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Zwischen Gedanken – Nach der dritten Sitzung

06 Feb

Sophie:

Als ich den Philosophen verlasse, ist der Parkplatz frei. Es ärgert mich ungemein, dass mein Wagen auf dem falschen Platz steht. Die Räder der vorbeifahrenden Autos auf dem Kopfsteinpflaster erscheinen unglaublich laut, die Scheinwerferlichter greller als sonst. Ich versuche, es zu ignorieren.

Nach Hause fahre ich einen Umweg. Ich kenne die direkte Strecke nicht, nur die über meine Arbeit. Also fahre ich erst zu meiner Arbeit und von da aus nach Hause. Der Philosoph sagte mir, ich bräuchte nur zwanzig Minuten bis nach Hause. Auf dieser Strecke brauche ich vierzig. Immer wieder geblendet von den grellen Scheinwerfern.

Platon:

Ich habe mir vorgenommen, mein Interesse und meine Neugier weniger stark zum Ausdruck zu bringen. Ich werde meine Fragen deutlich reduzieren. Ich werde etwas passiver werden, um ihr Raum für eigene Aspekte und Themen zu ermöglichen. Ich möchte sie nicht mit meinen Fragen erdrücken. Darum hatte ich ihr am Ende des Gesprächs noch gesagt, dass ich unsicher sei mit meinen vielen Anfragen und nun ihr die Initiative überlassen werde. Ich bin gespannt, wie sie darauf reagiert.

Auch die dritte Sitzung hat bei mir wieder mehr Fragen als Antworten generiert. Und wieder bin ich mit mir nicht ganz zufrieden. Einerseits. Ich habe aber ­ ohne es begründen zu können – andererseits den Eindruck, dass ich ihrem Sein, ihrer Art zu denken näher gekommen bin, als sie üblicherweise im Alltag erfährt. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum sie meine vielen Unzulänglichkeiten toleriert.

Sophie:

Ich bin unsicher, wie ich es einordnen kann, dass er angekündigt hat, vorerst nicht zu schreiben. War es nur eine einfache Ankündigung? Oder bahnt sich da gerade wieder ein Problem an, weil im Sub-Text noch irgendeine andere Aussage verborgen ist? Habe ich wieder irgendetwas falsch gemacht, ohne es zu merken?

Die Lichter am Straßenrand lenken mich ab. Dazu selbst die kleinen, mir vertrauten Geräusche im Wagen, die sich anfühlen, die falsch klingen, zu laut sind. Ich muss in die Wohnung. Irgendwohin, wo es ruhig ist und dunkel. Die Konzentration strengt an, so dass ich bereits den Faden zur Sitzung verliere.

Platon:

Ich mache mir Gedanken, wie es weitergehen kann. Ich versuche, die Dinge zu sortieren, zu gewichten. Der Arztbesuch erscheint mir wichtig, daran möchte ich festhalten. Die Sicherung des Arbeitsplatzes ist ein weiteres großes Thema. Wobei ich mir immer noch nur sehr schwer vorstellen kann, wie es mit ihr überhaupt funktioniert am Arbeitsplatz. Die vielen Termine, Planänderungen, Unwägbarkeiten, nötige Flexibilität, Gelassenheit. Viele Menschen, Machtspielchen, Klatsch und Tratsch. Das volle Programm.

Ich frage mich, wie sie überhaupt auf die Idee gekommen ist, sich so weit fern von Familie und  Bekannten und auf sich gestellt sich dem Job und dem rauen Leben zu stellen.

Vielleicht beurteile ich aber die Situation auch falsch. Ich bin unsicher. Schon wieder unsicher.

Sophie:

Ich gehe im Dunkeln zur Wohnungstür. Habe die nächsten Schritte klar vor Augen und alles mich sonst umgebende ausgeblendet, habe nur noch eine Art Tunnelblick. Schlüssel und Schloss. Mehr existiert nicht. Die Sitzung – vergessen.

Der Schlüssel hakt, verhakt. Ich probiere es wieder, weiß nicht, wie viel Zeit vergeht. Es können nur Sekunden sein, aber es reicht, dass ich in einen Zustand zwischen Stress und Panik gerate und den Schlüssel am liebsten wegwerfen würde. Unangemessen, ich weiß. Das rede ich mir ein. Damit ich den Schlüssel nicht wirklich wegwerfe. Endlich öffnet sich die Haustür und ich betrete die Wohnung. Wohl fühle ich mich trotzdem nicht. Ich lasse das Licht aus, hoffe, dass die Dunkelheit und die Stille dazu beitragen, dass sich die überreizten Sinne regenieren. Dass der Druck im Kopf nachlässt.

Platon:

 Wie kann es weitergehen? Kann es weitergehen?

