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8. Nachricht von Sophie an Platon

11 Feb

Sophie:

„Hallo Platon,

Der Tag heute war kein wirklicher Unterschied zu gestern.

Das sind solche Situationen sind, mit denen ich nicht „richtig“ umgehen kann ­- wenn die Leute fragen, warum man nicht da war oder ob es einem „besser gehe“. Ein Grund, warum ich nur fehle, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Zumal dann auch die Tage nicht mehr „richtig“ sind. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Die Dinge haben ihre Reihenfolge, dann kann ich sicher sein, dass alles funktioniert und geordnet ist. Wenn ein Punkt wegfällt, wird es schwierig, wenn mehrere Punkte wegfallen, bricht das ganze System zusammen und es entsteht Chaos. Nach Montag kommt der Dienstag, nach Dienstag der Mittwoch, und so weiter. Wenn der Donnerstag dann plötzlich ein Feiertag ist oder ich nicht das mache, was ich immer Donnerstags mache, dann ist es ein „falscher Donnerstag“. Damit ist auch der Freitag falsch und das Wochenende. Und wenn ich weiß, dass der Donnerstag ein Feiertag ist, dann ist auch der Mittwoch bereits falsch, weil er eigentlich ein Freitag ist. Ich habe keine Ahnung, ob das nachvollziehbar ist, was ich meine. Wenn ich Leuten sage, dass ich „freie Tage“ nicht mag (was ich schon lange nicht mehr gemacht habe), weil die Woche dann eine „falsche Woche“ ist, lachen sie meistens. Es ist eben ­ Chaos.

Aber hier habe ich ja erst angefangen, zu versuchen, das Chaos zu systematisieren. Und ich kann gerade nicht behaupten, dass mir das gelingt.

Ich bin, glaube ich, kein geduldiger Mensch, vor allem nicht mit mir. Ich kann nur Hartnäckigkeit (oder Sturheit) anbieten.

Sie schreiben von „Schwerstarbeit“. Aber anderen fallen die Dinge, an die ich immer wieder anstoße, scheinbar unglaublich leicht. Und ich denke dann, dass ich mich einfach nur nicht genug anstrenge… meist komme ich mir dann auch unglaublich dumm vor, wenn ich an Dingen scheitere, die für andere vollkommen selbstverständlich sind. Oft weiß ich dann nicht mal, ob die Dinge wirklich selbstverständlich sind oder sie nur so tun, als seien sie selbstverständlich. Wobei letzteres nicht logisch wäre, aber mit Logik komme ich da ja generell nicht weit. Deswegen mache ich auch die Dinge „mit mir aus“ ­ ich weiß nicht, was davon wichtig ist und was nicht, oft kann ich auch nicht abschätzen, ob und welche Reaktionen kommen oder wie unter Umständen damit verfahren wird.

Liebe Grüße

Sophie“

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2 Kommentare

Verfasst von - 11. Februar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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2 Antworten zu “8. Nachricht von Sophie an Platon

  1. Reiner Sauer

    11. Februar 2014 at 11:48

    Ein großer Fehler meines Lebens war, mich mit anderen Menschen zu Vergleichen,
    ich habe meistens verloren. Dann habe ich Begriffen, dass es ein sinnloses Spiel ist, das niemand gewinnen kann.

     
  2. Kakerlake

    12. Februar 2014 at 17:31

    „Warum…waren Sie krank geschrieben/ …nicht da/ …wollen denn schon gehen/ …wollen Sie an unserer Zusammenkunft (Essen, Party, Feier usw.) nicht teilnehmen/ …sind schon so früh gegangen/ …sitzen Sie hier im Dunkeln/ …sind Sie denn so schweigsam/ …gehen Sie nicht ans Telefon/ ???…usw. Sophie, das ist auch mein persönlicher Horror…sich für Dinge/Handlungen rechtfertigen zu müssen…und gleichzeitig zu wissen, dass es die Menschen nicht verstehen, und/oder nachvollziehen können. Das macht so hilflos. Und es sind genau diese Situationen, die mir meine Andersartigkeit bewusst machen. Und um nicht auch von den anderen Menschen als Andersartig wahrgenommen zu werden, bleibt mir oft nur eine Vermeidungstaktik. So wie Du es ja auch beschreibst…und z.B. lieber NICHT in der Arbeit zu fehlen. Und um dem „Sich rechtfertigen müssen“ aus dem Weg zu gehen, zahlt man auf der anderen Seite mit vermehrten und kraftraubenden Anpassungsleistungen. Die dann wiederum zu einer noch größeren Erschöpfung führen. Dem kann man auf Dauer nicht standhalten.
    Mein Weg da raus war langsam…und musste es vielleicht auch sein. Der erste Schritt war die Erkenntnis meiner Andersartigkeit. Der zweite Schritt war die Diagnose. Der dritte Schritt war die ANNAHME meines „Andersseins“ und die Suche nach Möglichkeiten mir das Leben zu erleichtern. Mir meine „Lücke“ zu suchen, in der ich existieren kann, ohne ständig über meine Kräfte gehen zu müssen. So auch für ausreichend Ruhe und Rückzug zu sorgen um dann erholt wieder mit Menschen interagieren zu können. Und der vierte, für mich ganz wichtige Schritt, ist, sich nicht von Rückschlägen entmutigen zu lassen. Die passieren und gehören quasi zum Leben dazu…nicht nur bei Autisten, sondern bei allen Menschen.

    Viele Grüße, Kakerlake

     

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