anneke

    16. Februar 2014 at 10:50

    Über mir summt ein Beamer, vor mir redet ein Dozent, meine Sitznachbarin atmet.
    Jemand klopft mit den Füßen auf den Boden, knacken von plastikstühlen…
    Im Stockwerk über mir ist gerade jemand losgelaufen. Wahrscheinlich ertönt gleich eine Sirene.
    Das höre ich, wenn ich darauf achte.
    Ich blende bisauf den Beamer und Dozenten aber alles aus, weil ich das kenne.. Nichts neues, nichts schlimmes, nichts was zur Gefahr werden könnte.

     
  3. Reiner Sauer

    17. Februar 2014 at 18:43

    Den letzten Teil der Frage verstehe ich nicht.
    Ich glaube nicht dass es wirklich still ist, irgendetwas ist doch zu hören. Ob ich Geräusche wahrnehme, hängt auch von meiner Fokusierung ab. Während ich schrieb hörte ich eine S-Bahn vorbei fahren . Das Geräusch ist aber nicht im Fokus meiner Konzentration, dort ist das Schreiben. Vor der Tür höre ich Stimmen. Leise rauscht die Heizung . Wieder eine Bahn. Kein Geräusch ist aber störend!!! Sie sind neutral.
    Andererseits, kenne ich Geräusche, die Lautstärke spielt dabei keine Rolle, die machen mich “rasend“, Tütengeraschel im Kino, Schmatzen beim Essen. Popcorn im Kino gehört verboten!
    Wie mich ein Geräusch berührt hängt klar von der Qualität ab, die Quantität -Lautstärke ist nicht so wichtig. Es kommt darauf an ob ich mich belästigt fühle.

     
    • dualessein

      17. Februar 2014 at 22:37

      Ich erlebe es häufig, dass mir Leute sagen, es sei „absolut“ still. Und ich das dann definitiv widerlegen kann. Selbst in Tonstudios, die absolut schallisoliert sein sollten, kann man Dinge hören, zum Beispiel das Summen der Technik. Insofern: Ja, es ist nicht wirklich still. Aber viele scheinen – so mein Eindruck – auch eine verhältnismäßig laute Umgebung als „still“ wahrzunehmen.

       
      • Reiner Sauer

        18. Februar 2014 at 12:33

        Ich denke, wenn das Bewusstsein „Focusiert“ ist, nimmt man nur das wahr, was im Focus ist. Alles andere wird nicht „bewusst“ wahrgenommen. „Sie“ haben nicht gehört, weil sie mit etwas anderem beschäftigt waren. Ich denke, das kann jeder selbst erleben, ausbrobieren. Bei einigen Zeitgenossen ist das Gehör an sich eingeschränkt und sie sind zu „Eitel“ das zuzugeben oder Hörgeräte zu gebrauchen. Ich habe mir inzwischen angwöhnt, wenn ich in einer anderen Wohnung bin, und dort läuft Radio oder gar Fernseher, dann sage ich, dass mich das stört und drehe leiser oder aus, die Meisten kapieren das, auf die Anderen kann ich verzichten, dann ist ohnehin keine „ungestörte“ Kommunikation möglich.

         

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