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Die dritte Sitzung – Teil I

01 Feb

Sophie:

Mein Parkplatz ist besetzt. Dahinter sind fünf Plätze frei, aber auf meinem steht ein Auto. Ich schaue auf die Uhr und bin froh, dass ich – wie immer – zu früh bin. Einen Moment halte ich Ausschau, ob ich vielleicht den Fahrer des Wagens auf meinem Parkplatz sehen kann. Nichts.

Noch mal ein Blick auf die Uhr – sicher ist sicher. Ich biege links ab, folge dem schmalen Weg, halte mich die nächste Abbiegung wieder links. Der Theorie nach müsste ich dann irgendwann wieder an dem Ort herauskommen, wo ich meine Rundfahrt gestartet habe. Ich habe nur nicht mit den verwinkelten Straßen gerechnet und bereits nach wenigen Metern die Orientierung verloren.

Blick auf die Uhr. Da, plötzlich, eine Wegmarke. Ich weiß wieder, wo ich bin. Biege erneut in die Straße vor der Praxis ein. Mein Parkplatz ist immer noch besetzt.

Blick auf die Uhr. Noch eine Runde um den Block. Der Wagen steht immer noch auf meinem Parkplatz.

Blick auf die Uhr. Eine weitere Runde schaffe ich nicht, dann komme ich zu spät. Und wenn der Parkplatz dann nicht frei ist? Ich muss mein Auto auf dem Parkplatz dahinter abstellen, mir bleibt nichts anderes übrig.

17:27 Uhr. Ich behalte die Straße im Blick, hoffe, dass der Fahrer des Wagens kommt. Dann könnte ich noch zurücksetzen und meinen Wagen dort abstellen, wo er die beiden vergangenen Wochen auch stand. Niemand kommt.

17:28 Uhr. Kein Mensch in Sicht. Der fremde Wagen bleibt auf meinem Parkplatz. Mein Wagen steht auf dem falschen. Aber es ist Zeit. Ich wäge ab. Zu spät kommen ist schlimmer als mein Auto auf dem falschen Parkplatz. Aber richtig wäre es, wenn ich pünktlich wäre UND mein Auto auf dem richtigen Platz steht.

Ich habe keine Wahl. Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus. Noch mal ein Blick zurück. Vielleicht kommt der Fahrer doch noch? Nichts.

Punkt 17:30 Uhr drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. In Gedanken bin ich noch beim Parkplatz.

Platon:

Ich bin auf die Sitzung gespannt. Ich merke, wie ich zwischendurch immer wieder an das kommende Gespräch denken muss. Ich versuche meine Eindrücke und Fragen zu sortieren. Ihre Antworten möchte ich verstehen. Aber nicht jede einzelne ihrer Antworten isoliert verstehen, sondern das Gesamtbild. Nicht nur einige gern oder weniger gern gesehene Facetten, die vielleicht aus unterschiedlichen Gründen besonders hervortreten, sondern die gesamte Person als solche in ihrer Vielfalt und Komplexität verstehen. Es fällt mir schwer. Diesmal wird mir das besonders bewusst. Sonst denke ich nicht derart darüber nach. Ich habe fast den Eindruck, als wäre ich jetzt gleichermaßen fasziniert und überrascht von meiner eigenen Unfähigkeit, von ihr einen Gesamteindruck zu erhalten. Und wenn es auch zunächst wenigstens nur ein vorläufiger Eindruck wäre. Aber es gelingt mir offenbar nicht. Vielleicht sehe ich sie bis jetzt genauso wie sie die Welt sieht: Nur einzelne Details, aber kein richtiges Gesamtbild.

Sie klingelt wieder pünktlich auf die Minute. Ich öffne, und das gleiche Ritual wie beim letzten Besuch startet. Allerdings weise ich erst noch auf die Baumaßnahmen im Flur hin. Eine Antwort bekomme ich darauf nicht wirklich. Ich bitte sie dann wieder in den Raum, ich bitte sie sich zu setzen, ich bitte sie, sich sicher und wohl zu fühlen. Sie blickt sich um. Ich habe wieder die mir bekannten Fixpunkte unberührt bzw. gut sichtbar für sie gelassen. Ich sehe, wie sie auf meine Schuhe blickt. Ich habe extra wieder das Paar angezogen, welches ihr besser gefallen hatte. Sie lächelt.

Sophie:

Der Flur ist verändert. Ein Gerüst steht direkt hinter der Tür. Der neue Windfang – oder das, was davon bereits steht. Der Philosoph hat davon geschrieben, darauf konnte ich mich einstellen. Nicht einstellen konnte ich mich darauf, dass mein Auto heute auf dem falschen Parkplatz stehen muss. Ich mag sowas nicht. Also suche ich Bekanntes.

Die Muschel ist da, im Glas, wo sie hingehört. Die Schachfiguren daneben. Der abgerissene Schnürsenkel, er hat wieder die anderen Schuhe an, aus der ersten Sitzung. Das Chaos im Regal – Chaos zwar, aber immerhin verlässlich Chaos. Er scheint kein System in den Büchern zu haben. Manche sind vertauscht, er muss sie herausgenommen und anders wieder eingestellt haben. Ein Teil der Bücher sind immer noch eingeschweißt. Ich finde das respektlos, wage aber nicht, es zu sagen. Jedes meiner Bücher hat seinen festen Platz im Regal. Sie sind ordentlich sortiert, ich kenne jedes einzelne und weiß genau, wo ich es finde. Und jedes meiner Bücher verdient es, gelesen zu werden. Nicht irgendwann. Sondern sofort. Bücher nicht einmal auszupacken – das geht nicht. Er sagte, keine Sanktionen. Es ist mir wichtig, dass man Bücher mit Respekt behandelt. Ich wage es trotzdem nicht, etwas zu sagen.

Platon:

Sie schaut sich wieder im Raum um. Ich lasse ihr die Zeit. Ihr Blick bleibt beim Regal hängen. Es ist immer noch unsortiert. Ich habe fast den Eindruck, einen missbilligenden Blick bei ihr zu erkennen. Sie sagt, ich hätte einige Bücher umgestellt oder ganz raus bzw. neu wieder einsortiert. Falsch sortiert. Ich stimme zu.

Mir wird wieder dieser besondere „Bruch“ in meiner Wahrnehmung besonders deutlich. Wie beim letzten mal. Die unmittelbare Begegnung mit ihr trifft und berührt mich offenbar völlig anders als es bei der schriftliche Kommunikation der Fall ist. Ich beobachte meine eigene Empfindung.

Ich erzähle ihr von ihren Beiträgen, die ich im Internet gelesen habe. Und von meinen Irritationen, die durch diese Beiträge bei mir entstanden sind. Sie gibt mir eine Antwort, die ich wohl nicht bis in alle Tiefe verstehe. Ich merke aber auch, dass Nachfragen jetzt nicht sinnvoll ist. Ich gebe ihr zu verstehen, dass die Antwort für mich völlig okay ist. Und so ist es auch wirklich.

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