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Die dritte Sitzung – Teil II

02 Feb

Sophie:

Er spricht mich auf Beiträge an, die er von mir im Internet gefunden hat. Es verwundert mich nicht, das Schreiben ist mein Beruf. Gleichzeitig bin ich abgelenkt. Ich versuche, einen Blick auf den Parkplatz zu erhaschen, aber eine Hecke steht im Weg.

Ob mein Parkplatz zwischenzeitlich frei ist? Ich erkläre ihm, dass ich Beiträge schreibe zu Themen, die aktuell sind. Der Gedanke, dass ein Thema mit mir persönlich zu tun haben könnte, kommt mir da selten. Vielleicht liegt es an der Distanz, die ich zu den Themen wahren muss, um sie einigermaßen neutral beurteilen zu können. Und manchmal liegt es auch an zu allgemeinen Aussagen. Da bekommen manche Faktoren schnell den Charakter von Horoskopen. Und ich beachte sie nicht weiter, weil ich nichts von Esoterik halte.

Mir kommt der Gedanke, dass ich etwas Wichtiges nicht deutlich genug gemacht habe. Aber der falsche Parkplatz lenkt weiter ab.

Platon:

Ich stelle nun wieder meine Fragen, vermutlich etwas zu viele. Ich bin manchmal etwas ungeduldig. Ich hake zu früh wieder sprachlich ein. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen, ihr mehr Zeit zum antworten zu geben. Und das eine Pause nach einer Antwort noch nicht bedeutet, dass sie jetzt fertig ist. Es kommt zu Überschneidungen, die ich aber zunehmend vermeiden kann.

Besonders interessiere ich mich für die Art und Weise, wie sie sieht und fotografiert. Auch ich habe einmal früher leidenschaftlich gerne fotografiert. Leider ist dieses Hobby bei mir fast gänzlich zum Erliegen gekommen. Warum eigentlich? Ich beschließe, meine alten Spiegelreflexkameras wieder zu reaktivieren. Der Gedanke daran lenkt mich vom Gespräch ab. Ich kann mich wieder schlecht konzentrieren, meine Gedanken vermehren sich und gehen auf Wanderschaft.

Es ist wieder der letzte Termin für heute. Ich mag die letzten Termine besonders gerne, bin aber dann auch häufiger unkonzentriert. Ich merke, wie der rote Faden mir wieder entglitten ist. Aber der Umgang damit stärkt auch die soziale Kompetenz. Auch bei ihr, so hoffe ich.

Sophie:

Der falsche Parkplatz hat sich zwischenzeitlich in meinem Kopf eingenistet. Es ist ärgerlich. Ich kenne solche Situationen zu Genüge. Mein Platz im Bus, mein Platz in der Uni, meine Kasse im Supermarkt. Seit einer TV-Serie ist zwar der Satz: „Das ist mein Platz!“ gesellschaftstauglich geworden, trotzdem versuche ich zu vermeiden, derart aufzufallen. Dann warte ich lieber auf den nächsten Bus und hoffe, dass dann der Platz, auf dem ich immer sitze, frei ist. Und nun der Parkplatz. Mein Kopf beschäftigt sich dann stundenlang mit solchen Situationen.

Er scheint das Thema gewechselt zu haben, ganz genau habe ich den Wechsel nicht mitbekommen. Er spricht von Kameras, das ist gut. Da kenne ich mich ein wenig aus, ich hatte selbst eine digitale Spiegelreflex. Er möchte wissen, wie ich warum welche Bilder aufbaue. Ich versuche, dieses Gefühl zu beschreiben, wenn ich weiß, dass ein Bild so und nur so „richtig“ ist. Es ist nichts, was man in ein künstlerisches Schema pressen kann. Ich sehe das Bild und weiß, dass es stimmt. Das klingt einfacher, als es ist. Denn es bedeutet zugleich, dass ich sehr viele „falsche“, objektiv aber vielleicht gute Bilder mache, die ich dann wieder verwerfe, weil das „Just-Right“ einfach fehlt. Und ohne dieses „Just-Right“ ist das Bild für mich wertlos.

Platon:

Ich komme auf den sozialpsychiatrischen Dienst zu sprechen. Ich erkläre ihr die Antragstellung und das Leistungsspektrum. Ich sage ihr, dass sie Anspruch darauf hat. Wenn sie möchte.

Ich suche den Flyer von einem Anbieter, finde ihn aber nicht. Ich schaue unter Ordnern und Blöcken bei mir auf dem Schreibtisch. Sie lächelt plötzlich sehr offensichtlich. Ich frage warum sie plötzlich lächelt. Sie sagt: „Sie haben mehrmals unter den gleichen Block geschaut“. Ich denke: ja, so bin ich. Das sagt mir nur leider zu selten jemand. Ich finde das auch ausgesprochen lustig und vor allem schusselig. Auch ich muss lächeln, gebe ihr recht. Und finde den Flyer trotzdem nicht.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 2. Februar 2014 in Die dritte Sitzung, Die Sitzungen

 

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Eine Antwort zu “Die dritte Sitzung – Teil II

  1. Mueller7de

    8. Februar 2014 at 11:07

    @Platon Sie versuchen sich ein Gesamtbild zu verschaffen. Und die Informationen, die Sie bekommen, geben das nicht her. Ja, das Gefühl habe ich jeden Tag (#taubblindheit). Es ist angenehm für mich, davon zu lesen, ohne Zusammenhang zu meiner Person.
    Dieses Gefühl verunsichert sehr, man wünscht, es sei nicht so. Aber es ist so, ich zumindest kann es nicht ändern und muss damit leben.
    Auch das mit dem „Zeit geben“ in der Kommunikation:
    Es ist gut, dass das hier steht. *freundliches Lächeln*
    @Sophie „Parkplatz“ ist ab jetzt eine Variable für mich: Die Dinge, die mich stören, die „dazwischen kommen“, die Aufmerksamkeit fordern, obwohl sie sie nicht verdienen. Man will anderes tun und der „Parkplatz“ hindert daran.
    Gestern war ein Programm auf meinem PC ein Inhalt für die Variable „Parkplatz“. Ein Programm zum Versenden eines Briefes funktionierte nicht. Dieses eine Mal habe ich den Brief per Post geschickt und konnte mich nach einigen Anlaufschwierigkeiten einer Übersetzung widmen.
    DAS wollte ich.

     

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