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Die dritte Sitzung – Teil III

04 Feb

Sophie:

Er scheint etwas zu suchen. Geht um den Schreibtisch, auf dem sich bereits wieder ein leichtes Chaos breit gemacht hat, hebt Ordner und Blöcke an, murmelt etwas unverständliches. Ich überlege, ob er etwas zu mir gesagt haben könnte, da setzt er sich wieder hin. „Ich finde den Flyer nicht.“ Ich nehme die Information zur Kenntnis, da springt er wieder auf und beginnt erneut, die Ordner und Blöcke wieder hochzunehmen. Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen und mache ihn darauf aufmerksam, dass er erst vor wenigen Augenblicken an diesen Orten nachgesehen hat. „Glauben Sie ernsthaft, dass der Flyer nun dort liegt, obwohl er es vor einer Minute noch nicht tat?“ Er muss selbst lachen. „Ziemlich bescheuert, oder?“ Ich komme nicht umhin, die Sinnlosigkeit seiner zweiten Suche zu bestätigen. Und merke zugleich, dass ich das außerhalb dieser vier Wände nicht so offen gesagt hätte. Die Gefahr, dass jemand das, was ich sage, als Angriff oder Beleidigung aufgefasst hätte, wäre zu groß. Oft wird nicht verstanden, dass ich die Dinge so meine, wie ich sie sage. Ohne Zwischentöne oder versteckte Botschaften.

Platon:

Das Telefon klingelt. Ich merke, wie sie zusammenzuckt. Ich lasse es durch klingeln, solange ist Gesprächspause. Ich merke auch, wie sehr sie der Lärm auf der Straße stört. Mir war das bisher nie so deutlich aufgefallen. Mittlerweile fühle ich regelrecht mit, wenn wieder ein großer LKW durch den Ort fährt.

Sie vermutet auch Tiere bei mir im Raum, oder zumindest im Fußboden. Und eine Mücke im Raum ist besonders lästig. Aber erschlagen darf ich die Mücke nicht, sie sagt die könne da ja auch nichts für. Auch das Licht habe ich mittlerweile so gut es geht abgedunkelt.

Sophie:

Das Telefon klingelt. Genauer: Vier Telefone klingeln. Damit habe ich nicht gerechnet. Ein störendes Geräusch. Es frisst soviel Aufmerksamkeit, dass ich dem Gespräch kaum folgen kann und selbst den Faden verliere. Also sage ich nichts mehr. Und bin verwundert, dass er auch nichts sagt. Er verspricht, das Telefon beim nächsten Mal auszumachen. Dabei sind ständig irgendwelche Geräusche in diesem Raum. Geräusche, die er gar nicht wahrzunehmen scheint. Das Vibrieren des Handys auf dem Schreibtisch. Der Laptop, der im Stand-By vor sich hin summt. Das Trappeln kleiner Pfoten in der Wand. Das leise Platschen, wenn die Fische im Aquarium sich plötzlich bewegen. Hustende Nachbarn. Schritte im Haus. Der ständige Verkehr vor dem Fenster. Und das Summen einer Fliege. Zumindest die scheint er auch wahrzunehmen, denn er fragt, ob er sie erschlagen soll. Ich verneine. Menschen neigen dazu, gerade kleine Tiere als Störfaktor zu betrachten, die man ohne Bedenken töten darf. Aber die Tiere wissen nicht, dass sie sich in einen Raum verirrt haben, in dem sie als Störfaktor wahrgenommen werden. Draufschlagen scheint da einfacher zu sein als das Tier einzufangen und draußen wieder einzusetzen. Zweiteres ist vielleicht mühsamer. Aber in meinen Augen auch respektvoller.

Ich weiß nicht, ob er das versteht. Aber er lässt die Fliege in Ruhe.

Er bringt unvermittelt den Vorschlag eines Arztbesuchs. Er hielte es für sinnvoll. Ich nicht. Ich mag es nicht. Und versuche, aus der Situation zu kommen. Äußere mich nicht näher dazu. Und hoffe, dass er das Thema schnell wieder vergisst.

Platon:

Ich mache mir Gedanken um ihre Gesundheit, sie isst einseitig, und sie schläft zu wenig. Hinzu kommt, dass sie offenbar sehr schreckhaft und wachsam ist. Auch schon beim letzten Besuch.

Insgesamt scheint sie zusätzlich eine stark erhöhte Körpererregung und Anspannung zu haben. Sie knetet permanent ihre eigenen Finger, sitzt sprungbereit auf der vorderen Sesselkante. Das hat nicht unbedingt etwas mit Autismus zu tun. Darauf werde ich sie noch ansprechen. Aber nicht jetzt.

Ich empfehle ihr, einen Arztbesuch aufgrund der sehr starken Müdigkeit in Erwägung zu ziehen. Ich sage, dass ich sie dabei unterstützen würde. Sie sagt, dass Arztbesuche bisher Erfahrungen waren, auf die sie gerne verzichten könne. Ich denke, dass ich das mit ihr bestimmt besser hinbekomme.