Ich werde die Dinge, die ich für wichtig erachte, in einem Plan zusammenfassen. Das wird sie mögen. Hoffe ich. Und ich habe den Eindruck, dass sie noch nicht so viele positive Erfahrungen im Rahmen von persönlichen, unmittelbaren Begegnungen gesammelt hat. Oder noch allgemeiner gesagt, dass sie bisher im Aufbau und der Aufrechterhaltung von sozialen Kontakten überwiegend Schiffbruch erlitten hat. Das möchte ich ändern. Ich möchte ihr vermitteln, dass Kommunikation möglich ist, ohne Angst vor Unangemessenheit, vor Häme, vor Spott und Gelächter. Ohne diese permanente Unsicherheit.

Ich überlege, was sie wirklich braucht. Sicherheit. Ruhe. Struktur. Einen Rückzugsort, der ihr dieses gibt. Orientierung. Verständnis. Wertschätzung. Menschen, die ihr dieses geben. Herausforderung, Begeisterung, Erfolg. Aufgaben, die ihr dieses geben.

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2 Kommentare

Verfasst von - 6. Februar 2014 in Alltägliches, Zwischen Gedanken

 

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2 Antworten zu “Zwischen Gedanken – Nach der dritten Sitzung

  1. Kakerlake

    6. Februar 2014 at 20:16

    Hallo Sophie,

    da ist er also wieder…der Subtext. Oder war da gar keiner ? Deine Unsicherheit darüber kann ich gut nachempfinden. Diese Unsicherheit begleitet mich auch den ganzen Tag…und oftmals sogar durch die Nacht.
    So, wie mir viele Situationen und Interaktionen überhaupt erst in der Nacht klar werden. Der Tag mit seinen vielen Eindrücken wird in irgendeinem Teil meines Gehirns gespeichert und kann dann im ruhigen Teil des Tages quasi „nacherlebt“ werden…und dann gibt’s auch Gefühle dazu. Denn in der Situation selbst, ist dazu meistens keine Zeit…zu viele Eindrücke strömen in zu schneller Folge und zu großer Intensität auf mich ein. Ich kann das alles nur erstmal abspeichern …und dann später sortieren und einordnen. Während mein „Speicher“ sich allmählich füllt, werde ich immer nervöser…das Licht wird mir zu grell…die Geräusche zu laut… Gerüche zu intensiv… die Menschen kommen zu nah. (So, wie Du es auch beschreibst) Ich brauche dann dringend Ruhe…und verkrieche mich dazu in meiner Wohnung. Mein Schlafzimmer liegt im Souterrain. Unter der Erde. Das ist meine „Höhle“! Es ist sehr still dort…und immer etwas kühler…und dunkler. Hier kann ich mich regenerieren. Manchmal muss ich jedoch zu Hilfsmitteln greifen um „runter“ zu kommen. Als Kind häufte ich in solchen Überlastungszuständen möglichst viele und schwere Bücher auf meine Bettdecke. Später hatte ich einen großen Hund, dessen einzige Aufgabe es war AUF MIR zu liegen. Heute benutze ich kleine Sandsäcke (orthopädischen Fachgeschäft), die ich auf meinen Körper lege. Es ist der Druck, der mir Beruhigung und Erleichterung verschafft. Damit habe ich schon so manche schlimme Zeit überstanden. Mich würde interessieren, ob Du vielleicht ähnliche Strategien hast um wieder zu Dir zu kommen ….

    Viele Grüße, Kakerlake

     
    • dualessein

      6. Februar 2014 at 20:32

      Hallo,

      das nachträgliche Sortieren von Situationen kenne ich auch. Meist nehme ich Sachverhalte „zur Kenntnis“ und sortiere sie dann, wenn Zeit bleibt. Dann kommen auch viele Fragen dazu, was das „Sortieren“ schwierig gestaltet. Dadurch, dass solche Situationen nie eindeutig sind, lande ich dann auch ganz schnell beim „Zerdenken“, die Beschäftigung mit den Situationen und die nachträgliche Analyses läuft und läuft, bringt mich aber effektiv keinen Schritt voran. Ich habe mal versucht, das mit dem Bild einer überfrachteten Festplatte zu umschreiben. Je mehr Daten im Hintergrund mitlaufen müssen, desto langsamer läuft das ganze System. Dann kommen auch irgendwann die Situationen, die ich ähnlich wie du beschreibe: zu grell, zu laut. Und irgendwann stürzt der „PC“ dann endgültig ab.

      Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, stand in meinem Zimmer ein altes Klappsofa. Das war vom Prinzip simpel, wie zwei dicke Matratzen, die man aufeinandergelegt hat. Ich habe mich gerne zwischen die Matratzen gelegt, sodass eine der schweren Matratzen auf mir lag.
      Heute habe ich – zwischenzeitlich zwei – gefüllte Decken, eine mit sechs, eine mit acht Kilo. Wobei ich die eigentlich auch zusammen noch als etwas „zu leicht“ empfinde. Die zweite Decke kam schon dazu, weil die erste rein vom Gewicht nicht ausgereicht hat, um eine wirkliche Beruhigung herbeizuführen. Inzwischen ist eine dritte Decke im Gespräch, diesmal aber mit deutlich mehr Gewicht im zweistelligen Bereich. Aber es ist genau der gleichmäßige und gleichbleibende Druck, den ich dann möchte und brauche.

      Liebe Grüße

      Sophie

       

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