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4 Antworten zu “Die dritte Sitzung – Teil III

  1. Kakerlake

    5. Februar 2014 at 16:13

    Hallo Sophie, Hallo Platon,

    das ist ein sehr brisantes Thema, das da von Platon angesprochen wurde ….Vorschläge zu Arztbesuchen und reden über die Ernährung sind bei mir wahre Reizthemen. Wenn ich einen Arztbesuch verweigere, dann wird die Angst vor einer „schlimmen“ Diagnose oder Schmerzen angenommen. Dem ist aber nicht so. Es ist vielmehr das ganze Procedere …die Untersuchungen…die ich alle als sehr invasiv empfinde. Sie sind für mich schlimmer als die eigentliche Krankheit. Im Laufe meines Lebens sind drei Knochenbrüche aus genau diesem Grund unbehandelt geblieben. Darunter ein Schädelbruch. Ich ging einfach nicht zum Arzt. Für mich wäre es schon einfacher, wenn ein Arztbesuch einmalig bliebe…aber man wird ja immer wieder hin bestellt. Besonders unangenehm ist es mit „unbestimmte Symptomen“ zum Arzt zu gehen….oftmals sind dann längere und wiederholte Untersuchungen nötig, weil es sich ja um eine SUCHE handelt. Das ist kaum zu ertragen. Seltsamerweise bieten mir Menschen immer wieder an, mich zum Arzt begleiten zu wollen. Ich verstehe jedoch den Sinn dahinter nicht. Schließlich werde ICH untersucht (und nicht mein Begleiter) und muss das alles über mich ergehen lassen. Es ändert sich für mich also nichts, ob ich allein oder mit einem Begleiter zum Arzt gehe.
    Und dann gab es in der Vergangenheit auch immer wieder diese Gespräche über meine Ernährung. Vorschläge mich doch anders zu ernähren greifen zu sehr in meine Autonomie ein und darum verweigere ich diese Themen… sie führen zu nichts.
    Ich bin nun sehr neugierig, wie sich die Gespräche um diese Themen zwischen Euch entwickeln werden…

    Viele Grüße, Kakerlake

     
    • dualessein

      5. Februar 2014 at 16:26

      Hallo,

      mir geht es ähnlich, das Procedere beim Arztbesuch ist das Hauptproblem. Die einzigen Besuche, bei denen ich mitmache, sind die, wenn ich genau weiß, was Sache ist. Dann kann ich sagen, was ich „habe“ und welches Medikament ich brauche. Wenn das nicht funktioniert, bleibe ich den Weißkitteln auch lieber fern.
      Dazu kommt noch eine kommunikative Sache: Oft fragen Ärzte Dinge, die aktuell vielleicht gar nicht mein Problem sind, die ich aber wahrheitsmäßig trotzdem beantworte. Und auf einmal verlasse ich eine Praxis mit einem Rezept für etwas, was ich gar nicht brauche – das Ursprungsproblem ist aber weiterhin da und kam gar nicht zur Sprache.

      Das, was du zu den Knochenbrüchen geschrieben hast, da würde mich interessieren, ob du irgendetwas in der Art von Schmerzen verspürt hast. Ich habe häufig kleinere Verletzungen, die ich aber nicht spüre – obwohl jeder in meiner Umgebung der festen Überzeugung ist, dass das alles unglaublich weh tun müsste. Aber ich merke nichts. Das heißt für mich allerdings auch, dass ich bestimmte Warnzeichen des körpers gar nicht wahrnehmen würde – große Bedenken habe ich dann zum Beispiel in Bezug auf den Blinddarm, weil ich überhaupt nicht einschätzen kann, ob ich eine etwaige Entzündung überhaupt wahrnehmen würde.

      Liebe Grüße

      Sophie

       
  2. Kakerlake

    5. Februar 2014 at 17:00

    Hallo Sophie,

    ja genau…mein Schmerzempfinden ist anders als bei anderen Menschen. Ich spüre Schmerzen weniger bis gar nicht. Aber es gibt einen Punkt, an dem ein Schmerz so heftig werden kann, dass ich einfach ohnmächtig werde. Ohne den Schmerz als solchen überhaupt wahrgenommen zu haben. Ich falle dann einfach um und im nachhinein wird mir dann klar: das muss sehr weh getan haben.
    Oftmals machen sich Schmerzen bei mir bemerkbar, indem ich mich einfach schlecht fühle…ohne sagen zu können, mit tut es da oder dort weh. Meinen Blinddarm spüre ich auch immer wieder…er macht sich als Druck bemerkbar …und ich weiß nicht, ob es schon ein Schmerz ist, der eine akute Entzündung anzeigt. Und es gibt noch ein anderes Phänomen, was mich sehr interessieren würde, weil ich keine Ahnung habe, ob es mit dem Autismus zusammenhängt. Aufgrund einer Autoimmunerkrankung, die meine Gelenke angreift, musste ich schon viele Male operiert werden. Dabei hat sich gezeigt, dass ich mich trotz Vollnarkose immer noch bewege…um nicht zu sagen, auf dem OP-Tisch regelrecht zur Wehr setze. Ich habe daran keine Erinnerungen…aber es wurde mir von den Anästhesisten und Ärzten erzählt. Bei meiner letzten OP habe ich dann einen sehr ungewöhnlichen Weg beschritten. Es war quasi ein Selbstexperiment…was aber zum Erfolg führte. Und um beim Thema zu bleiben : nach diesen Operationen brauche ich bezeichnend wenig Schmerzmittel. Der Schmerz hat eine Funktion…und wenn man ihn nicht spürt…oder viel zu spät wahrnimmt, kann das unter Umständen lebensbedrohlich werden. Ich verstehe Deine Besorgnis und teile sie.

    Viele Grüße, Kakerlake

     
  3. Mueller7de

    8. Februar 2014 at 11:18

    Ich verweigere zeitweilig jeden Gang zum Arzt. Ich will nicht von Fremden angefasst werden. Bei TBA ist das anders, die wissen, was zu tun ist. Ich muss nicht alles erklären. Während der Erklärungen steigt meine Aufregung und ich fange an Unsinn zu reden.
    Nur um dort weg zu kommen und wieder nach Hause gehen zu können.
    Für dieses Problem habe ich noch keine Lösung gefunden.

     

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